Kategorie: Geschriebenes

  • Der Gitarrenverkäufer

    Vor etwa 20 Jahren saß Roland Winkler, den alle nur Rolli nannten, in seinem Gitarrenladen im Westteil von Stuttgart und blätterte durch die Tageszeitung von gestern, die ihm der Bäcker von gegenüber an jenem Morgen beim Kaffeeholen geschenkt hatte. Das kleine Geschäft warf gerade genug ab, um davon leben zu können. Die teuren Gitarren hingen ganz hinten, wenn er eine von denen verkaufte, konnte er einige Monate guten Gewissens ins Bett gehen. Wenn er aber wieder nur eine von den Anfängergitarren an ein verunsichertes Elternpaar verkaufte, das sich nach stundenlangem Beratungsgespräch für das günstigste Gesamtpaket entschied, weil ihr Kind bald anderen Interessen nachlaufen würde, machte er sich Gedanken um seine Zukunft. 

    Ein bisschen Umsatz kam mit den tourenden Bands aus England und Frankreich, die im Jugendhaus unten an der Straße Konzerte spielten und auf den großen Durchbruch hofften. Bei deren Spielstil verschlissen die Saiten viel schneller, als sie sie nachkaufen konnten. Leider klauten diese Typen wie die Raben, weil sie kaum oder gar keine Gage bekamen. Meist fiel es Rolli erst auf, wenn sie schon wieder weitergezogen waren, in irgendeine Stadt in der Schweiz oder Tschechien. Tobi, der Kulturmanager vom Jugendhaus, wollte davon nichts wissen. Er vertraute allen Leuten blind. Manchmal kam er auf ein Schwätzchen vorbei, probierte ein, zwei Gitarren oder wühlte in aller Ruhe in der Plektrumkiste, ohne jemals etwas zu kaufen. 

    Wie die meisten eben, sie kamen rein, guckten sich ein Weilchen um, betatschten die Gitarren und schlichen sich dann möglichst unauffällig wieder an ihm vorbei nach draußen. Mit den Jahren hatte Rolli ein Gefühl dafür entwickelt, wer ein Käufer und wer ein Schauer war. Nur weil einer im Porsche direkt vor dem Laden parkte, hieß das nicht, dass endlich Zahltag war. Gerade die waren oftmals die schlimmsten Pfennigfuchser und liefen am Ende des Tages doch zum Discounter. Bei solchen Leuten schaute er nicht mal von seiner Zeitung auf, er nickte ihnen höchstens beiläufig zu. 

    An jenem Tag war nicht viel los, nur ein paar Schauer hielten sich im Laden auf und schielten beschämt zur Seite jedes Mal, wenn Rolli ihnen einen prüfenden Blick zuwarf. Wer in Ruhe Gitarren testen wollte, der musste ernsthaftes Interesse mitbringen. Nicht Geld, nicht Können, nicht unnützes Fachwissen, sondern einfach nur Freude am Hobby und der Kunst des Gitarrenspielens. Der Laden füllte und leerte sich. Die Leute kamen in Schwärmen oder gar nicht. Gegen 14 Uhr, kurz nachdem Rolli den Laden nach der Mittagspause wieder aufgeschlossen hatte, klingelte das Glockenspiel an der Eingangstür. Am wischenden Geräusch, das die Tür beim Öffnen machte, erkannte er, dass es ein Schauer war. Es war die Art, wie sie die Tür vorsichtig aufschoben, als müssten sie sich erst die Erlaubnis holen, einzutreten. Als wären sie gar nicht sicher, ob sie hinein dürften. 

    Allein wegen dieser Kunden hatte Rolli oft mit dem Gedanken gespielt, draußen ein Schild anzubringen mit der Aufschrift: „Nur zahlungsfreudige Kundschaft.“ Allerdings wäre das zu zynisch für die richtigen Kunden gewesen, hatte er beschlossen. Rolli, der hinter seiner Zeitung versteckt saß, hielt es nicht für nötig, diese zu senken, um nachzusehen, wer eingetreten war. Er hörte, wie sich die Person unsicher zwei Schritte vorbewegte, vermutlich auf Höhe der Theke stehenblieb, eine Reaktion abwartete, um dann, nach kurzem Zögern, den Weg ins Innere des Ladens fortzusetzen. Wie um seiner Missgunst Ausdruck zu verleihen, räusperte sich Rolli besonders laut, hustete zweimal, nahm einen Schluck seines längst erkalteten Kaffees, stellte die Tasse mit einem lauten Knall auf die Glastheke und zerrte an den Zeitungsseiten. Botschaft angekommen, dachte er, bevor er sich weiter in seine Lektüre vertiefte. Wer auch immer da im Laden war, hatte wenigstens den Anstand, sich ruhig umzusehen. Manche bestanden regelrecht darauf, wahrgenommen zu werden. Sie liefen aus Versehen gegen die Verstärker oder schnippten mit den Fingern auf die Korpusse der Akustikgitarren. Der hier war angenehm, keinen Mucks gab er von sich. 

    So still war es, dass Rolli sich irgendwann im Glauben befand, er sei alleine im Laden. Da schreckte er plötzlich hoch, als aus dem hinteren Teil des Verkaufsraums einige Akkorde erklangen. Mit einem kräftigen Stoß knallte er die Zeitung auf den Tisch und sah sich verdutzt um. Hinten saß ein Bursche von vielleicht 18 oder 19 Jahren mit einer elektrischen Gitarre auf dem Schoss, der ihn genauso entgeistert ansah. Rolli fiel aus allen Wolken, er hatte sich für eines der teuersten Modelle in seinem Sortiment entschieden. Wutentbrannt erhob er sich von seinem Lederstuhl, dessen Polsterung sich sogleich mit Luft vollsog, als wäre sie froh, endlich von seinem Gewicht erlöst worden zu sein. 

    „Junge“, brüllte er durch den Laden, so laut, dass seine Stimme im Hohlraum der vielen Gitarren nachklang, „die kannst du dir eh nicht leisten!“ Der Junge schob sich das zottelige Haar aus dem Gesicht und sah ihn verängstigt an, von seinem ernsten Blick an Ort und Stelle fixiert. Rolli hastete auf ihn zu, schnappte nach der Gitarre und entriss sie seinen unwürdigen Händen mit den schwarzlackierten Fingernägeln. Prüfend drehte er sie hin und her, um nach möglichen Schäden Ausschau zu halten. Als er nichts fand, wandte er sich wieder dem Bengel zu.

    „Die kostet so viel wie zehn von denen!“, sagte er und deutete auf irgendeine herkömmliche E-Gitarre an der Wand.

    Dann legte er nach: „So eine Gitarre nimmt man nicht einfach von der Wand. Ich sitze da vorne nicht umsonst. Das nächste Mal fragst du mich. Nein, es gibt kein nächstes Mal, oder willst du was kaufen?“

    „Ich…“, stammelte der Junge von all seinem Mut verlassen.

    „Dacht ich’s mir doch. Keinen Pfennig in der Tasche, aber die teuerste Gitarre betatschen. Jetzt schau zu, dass du hier rauskommst!“

    Für einen Moment blieb der Junge sitzen, vielleicht um sicherzugehen, dass es Rolli ernst war. Mit einem bedrohlichen Blick suggerierte der ihm, dass er sich besser aus dem Staub machte. Da ergriff der Junge die Flucht und war so flugs aus dem Laden verschwunden, dass Rolli sich nicht mal sein Gesicht hatte einprägen können. Er rümpfte empört die Nase, rieb mit einem Taschentuch, das immer in seiner linken Hosentasche steckte, die Fingerabdrücke von der Gitarre und hängte sie sorgsam zurück zwischen die anderen Prachtstücke. Dann schaltete er den Testverstärker aus, zog das Kabel raus, rollte es ein, legte es auf den Stuhl und kehrte zurück auf seinen Posten. In Gedanken schimpfte er über die Dreistigkeit des Jungen. Nicht der schlimmste Kunde, den er je hatte, aber in die Top 10 schaffte er es mit Sicherheit. Die Jugend wurde immer respektloser, beschloss er und wollte sich schon wieder seiner Zeitung widmen, als ihm dieses seltsam vertraute, aber gleichzeitig fremdartige Riff durch den Kopf ging. Mit dem Kopf nickte er mit, ließ sogar die Zeitung fallen, um mit den Händen auf der Luftgitarre nach den richtigen Akkorden zu suchen. Eigentlich konnte er jeden bekannten Rocksong der letzten 40 Jahren zumindest ansatzweise nachspielen, aber dieses Riff wollte sich ihm partout nicht eröffnen. 

    Er ließ von der Luftgitarre ab und schnippte ein paar Mal mit der rechten Hand, um des Rätsels Lösung aus seinem Unterbewusstsein zu beschwören. Auch dieser Versuch blieb erfolglos. Frustriert ging er im Laden auf und ab, um die Gitarren zu fragen. Er tippte einige an, probierte verschiedene Akkordfolgen, nur um dann zu seinem kleinen CD-Regal zu laufen, um sich die Namen der Interpreten durchzulesen. Bei jedem Bandnamen zählte er die Gitarristen als Erinnerungsstütze auf. War er verrückt geworden? Keiner dieser grandiosen Virtuosen hatte das Riff gespielt, daran hätte er sich erinnert. Desto länger er er nachdachte, desto weiter schwand die Erinnerung an diese verdammte Akkordfolge. 

    Den restlichen Tag versuchte er sie sich immer wieder in den Kopf zu rufen, pfiff die Teile, an die er sich erinnern konnte vor sich hin und setzte sie mehr schlecht als recht zu einem Riff zusammen. Am Abend schloss er den Laden ab und entschied sich spontan dazu, in der Kneipe seine Kumpels Eddy vorbeizuschauen. Der war ein noch größerer Musikfanatiker als er selbst und würde ihm mit Sicherheit helfen können, das Riff zu betiteln. Dort angekommen, ließ er keine Zeit verstreichen und pfiff ihm die letzten Fetzen dessen vor, was er aus seiner Erinnerung rekonstruieren konnte. „Hast du getrunken?“, fragte ihn Eddy und zeigte ihm einen Vogel. Ernüchtert setzte er sich an die Theke, bestellte ein Bier und hörte der Musik zu. Es lief Led Zeppelin. „Die waren’s auch nicht“, stellte er fest und nahm einen Schluck. 

    Am nächsten Morgen war ihm die Melodie fast gänzlich entglitten und im Laufe der nächsten Tage tat er sie als bloßes Hirngespenst ab, die ersten Zeichen des fortschreitenden Alters. Schließlich war Rolli mit seinen 46 Jahren nicht mehr der Jüngste. Das Geschäft ging derweil schleppend, zwar spielten die Leute im Sommer viel mehr Gitarre in den Parks und bei ihren Grillfesten, doch spielten sie auf alten, abgegriffenen Akustikmodellen, die sie auf ihren Dachböden oder dem Flohmarkt gefunden hatten. Eine neue kaufen wollte keiner. Tüchtig wie er war, nutzte Rolli den Leerlauf, um sich über die Möglichkeiten des Internets zu informieren. Er spielte seit längerer Zeit mit dem Gedanken, sich eine Website zuzulegen. Allerdings glaubte er, das Internet würde sich in seinem Segment nicht durchsetzen können. Wer ein paar hundert Euro für eine Gitarre ausgibt, der will ordentlich beraten werden, von einem Menschen, von Angesicht zu Angesicht. Nicht über einen drittklassigen Werbetext im Internet. 

    Da er gerade ohnehin nicht flüssig war, warf er diese Idee bald über den Haufen und stellte stattdessen ein Schild vor den Laden, auf dem er seinen Reparaturservice für Gitarren anpries. Die meisten Kunden, die durch dieses Schild in den Laden gelockt wurden, wollten eine gerissene Saite oder gleich das komplette Set ersetzt haben. Zunächst reagierte er etwas schroff auf dieses Anliegen, da er meinte, wer eine Gitarre besaß müsse das selbst können, doch als er merkte, dass er eine Nische entdeckt hatte, schrieb er es explizit auf seine Werbetafel. So gelang es ihm wieder einmal die Sommermonate zu überbrücken. Mit dem Herbst stieg der Umsatz, die Schule begann wieder und die Kinder brauchten neue Hobbys, die langen Tage wurden kälter und das Alltagsleben verlagerte sich erneut nach drinnen. 

    Es lief so gut, dass er sich eine Aushilfe anstellen konnte. Zunächst nur für einen Tag, den Samstag. Er fand einen jungen Musikstudenten, der einiges auf dem Kasten zu haben schien. Ein dürrer Kerl mit langer, brauner Mähne, den er Eisi nannte, weil er aus Eislingen kam. An einem seiner freien Samstage schlenderte Rolli durch die Stadt und wurde aus einer unbestimmten Laune heraus in Richtung seines Ladens getrieben. Als er dort aufschlug, war gerade nichts los. Eisi saß über einen Kassettenrekorder gelehnt an der Theke und nickte rhythmisch mit dem Kopf. Neben ihm stand eine 1,5-Liter-Flasche Spezi, welches zu trinken ihm Rolli mehrfach verboten hatte. Klebrige Getränke hatten in seinem Laden nichts verloren, ebensowenig wie Eis oder Döner. 

    Beim Eintreten bemerkte ihn Eisi und versuchte im letzten Moment die Flasche verschwinden zu lassen, doch Rollis Blick verriet ihm, dass es zu spät war. Schon wollte dieser zu einer gehörigen Standpauke ausholen, als die Musik, die aus dem Kassettenrekorder dröhnte, ihn innehalten ließ. „Das ist es!“, schrie Rolli mit einem Mal, so laut, dass Eisi beinahe von seinem Schemel gekippt wäre. „Eisi, wie heißt die Band?“, drängte er und packte diesen an den Schultern. Eisi war völlig perplex und brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass der alte Mann ihn nicht wegen der Speziflasche umbringen wollte.

    „Das ist keine Band“, antwortete er endlich, wortkarg, wie er war.

    „Wer dann?“, wollte Rolli wissen.

    „Ein Kunde.“

    „Ein Kunde? Eisi, reiß die Kiemen auf! Muss man dir alles aus der Nase ziehen?“

    „Ja, Chef, da war vorhin son Kerl, also son Junge und der hat hier gespielt, als wäre er der nächste Hendrix oder so. Da hab ich meinen Kassettenrekorder geholt und es aufgenommen.“

    „Ich kenne diesen Song, ich hab ihn schon mal gehört. Wie sah der aus, der Kunde?“

    „Ich weiß nicht, hatte ne Mütze auf, falsch herum, lange Haare, zerrissene Jeans. So wie die Jungs, die am Skatepark abhängen und Nirvana hören.“

    Rolli dachte nach, so einen kannte er nicht. Aber den Song, dieses Riff, das hatte er vor einigen Monaten im Kopf gehabt. Damals hatte ihn Eddy für verrückt gehalten, aber jetzt würde er es ihm vorspielen können, um zu beweisen, dass er es sich nicht eingebildet hatte. Vielleicht, dachte er, war das gar kein Klassiker, sondern was Modernes. Das Zeug, das die Jungs am Skatepark beim Jugendhaus hörten, von denen Eisi eben gesprochen hatte. Andererseits traute er denen weder so einen guten Geschmack, noch so ein Talent zu, geschweige denn ihren Idolen. Das waren alles Möchtegerns und Poser. Nichtsdestotrotz beschlagnahmte er den Kassettenrekorder mitsamt der Aufnahme als Strafe für das Spezitrinken. Eisi wollte ihn noch besänftigen, doch da war er schon aus der Tür gelaufen. Er würde den Rekorder ja nicht für immer behalten, er hasste die Tonqualität von Kassetten und das ganze Drumherum mit dem Vor- und Zurückspulen. 

    Rolli lief in Richtung Kneiple mit dem Plan, Eddys Musikwissen zu testen. Wenn er den Song nicht kannte, dachte Rolli, war er doch kein so großes Genie, wie er immer behauptete. Im Kneiple war um diese Uhrzeit noch nicht viel los. Ein Betrunkener, der aussah, als hätte er kein Zuhause, spielte mit einem Bier in der Hand Darts gegen sich selbst und verlor. Rolli nickte ihm zu und steuerte auf die Theke zu, hinter der Eddy gerade damit beschäftigt war, eine Zeitung zu durchblättern. Im Aschenbecher neben der Zeitung hing eine glimmende Zigarette, deren Rauch sich geheimnisvoll unter der Thekenbeleuchtung verfing. 

    „Na, Großer?“, begrüßte ihn Eddy, ohne dabei aufzusehen.

    „Grüß dich! Pass auf, Eddy, willst du ne Wette abschließen?“, erwiderte Rolli.

    Den Kopf immer noch gesenkt, blickte ihn Eddy misstrauisch über seine Lesebrille hinweg an. Ein Zucken mit der rechten Augenbraue verlangte nach mehr Informationen. 

    „Ganz einfaches Ding. Ich spiel dir was vor und du musst mir sagen, wer das gespielt hat.“

    Jetzt wurde Eddy hellhörig, ließ von der Zeitung ab und sah seinem Kumpel direkt in die Augen. Selbstsicher nickte er mit dem Kopf und blies verächtlich Luft durch die dünnen Lippen. 

    „Nichts leichter als das. Dein Einsatz?“

    „’N Zwanni!“

    „Steig ich ein! Dann lass mal hören.“

    Rolli legte den batteriebetriebenen Kassettenrekorder auf den Tisch, spulte unter den gespannten Blicken Eddys die Kassette zurück, sah bedeutungsvoll zu ihm hoch und drückte auf Play. Die Aufnahme war nicht sehr gut, Eddy rückte näher ran, um besser hören zu können. Mit seiner rechten Hand fuhr er sich durch den Schnauzer und über die Nase. 

    „Das ist alles?“, fragte er erstaunt.

    „Ja, mehr hab ich nicht. Erkennst du den Song, oder nicht?“

    „Lass es mich nochmal hören.“

    „Ha!“, lachte Rolli auf und sah sich schon um einen Zwanziger reicher. Dennoch spulte er zurück und ließ die Aufnahme nochmal laufen. Nicht zuletzt, weil er die Ahnungslosigkeit seines Kumpels auskosten wollte. Der lehnte mit verschränkten Armen vor dem kleinen Kassettenrekorder und lauschte mit gespanntem Gesicht der mysteriösen Aufnahme. Als sie vorbei war, atmete er tief ein. Für einen Moment war es ruhig, ein Dartpfeil prallte an der Scheibe ab und fiel zu Boden.

    „Tja“, begann Eddy, „da hast du mir schön was vorgemacht. Ich hab keine Ahnung…“

    „HA, HA! Gewonnen! Bist wohl doch kein son großer Musikkenner, was?“, spöttelte Rolli.

    „Pff, das war doch ne Falle von dir. Ist bestimmt irgend so ne neue Band, die keiner kennt“, sagte Eddy und zog einen Zwanziger aus seinem Geldbeutel, den er mit Nachdruck auf die Theke knallte. Zufrieden steckte ihn Rolli ein und beschloss, an diesem Abend gut essen zu gehen. Dann wurde er wieder ernster und wandte sich an Eddy: „Aber mal ehrlich, das macht mich wahnsinnig. Vor ’n paar Monaten hab ich dir von diesem Riff erzählt, da hast du mich für verrückt erklärt. Und jetzt bist du genauso ahnungslos.“

    „Tja, so ist das manchmal. Woher hast’n die Aufnahme?“

    „Die hat mein Hiwi heute im Laden aufgenommen. Da kam so ein Bengel rein und hat aus dem Nichts diesen Song runtergespielt. Wahnsinn, oder?“

    „Talent hat er, der Junge. Vielleicht werden wir einfach alt und das ist eine von den Bands, die da auf MTV läuft.“

    „Ach hör mir auf mit dem Quatsch, du! Gib mal lieber ’n Bier jetzt.“

    „Willst mir mein Geld wieder zurückgeben, he?“

    „Ts, na klar.“

    Rolli blieb nicht nur für ein Bier, am Ende waren es fünf und ein Kaffee. Das geplante Abendessen war in kürzester Zeit von einem Drei-Gänge-Menü zu einem Döner mit Cola zusammengeschrumpft. Leicht angetrunken kehrte er in den Laden zurück, wo Eisi gerade ein paar Gitarren abstaubte.

    „Kam er wieder?“, rief er ihm zu.

    „Wer?“

    „Der Wunderjunge.“

    „Ne, Chef. Kann ich meinen Rekorder wieder haben?“

    „Nimm schon, und jetzt geh nach Hause.“

    „Aber…“

    „Nichts aber, ich mach das heut voll. Du kriegst dein Geld.“

    „Alles klar.“

    Daraufhin packte Eisi seine Sachen, schnappte sich den Rekorder, der auf der Theke gelegen hatte und verschwand mit einem „Schönen Abend!“ in die anbrechende Dunkelheit. Alleine blieb Rolli im Laden zurück und ließ sich in den Gitarrenteststuhl fallen, von wo aus er den Blick über sein kleines Reich schweifen ließ. Alles war wie immer, er verstand jetzt gar nicht mehr, wieso ihn dieses Riff den ganzen Tag so beschäftigt hatte. Und so lehnte er sich zurück und döste über einen Tagtraum, in dem er auf einer großen Bühne stand und von einer kreischenden Menge bejubelt wurde, ein. 

    Einige Wochen nach diesem Ereignis – Rolli hatte es längst wieder vergessen – kam es zu einer merkwürdigen Begegnung im Laden. Es war Montagfrüh, als kurz nach Ladenöffnung die Tür klingelte und ein schwarzhaariger Junge eintrat. Seine Klamotten waren mit Patches und Nieten bestückt, wie die von den Punks im Schlosspark, nur viel hochwertiger. Er trug Vans und hatte ein schmales, androgynes Gesicht. Rolli, der damit beschäftigt war, das Wechselgeld in der Kasse zu zählen, sah auf und traf seinen Blick. Für eine Sekunde entstand eine Pattsituation. In den meisten Fällen hätte er so einen Kunden sofort mit einem Kommentar oder einem fiesen Blick vergrault, doch aus einer unbestimmten Laune heraus nickte er ihm mit einem zuversichtlichen Ausdruck zu. Der Junge lächelte, nickte ebenfalls und ging weiter. 

    Rolli folgte ihm mit den Augen, er bewegte sich zielstrebig auf die teuren Gitarren zu. Innerlich tobte Rolli, nur mit großer Anstrengung konnte er den Impuls niederringen, den Jungen zurückzupfeifen. Als hätte der seinen Blick gespürt, drehte er sich verlegen um und suchte nach Bestätigung. Auch dieses Mal ließ ihn Rolli gewähren und widmete sich schnell wieder dem Geldzählen. Der Junge spazierte indes ein wenig durch den Verkaufsraum, kam dabei jedoch immer wieder an einem ganz speziellen Modell vorbei. Rolli kam sich vor wie ein Fallensteller, der darauf harrte, den Hasen endlich in die Falle tappen zu sehen. Er musste sehr mit sich kämpfen, nicht nach hinten zu gehen, um ihm die Gitarre höchstpersönlich in die Hand zu drücken. 

    Es dauerte noch einige Minuten, bis der Bursche sich endlich traute, nach dem Objekt der Begierde zu greifen. Dieses Mal drehte er sich nicht mehr um, er ging all-in, wollte den Moment so lange auskosten, wie er nur konnte. Ohne noch einmal aufzusehen, entrollte er ein Kabel, stöpselte es erst in den Verstärker, dann in die Gitarre und schaltete ihn schließlich an. Erst jetzt, als er schon saß, die Hände zum Anschlag bereit, warf er Rolli einen letzten Blick zu. Der schaute schnell woanders hin, weil er ahnte, wie fragil dieser Moment war. 

    Auf einmal schlug Rollis Herz schneller, er verspürte eine Art Aufregung, die er sich nicht erklären wollte. Mit dem ersten Ton, der aus der Ecke des Ladens erklang, wusste er jedoch, woher sie rührte. Da war es endlich. Das Riff! Live und in Farbe, direkt vor seinen Augen. Voller Erstaunen machte er einen Schritt auf den Jungen zu, hielt sich aber noch dezent zurück. Er spielte das volle Riff und mehr. Es war ein ganzer Song. Seine Finger bewegten sich über die Saiten, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht. Rolli war baff, so ein Talent hätte er diesem Jungspund nie zugetraut. Jetzt erinnerte er sich auch wieder an ihre erste Begegnung und wie er ihn aus dem Laden gejagt hatte. Damals hatte er vor lauter Zorn die Melodie ganz überhört, das heißt, nur unterbewusst wahrgenommen. 

    Nun bereute er sein schroffes Verhalten, vielleicht hatte er einen guten Kunden vergrault. Dieses Mal würde er ihn nicht davonkommen lassen, dachte er. Der Junge spielte ausgiebig, als würde er eine lange verdrängte Sehnsucht endlich stillen dürfen. Er war völlig eingenommen von der Musik und vergaß kurzerhand seinen Beobachter. Aus dieser Sicherheit heraus wagte sich Rolli ein Stückchen näher heran, was den Burschen zunächst nicht störte. Doch plötzlich sah er auf und erschreckte sich. Sofort verstummte die Gitarre und zwischen Rolli und ihm war nur das leise Surren des Verstärkers zu hören.

    „Ich war ganz vorsichtig!“, entschuldigte sich der Junge mit zitteriger Stimme.

    „Na, das will ich hoffen“, erwiderte Rolli zynisch, ohne es zu wollen. 

    Dies wertete der Junge als Zeichen, den Verstärker abzuschalten, sich zu erheben und die Gitarre zurück an die Wand zu hängen. Rolli beobachtete alles wortlos, er war hin- und hergerissen. So sehr er sich auch gegen seine automatisch eingenommene Abwehrhaltung sträubte, er konnte nicht verhindern, dass der Junge langsam in Richtung Ausgang lief. Kurz bevor er die Tür erreichte, brachte Rolli noch folgende Worte über die Lippen: „Eines Tages…“

    Der Junge drehte sich kurz um, nickte verträumt und verschwand. Als er weg war, seufzte Rolli laut auf. Konnte der Junge sich bei so einem Talent nicht eine Gitarre in seiner Preisklasse raussuchen? So war die Jugend von heute, immer nach den Sternen greifen, aber nicht mal einen Baum hochklettern können. Rolli schüttelte verächtlich den Kopf, obwohl er gar nicht richtig zornig war. Er verspürte sogar Reue, den Wunderknaben so behandelt zu haben. Diese versuchte er mit aller Gewalt zu unterdrücken. Den Rest des Tages verbrachte er damit, aus dem Schaufenster auf die Straße zu starren und seinen Kopf von allen aufkommenden Gedanken freizuhalten. 

    Die nächsten Wochen sah er den Jungen nicht wieder, auch wenn er oft an sein grandioses Gitarrenspiel dachte. Jeden Samstag beim Kassensturz nach Ladenschluss fragte er Eisi, ob er nicht vorbeigekommen war. Der schüttelte jedes Mal nur den Kopf, was nicht besonders überzeugend wirkte. Eisi war nicht der aufmerksamste Ladenhüter, es hätte ihm also durchaus entgehen können. Wenigstens trank er kein Spezi mehr während der Arbeitszeit. Das Geschäft lief indes ganz gut, ein Kunde zeigte sogar ernsthaftes Interesse an dieser ganz speziellen Gitarre. Aus irgendeinem Grund wollte Rolli sie ihm nicht verkaufen und meinte, sie sei für jemand anderes reserviert. Er verkaufte ihm dann eine andere, weitaus günstigere Gitarre, was ihn einige Nächte lang mit Magenschmerzen ins Bett gehen ließ. 

    An einem Mittwochabend ging kurz vor Ladenschluss ein letztes Mal die Tür auf. Rolli, der sich gerade im Lager befand, rief in den Verkaufsraum, dass schon geschlossen sei. Die Person antwortete nicht. Unter geflüsterten Beschimpfungen lief er nach vorn, um nachzusehen, wer ihn so kurz vor Feierabend noch störte. Seine Augen wurden mit einem Mal ganz groß, als er die Person erkannte. „Du!“, begrüßte er den Kunden. Es war der Junge, unverkennbar. Da stand er mit seinen schwarzen Klamotten und der zotteligen Frisur und starrte ihn mit großen Augen an. 

    „Bitte hören Sie mir zu, bevor Sie was sagen“, brachte er wie einstudiert hervor. Rolli war erstaunt und machte eine bestätigende Geste mit der Hand. 

    „Ich kann mir die Gitarre nicht leisten, noch nicht…“, begann der Junge sehr sanft zu sprechen, „aber ich kriege das Geld schon zusammen, ganz sicher. Ich will keine andere Gitarre mehr spielen. Ich bitte Sie nur, sie für mich zu reservieren.“

    Bei so viel Naivität musste Rolli unwillkürlich auflachen. „HA!“, prustete er, „das ist eine limitierte Auflage, so eine krieg ich nie wieder rein. Das ist bares Geld, was da hängt, mein Freund.“

    Dem Jungen wich bei dieser Aussage für einen Moment der Mut aus dem Gesicht. Er schluckte, konnte sich aber wieder fangen und entgegnete: „Aber sie hängt doch seit Monaten dort.“

    Da Rolli wusste, dass er sie neulich hätte verkaufen können, traf ihn diese Aussage nicht so sehr, wie der Junge es sich vielleicht erhofft hatte. Andererseits konnte der ja nicht ahnen, dass er sie insgeheim wegen ihm behalten hatte. Nun standen sie da, wie schon einmal, in einer Pattsituation. Rolli schob die Hände ineinander, im Kopf führte er einige Berechnungen aus. Schließlich versah er den Jungen mit einem strengen Blick und fragte: „Wie heißt du?“

    „Timo“, antwortet der Junge mit gespieltem Selbstbewusstsein.

    „Und wie viel Zeit soll ich dir deiner Meinung nach geben, um das Geld zu besorgen, Timo?“

    „Nur zwei Monate, dann gehen wir auf Tour.“

    „Eine Band hat er also auch“, dachte Rolli bei sich. Er hielt ihn für einen Träumer. „Einen Träumer mit Talent“, ergänzte er in Gedanken. Einerseits lief das Geschäft gerade so gut, dass er es nicht nötig hatte, die Gitarre in den nächsten zwei Monaten zu verkaufen. Andererseits würde ihr Verkauf ihn mindestens bis zum Weihnachtsgeschäft durchbringen. Keine leichte Entscheidung. 

    Noch einmal scannte er den Jungen von Kopf bis Fuß ab, nach Geld sah er allemal nicht aus. Aber, und das hatte Rolli gleich bei ihrer ersten Begegnung gemerkt: er besaß eine Passion für das Gitarrenspielen. Etwas, das er heutzutage nur noch selten erlebte bei seinen Kunden. Eine Gitarre wie diese sah er lieber in den Händen eines echten Gitarristen, anstatt in der Sammlung irgendeines reichen Musiksnobs, wo sie als Staubfänger den Rest ihres Lebens fristen würde. In seinem Bauch machte sich dieses Gefühl breit, drängend, fordernd. Er konnte nicht anders, er gab nach. 

    „Zwei Monate, nicht mehr. Bar auf die Hand!“, platzte es plötzlich aus ihm heraus. Und bevor er noch etwas erwidern konnte, bedankte sich der Junge mit dem breitesten Grinsen und war im nächsten Moment verschwunden. Wie nach einer großen körperlichen Anstrengung fühlten sich Rollis Beine mit einem Mal schwer wie Blei an. Er sackte auf seinem Stuhl zusammen und rieb sich die Schläfen. Was hatte er getan? Er liebte Wetten, aber nicht gegen sich selbst und schon gar nicht, wenn alles auf Niederlage stand. Obwohl er längst geschlossen hatte, saß er noch einige Stunden bei offener Tür in seinem Laden und grübelte. Gegen neun Uhr stand er endlich auf, schaltete das Licht aus, schloss die Tür ab und ging nach Hause. 

    Am nächsten Tag schien das Interesse an der Gitarre explosionsartig angestiegen zu sein. Gleich zwei Kunden fragten danach. Nur unter größter Anstrengung schaffte es Rolli, sich zu zügeln und sie nicht zu verkaufen. Dementsprechend war seine Laune an diesem Tag. Es war wie verhext, beinahe täglich fragte nun irgendwer nach genau diesem Modell und jedes Mal musste Rolli sagen, dass es für einen sehr wichtigen Kunden reserviert war. Der ließ sich im Übrigen im ersten Monat nach der Wette nicht mehr blicken. Einmal hätte Eisi die Gitarre fast verkauft. Rolli hatte vergessen, ihn einzuweisen und war an diesem Tag in der Stadt unterwegs, als es ihm plötzlich einfiel. Er schaffte es gerade noch rechtzeitig in den Laden, um den Deal abzubrechen. Enttäuscht und verärgert stürmte die Kundin aus dem Geschäft. Eine Frechheit sei das, Waren anzupreisen, die man gar nicht mehr im Sortiment hat. Eisi verstand die Welt nicht mehr, da hätte er beinahe die teuerste Gitarre verkauft, den Abschluss seines Lebens gemacht und dann durfte er nicht. Das saß ihm sauer auf, zumal er mit Rollis spärlicher Erklärung überhaupt nicht zufrieden war. In den folgenden Wochen redeten die beiden kaum ein Wort miteinander.

    Nichtsdestotrotz brachte es Rolli nicht übers Herz, die Gitarre abzunehmen. Er war stolz, sie im Laden hängen zu haben und außerdem zog sie Kunden an, egal, ob sie was kauften oder nicht. Und so musste er einen nach dem anderen ziehen lassen, im Wissen, dass sie wahrscheinlich nie wieder kämen. Desto mehr Zeit verging, desto übel gelaunter wurde Rolli. Das einzige Mal, dass er den Jungen in dieser Zeit wieder sah, war ein Zufall. Er stand am Schaufenster, die Hände halbkreisförmig an die Scheibe gedrückt, um ins Innere sehen zu können. Als Rolli ihn erkannte, winkte er ihn rein, doch der bemerkte ihn nicht und fuhr mit seinem Skateboard weiter.

    Während der zwei Monate saß Rolli oft und lange bei Eddy in der Kneipe, um seinen Frust zu ersäufen. Auf dessen Fragen hin, was los sei, meinte er nur mürrisch, er habe eine Wette am laufen, die er sehr wahrscheinlich verlieren werde und die ihn eine Menge Geld kosten würde. Mehr wolle er dazu aber nicht sagen. 

    So verging Woche um Woche, bis sich der Stichtag endlich näherte. In der Woche davor war Rolli so aufgekratzt wie noch nie. Er hatte die Gitarre doch abgehängt, da er die Fragen nicht mehr ausgehalten hatte.

    Am Mittwoch, dem Tag der geplanten Übergabe, wanderte er bereits lange vor Ladenöffnung nervös durch den Verkaufsraum. Die Morgenstunden verstrichen langsam und quälend. Kein Zeichen des Jungen. In der Mittagspause traute er sich nicht auch nur einen Fuß vor den Laden zu setzen. Er stand hinter der Theke und starrte aus dem Schaufenster. Er begann zu zweifeln. An sich, an der Realität dieser Wette, an seiner mentalen Gesundheit. 

    Wieder und wieder wanderte er die Reihen von Gitarren ab und blieb immer wieder bei dieser einen stehen, die er aus dem Lager geholt und an den Verstärker gelehnt hatte. Er verfluchte sie, wollte sie nicht mehr sehen müssen. Gleich an den Erstbesten würde er sie verkaufen, dachte er, für einen Bruchteil des Preises. Da erklang plötzlich das Glockenspiel der Tür. Wie ihm Wahn drehte sich Rolli um und erfasste den Eintretenden mit seinem wirren Blick. Obwohl er ihn erwartet hatte, war er von seinem Anblick so überrascht, dass er unwillkürlich lachen musste. Der Junge sah ihn entgeistert an, in der rechten Hand hielt er sein Skateboard, die linke war frei. 

    „Wo ist das Geld?“, platzte es aus Rolli heraus.

    „Ich hab’s nicht!“, erwiderte der Junge ganz nüchtern und sachlich. 

    „Du hast es nicht! Natürlich hast du es nicht! Du bist nur ein Rotzlöffel, der glaubt, ihm läge die Welt zu Füßen. Jeden Tag hab ich einen Kunden davongeschickt wegen dir! Weil ich an dich geglaubt habe, dass du das Geld auftreibst. Und dann hast du den Mut hier aufzukreuzen und mir ins Gesicht zu sagen, dass du es nicht hast? Ich sollte dich…Nein, das ist zu viel für mein Herz. Ich mach das nicht mehr mit, dafür bin ich zu alt..“, desto weiter Rolli sich in Rage redete, desto unverständlicher wurden seine Worte, desto weniger Sinn ergaben sie. Dennoch blieb der Junge stehen und hörte sich alles an, vielleicht, weil ihn sein schlechtes Gewissen dazu zwang. 

    Rolli schimpfte so sehr, dass er sich setzen musste, um durchzuschnaufen. Als er wieder Luft bekam, ging es weiter. Bestimmt eine viertel Stunde drosch er mit Worten auf den Jungen ein. Dann lehnte er sich völlig erschöpft in seinen Stuhl zurück und fasste sich ans Herz. Der Junge machte einen Schritt auf ihn zu, doch Rolli winkte mit der Hand ab und zeigte nach draußen. Mit feuchten Augen trottete Timo zur Tür, schob sie auf, ohne das Glockenspiel auszulösen und quetschte sich durch den kleinen Spalt nach draußen, wo er auf sein Skateboard stieg und davonfuhr. Er fuhr so schnell, dass der Fahrtwind ihm die angestauten Tränen aus den Augen wusch. Sein schlechtes Gewissen jagte hinter ihm her wie eine Meute hungriger Hunde. 

    Die Wette war von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen, so viel Geld hätte er niemals zusammenbekommen, nicht in vier Monaten, nicht in einem Jahr. Dann würde er eben seine alte Schrottgitarre auf Tour nehmen, war eh viel besser. Bei der wäre es auch nicht schade, wenn sie geklaut werden würde. Sein Weg führte ihn direkt zum Skatepark. Auf den letzten Metern stieg er ab, um sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen, da ihn seine Kumpels und Bandkollegen dort erwarteten. Er hatte ihnen nichts von der Sache mit der Gitarre erzählt, sie hätten ihn deswegen nur aufgezogen. Ohne sie begrüßen, erklomm er die höchste Rampe und fuhr einige Runden auf und ab. 

    Alle waren da, die ganze Crew, Band und Rowdies, sogar ihr Manager saß auf der Bank und rauchte. Sie hatten vor einigen Monaten einen Vertrag bei einem aufstrebenden Indie-Label unterschrieben, das sie in den kommenden Wochen als Vorband für eine bekannte Punkband aus England auf Tournee durch Europa schicken würde. Nach einer Weile fühlte sich Timo sicher genug, um zum Rest der Truppe zu stoßen. Er öffnete ein Bier und exte es auf der Stelle, dann nahm er gleich ein zweites. Sein Manager ermahnte ihn, nicht zu viel zu trinken, aber Timo hörte nicht und zog das Tempo noch mehr an. Die Jungs feierten sich, als hätten sie die Tour schon erfolgreich hinter sich gebracht. 

    Langsam stieg die Sonne vom Himmel und überließ sie der anbrechenden Nacht. Gegen halb 11 kam auf einmal Unruhe auf, der Drummer der Band zeigte auf eine Gestalt, die mit einem Gitarrenkoffer die Straße entlang auf sie zugelaufen kam. Zunächst hielten sie ihn für einen abgebrannten Musiker, der von irgendeinem unbezahlten Kneipen-Gig nach Hause lief. Doch als er näher kam, sprang Timo plötzlich auf, da ihm der Kerl bekannt vorkam. Tatsächlich, er war es, der Gitarrenverkäufer. Reflexartig schnappte er sein Skateboard, um sich im Zweifelsfall aus dem Staub machen zu können. Nur seine Neugierde hielt ihn zurück und so blieb er stehen, bis Rolli ihn in der Menge ausgemacht hatte. Er trat vor ihn, mit einer Kippe im Mund, betrunken und aufgekratzt. 

    „Junge“, brachte er mit einer Bestimmtheit hervor, die sein Äußeres nicht hätte vermuten lassen, „hör mir jetzt genau zu und sag am besten nichts. Mein Leben lang war ich Gitarrenverkäufer, den Laden hab ich von meinem Vater geerbt. Ich weiß alles über Gitarren, wie sie klingen, wie sie sich spielen, wie sie riechen, was sie kosten, wer sie kauft und wer sie nicht kauft, einfach alles. In meiner Karriere habe ich wahrscheinlich über 1000 Gitarren verkauft und ebenso viele spielen dürfen. Mein Traum war es immer, eines Tages eine dieser verdammten Dinger an jemanden zu verkaufen, der sie nicht nur als Instrument sieht. Der nicht irgendwelche alten Lamellen nachspielt, sondern ihr ganz neue Töne entlockt. Der damit um die Welt reist und die Massen begeistert. Und heute war ich kurz davor, diesen Abschluss endlich zu machen. Ich hoffe, du verstehst was ich meine. Seit ich dieses Riff von dir gehört habe, wusste ich, dass du Talent hast. Dann kommst du in den Laden und sagst mir, du hast das Geld nicht. Natürlich war ich da wütend, sehr wütend sogar, aber auch enttäuscht, nicht mal wegen dir, aber…Herrgottsack! Sag jetzt kein Wort, sonst überleg ich mir’s anders! Ich geb dir diese Gitarre mit auf deine Tour, als Leihgabe. Als Leihgabe, verstehst du? Sie gehört immer noch mir. Nach der Tour bringst du sie unbeschädigt in den Laden zurück, das versteht sich ja wohl von selbst. Und jetzt nimm sie, bevor ich es bereue.“

    Nachdem er diese Worte ausgesprochen hatte, wechselte die Gitarre mechanisch ihren Besitzer von einer zitternden Hand in die andere. Ohne noch etwas hinzuzufügen, machte Rolli auf der Stelle kehrt und ging zurück in Richtung Laden. Timo wusste gar nicht, wie ihm geschah. Ein lautes, jungenhaftes „Danke“ hallte durch die ansonsten menschenleere Straße, das Rolli nicht mehr hörte oder ignorierte. Dann ging die Party bei den Jungs erst so richtig los. 

    Auf den Tag genau drei Jahre, zwei Monate, sieben Tage und 14 Stunden später stand Rolli in seinem Laden und hielt ein Schwätzchen mit Eddy. Der war vorbeigekommen, um Rollis neueste Errungenschaft in Augenschein zu nehmen: einen kleinen Fernseher, der oben im Eck stand und den Laden mit MTV beschallte. 

    „Du und MTV, dass ich das noch erlebe“, zog ihn Eddy auf, der um seine frühere Abneigung gegen den Sender wusste.

    „Man muss mit der Zeit gehen, meine Kundschaft wird halt immer jünger. Die wollen das sehen. Außerdem sind manche von den Bands gar nicht so schlecht“, verteidigte sich Rolli. 

    Sie tranken Kaffee und schauten sich die Musikvideos an, dabei nickten sie entweder zustimmend oder schüttelten verständnislos den Kopf. Ein lautes Rattern ließ sie nach einer Weile aufsehen, draußen vor dem Laden hielt gerade ein schwarzer Bus mit einem großen, grünen Logo darauf. Die hinteren Scheiben waren komplett abgedunkelt. Rolli zog die Nase hoch. 

    „Parkt der da, der Trottel?“, raunte er Eddy zu.

    „Vielleicht Kundschaft?“, mutmaßte der.

    Sie beobachteten, wie die Tür mit einem lauten Zischen aufging und ein schwarz gekleideter Kerl mit Gitarrencase ausstieg, dem Busfahrer etwas zurief und dann kurz wartete, bis dieser davongefahren war. 

    „Schau mal, Rolli, der sieht aus wie die Typen im Fernsehen, meinst nicht?“, bemerkte Eddy. 

    „Joa, kommt schon hin“, bestätigte Rolli.

    Der Fremde aus dem Bus kam tatsächlich auf den Laden zugelaufen, schob die Tür auf und stand für einen Moment wortlos da.

    „Mahlzeit!“, begrüßten ihn die beiden Männer.

    „Hi!“, grüßte der Fremde zurück. 

    Er ließ den Blick durch den Verkaufsraum schweifen, ein Lächeln fuhr über sein Gesicht, als wäre er schon mal da gewesen. Dann wandte er sich an Rolli und meinte: „Ich hab da was, das ihnen gehört.“ 

    Rolli verstand nicht. Daraufhin kam der Typ zur Theke gelaufen, legte den Gitarrenkoffer darauf und öffnete den Verschluss. Rolli konnte seinen Augen nicht glauben, als er den Inhalt erblickte. 

    „Nein, unmöglich!“, entfuhr es ihm.

    „Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat. Sie hat es bis nach Amerika geschafft…unversehrt, versteht sich. Sie hat keinen Kratzer, ich hab sogar ganz frische Saiten draufgezogen…“

    Auf einmal stockte der Junge mitten im Satz, sein Blick haftete am Fernseher.

    „Ach, da ist sie ja! Das haben wir letzten Monat in Los Angeles gedreht.“

    Rolli und Eddy drehten sich fassungslos zum Fernseher um. Tatsächlich, der Typ im Video sah nicht nur so aus wie er, er war es höchstpersönlich. Mit der Gitarre! Den beiden verschlug es die Sprache. Da setzte Timo noch einen drauf: „Und hier sind die überfälligen Leihgebühren…plus Zinsen. Das ist nur fair.“

    Ein großer Stapel mit bunten Scheinen lag auf dem Tisch, der auf den ersten Blick mehr Geld zählte, als die Gitarre jemals gekostet hatte. Rolli musste sich setzen, sonst wäre er in Ohnmacht gefallen. Eddy stand mit verschränkten Armen daneben und schüttele ungläubig den Kopf. 

    „Ich muss jetzt leider los“, sagte Timo nach einer Weile und ergänzte dann: „Aber wir sehen uns bestimmt bald wieder.“

    Ratlos ließ er die beiden zurück. 

    Noch am selben Abend hing Rolli die Gitarre in einem Glaskasten hinter der Verkaufstheke auf. Obwohl er sie nie verkauft hat, hat sie ihm bis zum heutigen Tag mehr Umsatz beschert, als jede andere Gitarre zuvor.

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  • Farben nachlaufen

    Seit ungefähr zwei Stunden werde ich von einem Zitronenfalter verfolgt. Er muss irgendwo an der Kreuzung von Wald- und Feldweg aufgetaucht sein und war seitdem nicht mehr von meiner Seite gewichen. Ich hebe den Fuß, er faltet die Flügel, ich senke ihn, er schlägt sie auf. Ich lasse ihn gewähren, denn die Menschen werden von allen möglichen Dingen verfolgt, in ihren Träumen und auf ihren Spaziergängen.

    Wenn ich noch eine Weile laufe, wird vielleicht sein Flügelschlag zwischen den anderen Geräuschen des Waldes zu meinen Ohren vordringen und mich daran erinnern, wie wichtig es ist, auf die kleinen Dinge acht zu geben. Bis dahin konzentriere ich mich auf die Schönheit des Waldes, in den nach einem langen Winter endlich wieder Farbe zurückgekehrt ist.

    Mein flatternder Freund ist nur ein gelber Klecks auf dem frischen Grün, das aus den Ästen sprießt und sich der Sonne entgegenstreckt. Die Vögel singen, obwohl ich der Einzige bin, der ihnen zuhört. Selbst wenn ich nicht hier wäre, würden ihre Melodien im Wald erklingen. Das unterscheidet sie neben ihrer Freiheit zu fliegen von den Menschen.

    Ich bleibe stehen, um einer besonders schönen Tonfolge zu lauschen. Ein Vöglein stimmt das Lied an, ein zweites antwortet. Es sind nur fünf oder sechs Noten, die reichen, um mich für einen Moment in ihren Bann zu ziehen. Ich drehe mich um, der Zitronenfalter beschreibt einen Kreis, dann noch einen. Er wird nicht weiterfliegen, bis ich mich von der Stelle rühre. Die Tiere verhalten sich im Frühling sehr merkwürdig, stelle ich fest und setze meinen Spaziergang fort.

    Mal blendet die Sonne, mal wird sie von den Blättern einer Buche eingefangen. Der Wind raschelt in den Baumkronen und erzählt eine Geschichte, deren Sinn sich einem gewillten Zuhörer eröffnen würde, wenn er nur ausreichend Geduld mitbrächte. Doch weder ich noch mein geflügelter Gefährte haben heute die Zeit dafür. Viel zu viel passiert vor unseren Augen, dringt zu unseren Ohren und betört unsere Nasen. Ich komme mit meinen Sinnen kaum hinterher, jeder Empfindung nachzugehen, und beneide den Falter nicht um seine kleine Schmetterlingswelt.

    Noch eine Weile folgen wir dem sonnenerleuchteten Weg, bis wir zu einer Lichtung am Hang gelangen. Einige Meter unterhalb steht eine Bank, auf der ich mich ausruhen möchte. Auch er scheint müde zu sein und folgt mir auf der Stelle. Ich lasse mich nieder und strecke die Hand aus, damit er sich eine Weile erholen kann. Anstandslos nimmt er das Angebot an, lässt sich nieder und lässt die Flügel sinken.

    Er wiegt kaum mehr, als die Sonnenstrahlen auf meiner Hand und ist von einem ähnlichen Gelb. Unsere Blicke schweifen ab, erst ins Tal hinunter, dann auf die andere Seite, wo die Höfe stehen und die Bäume nur noch einzeln auf den Feldern wachsen dürfen. Zwischen dem Grün der Wiesen, dem Gelb der Sonne und dem Blau des Himmels taucht ein kleiner roter Fleck auf.

    Mein Blick senkt sich zum Zitronenfalter, auf dessen linkem Flüge sich ein roter Punkt abzeichnet. Rot wie Menschenblut. Erschrocken hebe ich den Finger, um es abzuwischen, als der Zitronenfalter sich plötzlich in die Luft erhebt und davonfliegt. Schnell springe ich auf, um ihm nachzustellen. Er ist zu flink, entwischt meiner Hand im letzten Augenblick und tänzelt zwischen den Bäumen hindurch.

    Weit bis in den Wald, wo die Bäume dichter stehen und es schwerer wird, ihn mit dem Auge auszumachen, folge ich ihm. Geschickt wie er ist, fliegt er nur so weit davon, dass ich glaube, ihn jeden Moment zu erwischen, nur, um dann einen Haken zu schlagen und in die andere Richtung zu flüchten. Bald erreichen wir eine große Buche, deren Äste sich wie Trittstufen am Stamm nach oben schlängeln.

    Dort macht er halt, umfliegt zweimal den Baum, bevor er sich nach oben schwingt und mir mit einer hakenförmigen Bewegung mitteilt, ich solle ihm folgen. Vorsichtig greife ich den ersten Ast, der nur einige Zentimeter über meinem Kopf hängt und ziehe mich nach oben. Der Falter sitzt jetzt zwei Meter über mir auf einem anderen Ast. In der Hoffnung, ihn zu fangen, hieve ich mich rasch nach oben. Wieder entwischt er mir, lässt sich aber sogleich auf dem nächsten Ast nieder.

    Weiter steige ich den Baum empor, Meter um Meter, der Falter immer nur eine Handbreite entfernt, doch nie nah genug, um ihn zu schnappen. Der Stamm wird dünner, ich werde schwächer, mehr und mehr scheint der Falter mit der Sonne zu verschmelzen. Ich bin so weit oben, dass ich fürchte, die dünnen Äste können mich nicht mehr tragen. Also bleibe ich stehen und richte meinen Blick auf.

    Mein gelber Begleiter fliegt davon, der Sonne entgegen. Ihr grelles Licht raubt mir die Sicht, ich wende mich ab. Als ich wieder hinsehe, drehen sich zwei blaue Lichter um sie. Ich falle. In den Baumwipfeln schreien die Vögel laut wie Sirenen. Ich fliege rückwärts, mit dem Rücken zum Boden. Wieder sehe ich das Rot. Unendliche Schmerzen. Angst.

    Dann komme ich auf, ich lande auf den Füßen, unter mir Asphalt und ich laufe, schnell, sehr schnell, fast wie im Sprint. Das Blau, das Rot verschwinden, wieder sehe ich den Wald, der Weg, auf dem ich laufe, führt direkt hinein. Alles ist normal, Luft strömt durch meine Nase zu meinen Lungen, die Schmerzen haben aufgehört, ich bin nur außer Atem.

    An der Weggabelung, die in den Wald führt, bleibe ich stehen, um mich für einen Augenblick auszuruhen. Alles wirkt so friedlich im stillen Licht der Sonne, die jetzt hoch über mir steht. Plötzlich lässt mich ein Flattern aufsehen. Ein winziger, gelber Schmetterling beschreibt im Flug einen Bogen und zieht an mir vorüber.

    Ich sehe ihm nach und frage mich, wo er hin will. Kurz überlege ich, ihm nachzulaufen. Doch eine seltsame Ahnung hält mich fest. Noch einige Sekunden sehe ich ihm nach und beobachte, wie er im Wald verschwindet. Dann setze ich meinen Lauf fort, ohne zu wissen, wo Schmetterlinge im Frühling hinfliegen.

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  • Home lost Home

    Der Müll der Stadt, die Abgase der Meiler, der Gestank, die zahllosen Menschen überall, die Unruhe, innen wie außen, Lärm von hunderttausend Autos und Straßenbahnen. Leuchtreklame in unzähligen Farben, die um die Gunst der Nachtschwärmer buhlen, die einen mit Sex, die anderen mit Burgern und Alkohol. War es das, was sie bewegte, die Stadt zu verlassen?

    Der Entschluss stand, ihre sieben Sachen passten in einen kleinen Rucksack, der so schwarz war wie ihre Klamotten, wie die Ränder unter ihren Augen von den durchzechten Nächten in dieser krankhaften Zelle menschlicher Vergnügungslust. Ein letztes Mal betrachtete sie ihre kleine Wohnung. An jedem Möbelstück haftete eine Erinnerung. Das Sofa, sie hatte es auf der Straße gefunden, in mühsamer Handarbeit wieder hergerichtet und die meisten Nächte darauf verbracht, wenn sie sich einsam fühlte. Der Tisch in der Küche, aus massivem Holz, von dem sie schon als Kind gegessen hatte und für den sie all ihre Überredungskünste bei ihren Eltern hatte anwenden müssen, um ihn in die neue Wohnung mitnehmen zu dürfen. Das Bett mit dem kaputten Sockel – was waren das für wilde Nächte.

    Seufzend stand sie im Flur, etwas in ihr wollte bleiben und gewann für einen Moment die Überhand. Doch in diesem Augenblick ratterte eine der Straßenbahnen am Fenster vorbei, so dass die Wände wackelten und da wusste sie wieder, weshalb sie weg wollte. Mit ungewissem Gefühl schloss sie die schon etwas abgenutzte Tür, drehte den Schlüssel bis an den Anschlag im Schloss und verweilte noch einige Sekunden. Ihr war der Schuhabtreter ins Auge gefallen. „Home sweet Home“, versprach er. Ein Versprechen, das einst gestimmt haben mochte. Ein Zuhause, einst so gemütlich wie kein anderes in der Straße, so voller Leben und Freude, herrschte dort jetzt die Einsamkeit, als hätte sich ihr Seelenzustand auf ihre Wohnung ausgeweitet. Sie war wie Unkraut, das alle Schönheit um sich herum vernichtete, bis nur noch Unkraut übrig war. Zumindest redete sie sich das ein. Vielleicht war sie auch die Blume, die zwischen Asphalt, geschwärzt von Auspuffgasen, verwelkt war, ein Schatten ihrer selbst.

    In Gedanken versunken schlenderte sie den Gang entlang bis zur Treppe. Eine Kerbe in der Wand erinnerte sie an ihren Einzug, bei dem das Bett die Wand gestreift hatte, wobei der eine Sockel zur Hälfte abgerissen war. Ihre Hand fuhr die Kerbe entlang, ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Es war eine Erinnerung. Zunächst schön und dann unerträglich. So wie alles hier, an dem eine Erinnerung haftete, ihr unerträglich geworden war. Fast so, als hätten sich missmutige Kobolde darin niedergelassen, die sie immer daran erinnerten, dass was war nicht mehr ist. Endlich ließ sie ab, ballte ihre Hand zur Faust, ging die morsche Treppe hinab und trat nach draußen. Wie dunkel es geworden war. Regen prasselte nieder, legte sich wie ein Film vor die Augen und ließ alles in einem melancholischen, grauen Schleier erscheinen. Auf den Boden starrende, teilnahmslose Passanten gingen vorüber. Das Wasser verband sich mit dem Staub des Asphalts zu einem schwarzen Gemisch, das rauschend in die Gullis floss.

    All das schien mechanisch zu passieren, losgelöst von ihr, als wäre sie aus der großen Maschinerie gefallen und verstünde nun nicht mehr, wie sie funktionierte. Die einzige Idee, die sie noch hatte, war wegzugehen, weit weg. Und ihre Füße würden sie schon dorthin bringen. Um nicht nass zu werden, spannte sie ihren kleinen Regenschirm auf, den sie vorhin noch schnell eingepackt hatte und lief los. Oben rauschte eine weitere Straßenbahn vorbei. Für die Passagiere boten die Fußgänger einen bizarren Anblick, sie waren lediglich rundliche Kappen, mal schwarz, mal bunt, mal weiß, die sich wie auf vorgegebenen Pfaden durch die Straßen bewegten, an denen der Regen fast unmenschlich abperlte. Sie waren froh, in diesem Moment nicht dort unten zu sein, froh, noch Menschen zu sein. So einen Schirm hätte auch ihre Seele gebraucht, an dem all das Geschehene einfach abgeprallt wäre. Für jetzt musste sie sich mit dem Schutz gegen den Regen zufriedengeben.

    Immer wieder begegneten ihr Fremde, manch einer ganz verhüllt, der sich in die Etablissements mit den roten Schildern schlich, andere tänzelten trunken im Regen, baten um Geld. Sie verzerrten, verschwammen mit dem Regen und verschwanden darin. Sie hörte und sah nichts, den Blick starr nach innen gerichtet, wo noch dunklere Gestalten in noch dunklere Etablissements wandelten und noch trunkenere Menschen nach Hilfe verlangten. Was blieb ihr auch anderes übrig, sie war schutzlos. Hinter hell erleuchteten Fenster spielten Schatten ein heiles Familienleben nach, aßen, tranken und lachten. Desto länger sie lief, desto mehr dieser Schatten verschwanden in der Dunkelheit, ein Licht nach dem anderen poppte aus.

    Erst jetzt trauten sich die ganz finsteren Gestalten nach draußen. Ihre Wesen waren so duster, dass man sie beinahe nicht sah und durch sie hindurch gelaufen wäre, wenn nicht ein letztes Quäntchen Menschheit ihre Atome zusammengehalten hätte. Ihre lüsternen Blicke wurden eins mit den Leuchttafeln und starrten sie von oben herab an. Sie wäre davongelaufen, wenn sie dies nicht bereits getan hätte und nicht einmal Angst konnte ihre vernarbte Seele mehr aufrütteln. Und so wurde auch sie ein Schatten. Doch nicht wie die anderen, ihre Silhouette noch immer lieblich anzusehen und wunderschön, fast perfekt. Aber mehr als das war sie schon nicht mehr. Nun sprach sie ihre Sprache, verstand ihr undeutliches Murmeln, die Worte hinter vorgehaltener Hand.

    Manch einer, ein ehrlicher Kerl, hätte sie am liebsten angehalten, um zu fragen: „Hey, wie meisterst du dein Leben? Bist du glücklich und zufrieden?“ Die Worte verliefen im Wasser, verloren an Bedeutung und so streunten sie weiter. Autos, scheinbar ohne Fahrer, fuhren vorbei und spritzten Wasser auf den Gehsteig, bevor sie in den Pfützen mit einem langgezogenen Rauschen verschwanden. Etwas klopfte, ein kaputter Stromkasten sprühte Funken. „Zipp, zipp“, entstellte er die Nacht, wich einem metallischen Hämmern. Es waren ihre Herzen, der Strom von den Meilern floss durch sie hindurch. Hupen, Getöse, Gesichter am Laufband, die vorbeiliefen. Rauch einer Zigarette, der von den Regenmassen zu Boden gerungen wurde.

    Aus Bahnunterführungen stiegen Höhlenmenschen aus der Hölle herauf und ahnten nicht, was es bedeutete. Der Regen fiel schräg zur Erde, die Menschen bewegten sich parallel dazu, sie kämpften gegeneinander an. Immer wieder änderte alles seine Farbe, der Regen, er fiel mal grau, mal blau und hinterließ Schwarz, wo er aufkam. An wen hatten die Menschen ihre Macht abgegeben? Und was hatte sie damit zu tun? Versteckten sie sich deshalb unter ihren Regenschirmen, um für einen kurzen Augenblick den allessehenden Augen des großen Schröpfers zu entfliehen? Spielten sie das Hütchenspiel mit ihm, wie der Trickser an der Ecke, so dass er am Ende nicht mehr wusste, unter welchem Schirm sich ein Mensch befand?

    Nein, sie folgte noch ihrem eigenen Willen, während die anderen ertranken in ihrer Liederlichkeit. Es war eins nach zwei, verriet die weiße Uhr am Bahnhofsgebäude. Ein letzter Blick, sie zog die Kapuze ihres Pullovers tief ins Gesicht, warf die aufgerauchte Zigarette auf die Straße und verschwand hinter dem Bahnhof. An einem Gleis sah man sie stehen, verloren, die Uhr fixiert. Was blieb war eine Sehnsucht, die weder Heimat noch Ferne stillen konnten.  

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  • Wem ich im Wald begegnete…

    Ich bog gerade vom asphaltierten Weg in den Trampelpfad runter zum Wald ab, als ich in der Ferne das erste Donnergrollen hörte. Als ich nach oben sah, war der bis eben noch strahlend blaue Himmel schon zur Hälfte mit dicken Gewitterwolken verhangen. Ihr Grau war so schwer und voll, dass es nur noch Sekunden dauern konnte, bis sie sich über mir ausgießen würden.

    Statt umzudrehen, zog ich das Tempo an. Vielleicht, dachte ich, könnte ich das aufziehende Gewitter noch überholen, wenn ich nur schnell genug lief. Zwischen den Bäumen wehte der Wind bereits die kalte Luft hindurch, die die Wolken mit sich brachten. Mit jedem Atemzug roch es mehr nach Regen. Die Vögel flatterten nervös durch die Baumkronen, uneinig, ob ich oder der Sturm sie mehr beunruhigen sollten. Jeder meiner Schritte scheuchte sie scharenweise aus den Büschen und Sträuchern.

    Nach einigen Metern, als hätten sie sich abgesprochen, war es plötzlich ganz still, zwischen jedem Auftritt meiner Füße und jedem knackenden Ast schien ein Vakuum zu entstehen. Dann krachte in der Ferne ein gewaltiger Blitz vom Himmel, gefolgt von einem einsamen Regentropfen, der sich auf meinem Kopf mit meinem Schweiß vereinigte und langsam über meine Wangen hinunterlief, an meinem Kinn abperlte und schließlich von meinem T-Shirt aufgesogen wurde.

    Der Weg vor mir schlängelte sich am Hang entlang zwischen den Fichten und Birken hindurch, ich lief in einer der Spurrillen der Traktoren, die hier ab und zu die Stämme aus dem Wald zogen. Die Mitte des Weges war überwuchert mit Gräsern und kleinen Sträuchern. Das langsame, ungleichmäßige Tapsen der Regentropfen wurde immer lauter, bis ich die Nässe trotz meines Tempos auf mir fühlen konnte.

    Das Dorf war zu weit weg, um es noch vor dem Gewitter zu erreichen. In Gedanken ging ich meine Optionen durch, die aufgrund meiner exponierten Lage nicht sehr zahlreich waren. Zum Glück erinnerte ich mich an eine alte Wanderhütte, die nicht weit von hier am Wegesrand stand und mir Schutz bieten könnte, bis das Gewitter weitergezogen war. Als hätten meine Beine nur auf den Befehl gewartet, schoben sie mich mit einer ungeahnten Kraft nach vorne und ich erreichte die Hütte noch bevor es richtig losgegangen war. Mit einem großen Hechtsprung rettete ich mich ins Innere und sah zu, wie sich ein grauweißer Regenschleier zwischen mich und den Wald schob.

    Von da an verfiel der Himmel in eine polternde, grollende Raserei und schoss im Minutentakt feurige Blitze auf die Erde. Es dauerte nicht lange, bis sich der Pfad vor der Hütte in ein Rinnsal verwandelt hatte, in dem Blätter und kleinere Äste ins Tal hinabgeschwemmt wurden. An den Pfosten des Eingangs gestützt sah ich dem Spektakel zu, während ich langsam zu einem normalen Atemrhythmus zurückfand.

    Ich lehnte den Kopf ans Holz und begann nachzudenken. Irgendwie war ich nun doch froh, nicht sofort nach Hause gelaufen zu sein. Noch nie zuvor hatte ich ein Gewitter so nahe und intensiv erlebt, die Veränderung, die es über den bis vor wenigen Minuten noch staubtrockenen Wald gebracht hatte, war fast so dramatisch, wie der Wechsel von Winter zu Frühling. Von hier drinnen blickte ich auf eine andere Welt, als die, aus der ich gekommen war. Wo eben noch die Vögel gesungen hatten, schimpfte nun der Donner und wo ich eben noch Akteur gewesen bin, war ich nun Zuschauer.

    Ich suchte ein Muster im Regen, der in verschiedene Richtungen zu fallen schien, doch immer, wenn ich ihn zu entlarven drohte, wechselte er die Richtung. Dort war kein Verständnis, nur die pure Schönheit der Natur. Nachdem ich noch eine Weile dagestanden hatte, machte ich einige Schritte zurück, weil das Spritzwasser an den Füßen allmählich kalt wurde. Die Temperatur war gefühlt um zehn Grad gefallen.

    Ich setzte mich auf die Leiste an der Wand, zog die Beine an und beobachtete weiter den Regen. Meine Aufmerksamkeit war die ganze Zeit über so von den Ereignissen vor der Hütte eingenommen gewesen, dass ich gar nicht bemerkte hatte, was sich im Inneren abspielte. Ich war nicht allein. Mit einem Mal begegnete meinen Augen ein zweites Paar, dass mich unwillkürlich zusammenzucken ließ. Genau in diesem Moment ertönte ein ohrenbetäubendes Donnern am Himmel, sodass mir das Herz in die Hose rutschte und ich die Augen aus dem Blick verlor.

    Es dauerte kurz, bis ich mich gesammelt hatte und sie wiederfand. Sie hatten sich nicht von der Stelle gerührt. Als sich unsere Blick trafen, spürte ich, wie eine unangenehme Empfindung durch meinen Körper schoss. Das waren keine Menschenaugen, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Mein Hirn arbeitete auf Hochtouren, um dieses Wesen mit allen mir bekannten heimischen und fremden Tierarten abzugleichen, um meine Angst zu rationalisieren.

    Leider konnte es nichts finden und Angst schien genau die richtige Emotion zu sein, um mit dieser Situation umzugehen. Der einzige Fluchtweg führte mich direkt zurück ins Ungewitter, wo die Gefahr, von einem Blitz getroffen zu werden, keine befriedigende Alternative bot, zumal mich meine Furcht regelrecht lähmte. Der Blick dieses Dings bannte mich an Ort und Stelle. Wenigstens rührte es sich nicht, es hockte dort, mit seinen durchdringenden Augen und starrte mich an, als wäre ich gar nicht da.

    Flucht war keine Option, um ihm zu entkommen. Nicht nur ich realisierte das, sondern auch mein Unterbewusstsein. Das Adrenalin, das durch meinen Körper floss, ließ mich den Raum nach einer Waffe absuchen, einem Stock oder einem Stein, um im Notfall auf das Wesen einschlagen zu können oder mich wenigstens zu wehren. Doch die Hütte war leer, bis auf einen rostigen Mülleimer, der an einen Pfosten geschraubt war, befand sich nichts darin. Ich war ihm hilflos ausgeliefert, genauso hilflos, wie ich den Blitzen ausgeliefert gewesen wäre, hätte ich mich nach draußen geflüchtet.

    Währenddessen war mein Blick die ganze Zeit auf dieses Ding gerichtet, das mich mit einer scheinbar teilnahmslosen Gleichgültigkeit beäugte. Dort war keinerlei Angst in seinen Augen zu sehen, es war fast so, als wolle es in Ruhe gelassen werden. Trotzdem maß ich es mit dem Auge ab und versuchte meine Chancen in einem Zweikampf abzuschätzen. Schnell begriff ich, dass es mich in in Stücke reißen würde, käme es tatsächlich zum Äußersten.

    Nicht eine Sekunde brach unser Blickkontakt ab, seit ich es bemerkt hatte, stand ich unter Vollspannung. Komischerweise wünschte ich mir in diesem Moment, nie vom Türrahmen weggetreten zu sein. Vielleicht hätte ich so das Gewitter abwarten können, ohne jemals von dieser Kreatur Kenntnis zu nehmen. Dafür war es jetzt zu spät, ich konnte meinem Bewusstsein nicht befehlen, es zu ignorieren.

    Wie wild pumpte mein Herz Blut durch meine Venen. Ich war bereit für alles und nicht im Stande, irgendetwas zu unternehmen. Langsam wich die Angst Abscheu, mein außer Kontrolle geratenes Hirn dachte sich die fiesesten Beleidigungen für dieses hässliche Etwas aus und versuchte sich so von der angsteinflößenden Realität abzulenken. Es klappte, für vielleicht zehn Sekunden, dann holte mich mein Sehsinn zurück. Ich konnte nicht fliehen, nicht kämpfen, es nicht ignorieren oder denunzieren.

    Unterdessen tobte draußen das Unwetter weiter, als wolle es auf sich aufmerksam machen. Nichts davon drang zu mir vor, bis auf die Frage, wie lange so ein Wolkenbruch in der Regel dauerte. Eine halbe Stunde? Eine Stunde? Wie viele Gedanken passen in eine Stunde? Wäre es schlimmer vom Blitz erschlagen oder von diesem Vieh getötet zu werden? Immer wieder folgte ich wahllos irgendwelchen Gedanken, bis ich kurz davor war, meine Situation zu verdrängen, nur, um dann sehr unsanft durch diese zwei kalten Augen daran erinnert zu werden, wo ich war und mit wem ich dort war.

    Die einzige Bewegung, die ich mich traute zu machen, war das unvermeidliche Zwinkern meiner Augen. Ich atmete so flach, dass sich mein Bauch kaum wölbte, aus Angst, seine Aufmerksamkeit unnötig zu erregen. Allmählich fühlte ich eine bizarre Sicherheit in mir aufkeimen, die daraus entstand, dass ich es anstarrte. Solange sich unsere Augen begegneten, dachte ich, waren wir in einer Pattsituation. Meine Augen waren überdies die einzigen Muskeln, über die ich noch Kontrolle hatte, der Rest schien zu machen, was er will.

    Trotz dieser Gebanntheit legte ich mir den Plan zurecht, sofort loszulaufen, wenn der Regen und die Blitze aufgehört hatten. Die Nähe zur Tür würde mir zumindest einen kleinen Vorsprung geben, den ich nutzen müsste, um direkt kehrt zu machen und den Abhang hinter der Hütte hinunterzusprinten, sodass ich mich auf die Straße unten im Tal retten könnte. Den Hang hinunter durchs Gestrüpp würde ich es vielleicht abhängen können, malte ich mir aus. Desto mehr ich über den Plan nachdachte, desto stärker fühlte ich die Ohnmacht in meinen Knochen.

    Sein Blick war so fesselnd, dass er keinerlei Aktion zuließ. Ich traute mich nicht mal, mein Handy aus der Tasche zu fischen, um einen Notruf abzusetzen. Jede Bewegung hätte mein Ende bedeuten können. All das schien mir mit einem mal so absurd, dass ich kurz auflachte. Ein kurzes, abgehacktes „Ha“ presste sich in die laute Stille zwischen mich und es und ließ mein Herz für zwei Schläge aussetzen. Reue, Angst, Panik. In seinen Augen glaubte ich eine winzige Regung erkannt zu haben, die mich dazu veranlasste kurz zu zucken.

    War es real? War nicht die Chance größer, dass ich verrückt war, als dass ein solches Wesen mir tatsächlich gegenübersaß? Wie um meine Theorie zu verifizieren, streckte ich mein rechtes Bein von mir, da es kurz davor war einzuschlafen und stellte mit Entsetzen fest, dass es meinem Fuß folgte mit seinem Blick. Nein, es war zu lebendig, um meiner Fantasie entsprungen zu sein. Ich musste es aussitzen und abwarten, wie das Reh, dass vor lauter Schreck direkt in den Lauf des Gewehrs sieht kurz bevor der Schuss fällt und es niederstreckt.

    Vielleicht lag in dieser Reaktion Akzeptanz, die Hinnahme des Unabwendbaren. Aber was war das eigentlich? Dieser Gedanke war noch schrecklicher, als sich an die schwindende Hoffnung zu klammern, dass doch noch alles gut werden würde. Minuten vergingen, eine kleine Ewigkeit, ohne dass sich einer von uns beiden regte. Das Gewitter schien derweil abzuflauen und zog langsam Richtung Westen weiter. Was ich mir vorhin noch herbeigewünscht hatte, fühlte sich jetzt wie mein sicheres Todesurteil an, da ich glaubte, es sei mein einziger Schutz vor diesem Wesen.

    Und mit jedem Tropfen weniger der vom Himmel fiel, wurde ich ein Stück panischer, bis sich ein einsamer Sonnenstrahl durch ein Astloch in der Wand zu uns in die Hütte verirrte. Er fiel direkt auf den Boden, um anzukündigen, dass es nun vorbei war. Nur für wen? Meinen Plan, abzuhauen, hatte ich längst über den Haufen geworfen, meine Beine waren weich wie das nasse Laub vor der Hütte. Urplötzlich merkte ich, dass die Augen, die mich bislang fixiert hatte, nicht mehr dort waren, wo sie hingehörten.

    Das Wesen hatte sich erhoben und stand nun vor mir. Nicht in der Lage mich zu bewegen, betete ich jedes Gebet, das ich als Kind gelernt hatte und versuchte meinen Frieden zu finden, als es unversehens an mir vorbei zum Türrahmen trat und für einen Augenblick nach draußen sah. Der Regen hatte so gut wie aufgehört. Da drehte es sich um und warf mir einen seltsam versöhnlichen Blick zu, trat hinaus, sah nach links, sah nach rechts, und ging in dieser Richtung fort.

    Ich lauschte dem Platschen seiner Schritte im Matsch, bis ich ganz sicher war, sie nicht mehr zu hören. Erst dann traute ich mich aufzustehen und vorsichtig zum Türrahmen vorzulaufen. Die Sonne schien mir entgegen und blendete mich. Mit der Hand vor den Augen lugte ich aus der Hütte und scannte den Wald ab. Nichts als triefende Bäume, Pfützen und einige mutige Vögel, die sich wieder herausgewagt hatten.

    Im Matsch glaubte ich einen Fußabdruck zu erkennen, doch die Angst war zu groß, um ein Foto zu machen. Überall im Gebüsch vermutete ich seine Augen und als sich einen Fluchtweg ausfindig gemacht hatte, sprintete ich los. Ich lief an der Hütte vorbei, streckte einen Arm aus, um mich mithilfe eines Baumes zu drehen und sprang den Hang hinunter. Mit großen Schritten nährte ich mich dem Tal.

    Bald hörte ich die rettende Straße unter mir. Ohne auf den Verkehr zu achten, sprang ich aus dem Gebüsch und wäre beinahe von einem Auto erfasst worden. Die Frau konnte gerade noch bremsen, aber touchierte mich leicht mit ihrer Stoßstange. Sofort riss sie die Tür auf und brüllte mich an. Noch völlig außer Atem hob ich den Kopf, sah sie an und war froh am Leben zu sein. 

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    Ich war ein fauler Sack. Es war 2058 und ich hatte es zu nichts gebracht. Also strengte ich mich ein Mal in meinem Leben an und erfand eine Zeitmaschine. Ich beschloss, 40 Jahre in die Vergangenheit zu reisen, um meinem jungen Ich ordentlich in den Arsch zu treten. Die Zeitmaschine hatte noch einige Kinderkrankheiten und spuckte mich direkt auf der örtlichen Mülldeponie aus. Ich landete im Altpapiercontainer, fischte eine Zeitung unter meinem Hintern hervor und war erleichtert zu sehen, dass ich tatsächlich im Jahr 2018 angekommen war. Danach verfluchte ich meine Zeitmaschine, schlug ein paar Mal heftig mit der Faust auf das Metallgehäuse und versteckte sie hinter dem Container.

    Zeit, mein altes Ich zu suchen, diesen faulen Sauhund. Ich ging die Dorfstraße entlang, alles war wie früher, die Vergangenheit hatte sich auch nach vierzig Jahren nicht verändert. Schließlich fand ich das Haus meiner Eltern, in dem ich damals gewohnt hatte. Ein nichtssagendes, weißgestrichenes Haus mit rotem Dach, dass in den 90er Jahren mal modern gewesen war. Es war Mittag, das heißt, ich lag gerade mit der Hand in der Hose auf der Couch. Mit einem Anflug von Nostalgie betätigte ich die antik wirkende Klingel, die man noch mit der Hand eindrücken musste. Drinnen tat sich nichts, das Klingeln verhallte.

    „Dieses faule Stück Scheiße!“, dachte ich, lief einmal ums Haus und sah zu meinem Fenster im zweiten Stock hoch. Ich nahm einen Stein aus dem Blumenkübel neben den Mülltonnen und schleuderte ihn mit voller Wucht gegen das Fenster. Schnell verdrückte ich mich um’s Eck und klingelte erneut. Dieses Mal war Bewegung zu hören. Jemand knallte ein Fenster zu und kam hastig die Treppen runtergeschlurft. Selbst in der Eile war er faul. Die Tür ging auf.

    Da stand er, die fleckige Jogginghose saß so schlecht unter seinem Bauchansatz, dass einige Schamhaare hervorblickten. Die fettigen, schwarzen Haare hingen achtlos ins Gesicht hinunter. Er roch nach Pommesfett und sesselfurzender Faulheit.

    „Du pickeliges, stinkendes Faultier! Geh doch an die Tür, wenn es klingelt!“

    „Fick dich, Arschloch! Was willst du überhaupt?“

    „Mann, ich bin du! Auch wenn du ziemlich hässlich bist.“

    „Ach so…selber hässlich.“

    „Ich bin aus der Zukunft gekommen.“

    „Und?“

    „Und? Und! Ist das alles, was du darauf zu sagen hast? Ich will dir in den Arsch treten, du Taugenichts. Jetzt lass mich rein.“

    Ich schob mich an ihm vorbei in den Flur. Seine ausdruckslosen Augen hafteten auf mir.

    „Was? Mach die Tür zu!“

    „Du siehst ja aus wie ich…“, stellte er fest, ohne die Tür zuzumachen.

    „Glückwunsch: so fühlt sich denken an!“

    „Jop…“, erwiderte er und machte endlich die Tür zu.

    „Ich bin quasi ein Fremder und du lässt mich einfach rein. Du spielst auch mit meinem Leben, ist dir das klar?“

    „Nö, du lebst doch, alles easy.“

    „Okay, pass auf, Sherlock Holmes, ich will, dass du mal nicht so’n Loser wirst wie ich. Also krieg dein Leben in Ordnung und mach was aus dir.“

    „Das neue Red Dead ist gerade rausgekommen.“

    „Du wirst in den nächsten zehn Jahren keinen Sex haben.“

    „Gibt Pornos…“

    „Jeder deiner Chefs wird dich feuern.“

    „Pfff, arbeiten ist für Spießer, ich studier einfach irgendwas.“

    „Zeig mir dein Zimmer!“

    Mein junges Ich drehte sich wortlos um und schleppte seinen verfallenen Körper die Treppen hoch. Ich folgte ihm, seine halb heraushängende Arschritze zwang mich, mein Shirt über die Nase zu ziehen. Das Zimmer war noch so, wie ich es in Erinnerung hatte. An der Wand hing das Bild von seiner rechten Hand, die darauf aussah wie eine dickbusige blonde Frau. „Das ist geschmacklos“, bemerkte ich, das Poster betrachtend. Ich sah zu ihm. Seine Hand war in der Hose verschwunden. Er ließ einen Furz, während er mich mit seinem hohlen Blick fixierte.

    „Hast du einen Schlaganfall?“, warf ich ihm entgegen. „Nimm die Hand aus der Hose und wasch sie verdammt nochmal!“

    Er ging zum Waschbecken und ließ Wasser darüber laufen. „Mit Seife!“, rief ich wütend. Ich musste mich setzen, auf der Couch war zwischen müffelnden Klamotten und vollgewichsten Papiertüchern noch ein bisschen Platz. Die Klamotten würde ich verbrennen müssen, dachte ich. „Also“, begann ich, nachdem er sich neben mich gesetzt hatte, „was wirst du tun?“
    Er zuckte mit den Schultern, griff nach dem Controller seiner Playstation und nahm das Spiel wieder auf, bei dem ich ihn unterbrochen hatte. Zum Glück war selbst seine Schamgrenze damals zu hoch gewesen, um sich mittags einen runterzuholen. Meine Frage völlig verdrängt, fragte er schließlich: „Wie schmeckt die Cola in der Zukunft?“

    „Weniger süß…was? Ich hab dich was gefragt!“

    „Nächste Woche schreib ich mich an der Uni ein…“

    „Wirst du nicht! Dein Informatikstudium wirst du nach zwei Semestern abbrechen.“

    „Dann mach ich halt was anderes.“

    „Von wegen, danach hängst du zwei Jahre hier in deinem ekelhaften Zimmer rum, wirst beinahe depressiv und fängst schließlich bei der Post an.“

    „Immerhin machen die was Sinnvolles.“

    „Was glaubst du, wie viele Menschen es in der Zukunft gibt?“

    „Zehn…“

    „Zehn Milliarden?“

    „Nö, einfach zehn.“

    „DU GLAUBST, DASS ES IN DER ZUKUNFT NUR ZEHN MENSCHEN GIBT? WER HAT DIR INS HIRN GESCHISSEN?“

    „Kann doch sein, nukleare Vernichtung und so.“

    „Hör mal, ich bin doch nicht extra hier hergereist, um mir so eine Scheiße anzuhören.“

    „Wie bist du eigentlich hergekommen?“

    „Ich hab eine Zeitmaschine erfunden!“

    „Warte“, sagte er auf einmal ganz aufmerksam, pausierte das Spiel und sah mich nachdenklich an. Sein Hirn tat ihm den seltenen Gefallen, mal zu funktionieren.
    „Du sagst mir, du hast eine Zeitmaschine erfunden?“

    „Ja.“

    „Bist du dumm? Du könntest Trilliardär sein, wenn du die verkaufst!“

    Er riss mich an den Armen und schüttelte mich. Ich schob ihn weg und sah ihn aufmerksam an.

    „Hast recht!“, rief ich plötzlich ganz aufgeregt.

    „Voll geil! Wir sind reich!“

    Mit einem Mal fielen wir uns in die Arme, sprangen auf und tanzten durch’s Zimmer, während wir uns gegenseitig zu unserem unverhofften Reichtum gratulierten. Da wir beide die Kondition einer hundertjährigen Schildkröte hatten, fielen wir nach fünf Minuten erschöpft auf’s Sofa. „Wir müssen einen Plan machen, wie wir beide davon profitieren“, stellte ich fest, nachdem sich mein Atem wieder beruhigt hatte.

    „Ja, Mann…“

    „Ist das Red Dead?“, bemerkte ich, als mein Blick eine Weile auf dem Bildschirm verweilt war.

    „Jop, gerade rausgekommen…“

    „Ich erinner mich, das war ein geiles Spiel.“

    „Willst du mitspielen? Ich hab zwei Controller.“

    „Klar.“

    Er steckte den zweiten Controller ein und wir zockten eine Weile. Irgendwann fiel die Sonne hinter uns vom Himmel, was mein Magen als Zeichen erkannte, Hunger anzumelden.

    „Junge, ich hab Hunger.“

    „Mama kommt bald, bringt Pizza mit.“

    „Cool. Hoffentlich mit extra Käse.“

    „Wie ist sie so in der Zukunft?“

    „Tot.“

    „Ach so.“

    „Ja, komm, wir zocken noch ne Runde.“

    „Was ist mit der Zeitmaschine.“

    „Ach, heute schaffen wir das eh nicht mehr.“

    „Hast recht.“

    „Wir sind echt schlau.“

    „Richtige Füchse“, stellte er stolz fest und kratzte sich an den Eiern.

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  • Minifurz und der lange Sommer

    Maxi, Cem und Jan streiften ziellos durch die Straßen Nordstettens. Die Sommerferien waren nun an einem Punkt angelangt, an dem sie zäh wurden und die Jungs sich insgeheim wünschten, wieder zur Schule gehen zu dürfen. Natürlich hätten sie das niemals untereinander zugegeben und so blieb es nur ein Gedanke. Einer von vielen an diesem zwar wolkenbehangenen, aber schwül-heißen Tag im September. Obwohl sie schon so viel erledigt hatten, schien der Tag immer noch endlose Stunden übrig zu haben. Sie waren oben am Wasserturm gewesen, hatten vergeblich versucht, die Kühe auf der Wiese unterhalb mit Gras zu füttern, haben einige Runden Versteckverbrennen auf dem Schulhof gespielt und Dreckklumpen über die hohe Hecke des Rektors geworfen, der den ganzen Sommer bei Verwandten in der Schweiz verbrachte.

    Nichts davon hatte die erhoffte Befriedigung gebracht, ohne die sie nicht nach Hause gehen wollten. Sonst wäre es ein verschwendeter Tag gewesen und es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass nicht ein Tag, den man draußen mit den anderen Jungs verbringen konnte, verschwendet werden durfte. Maxis abgelatschte Sohlen schlürften über den von der trüben Sonne erwärmten Asphalt. Cem zog einen kleinen Ast durch die fein säuberlich getrimmten Hecken an den Gärten und Jan fummelte an einem Loch in seiner Hosentasche, das immer weiter aufriss. Wie von Geisterhand gelenkt, bogen sie in die Habspergstraße ein, der sie bis zum Spielplatz folgten, wo Maxi schließlich vorschlug, auf die Schaukeln zu sitzen.

    Der kleine Spielplatz lag inmitten der Wohngebäude und wurde von deren Gartenzäunen und Hecken eingefriedet. Neben zwei Schaukeln gab es eine Wippe, eine rote Rutsche, von der bereits der Lack abblätterte und eine Sitzbank für die Eltern. Maxi und Cem sprinteten schnell zu den Schaukeln. Jan, der zu langsam gewesen war, musste sich mit der Rolle des Anschuckers zufriedengeben. Immer, wenn einer der beiden in der Rückwärtsbewegung in seine Reichweite gelangte, verpasste er ihm einen starken Stoß.. „Stärker“, feuerte ihn Maxi an, der unbedingt einen Überschlag schaffen wollte. Cem war nicht ganz so übermütig und schwang mit Absicht nicht so stark mit den Füßen wie er, um nicht die Kontrolle zu verlieren.

    Also konzentrierte sich Jan nur noch auf Maxi. Seine kurzen Arme hatten alle Mühe, die Schaukel in der Aufwärtsbewegung zu fassen zu bekommen, doch er schob sie mit aller Kraft nach vorn, angespornt von Maxis wilden Rufen. Bald war Maxi so hoch, dass sich die Kette der Schaukel beinahe auf Höhe der haltgebenden Stange befand. Jan reichte nicht mehr hin und machte in weiser Voraussicht einen Schritt zur Seite. Bei der nächsten Aufwärtsbewegung war der Anschub zu groß, Maxi, der Jan schon zurufen wollte, dass er wieder an seinen Platz gehen soll, kam ins Straucheln und wurde unsanft zurückgeworfen. Nicht, dass ihm das etwas gemacht hätte. Im Gegenteil, stolz verkündete er: „Jetzt spielen wir hauen!“
    „Nein“, schrie Cem, doch da war es schon zu spät. Maxi hatte die Schaukel mit einer Drehung seines Körpers so aus der Bahn gebracht, dass sie in Richtung Cem ausgebrochen war und er ihm einen Klaps auf den Rücken verpassen konnte. Einen lauten Klaps, der über den ganzen Spielplatz hallte. „Au!“, brüllte Cem verärgert, gefolgt von dem triumphierenden Freudenschrei seines Kumpels. Jan stand daneben und begann zu kichern. Jetzt streckte auch Cem die Hand aus, verfehlte Maxi allerdings um wenige Zentimeter, weil der seinen schlanken Körper geschickt nach rechts wegduckte. Er war der unangefochtene Champion in diesem Spiel, was wahrscheinlich daran lag, dass er es erfunden hatte und es jedes Mal aus dem Nichts heraus einleitete, sodass seine Gegner keine Chance hatten, sich zu wehren.

    In Cems Gesicht zeichnete sich ein rachsüchtiges Schmunzeln ab. Geschickt sprang er von der Schaukel, machte auf der Stelle kehrt und packte Maxis Schaukel an der Kette, noch bevor dieser realisieren konnte, wie ihm geschah. Die Schaukel kam heftig ins Straucheln, stieß gegen den Pfosten und warf Maxi unsanft der Länge nach auf den Boden. Mit einem dumpfen Knall landetet er auf der rauen Gummimatte. Jeder andere hätte einen Moment gebraucht, um sich zu sammeln. Nicht aber Maxi, er richtige sich in Sekundenschnelle auf und preschte auf Cem los. Die Wucht reichte aus, um ihn zu Boden zu bringen, wo die beiden sich durch das Gras rollten und sich wüste Ausdrücke an den Kopf warfen. Jan stand völlig perplex daneben und wusste nicht, ob er lachen oder einschreiten sollte. Schließlich entschied er sich zur Intervention, stürmte auf den Menschenknäuel zu und zog an Cems Schultern, der aufgrund seiner Größe längst die Oberhand gewonnen hatte und auf Maxi hockte.
    „Geh runter!“, brüllte Maxi.
    „Nein! Lass mich los, Jan!“, schimpfte Cem.
    „Hört auf!“, versuchte Jan zu schlichten. 

    Schließlich schaffte es Jan, Cem aus dem Gleichgewicht zu bringen und stürzte rücklings mit ihm zu Boden. Maxi, der jetzt frei war, nutzte die Chance und sprang sogleich auf Cem, ohne Rücksicht auf Jan zu nehmen, der unter ihm lag. Die drei bildeten einen Haufen aus um sich schlagenden Armen und Beinen, die man als Außenstehender nur schwer voneinander hätte unterscheiden können. Dazwischen waren immer wieder fiese Beleidigungen zu hören, wenn es einer von ihnen schaffte, die Hand des anderen aus dem Mund zu bekommen oder den Kopf für einen Moment aus dem Gras zu heben. So eingenommen von ihrer Rauferei, merkten sie gar nicht, dass jemand anderes den Spielplatz betreten hatte. Erst das Quietschen der Schaukelketten ließ sie für einen Moment innehalten und nachsehen, wer es wagte, da, so unbehelligt von ihrem Streit, die Schaukeln in Anspruch zu nehmen.

    Als sie realisierten wer es war, ließen sie schnell voneinander ab und flüchteten reflexartig hinter die Rutsche. Aus sicherer Entfernung bestätige sich ihr erster Eindruck. Der Streit war auf einmal wie weggefegt, ihr Zorn von einem anderen Gefühl ersetzt: Bewunderung. Denn es war nicht irgendwer, der da auf der Schaukel saß. Nein, es war die schöne Lena, in die alle Jungs in der Klasse verliebt waren. Mit weit aufgerissenen Augen beobachteten sie ihre blonden Haare, die von der Bewegung der Schaukel in alle Richtungen geworfen wurden. Dieselben Haare, die sie jeden Tag in der Schule aus den hinteren Reihen anhimmelten. Dieser Moment wäre so perfekt gewesen, wenn da nicht ein gewisser Störfaktor ihre Sicht getrübt hätte. Ein anderes, braunhaariges Mädchen saß auf der ihnen näher gelegenen Schaukel und verdeckte, wenn beide in der Mitte kurz auf gleicher Höhe waren, für einen Moment den Blick auf Lena.
    „Ist das Minifurz?“, flüsterte Maxi mit etwas Abscheu in seiner Stimme.
    „Ja!“, stimmte ihm Cem zu.
    „Jaaa!“, pflichtete ihnen Jan bei.

    Minifurz, die eigentlich Aileen hieß, hatte sich diesen wenig ruhmvollen Namen verdient, weil sie einmal im Unterricht, als es ganz still gewesen ist, ein quietschendes, zischendes Geräusch von sich gegeben hatte, woraufhin sie auf der Stelle von Timo umgetauft worden war. Aileen war ein schüchternes Mädchen, das sich im wahrsten Sinne des Wortes im Schatten von Lena bewegte und sich nur mitteilte, indem sie eben jener etwas ins Ohr flüsterte, das durch deren Mund dann an die Öffentlichkeit weitergegeben wurde. Sie mochte als schön gegolten haben, hätte sie der Spitzname und die biedere Art, in der sie ihre Mutter anzog, nicht so abstoßend gemacht. Mit ihren Zöpflein und der kleinen grünen Brille sah sie aus wie eine akkurat hergerichtete Sammlerpuppe, die gerade in einem verstaubten Ausstellungsschrank eines gruseligen Sammlers zum Leben erwacht war.

    Die Jungs waren sich unsicher, ob die Bewunderung für Lena oder die Abscheu gegenüber Minifurz überwog. Wäre sie alleine gewesen, hätten sie sie sofort vom Spielplatz verjagt, aber so war sie der einzige Grund für Lena hier zu sein. Sonst spielten die Mädchen nie hier, es war das erste Mal, dass die Jungs sie dort angetroffen haben. Von daher mussten sie das Übel in Kauf nehmen. Sie steckten die Köpfe zusammen und schmiedeten einen Plan, wie sie sich ihnen nähern könnten. Jan schlug vor, etwas zu trinken zu holen, um es ihnen anzubieten. Doch Cem warf berechtigterweise ein, dass sie bis dahin längst hätten verschwunden sein können. Maxi kam auf die Idee, die Mädchen anzuschieben, so, wie Jan vorhin sie angeschoben hatte. Das schien allen eine vernünftige Idee zu sein. Vorsichtig gingen sie in Richtung Schaukel, völlig unbeachtet von den Mädchen. Als sie schließlich direkt davor standen, sagten sie fast im Chor: „Hallo!“

    Minifurz beäugte sie kritisch, erwiderte ihre Begrüßung allerdings nicht. Lena, deren Sommersprossen an jenem Tag besonders schön aussahen, grüßte etwas verhalten zurück. Die Konversation kam ins Stocken. Die Jungs traten verlegen das Gras platt und die Mädchen schaukelten scheinbar ungestört weiter. Da sagte Maxi endlich: „Wenn ihr noch ein bisschen höher schaukelt, könnt ihr über die Hecke von dem Garten da kucken.“

    Die Jungs waren stolz auf ihren Kumpel für diesen grandiosen Vorwand, die Mädchen anzuschieben. Doch sie hatten die Rechnung ohne Minifurz gemacht. Im Vorbeischaukeln flüsterte sie ihrer Freundin etwas zu, das diese sogleich an die Jungs weiterleitete: „Und was ist da?“
    „Ähh“, stutze Maxi, der auf diese Frage nicht vorbereitet gewesen war.
    „Ein…“, begann Cem einen Satz, den er angesichts Lenas neugierigem Blick nicht vollenden konnte.
    „Der hässlichste Hund der Welt!“, kam ihnen Jan zur Hilfe, der überrascht von seinen Kumpels angestarrt wurde.
    „Ja!“, pflichtete ihm Cem bei.
    „Der ist so hässlich, dass ich kotzen musste!“, spann Maxi die Lüge weiter. „Der sieht ungefähr so aus“, ergänzte er und schnitt eine hässliche Grimasse.
    „Genau“, verkündete Jan und schnitt ebenfalls eine Grimasse. Cem macht ein schiefes Gesicht und streckte die Zunge raus.
    „Der sieht aus wie Frau Eberle“, krönte Maxi das Ganze.

    Jetzt wurden die Mädchen aufmerksam. Lena begann ein bisschen zu kichern. Minifurz schwieg, deutete durch ihren Blick aber Interesse an.
    „Wenn wir euch anschieben, könnt ihr drüber kucken“, sagte Jan.
    „Na gut. Ich will den hässlichen Hund sehen“, gab Lena schließlich nach. Minifurz nickte ebenfalls, woraufhin sich Jan und Cem hinter die Schaukeln begaben. Da Jan näher bei Lena gestanden hatte, durfte er sie anschieben, was ihm Cem mit einem abfälligen Blick zu vermiesen versuchte. Maxi blieb vor der Schaukel stehen und zog Grimassen, während die beiden begannen, die Schaukeln anzuschieben. Als die Mädchen immer höher getragen wurden, drohte ihr Schwindel aufzufallen. Cem warf Maxi einen bedeutenden Blick zu. Der verstand und begann Witze zu erzählen. „Was passiert, wenn ein Cowboy zum Friseur geht?“, kramte er einen alten Witz aus der Tiefe seines Bewusstseins hervor. Offenbar schienen die Mädchen ihn noch nicht zu kennen.
    „Was denn?“, fragte Lena neugierig.
    „Er verliert sein Pony“, erwiderte Maxi und prustete los.
    „Haha, gar nicht witzig!“, verspottete ihn Lena, doch Minifurz musste schmunzeln.
    „Minifurz findet’s witzig!“, warf Maxi ein und sofort schlug die Stimmung um.

    Er fing sich einen hasserfüllten Blick von ihr ein und Lena kam ihrer Freundin zur Hilfe, indem sie sagte: „Sie heißt Aileen. Nenn sie nicht Minifurz, du Doofi.“
    Die Jungs hinter der Schaukel wussten, dass ihr Tagtraum sich nun jeden Moment auflösen würde. Als hätte Maxi ihre Gedanken gelesen, beleidigte er Lena als blöde Kuh. Ihr kleines Gesicht faltete sich zu einem einzigen Ausdruck des Vorwurfs und der Abscheu zusammen. „Stopp!“, rief sie. Cem und Jan hörten auf, die beiden anzuschieben. 

    „Da ist gar kein hässlicher Hund hinter der Hecke. Oder doch…du bist der hässliche Hund!“, rächte sie sich für die Beleidigung an Maxi. Das „Trrrrrr“ von vier kleinen Füßchen, die über die Gummimatten rieben, um zu bremsen, erfüllte für einen Moment die Stille, in der sich beide Parteien weitere, schlimme Beleidigungen ausdachten.
    „Dumme Mädchen!“, schimpfte Maxi.
    „Blöde Jungs!“, erwiderte Lena.
    Es folgten weitere Beleidigungen, die irgendwann nur noch durch unmotivierte „Selber!“ Abgeschmettert wurden. Schließlich wurde es den beiden Mädchen zu blöd und sie zogen mit der Androhung, die Jungs zu verpetzen, von dannen. Diese starrten ihnen ungläubig hinterher, und überlegten, bei welcher Instanz sie hätten verpetzt werden können. Nachdem sie nur auf ihre Eltern oder die von Lena gekommen waren, machten sie sich schnell aus dem Staub. Sie flüchteten durch die Habspergstraße, überquerten die Weikersthalstraße und rannten dort in den Wald, um runter zum Eselsweg zu gelangen. Dort hockten sie sich auf die Bank, die den Abhang überblickte und schwiegen eine Weile.
    „Was machen wir jetzt?“, warf Cem in die Runde, als er die Stille nicht mehr aushielt.
    „Ich kenne einen Teich, wo wir die Goldfische füttern können. Einer hat mal einen Stein gefressen“, erinnerte sich Maxi.
    „Cool! Wir können beim Bäcker ein Brötchen holen“, sagte Jan.
    „Und was zu trinken.“
    „Glaubt ihr, die verpetzen uns wirklich?“
    „Nö.“
    „Und wenn schon.“
    „Gehen wir.“

    Weitere Abenteuer von Maxi und Jan:

  • Mann, der Alkohol

    Fast wie Geröll, das in einer ohrenbetäubenden Lautstärke einen Felskamm in der Ferne heruntergepoltert kam, hörte sich sein Rülpser, der die leeren Biergläser oben auf der Ablage zum Erschüttern brachte, von meinem Platz aus an. Die wenigen Gäste, die zu so später Stunde noch in dieser abgeratzten Spelunke hockten, nahmen keinen Anstoß daran. Den ganzen Abend schon beschäftigte mich der Kerl. Gegen halb neun war er sturzbetrunken reingestolpert, hatte dem Kellner solange das Ohr abgenagt, bis der ihm noch ein weiteres Bier hingestellt hatte und war dann, nach dem ersten Schluck, kurzerhand auf der Theke eingeschlafen.

    Jetzt, etwa drei Stunden später, war er wieder zu sich gekommen und das erste, was die Welt nach seinem Dornröschenschlaf von ihm hören sollte, war dieser gigantische Rülpser. Wenn der Alkohol eine Person gewesen wäre, so hätte er bestimmt wie dieser Typ ausgehen. Sein Gesicht hatte die Farbe einer roten Bratwurst, die zu lange auf dem Grill gelegen hatte, war ebenso fettig und an manchen Stellen hatten sich große Furunkel gebildet. Seine Gichtpranken hingen über den Tresen, als könnte er sie nicht mehr anheben, sein schmutziges Hemd sonderte einen Geruch ab, als hätte er es aus dem Abfluss dieser Kneipe gezogen.

    Angestrengt schnaubend, den Mund weit offen, um mehr Luft in die Lungen zu bekommen, schaute über den Tresen nach der Uhr hin. Wahrscheinlich rekonstruierte er die letzten Stunden in seinem durchweichten Gehirn oder versuchte es wenigstens, sein gequälter Ausdruck sah nicht gerade erfolgversprechend aus. Plötzlich änderte sich sein Blick, in seinem Gesicht trat tiefe Reue zu Tage. Er klatsche sich selbstläuternd mit der Hand gegen den Kopf. Doch der Gedanke verschwand genauso schnell, wie er gekommen war. Scheinbar war an dem, was ihm eben eingefallen war, sowieso nichts mehr zu ändern.

    Mit trübem Blick scannte er seine Umgebung, wie um abschzuschätzen, wie tief er dieses Mal gesunken war. Es hätte schlimmer sein können, dachte ich, diese Kneipe wurde wenigstens von einer Biermarke gesponsert. Da gab es durchaus schlimmere in der Stadt. Jede Bewegung, die er tat, verlangte ihm die größte Anstrengung ab. So brauchte er fast eine ganze Minute, um seinen vom Schlaf zusammengefallenen Körper wieder aufzurichten und sich halbwegs gerade auf der kleinen Bank, die er für sich beanspruchte, hinzusetzen.

    Nachdem das geschafft war, verschwand sein Finger erst mal im Ohr, um irgendeinen Dreck rauszukratzen, den er unverhohlen an seiner Hose abschmierte. Dann vernahm ich ein saugendes Geräusch und glaubte, der Abzug in der kleinen Küche gegenüber sei angegangen, doch es war er, der den Mund weit zu einem trägen Gähnen aufriss. Von wo aus ich saß, glaubte ich, bis in die Hölle hinabsehen zu können, so schwarz und tief war sein Schlund. Nachdem er sich die letzten Speichelreste seines sabbernden Schlafes aus den Mundwinkeln gewischt hatte, war er wieder einigermaßen hergestellt. Ein kräftiger Schluck aus seinem Bierglas, das immer noch fast voll war, tat das Übrige.

    Das Bier schien das Vakuum, das eben durch das Gähnen entstanden war, wieder aufzufüllen und verschwand mit einem langgezogen, genussvollen „Ahhh“ im Abgrund seines Schlunds. Runter bis in die Hölle. Als er anfing, nun etwas fokussierter, seinen Blick durch die Bar schweifen zu lassen, blickte ich starr auf mein Bier herunter. Ich saß ihm direkt gegenüber und war damit der Einzige in Gesprächsreichweite. Zum Glück war er nicht in der Verfassung, sich zu unterhalten. Sein dreckiges, durch die Luftknappheit abgehacktes Lachen, bei dem er mehr Luft einsog als er ausstieß, ließ mich wieder aufblicken.

    Er saß über sein Handy gebeugt, auf dem ihn offensichtlich eine lustige Nachricht erreicht hatte. Auf seiner Brille hockte eine kleine Lesebrille, die er vor lauter Lachen abnehmen musste, um sich die Tränen aus den Augen zu wischen. Beim Lachen sah er aus wie ein pulsierender Fleischkloß, der jeden Moment auseinanderplatzt. In diesem Moment ging die Tür auf und dürrer Kerl in Jeansjacke mit Schnauzbart trat herein. Er setzte ich zwischen uns an den Tresen und bestellte mit einer bloßen Bewegung seines Kopfes ein Bier. Der Wirt, der bis eben am Automaten gezockt und sich erst, als der Alte anfing zu lachen, mal wieder hinter der Theke hatte blicken lassen, stellte ihm das frischgezapfte Bier hin und fragte uns, ob wir noch eins wollten. Wir verneinten beide mit einem Kopfschütteln, woraufhin er sich wieder zu den Spielautomaten verzog.

    Allein, zu dritt, schlürften wir im Stillen unser Bier, immer wieder durch kurze, spontane Lachanfälle des Alten unterbrochen, wenn seine Gedanken zurück zu der Nachricht wanderten. Der Dürre, irgendwie in Gedanken versunken, hatte wohl einen schlechten Tag gehabt. Er warf dem Alten während seinen Lachanfällen immer wieder abfällige Blicke zu. Das konnte noch heiter werden, dachte ich, und sackte weiter in meinen Stuhl. Als hätte ich es geahnt, begann der Alte plötzlich mit dem Dürren zu reden. „He, kommst du vom Sportplatz her?“, wollte er von ihm wissen. Der Dürre antwortete nicht gleich, sondern sah den alten missbilligend an. Der, völlig ungeniert, fuhr fort: „Ich mein nur, kommst du aus Richtung Sportheim? Hier, ich hab’s grad auf Facebook gelesen.“

    Er hielt dem Dürren zum Beweis das Handy hin, sodass dieser sich selbst überzeugen konnte. Scheinbar wusste dieser aber schon Bescheid und schien jetzt, als er wusste, worauf der Alte hinauswollte, doch bereit, sich darüber zu unterhalten. Er klang erschöpft, als er sprach: „So Leute sollte man aus dem Verkehr ziehen. In die Geschlossene und Tür zu…“
    Jetzt wurde ich hellhörig, ich wusste nicht, auf was sich die beiden bezogen. Der Alte, der nur einen Grund gesucht zu haben schien, wieder in einen heftigen Lachanfall zu verfallen, prustete los, schlug auf den Tresen und erwiderte endlich, nachdem er sich etwas gefangen hatte: „Hahahaha, komm schon, das ist der Brüller!“

    In den Augen des Dürren blitzte etwas wie angestaute Wut auf, die aber nicht dem Alten galt, sondern der Sache, über die sie sich unterhielten. Offenbar musste er darin involviert gewesen sein. Da er nicht weiter auf den Kommentar des Alten einging, beschloss ich selbst nachzusehen, was vorgefallen war, holte mein Handy aus der Tasche und loggte mich in Facebook ein. Nichts von Interesse, bis ich bei einer Nachricht der örtlichen Polizei Halt machte: „Betrunkener rast in Hausmeisterwohnung. Achtung: es wird nach einem flüchtigen, vermeintlich betrunkenen Mann gefahndet, der heute Abend in die Hausmeisterwohnung bei den Sportanlagen gerast ist. Noch bevor der Besitzer realisierte, was passiert war, war der Verdächtige geflüchtet. Aktuell wird nach Hinweisen zum Aufenthaltsort des Mannes gesucht…“, weiter las ich nicht, denn erneut prustete der Alte los.

    „Da fährt einer in ein Haus und haut dann ab!“, verkündete er fast mit etwas Neid in der Stimme. Der Dürre, sichtlich gereizt durch die Belustigung des Alten, schlug aus heiterem Himmel mit der Faust auf den Tisch und sagte mit zorniger Entschlossenheit: „Das Arschloch! Wenn ich den krieg, reiß ich ihm die Zähne raus!“
    Der Alte, völlig perplex von dieser Reaktion, wurde schlagartig still. Neugierig sah er den Dürren an, als würde er nach der Erlaubnis suchen, um weiterlachen zu dürfen. Doch dieser, jetzt so richtig in Fahrt, konnte nicht länger an sich halten:

    „Ja, witzig sowas, wenn es einem Anderen passiert. Was glaubst du, das war meine Wohnung, in die das Arschloch reingebrettert ist! Ich steh in der Küche, da bricht auf einmal die Hölle los und ich denk, das war’s, und stürzte mich auf den Boden. Alles voller Staub, ich denk, ne Bombe hat eingeschlagen. Da kuck ich, ob alles noch dran ist und danke Gott, dass ich noch lebe, aber als ich ins Wohnzimmer komme, da trifft mich der Blitz. Da steht ein Auto im Wohnzimmer, voll durch die Scheiben gebrettert. Alles am Arsch, überall Scherben, der Fernseher ein Haufen Schrott. Da denk ich, ich schnapp mir den, egal ob verletzt oder nicht und reiß ihm den Kopf ab. Aber da war keiner! Niemand, Fahrertür offen. Der Wichser hat sich aus dem Staub gemacht. Tja, also renn ich raus und schau, ob ich ihn noch seh, aber der ist über alle Berge. Also ruf ich die Polizei und die Rücken gleich mit Sonderkommando und Feuerwehr an und nehmen mir die Bude auseinander. Schöne Scheiße, jetzt muss ich im Hotel pennen heute Nacht, weil da ein riesen Loch in meinem Haus ist und die die Spuren sichern müssen. Der Trottel kommt eh nicht weit, die Nummernschilder waren doch am Wagen. Mir egal, wenn ich in den Knast geh, den Typ bring ich eigenhändig um!“

    Spätestens jetzt war dem Alten das Lachen vergangen, obwohl in seinen Augen noch deutlich zu sehen war, wie er innerlich über die Geschichte dachte. Doch selbst in seinem Zustand wollte er keinen Mann auslachen, dessen Zuhause eben zerstört worden war. In diesem Moment klingelte ein Telefon. Wir alle schauten nach unseren Handys, doch es war keines der unseren. Der Wirt kam hinter die Theke gesprintet, nahm das Haustelefon von der Ablage und nahm ab. Gespannt sahen wir in sein Gesicht, das mit konzentrierter Miene der Stimme am Telefon lauschte. „Gut, ich melde mich, wenn ich was sehen sollte…“, sagte er endlich und legte auf. „Habt ihr das mitbekommen?“, fragte er erstaunt in die Runde, „unten am Sportplatz ist einer in ein Haus gefahren. Die Polizei sucht überall nach ihm. Anscheinend gibt es jetzt eine Fahndungsskizze, hat mir der Polizist am Telefon gerade gesagt. Welcher Trottel hockt denn in die Kneipe, wenn er durch eine Hauswand gedonnert ist?“

    Der Alte musst bei dieser Anmerkung kurz auflachen und fing sich einen giftigen Blick des Hausmeisters ein, der dann dem Wirt auseinanderlegte, was genau vorgefallen war. Betroffen hörte dieser zu und entschuldigte sich mehrmals bei diesem für seine Taktlosigkeit. Um aus der unangenehmen Situationen herauszukommen, schlug er vor, sich auf Facebook das Täterbild anzusehen. Ich bemerkte, dass ich bereits auf Facebook war, woraufhin der Kellner und der Hausmeister sich um mich scharten. Es dauerte wegen des schlechten Empfangs etwas, bis das Bild geladen hatte, doch dann packte uns alle drei der Schock, als wir das Gesicht sahen.

    Im nächsten Moment nahm ich eine ruckartige Bewegung neben mir war. Der Hausmeister stürmte in Richtung des Alten los und der Wirt konnte gerade noch über die Theke greifen und ihn an der Jacke festhalten, bevor er die Chance hatte, seiner Wut ein Ventil zu geben. Der Alte blickte völlig verdattert drein. Der Hausmeister wandte sich und brüllte und schlug mit den Fäusten um sich. Schließlich befreite er sich aus der Jacke und stürmte los. Der erste Schlag traf den Alten direkt am Kinn, der zweit verfehlte nur knapp sein Ohr. In diesem Moment sprang der Wirt über die Theke und schob sich schützend vor den Alten. Ich eilte dem Wirt zur Hilfe und zog den Hausmeister von den beiden weg. Die anderen Gäste sprangen jetzt ebenfalls auf und bildeten eine Schutzmauer zwischen dem Alten und dem Wirt und mir und dem Hausmeister.

    Obwohl dieser dünn und drahtig war, hatte ich alle Mühe, ihn festzuhalten. Die, die nicht mitbekommen hatten, was vorgefallen war, dachten der Hausmeister sei der Übeltäter und warfen ihm wüste Worte an den Kopf, den alten Mann so anzugreifen. Als der aber zwischen seinen Morddrohungen und Beleidigungen den Anwesenden in seiner hysterisch schreienden Stimme offenlegte, was passiert war, änderte sich die Stimmung. Endlich dämmerte auch dem Alten, was gerade passiert war. Sein Gesicht fror ein, während die kurzweilig verdrängten Erinnerungen den Weg zurück in sein Bewusstsein fanden.
    „Tut mir leid! Oh, wie schrecklich, ich alter Säufer!“, schrie er immer wieder und fasste sich verständnislos an den Kopf.

    Ein anderer Gast musste mir helfen, den Hausmeister zu bändigen. Gemeinsam verfrachteten wir ihn vor die Tür, um die Lage zu entspannen, während jemand anderes gerade die Polizei anrief. Draußen gingen die Beleidigungen weiter und galten inzwischen nicht mehr nur dem Alten, sondern richteten sich ganz offenkundig gegen uns. Es war ihm egal, was mit ihm sein würde, aber den Alten würde er auf der Stelle umbringen. Was es uns Arschlöcher anginge, ob er einen Mord beginge oder nicht. In der Ferne waren schon die Sirenen zu hören.

    Zum Glück brauchte der erste Streifenwagen nicht lange, bis er bei uns angelangt war, da überall in der Stadt Polizei unterwegs war. Die beiden Polizisten kamen aus dem Wagen gesprungen, woraufhin der Hausmeister sich endlich beruhigte. Immer noch durch unsere Griffe fixiert, traten wir mit ihm den Polizisten entgegen und versuchten in halbwegs verständlichen Sätzen zu erklären, was passiert war. Der Hausmeister versprach unter den drohenden Blicken der Polizisten schließlich, sich zu beruhigen, sodass wir endlich von ihm lassen konnten.

    Einen Moment später rückte Verstärkung an, zwei weitere Streifenwagen kamen auf den Platz gefahren. Wir teilten ihnen mit, dass die gesuchte Person sich im Inneren befand, woraufhin sofort drei Mann die Kneipe stürmten. Der Rest blieb bei uns und stellte sicher, dass der Hausmeister sich benahm. Sie nahmen unsere Aussagen auf und staunten nicht schlecht über die unwahrscheinliche Begegnung. Der Hausmeister brachte vor lauter Wut kein Wort heraus.

    Als der Alte schließlich aus der Kneipe geführt wurde, stürzte er ohne Vorwarnung auf ihn zu, wurde aber sofort von drei Polizisten abgefangen und niedergerungen. Schließlich legten sie ihm Handschellen an und verfrachteten ihn ins Auto. Dann führten sie den Alten zu einem anderen Streifenwagen und schafften die beiden auf die Wache.

    Die zurückgebliebenen Polizisten nahmen noch die Aussagen aller Anwesenden auf und folgten schließlich den Kollegen. Nachdem alles vorbei war, zahlte ich die Rechnung und ging mit einem merkwürdigen Gefühl nach Hause. 

    Weitere Geschichten aus der Bar:

  • Die Hilfe des Arztes

    Noch war Zeit. Noch konnte ich meinen Launen eine Weile nachhängen. Der Herbst brachte die langersehnte Kälte mit sich. Im Fernseher brüllte ein amerikanischer Präsident seine Gegner an. „Why can’t you just be happy?“, warf er ihnen mit großen Gesten in seinem vergrämten Zynismus entgegen.

    Die Menschen machten Glück für alles verantwortlich. 2018 gab es alles und jeden. 7 Milliarden Wege zum Leben und Sterben und abertausende Bestseller, die alle die eine Lösung bereithielten. Es ist nur, ja genau, weil nicht alle ihr Buch gelesen hatten, war die Welt schlecht, predigten sie von ihren Fernsehbühnen.

    Derweil arbeitete die eine Hälfte der Kinder sich die Finger kaputt, während die andere Hälfte sich die Augen wund schaute. Das war nur ein weiterer Punkt, den man dem schlechten Gewissen hinzufügen konnte, bis es mit Kollateralschaden entgleisen würde und alles egal wäre.

    Rauchen war nicht ungesünder als vor 50 Jahren, es wurde nur durch andere Drogen in seiner todbringenden Mission unterstützt. Der Alkohol war uns allen ein Freund. Er beschleunigte die Dinge und verzerrte so schön. Die Konzerne brauchten keine Werbeschilder mehr, ihre Botschaften hatten sich längst in unsere Hirne gefressen.

    Wir folgten blind, weil es einfacher war. Die Mächtigen verstanden die Macht genauso wenig wie wir. Am Ende des Tages waren wieder 24 Stunden rum. Nichts, über das man allzu lange nachdenken sollte. Wir fallen alle auf Erde, Stein oder Asphalt und werden rückwärts in die ewige Ordnung eingegliedert.

    Und plötzlich rief mich die Schwester auf und brachte mich ins Zimmer des Arztes, wo er stumm auf mich wartete mit seiner allwissenden Aura. 

    „Was fehlt Ihnen?“, fragte er, als würde er für alles eine Pille im Schrank haben. 

    „Ich habe Angst“, sagte ich, weil ich meine Symptome nicht beschreiben konnte.

    „Das haben alle. Also was möchten Sie wirklich hier?“

    „Ich fühle mich verloren.“

    „Es wird keiner nach Ihnen suchen.“

    „Was soll ich dann tun?“

    „Nehmen Sie das“, sagte er schließlich, einen kleinen Computer aus einer Schublade holend, den er vor mir auf dem Tisch platzierte.

    „Was macht das?, wollte ich wissen, den Gegenstand neugierig beäugend.

    „Es nimmt die Verwirrung. Es filtert die Welt für sie. Es kann vieles, doch vor allen Dingen, absorbiert es Ihre Persönlichkeit.“

    „Aber verschwinde ich dann nicht?“

    „Nein, sie verändern sich nur.“

    „Das will ich aber nicht.“

    „Es ist Ihre Entscheidung. Angst oder Veränderung.“

    „Ich weiß, was dann passiert.“

    „Sie wissen nichts, deswegen sind Sie doch hergekommen.“

    „Also gut, aber was, wenn ich die Behandlung abbrechen möchte?“

    „Das hier, das wirkt. Keiner meiner Patienten ist je wieder zurückgekommen. Ihr Körper wird die Last des Denkens nicht mehr spüren, weil ihr Verstand sich von ihm loslöst. Es wird lediglich geteilt, was nie zusammengehört hat. Denken und Bewegen, Schlafen und Träumen werden nie wieder eins sein. Das Leid wird aufhören, denn von nun an wird der Verstand nicht mehr begehren, was nur der Körper erfahren kann und andersherum. Das bedeutet Freiheit, wie sie die Menschheit noch nie zuvor genossen hat.“

    „Das klingt großartig.“

    „Nun nehmen Sie es schon, draußen warten bereits andere Patienten auf meine Hilfe.“

    Ich nahm das seltsame Gerät vom Tisch, bedankte mich freundlich beim Arzt für seine Hilfe, von der ich nicht sicher war, inwiefern sie es verdient hatte, als solche bezeichnet zu werden, drehte mich um und ging. Dieses Ding in meiner Hand übte eine unvorstellbare Anziehungskraft auf mich aus. Ich fühlte mich erleichtert, zerstreut und entrückt. Während ich seine Praxis verließ, drängte sich mir das Gefühl auf, dass ich ihn nie wieder sehen würde.

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