Kategorie: Geschriebenes

  • Der Wald

    Ich saß im Wald und sah die Blätter fallen. Doch meine Augen zählten Geldscheine. Der Duft und die Farben sprachen vom Herbst, mein Verstand nur vom Ernst des Lebens. Ich schaute auf die Formen der Bäume und bemitleidete die Menschen. Zwischen ihren Kronen schimmerte blau die Unendlichkeit des Himmels und erinnerte mich an meine Sterblichkeit. Ich hoffte auf Stille und entkam nicht mal dem Lärm der Bundesstraße, geschweige denn meinen Gedanken. Dann erkannte ich endlich, was ich als Kind einst wusste: Der Wald ist nur so still wie seine Besucher.

    Lies gleich weiter:

  • NICHTS

    An jenem Morgen, nach einer Nacht voller seltsamer Träume und hitziger Schweißausbrüche, merkte ich, dass ich nicht mehr ich selbst war. Meine Persönlichkeit hatte sich in drei Teile gespalten. Nicht länger hatte mein Körper die Unstimmigkeiten halten können. Und so hatten sich zwei meiner Teile noch in derselben Nacht auf den Weg gemacht."

    Natürlich brach ich am Morgen sofort auf, um mich auf die Suche nach ihnen zu machen. Denn ich hatte Angst, bald nicht mehr zu existieren. Weit draußen, wo die Sonne hin und wieder den Horizont küsste, und von dort noch drei Schritte rechts, fand ich den ersten Teil. Wie auf einer Totenmesse schritt er dahin, setzte immer wieder den einen Fuß vor den anderen.

    Eine Weile folgte ich ihm, leise und ohne mich zu Erkennen zu geben. Wir liefen, Stunden und Tage, Tage und Wochen und als ich glaubte, ich könne nicht mehr, da liefen wir noch ein ganzes Jahr. Doch angekommen waren wir nicht. So tat ich einige schnelle Schritte, um mit ihm gleichzuziehen. Er bemerkte mich und sagte: „Du folgst mir schon lange. Doch je mehr Zeit vergeht, desto kürzer fühlt sie sich in der Rückbetrachtung an. Wenn wir den ganzen Weg rückwärts gingen, wären wir schneller da, als wir blinzeln könnten. Ist es nicht so? Wo willst du hin?“

    „Zu Gott.“

    „Dann folge mir.“

    „Du gehst schon so lange und bist immer noch nicht dort.“

    „Ich kenne den Weg, doch kenne ich nicht das Ziel. Darum habe ich dich verlassen.“

    „Ich war es, der dich hat gehen lassen.“

    „Vielleicht ist das eine wahr, vielleicht das andere.“

    „Wo ist der Rest von uns?“

    „Er sitzt unter den Wurzeln eines Baumes, den der Mond auf seinem Weg ab und zu streift.“

    „Zeige mir den Weg.“


    „Dorthin musst du gehen. Leb wohl!“


    „Leb wohl!“

    Alleine streifte ich durch die Dunkelheit, dem weißen Licht des Mondes hinterher. Weiter und weiter, bis ich einen Baum erblickte, dessen Kronendach an der Spitze eine Delle hatte. An seinem Stamm fand ich ein Loch, das tief in die Ungewissheit führte. Es wurde immer finsterer, der modrige Geruch der Erde erinnerte mich an den Tod.

    Irgendwann stieß ich auf eine Kammer, in der ich aufrecht stehen konnte. In ihrer Mitte brannte eine kleine Kerze und davor saß der andere Teil von mir.

    „Ich weiß, was du willst!“, sprach er, als er mich bemerkt hatte.

    „Sag es mir, denn ich habe die Hoffnung verloren.“

    „Die Lösung ist ganz simpel. Du bist Gott. Also such nicht nach dem Menschlichen, sondern nach dem Göttlichen in dir.“

    „Das Menschsein führt uns in ein tiefes Loch.“

    „Wenn du das wahrhaftig glaubst, dann geh nun und finde heraus, was von dir noch übrig ist.“

    Ich stieg hinauf ans Tageslicht. Keiner der beiden hatte mich überzeugen können, keine ihrer Wahrheiten wollte ich je wieder in mir tragen. Nicht weit von hier war ein Berg, den ich erklomm, um den Sonnenaufgang sehen zu können. Es war bitterkalt und als die Sonne endlich aufstieg und ich mit den ersten Strahlen die eisige Luft einatmete, begann ich zu schweben. Da wurde mir plötzlich bewusst: Ohne die beiden war ich…NICHTS.

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  • Das Amt zur Erfassung und Nachsendung von emotionalem Ballast (AENB)

    Falls du dir die Geschichte lieber anhören möchtest: Eine ganze tolle und sehr hörenswerte Version hat Klaus Neubauer für seinen Podcast „Klausgesprochen“ aufgenommen.

    Es war Nacht. In letzter Zeit war es immer Nacht, wenn ich wach war. Mein Bio-Rhythmus war vom vielen Reisen völlig durcheinander und mein Ziel so entlegen, dass ich lange Strecken in klapprigen Bussen zurücklegen musste, um dorthin zu kommen. Die Busfahrten nutzte ich, um zu schlafen, denn nachts, an den Haltestellen, musste ich wach bleiben, um den Anschluss nicht zu verpassen. Das Leben rauschte währenddessen nur so an mir vorbei, meine Mitreisenden hätten genauso gut Löwen und Elefanten sein können, es wäre mir nicht einmal aufgefallen. Ich existierte nur noch dann, wenn alle anderen schliefen. Gestrandet an entlegenen Bushaltestellen mitten im Nirgendwo.

    In dieser Zeit ernährte ich mich größtenteils von Früchten, die Händler am Straßenrand verkauften oder aus diesen Snackautomaten, die an manchen Haltestellen standen. Als ich vor einigen Jahren meine Reise angetreten war, hätte ich nicht gedacht, wie sehr mich das Unterwegssein abhärten würde. Weder tägliches Duschen, noch ein richtiges Bett schienen jetzt notwendig. Das war Luxus aus einem anderen Leben, zu dem ich vielleicht nie mehr zurückkehren wollte. Mit solchen Gedanken versuchte ich mich in dieser Einöde wach zu halten. Der letzte Bus hatte mich hier abgesetzt und jetzt wartete ich auf den Anschluss, um weiter ins Hinterland zu kommen.

    Wenigstens gab es eine kleine Bar, die noch geöffnet hatte. Ich traute mich aber nicht drinnen zu warten, weil ich Angst hatte, der Bus könnte vorbeifahren, wenn ich nicht am Bussteig saß. Die Busfahrer in dieser Gegend hielten um diese Uhrzeit nur an, wenn auch jemand an der Haltestelle zu sehen war. Jedenfalls hatte ich mir einen extra starken Kaffee geholt, der so bitter war, dass ich ihn kaum runterbekam. Drinnen war lediglich eine alte Frau hinter der Theke, die fern schaute und ein Kerl, der so etwas wie der Stationswärter war. In der Zwischenzeit war er mit einem Besen und einer Schaufel nach draußen gekommen und fegte den Parkplatz…nachts um halb 1. Das monotone Zischen des Besens und die merkwürdige Melodie, die er wieder und wieder summte, ließen meine Augen ganz schwer werden. Ich wurde immer müder. Im Schwebezustand zwischen Schlafen und Wachen nahm ich große Schlucke aus meinem Becher, in der Hoffnung, sie würden mir einen Energieschub geben. Doch das Unvermeidliche war nicht mehr abzuwenden, ich schlief ein.

    Als ich aufwachte, war es immer noch dunkel. Ich glaubte, nur eben weggedöst zu sein. Der Kaffee in meiner Hand war noch warm, doch mein Mund fühlte sich merkwürdig trocken an. Ich stellte den Becher neben mir ab und fischte eine Wasserflasche aus meinem Rucksack, auf dem ich meine Füße abgelegt hatte. Noch ganz benebelt von meinem Nickerchen, glaubte ich eine orangefarbene Gestalt durch meine Flasche sehen zu können. Zunächst hielt ich sie für eine Einbildung und schloss die Augen, um die letzten Traumgebilde aus meinem Bewusstsein zu vertreiben. Aber als ich erneut hinsah, war sie immer noch da. Ich setzte die Flasche ab und fokussierte meinen Blick. Da fegte jemand in orangefarbener Arbeitskleidung, wie ich sie nur aus Deutschland kannte, den Bussteig.

    „Merkwürdig“, dachte ich, „hatte der Mann seine Kleidung gewechselt?“ In diesem Moment fiel mir auf, dass mir gegenüber nie ein Bussteig gewesen war. Ich sprang auf und sah mich um. Überhaupt nichts war wie vorhin! Ich befand mich an einem riesigen Busbahnhof mit mindestens 10 Haltestellen und einem hell erleuchteten Service-Gebäude. Zuerst dachte ich, ich hätte einen luziden Traum. Ich breitete die Arme aus und versuchte loszufliegen, ganz genau so, wie ich es in diesem Träumen immer tat. Aber der Asphalt unter mir blieb, wo er war. Ich drehte mich zu dem Kerl um, der mich scheinbar ignorierte und versuchte ihn durch meine Willenskraft in eine Frau zu verwandeln. Als mir auch das nicht gelingen wollte, drängte sich mir langsam die Ahnung auf, dass ich nicht träumte. Schon leicht panisch zog ich mein Handy aus der Hosentasche, um meinen Standort zu bestimmen. Doch zu meinem Erstaunen war es aus und ließ sich nicht wieder einschalten. Vielleicht war bei der ganzen Reiserei der Akku leergegangen.

    Indes merkte ich erst, wie merkwürdig sauber alles war. Auf dem Boden klebte kein Kaugummi, die Mülleimer waren allesamt leer, kein Graffiti entstellte das Service-Gebäude. Noch nie im Leben hatte ich einen so makellosen Busbahnhof gesehen. Jetzt fiel mir auch auf, dass jenseits der beleuchteten Bussteige rein gar nichts zu sehen war. Alles um mich herum war in eine Dunkelheit gehüllt, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. Keine Straße zu sehen, die von hier wegführte, keine Häuser in der Ferne, nicht einmal die Geräusche, die in einer Stadt, zu der ein solcher Busbahnhof meiner Meinung nach gehörte, normalerweise zu hören waren. Jemand musste sich einen Scherz mit mir erlauben. Da der Putzmann die einzige Person, in Hörweite war, rief ich ihm zu: „Haha! Sehr witzig! Ihr könnt die Sache jetzt auflösen!“ Er reagierte nicht. Wahrscheinlich hatte er mich nicht gehört oder absichtlich ignoriert. Immer noch fegte er den makellosen Bussteig, auf dem kein Staubkorn zu sehen war.

    Er hatte mir den Rücken zugedreht, wodurch ich sein Gesicht nicht sehen konnte. Also lief ich rüber und packte ihn beherzt am Ärmel. „He!“, sagte ich, „ist ja ganz lustig euer kleiner Streich hier, aber mir reicht’s jetzt, okay? Ich will einfach nur ins Bett.“ Dieses Mal reagierte er, aber nicht auf mich, wie es schien. Von links kam auf einmal ein Bus eingefahren, genau an den Bussteig, den er eben von dem nicht vorhandenen Schmutz befreit hatte. Es war ein großer Reisebus mit abgedunkelten Scheiben. Die Karosserie war komplett grau, keine Werbung oder sonstige Verzierungen waren zu erkennen. Wenn dieser Bus hier reingekommen war, musste er auch wieder rauskommen, dachte ich. Aber vielleicht war genau das der Aufhänger für diesen Streich. Vielleicht musste ich mitspielen und einfach einsteigen. Ich lief zurück zu meinem Rucksack, hievte ihn auf meinen Rücken, nahm den Kaffeebecher und drehte mich wieder um. Plötzlich fuhr ich heftig zusammen. So sehr, dass ich den halbvollen Kaffeebecher in meiner Hand zerdrückte. Lauwarmer Kaffee lief mir in den Ärmel. Aber ich konnte mich nicht abwenden, von dem, was ich da sah.

    Direkt vor mir bewegte sich eine Reihe gräulich, durchsichtiger Gestalten auf den Bus zu. Man hätte sie fast für Menschen halten können, wäre ihr Unterkörper nicht ein verschwommener Schleier gewesen, der einige Zentimeter über dem Boden aufhörte. Sie hatten weder Gesichter noch Hände, doch an ihrer Seite schwebten verschiedene Gepäckstücke. Als die erste Gestalt den Bussteig erreicht hatte, öffnete sich die Tür des grauen Busses. Darin saß eine ebensolche Gestalt auf dem Fahrersitz. Die anderen bildeten eine geordnete Schlange vor dem Bus und verschwanden einer nach dem anderen im Inneren. Keine zehn Pferde hätten mich in diesen Bus bringen können. Wie angewurzelt blieb ich stehen und sah die Tür mit einem lauten Zischen zugehen. Wenige Augenblicke später fuhr der Bus los und verschwand ebenso geräuschlos in der Dunkelheit, wie er vorhin daraus aufgetaucht war. Ich bekam Zweifel, was meine Theorie mit der Fernsehshow anbelangte. Niemand hätte so etwas inszenieren können. Nicht mal, wenn Geld keine Rolle spielte.

    Langsam wurde ich richtig panisch. Meine Augen scannten die Umgebung nach einem Fluchtweg ab. Vor mir waren einige Bussteige, dahinter die Dunkelheit. Links und rechts war ebenfalls unendliches Schwarz. Nur hinter mir stand das Service-Gebäude, das augenscheinlich auch keinen Ausgang bot. Da dieser Hausmeister oder was auch immer er war, immer noch dort stand, brüllte ich ihn erneut an: „Wo bin ich hier?“ Dieses Mal hörte er mich. Sehr behäbig drehte er sich um. Da sah ich, dass auch er eine graue Gestalt war, sein Gesicht kaum mehr als ein weißer Fleck. Er hob den Ärmel seiner orangefarbenen Jacke und deutete in Richtung des Gebäudes hinter mir. Ohne eine weitere Regung machte er sich zurück an seine sinnlose Arbeit. „Fick dich!“, rief ich ihm zu. Auf keinen Fall wollte ich in das Gebäude, aus dem diese Gestalten gekommen waren.

    Bar jeglicher Optionen entschied ich in einer Art Kurzschlussreaktion, einfach ins Leere zu laufen. Ich wandte mich nach links um, dann nach rechts. Augenscheinlich macht es keinen Unterschied, wohin ich lief. Also folgte ich meinen Bauchgefühl und lief nach rechts. Mein Rucksack hing schwer auf meinem Rücken und machte es unmöglich, zu sprinten. Nichtsdestotrotz hatte ich nach einigen Sekunden den Rand der Station erreicht. Ich blieb stehen. Vor mir lag die Dunkelheit wie eine Wand, schwärzer als alles, was ich bis dahin gesehen hatte. Sie schien undurchdringlich. Noch einmal blickte ich zurück. Die Szenerie hatte sich nicht verändert. Außer mir und dem schwebenden Klamottenhaufen war niemand zu sehen. „Der Bus war auch durchgekommen“, sagte ich mir, tat drei Schritte zurück und sprang los.

    Es wurde finster, doch zu meinem großen Erstaunen lief ich. Meine Füße konnte ich nicht mehr sehen, doch ich hatte festen Grund unter mir. Dann erschien plötzlich ein grauer Schatten in der Ferne, ein Licht vielleicht. Ich zog das Tempo an und lief darauf zu. Einige Sekunden später spuckte mich die Dunkelheit aus und ich konnte wieder sehen. Völlig außer Atem sackte ich unter dem Gewicht meines Rucksacks auf dem Boden zusammen, um durchzuschnaufen. Mir war egal, wo ich war. Hauptsache, nicht mehr dort. Als ich wieder einigermaßen Luft bekam, sah ich auf. „Verdammt! Wie ist das möglich?“, schrie ich. Ich war wieder auf eben jenem Busbahnhof, von dem ich geflüchtet war. Ich befand mich jetzt auf der anderen Seite. Dort fegte immer noch diese Gestalt den Bussteig, das Service-Gebäude war so verlassen wie zuvor. „Nein!“, schrie ich, „Das ist nur ein Traum!“

    Unter vollem Getöse rappelte ich mich auf, machte auf der Stelle kehrt und lief erneut in die Finsternis. Nach einigen Metern konnte ich wieder den grauen Schatten sehen. Dieses Mal wollte ich denselben Fehler nicht begehen, also änderte ich die Richtung und lief nach rechts. Eine ganze Weile irrte ich durch die Dunkelheit, ohne die Hand vor den Augen erkennen zu können. Ich beschloss erst dann aufzuhören, wenn mich meine Beine nicht mehr tragen konnten. Die Dunkelheit schien sich unendlich weit in alle Richtungen auszudehnen. Ich lief und lief und lief, bis sich endlich in weiter Ferner zwei Lichter abzeichneten. Wie zwei Augen durchdrangen sie die Schatten. Da merkte ich plötzlich, dass sie mit rasanter Geschwindigkeit auf mich zusteuerten. Ich blieb stehen und lauschte. Es waren Motorgeräusche, das Schleifen von Reifen auf einem harten Untergrund und dann eine dröhnende Hupe. Der Bus! Ich geriet in Panik und drehte vor lauter Verunsicherung um. Ich lief, so schnell es ging, doch er kam immer näher. Das Licht der Scheinwerfer fühlte sich warm auf meinem Nacken an. Noch einmal holte ich das Letzte aus meinen Beinen heraus, doch ich spürte, dass nicht mehr viel Zeit bis zur Kollision blieb. Es war zwecklos, so schnell konnte ich gar nicht laufen. Mitten im Lauf hielt ich an, drehte mich um und sah den zwei riesigen Scheinwerfern entgegen. „Stopp!“, rief ich so laut es ging und hielt die Hand schützend vor mich, als könnte ich das Ungetüm damit stoppen. Es war zu spät. Im nächsten Moment war alles Gelb, dann hörte ich einen Schlag und prallte heftig auf dem Boden auf. Totales Chaos.

    Irgendwo in der Dunkelheit hörte ich ein leises, ungleichmäßiges Schreibgeräusch. Dann ein lautes Klacken. Tippen! Schließlich eine Stimme.

    „Herr B…“

    „Wer? Was?“

    „Herr Be…“

    „Ich?“

    „Herr Beer“

    „Ich! Das bin ich!“, rief ich plötzlich. Da kehrte das Bewusstsein in mich zurück wie ein Blitzschlag. Ich blickte in ein grelles Oberlicht und musste mir die Hand schützend vor die Augen halten. Als mein Sehsinn allmählich wieder zurückkehrte, erkannte ich die große Scheibe vor mir und dahinter…Nein, bitte nicht! Die Bushaltestelle. Ich sprang auf und sah mich um. Tatsächlich. Ich hatte auf einem der an der Wand festgebohrten Sitze gesessen, mein Rucksack war direkt neben mir. Die Busstation erinnerte mich an den Wartesaal eines Krankenhauses. Alles war so sauber und unprätentiös. Zu meiner linken befand sich ein Schalter, dessen Scheibe abgedunkelt war, sodass man nicht dahinter sehen konnte. Dann vernahm ich wieder diese, strenge, autoritäre Stimme.

    „Herr Beer, bitte vortreten““

    „Wo sind Sie? Woher kennen Sie meinen Namen?“

    „Ich bin hinter der Scheibe. Ich bin der Amtsleiter und habe Einsicht in Ihre Akte gehabt, die wirklich sehr besorgniserregend war.“

    „Welche Akte? Was für ein Amt soll das sein?“


    „Das Amt zur Erfassung und Nachsendung von emotionalem Ballast, kurz AENB. Ihr Fall beschäftigt uns schon eine ganze Weile. Sie sind schwer zu finden.“

    „Das Amt zur was? Ich verstehe gar nichts. Was ist das für ein Ort hier? Ich will hier weg!“

    „Wie ich bereits sagte, dies ist das Amt zur Erfassung und Nachsendung von emotionalem Ballast. Sie dürfen gehen…nachdem wir die Formalitäten erledigt haben. Wir können Ihren ganzen Ballast hier nicht mehr aufbewahren.“

    „Moment mal! Von Ihrem Amt habe ich noch nie etwas gehört und etwas hiergelassen hab ich schon gar nicht. Entweder Sie lassen mich jetzt gehen oder ich werde Sie anzeigen.“

    „Wenn hier jemand angezeigt werden sollte, dann sind Sie das. Seit Jahren sind Sie auf Reisen und werfen Ihre Probleme ab wie Schuppen. Während die meisten anderen Menschen irgendwann zur Vernunft kommen und nach Hause zurückkehren, um sich Ihren Ängsten zu stellen, laufen Sie einfach weiter davon. Aber wir können Ihren Ballast hier nicht länger aufbewahren. Es ist an der Zeit, dass Sie ihn mitnehmen. Solche Fälle, wie der Ihre, häufen sich leider in letzter Zeit. Wir sind ständig an der Auslastungsgrenze. Daher die Härte des Vorgehens. Wir bitten die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen, weisen jedoch darauf hin, dass derlei Maßnahmen in gewissen Sonderfällen zulässig sind. Da wir das nun geklärt hätten, würde ich Ihnen gerne Ihre Besitztümer zurückgeben.“

    „Meine Besitztümer? Ich habe es Ihnen doch eben schon mal gesagt: Ich bin noch nie hier gewesen und bis auf eine Uhr habe ich auf meinen Reisen noch nie etwas verloren. Ganz davon abgesehen, was ist das überhaupt für ein Ort hier? Es gibt keinen Zugang und keinen Ausweg. Wie bin ich hier gelandet?“

    „Dies ist das Amt…“

    „Ja, ja, ich weiß, das Amt zur BlaBlaBla. Das erklärt gar nichts.“

    „Sie wurden von einem unserer Busse herbefördert. Das Amt befindet sich außerhalb des menschlich wahrnehmbaren Raumes, wie die verdrängten Sorgen, die bei uns landen. Es ist aber auch genauso real.“

    „Warum zeigen Sie sich dann nicht, wenn Sie so real sind?“

    „Es ist mir nicht gestattet.“

    „Ach, was Sie nicht sagen? Und, kennen Sie auch Gott? Oder den Teufel? Oder den scheiß Weihnachtsmann?“

    „Keiner dieser Herren ist mir bekannt. Könnten wir nun fortfahren?“

    „Wenn ich dann gehen darf…“

    „Selbstverständlich, wir sind schließlich kein Gefängnis. Im Einzelnen liegen zur Abholung bereit: Existenzangst, Zukunftsangst, die Bürde einer gescheiterten Beziehung, ein…“


    „Halt! Sparen Sie sich das! Ich nehm sie alle, in Ordnung? Ich will nur schnell weg.“

    „Sie verzichten auf die Aufzählung der einzelnen Posten?“

    
„Ja.“

    „Wie Sie wollen. Dann benötige ich nur noch eine Unterschrift von Ihnen.“

    Neben dem Schalter öffnete sich plötzlich eine kleine Schiebetür, aus der ein Tablet, das an einem schwarzen Metallarm befestigt war, gefahren kam. Ich trat darauf zu und sah mir das Dokument an, das ich unterzeichnen sollte. Es waren einige bis auf den letzten Zentimeter vollgedruckte Seiten, die zu lang waren, um sie komplett durchzulesen. Ungeduldig scrollte ich ans Ende des Dokuments und unterzeichnete mit meinen Initialen. Dann klemmte ich den Stift in die Halterung am unterer Ende und sah zu, wie das Ding wieder in der Wand verschwand.

    „Ausgezeichnet!“, stellte der Amtsleiter zufrieden hinter seiner Scheibe fest. „Dann können wir Sie ja nach Hause schicken. Wir haben extra einen ganzen Bus für Sie reserviert. Stellen Sie sich das mal vor.“

    „Wie nett von Ihnen.“

    Plötzlich tat sich eine Tür an der Wand auf, die zuvor nicht da gewesen war. Vorsichtshalber trat ich einen Schritt zurück. Einen Augenblick später kam eine ganze Armada von grauen Gestalten herausgetreten und versammelte sich im Wartesaal. Das alles war mir nicht geheuer, ich wich immer weiter zurück, bis ich mich hinter einen Automaten quetschen musste, um keinen dieser Geister zu berühren. Etwas sagte mir, dass eine Berührung nicht gut enden würde. Irgendwann brach der Strom ab. In der Halle war nun kein Platz mehr zum Stehen. Dann ertönte wieder die Stimme des Amtsleiters. „Sehen Sie, Herr Beer, deswegen haben wir Sie hergeholt. Unsere Lagerräume drohten aus allen Nähten zu platzen. Und nun: Bereit machen zur Abfahrt.“

    Draußen auf dem ersten Bussteig fuhr ein langer grauer Bus ein. Die Türen der Station wurden aufgeschoben und die graue Masse bewegte sich geräuschlos nach draußen. Einer nach dem anderen verschwand im Bus, bis nur noch ich übrig blieb; immer noch zusammengekauert in meiner Ecke. Mir war nicht klar, was ich mit diesen Gestalten zu tun haben sollte. Aber da ich noch nicht aufgewacht war, musste ich dem Prozedere wohl Folge leisten. Mein Zögern rief erneut den Amtsleiter auf den Plan. „Sie können jetzt einsteigen. Der Bus ist bereit zur Abfahrt.“

    Seine monotone Bürokraten-Stimme gab mir endlich den Ruck, den ich brauchte, um meinen Rucksack zu schnappen und den anderen zu folgen. Beim Gehen überkam mich ein ungutes Gefühl, es war fast wie eine Vorahnung. Doch ich konnte sie nicht recht zuordnen. Noch einmal blickte ich zurück zum Amt. Es war jetzt leer. Ein wahrhaft seltsamer Ort, dachte ich und stieg in den Bus ein. Der Busfahrer war ein graues Wesen, wie die anderen, die eingestiegen waren. Keine Ahnung, wie das Ding den Bus lenken sollte. Doch ich hatte genug gesehen, um mich nicht darum zu scheren. Der Bus war gerammelt voll mit diesen grauen Gestalten. Lediglich der vorderste Platz war frei geblieben. Ich warf meinen Rucksack auf den Gangsitz und quetschte mich daran vorbei ans Fenster, um eine Barriere zwischen mir und den anderen zu haben. Dann begann die Reise ins Ungewisse. Die Tür fiel mit einem lauten Zischen zu, der Motor heulte auf und wir rollten los. Schon bald umgab uns die Dunkelheit und ich schlief ein.

    „Hola! Eh, chico!“, rief jemand in der Ferne. Dann packte mich eine Hand an der Schulter und rüttelte daran. Wieder rief eine Stimme: „Eh, chico!“ Ich spürte den warmen Atem eines Menschen über mir und schreckte auf. „Ich bin wach! Ich bin wach!“, schrie ich. Als ich die Augen öffnete, sah ich den entgeisterten Blick des Stationswärters, der mich aufgeweckt hatte. Hinter ihm stand ein Bus mit geöffneter Tür, in dem der Busfahrer nervös auf das Lenkrad tippte. Ich sah den Stationswärter an, der mit einer Geste andeutete: „Fahren oder bleiben?“ Ich wollte aufspringen und in den Bus eilen, doch etwas in mir hielt mich zurück. Ein wirklich niederschmetterndes Gefühl überkam mich und nagelte mich an Ort und Stelle fest. Resigniert sackte ich auf der Bank zusammen und schüttelte nur mit dem Kopf. Der Stationswärter zuckte mit den Schultern, kratze sich am Kopf und gab dem Busfahrer ein Zeichen. Der Motor startete und der Bus raste davon. „Todo bien?“, wollte der Stationswärter schließlich wissen. „Si, gracias. Voy a casa. Ich gehe nach Hause.“

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  • Es war der beste Sommer, es war der schlimmste Sommer

    Es war der schlimmste Sommer. Keiner der Jungs war mit seiner Familie in den Urlaub gefahren. Zum ersten Mal konnten sie die vollen sechs Wochen der Ferien gemeinsam verbringen. Doch ein Ereignis, das in diesem Jahr nicht nur das Ende der Sommerferien einläuten würde, sondern vielleicht auch das Ende einer besonderen Freundschaft, lag Jan, Cem, Fabi, Axel und besonders Maxi wie ein schwerer Stein im Bauch. Am letzten Wochenende, Anfang September, würde Maxi nach München zu seinem Vater ziehen. Seine Eltern lebten getrennt, seitdem er drei Jahre alt war und nun hatte sein Vater es geschafft, das Sorgerecht für Maxi für sich zu gewinnen. Maxi liebte seinen Vater, keine Frage und tief drinnen freute er sich auf das neue Leben in München. Doch er konnte sich nicht vorstellen, dieses Leben ohne seine besten Kumpels zu führen.

    Die Gruppe hatte vor einiger Zeit schon beschlossen, nicht mehr die Tage bis zum Ende der Ferien zu zählen und es einfach passieren zu lassen, wenn es so weit war. Das klappte ganz gut, wenn sie zusammen waren und man einen Tritt gegen das Schienbein bekam, wenn man über jenes Wochenende sprach. Aber zuhause, bei ihren Eltern, hatten die Jungs kein anderes Thema mehr. Es war so schlimm geworden, dass ihre Mütter sich mittlerweile jede Woche trafen, um darüber zu diskutieren, was sie unternehmen konnten. Die Idee, in den Schulferien gemeinsam nach München zu fahren, wurde zunächst mit großer Begeisterung aufgenommen, doch als in einem Nebensatz die Bemerkung „einmal im Jahr“ fiel, war die gute Laune sofort wieder dahin. Die Jungs konnten es einfach nicht verstehen, dass einer der ihrigen bald nicht mehr bei den Abenteuern dabei sein konnte. Besonders Jan hatte damit zu kämpfen und malte sich nachts die wildesten Rettungsaktionen für seinen Kumpel aus, die alle daran scheiterten, dass er ein zehnjähriger Junge war.

    Und so lagen die Freunde an diesem Vormittag auf der kleinen Erdanhäufung auf dem Spielplatz beim Kindergarten und starrten gemeinsam in den Himmel. Hin und wieder warf jemand etwas Gras in den Wind oder entließ einen gelangweilten Seufzer in die drückende Stille. Der Tag hielt unendliche Abenteuer bereit: Sie konnten Steine auf die Frösche im Teich im Ruhewald werfen, Frau Krauses Hund in seinem Käfig mit Schnattergeräuschen in den Wahnsinn treiben oder Goldfische im Teich der Hermanns fangen. So verlockend die Möglichkeiten auch waren, sie konnten alle nicht über eine Tatsache hinwegtäuschen: Es könnte das letzte Abenteuer mit Maxi sein. Wer außer Maxi konnte auf seine witzige Art den Mädels in der Schule weismachen, dass sie einen 30 cm großen Frosch mit ekelhaften Warzen gesehen hatten oder dass im Bach beim Bauernhof oben der tote Hund von Frau Schwarz lag oder dass im Ruhewald die Toten gegen ihre Urnen klopften? Wer würde die Jungs in Zukunft zum Lachen bringen, wenn sie sich mal wieder stritten und kurz davor waren, sich zu prügeln? Wer würde Center Shocks für die ganze Gruppe vom Bäcker mitbringen? Es war zum Verzweifeln, ein Leben ohne Maxi in Nordstetten war für alle unvorstellbar. Als die Gedanken sich wieder um sich selbst drehten, fragte Cem irgendwann in die Gruppe:

    „Wie weit ist München eigentlich weg?“

    „Bestimmt hundert Kilometer“, schätzte Fabi.

    „Viel mehr!“, warf Axel ein.

    Jan wollte auch etwas sagen, realisierte aber, dass er die Antwort nicht kannte und wartete daher ab, bis Maxi sich einmischte.

    „Über 200 Kilometer sind das bis nach München“, sagte Maxi schließlich mit trauriger Stimme.

    „Wir sind doch mal nach Empfingen gelaufen“, erinnerte sich Fabi.

    „Ja, genau. Wie weit ist das von hier aus?“, fragte Cem aufgeregt.

    „Fünf Kilometer oder so“, antwortete Maxi.

    „Oh Mann, das war echt weit. 200 Kilometer können wir nie im Leben laufen!“, stellte Cem enttäuscht fest.

    „Aber fahren…“, ergänzte Fabi.

    „Und wer soll uns fahren?“, fragten Jan und Axel fast synchron.

    „Unsere Eltern!“

    „Das machen die nie. Vielleicht einmal im Jahr.“

    „Hmm…“

    „Ach, Kacke!“

    „Maxi, wie kommst du eigentlich nach München?“, wollte Jan schließlich wissen.

    „Mit dem Auto oder dem Zug, vielleicht holt mich mein Vater ab, weißt nicht…“, erwiderte Maxi.

    „Zug!“, schrie Cem plötzlich und sprang auf, wodurch die anderen ebenfalls in Unruhe gerieten und sich erhoben. Gespannt sah er zwischen seinen Kumpels hin und her und hoffte, in ihren Augen dieselbe Idee zu entdecken, die sich gerade in seinem Kopf zu einem tatsächlich umsetzbaren Plan manifestierte. Die Jungs sahen jedoch alles andere als begeistert aus und blickten Cem erwartungsvoll an.

    „Kapiert ihr’s nicht? Wir können selber mit dem Zug nach München fahren! Von Horb aus.“, teilte er schließlich seine Gedanken mit den anderen. Die waren zunächst verblüfft und prüften gegenseitig ihre Reaktionen. Doch irgendwo in ihren kleinen Gehirnen fiel die Idee auf fruchtbaren Boden und schien die Lösung für die Tragik dieses Sommers zu sein. Auf einmal fielen sie sich in die Arme und sprangen triumphierend im Kreis herum, während sie die ganze Zeit riefen: „München! München! Wir fahren nach München!“

    Ohne sich in weitere Überlegungen zu verstricken, machten sie sich auf in Richtung Feldweg, der sie runter ans Dorfende brachte, wo er zu einem kleinen Pfad wurde, der durchs Gestrüpp in den Wald hineinführte. Von dort aus gelangte man auf den Eselsweg, ein steiler Pfad mitten durch den Wald, der auf halber Höhe auf die alte Horber Steige traf. Von dort aus war es nicht mehr weit bis zum Bahnhof. Entlang der Straße liefen sie die letzten Meter zum Parkhaus, das zum Bahnhof gehörte. Vorne an der Einfahrt lagen einige Steine, die dort im kollektiven Verständnis der Jungs fehl am Platz waren. Sie luden ihre umgestülpten T-Shirts voll und liefen in eine vom Bahnhof aus nicht einsehbare Ecke des Parkhauses. Dort lehnten sie sich übers Gitter und ließen Stein um Stein in die Tiefe plumpsen. Beim Aufkommen war ein stumpfes „Klack“ zu hören, was die Jungs dazu veranlasste, den nächsten zu werfen.

    Als sie ihre Vorräte aufgebraucht hatten, liefen sie zum Treppenhaus, schoben gemeinsam die schwere Tür auf und riefen den Aufzug. Die Treppen waren ihnen nicht geheuer, da man immer wieder Geschichten von Drogenabhängigen und betrunkenen Jugendlichen hörte, die dort herumlungerten. Der Aufzug hatte einen Spiegel am hinteren Ende, in dem sie Grimassen schnitten. Jemand stellte angewidert fest: „Hier riecht’s nach Pisse!“ Daraufhin wurde er sofort mit der Bemerkung „Erst, seit du hier bist“ zur Zielscheibe des Spotts. Als der Aufzug unten ankam und die Tür aufging, hatten die Jungs sich in ein Knäuel aus Tritten, Schlägen und Beleidigungen verwandelt. So in ihrer kleinen Rauferei verwickelt, merkten sie gar nicht, dass ein Polizist vor dem Aufzug stand und halb belustigt, halb genervt ihrem Treiben zusah. Axel bemerkte den Mann als Erster und rief: „Stopp! Polizei!“

    Schlagartig drehte sich der ganze Trupp um und erstarrte unter den strengen Augen des betagten Polizisten. Der kostete den Eindruck, den er bei den Jungs schindete aus und fragte mit ernster Stimme: „Muss ich euch festnehmen?“

    „Nein, bitte nicht!“

    „Wir haben nichts gemacht!“
    „Der war’s!“

    „Nein.“

    „Nehmen Sie Fabi fest!“

    Fabi, der immer wenn er nervös war, aufstoßen musste, entließ einen kräftigen Rülpser in Richtung des Polizisten. Das Gelächter der Jungs ließ nicht lange auf sich warten. Nur Fabi schaute beschämt nach unten. In diesem Moment löste der automatische Schließmechanismus der Tür aus und rettete die Jungs beinahe. Doch der Polizist drückte von draußen auf den Knopf und schon sahen sie sich ihm wieder gegenüber.

    „Jungs, so ein Parkhaus ist kein Spielplatz und ein Aufzug schon gar nicht. Wenn ihr nicht nach oben wollt, dann steigt jetzt bitte aus. Oder braucht ihr Hilfe?“
    „Nein, wir steigen schon aus.“
    „Wir brauchen keine Hilfe!“

    „Dann tauschen wir“, fügte der Polizist hinzu und ließ die Bande aussteigen, trat in den Aufzug und nickte ihnen zum Abschied nochmal zu. Als der Aufzug weg war, ging das Gelächter wieder los. Fabi war unfreiwillig zum Held des Tages geworden. Sie spielten die Situation nach und versuchten dabei sowohl das Gesicht des Polizisten als auch den Rülpser detailgetreu nachzuahmen. Nur Fabi fand keinen Spaß daran, er schämte sich für seine unfreiwilligen Luftaustöße, die ihm in der Schule schon so manchen Ärger eingehandelt hatten. Er lenkte die Aufmerksamkeit der Jungs wieder auf ihr eigentliches Ziel: „Hey, was ist mit München?“

    Seine Kumpels verstummten, dieses Wort hatte denselben Effekt, wie im Schwimmbad auf eine Biene zu treten. Noch vielmehr, weil sie realisierten, dass ihr Plan alles andere als wasserdicht war. Enttäuscht setzten sie sich auf die Stufen zu Gleis 1 und 2 und bliesen eine Weile Trübsal. Der Tag, ach, der ganze Sommer war gelaufen, keiner von ihnen konnte Maxi retten. In der Welt der Erwachsenen hatten sie kein Mitspracherecht. Einige Züge rauschten über ihnen vorbei, während ihre Laune langsam den Tiefpunkt erreichte. Doch dann kam plötzlich ein chinesischer Geschäftsmann mit Anzug, Aktentasche und großem Reisekoffer angerannt, der, als er die Jungs sah, unvermittelt stehenblieb und ihnen seine Fahrkarte vor die Nase hielt.

    „Train to Stuttgart? Here?“, wollte er von ihnen wissen. Mehr als Stuttgart hatten sie aber nicht verstanden. Maxi schnappte sich die Karte, warf einen Blick darauf, sah Gleis 1 und gab sie dem Mann zurück. Dann zeigte er bloß mit dem Daumen nach oben. Der Mann bedankte sich hastig und eilte an ihnen vorbei die Treppen empor. Schon wollten sich die Jungs wieder ihrem Schwermut hingeben, als Maxi plötzlich auffuhr. Die anderen zuckten allesamt zusammen. „Auf der Karte“, schrie Maxi aufgeregt, „auf der Karte stand München. Der Mann will nach München. Folgen wir ihm!“

    Mit einem Mal kehrte der Mut in die Truppe zurück und unter heulendem Siegesgesang stürmten sie die Treppe hinauf. Oben angekommen sahen sie gerade noch, wie der Mann in einen langen, weißen Zug einstieg. Die Jungs zögerten nicht lange und sprangen durch die nächstgelegene Tür. Einen Moment später fiel diese mit einem lauten Zischen zu und der Zug fuhr los. Die Jungs hatten sich derweil in ein Viererabteil gequetscht und stritten sich um die Fensterplätze. Cem und Fabi hatten sich durchsetzen können und starrten jetzt gespannt in die immer schneller vorbeiziehende Landschaft.

    „Da ist das Schwimmbad!“, brüllte Fabi. Alle drängten zum Fenster, um das Schwimmbad zu begutachten. Kurz darauf schoss der Zug den Hügel hinauf in den Wald hinein, wo ein Tunnel vorauslag. „Gleich wird’s dunkel“, schrie einer der Jungs. Und dann blickten sie ihn ihre eigenen Spiegelbilder, weil draußen alles schwarz wurde.

    Sie waren so damit beschäftigt, Grimassen zu schneiden, dass sie den Schaffner gar nicht bemerkt hatten, der am anderen Ende des Abteils aufgetaucht war. Nur sie und der Geschäftsmann waren in Horb zugestiegen, daher dauerte es nicht lange, bis er hinter ihnen stand. In der Spiegelung des Fensters entdeckten sie schließlich die Gestalt im dunkelblauen Anzug. Es war ein kahlköpfiger Mann mit runder Brille und Schnauzbart, der mit einem breiten Grinsen hinter ihnen stand. Offenbar hatte er sich über ihre Grimassen amüsiert.

    „Guten Tag, die Herrschaften! Wo geht die Reise hin?“

    Die Jungs waren völlig perplex. In Ihrer Aufregung hatte keiner daran gedacht, dass man eine Fahrkarte kaufen musste, um mit dem Zug fahren zu dürfen. Keiner wollte oder konnte dem Mann eine Antwort geben.

    „Hat es euch die Sprache verschlagen vor lauter Grimassen? Leider muss ich jetzt eure Fahrkarten sehen? Habt ihr denn welche?“

    Maxi, der bekannt dafür war, sich in solchen Situationen für gewöhnlich mit Bravour herausreden zu können, zückte schnell seinen Geldbeutel und streckte dem Mann seine Schülerfahrkarte für den Bus hin. Die anderen taten es ihm gleich und kramten ebenfalls ihre Fahrkarten heraus. Der Mann warf einen prüfenden Blick auf alle fünf Karten und musste dann laut loslachen.

    „Für so eine kreative Idee solltet ihr eigentlich ausgezeichnet werden. Aber mal ehrlich, Jungs, das hier sind Busfahrkarten. Die berechtigen nicht zu einer Zugfahrt, schon gar nicht mit dem IC. Wenn ihr keine echten Fahrkarten habt, muss ich euch leider in Eutingen rausschmeißen. Tut mir leid!“

    Die Jungs tauschten hoffnungsvolle Blicke mit Maxi aus.  Wenn sie einer retten konnte, dann er. Von der Zustimmung seiner Freunde beseelt, versuchte er sein Glück: „Wir fahren nach München zu meinem Vater. Der zahlt die Karten dort am Bahnhof für uns. Wir hatten es so eilig, dass wir keine mehr kaufen konnten. Wirklich!“

    „Wirklich? Selbst wenn das stimmen würde, kann ich euch fünf nicht unbegleitet durch die Gegend fahren lassen. Ihr wisst schon, dass ihr in Stuttgart umsteigen müsstet, um nach München zu kommen, oder?“
    „Ähh, echt jetzt?“, grätschte Axel dazwischen und wurde dafür mit einem Fußtritt von Maxi bestraft. Jetzt hatte er sie verraten, dachten die anderen. Aber der Schaffner hätte ohnehin nicht mit sich verhandeln lassen.

    „Wir sind gleich da, Jungs! Endstation für euch.“

    Widerwillig stand einer nach dem anderen auf und folgte im Gänsemarsch dem Schaffner zum Ausgang. Sie waren bereits in den Bahnhof Eutingen eingefahren, wo einige Fahrgäste am Bahnsteig warteten. Als die Türen aufgingen, trotteten die fünf Freunde wie bei einem Gefangenentransport aus dem Zug, stellten sich der Reihe nach auf und warteten auf die Rüge des Schaffners.

    „Tut mir leid für euch, Jungs! Aber es ist besser so. Ihr könnt umsonst mit dem nächsten Zug zurückfahren. Ich werde dort anrufen und Bescheid sagen, dass ihr nur bis nach Horb fahrt. Und nächstes Mal muss dein Vater eben mit, Kleiner. Dann könnt ihr eine tolle Zugfahrt genießen. Die Strecke nach München ist wirklich schön.“

    Die Jungs nickten nur traurig und vergruben beschämt die Hände in den Taschen. Der Schaffner wies sie nochmal darauf hin, dass sie mit dem nächsten Zug zurückfahren sollten, der in etwa einer halben Stunde ankam. Dann stieg er ein und winkte den Jungs, bis er außer Sichtweite war. Sobald sie ihn nicht mehr sahen, streckten die Jungs ihm den Stinkefinger hinterher und beleidigten hin. Als der Zug dann nicht mehr zu sehen war, verlagerte sich die Wut plötzlich auf die anderen. Es entfachte ein wilder Streit in der Gruppe, der sich zunächst gegen Axel richtete, weil er sie laut Gruppenkonsens verraten hatte und dann auf Maxi umschwenkte, der offensichtlich unüberlegt gehandelt hatte. Schließlich stritt sich jeder mit jedem, bis sie sich auf dem Bahnsteig verteilten und wütend Steine auf die Gleise traten oder vom Geländer die Treppen hinunterspuckten. Die Sonne stand schon hoch am Horizont, als wache sie über die fünf Jungs.

    Es war Axel, der nach einer Weile rief: „Ich geh nach Hause. Nochmal lass ich mich nicht erwischen.“ Dann stapfte er los. Da er in Eutingen oft Fußball gespielt hatte, kannte er den Weg zurück nach Nordstetten. Die anderen beobachten, wie er in der Unterführung verschwand und kurz darauf auf der anderen Seite der Gleise wieder auftauchte. Dann lief er über den Parkplatz auf die Straße zu.

    „Halt!“, schrie Jan und eilte ihm hinterher. Cem war der Nächste, der es nicht mehr aushielt. Schließlich folgte Fabi. Erst, als Maxi dessen orangefarbenes Shirt in der Ferne kaum noch sehen konnte, sprang er auf und sprintete hinterher. Er holte die anderen an dem Kreisverkehr vorne an der Straße ein, wo sie gerade auf der gegenüberliegenden Seite einen Feldweg hinaufgingen. Maxi sah sich um und rannte los, als kein Auto kam. Mit jeweils 2 oder 3 Metern Abstand voneinander gingen die Jungs im Marschschritt den Feldweg entlang. Zu ihrer Rechten erstreckte sich in der Ferne Eutingen mit der großen Kirche. Im Vordergrund konnten sie die Fußballfelder sehen, auf denen gerade eine blaue gegen eine rote Mannschaft kickte. Ihre Schreie drangen dumpf zu ihnen herüber. Bald traf der Feldweg wieder auf eine Straße, auf dessen anderer Seite er sich fortsetzte. Da gerade viel Verkehr war, musste Axel stehenbleiben und wurde von den anderen eingeholt. Schweigend standen sie nebeneinander und warteten auf eine Chance, die Straße zu überqueren. Weil sie sich in einer windgeschützten Senke befanden, war die Hitze besonders drückend.

    „Ich hab so einen Durst!“, beschwerte sich Cem.

    „Dann trink doch deine Pisse!“, entgegnete jemand wüst aus der Gruppe. Ein verhaltenes Kichern ging durch die Reihe, das sofort unterbunden wurde, um nicht den Anschein zu erwecken, man sei sich plötzlich wieder wohlgesonnen. Dann ergab sich endlich eine Lücke im Verkehr und die Jungs rannten los. Auf der anderen Seite angekommen, fielen sie wieder in ihre ursprüngliche Formation zurück. Axel ging voraus, es folgte mit einigem Abstand Jan, dann Cem, Fabi und Maxi bildete die Nachhut. Sie liefen an saftigen grünen Wiesen, Obstbäumen und einer großen Eiche mit einem Jesuskreuz vorbei. Irgendwann führte der Weg in den Wald hinein, wo er sich hinunter ins Neckartal nach Mühlen schlängelte.

    Je weiter die Jungs liefen, desto mehr schwand ihr Unmut den anderen gegenüber, doch keiner wollte derjenige sein, der die Aussöhnung begann. Immerhin wollte keiner von ihnen wie ein Schwächling dastehen. Aus diesem Grund versuchten sie, die Anspannung spielerisch aufzulösen. Mal rannte einer vorneweg, mal schmiss einer einen kleinen Stein ins Tal hinunter. Fast immer gingen die anderen auf die kleinen Beweisproben ein. Erst, als sie in Mühlen angekommen waren, hörten ihre Spielchen auf und sie liefen wieder schweigend hintereinander her. Aus der kleinen Gasse, in die die holprige Straße gemündet war, die sie zum Abstieg genutzt hatten, gelangten sie schon bald auf die Hauptstraße, die nach Horb führte. Jetzt kannten sich auch die anderen wieder aus. Im Schatten der Häuser spazierten sie auf dem Gehweg entlang, wechselten bei der Kirche die Straßenseite und freuten sich, als sie endlich den Neckar hören konnten.

    Über eine kleine Brücke gelangten sie ans andere Ufer, von wo aus man ans Wasser hinunterkam. Dort lagen bereits einige Sonnenanbeter, die ihre Füße ins kühle Nass streckten. Das reichte den Jungs aber nicht. Sie streiften ihr Schuhe und Socken ab und sprangen mit voller Wucht ins flache Wasser. Dann begann eine wilde Wasserschlacht, bei der für einen Moment alle Sorgen vergessen waren. Nachdem sich jeder ein wenig abgekühlt hatte, ließen sie Steine übers Wasser flitzen. Fünfmal war der Rekord in der Gruppe, den es seit Monaten zu schlagen galt. Stein um Stein hüpfte übers Wasser und verschwand in den Fluten des Neckars. Trotz ihres unbeschwerten Spiels saß der Frust immer noch zu tief, um mehr als einige wetteifernde Sprüche miteinander auszutauschen. Irgendwann taten ihnen dann doch die Füße weh, da das Flussbett an dieser Stelle aus vielen kleinen Steinen bestand. Also wurde stillschweigend der Rückzug angetreten.

    Es ging zurück auf den Gehweg, von dort weiter zur großen Autobrücke, die über den Fluss führte und auf der anderen Seite in den Wald, durch den sich ein kleiner Weg auf die Felder bei Ahldorf hochschlängelte. Immer noch wurde kein Wort gewechselt, was vielleicht auch an dem steilen Anstieg lag. Oben angekommen, waren sie ganz außer Atem und legten sich für eine Weile auf einer Wiese in den Schatten. Mittlerweile war der ganze Groll verschwunden und es lag mehr an der Erschöpfung und dem Durst, dass keiner mehr sprechen wollte. Die letzten 3 Kilometer kamen ihnen umso beschwerlicher vor, obwohl es jetzt nur noch auf gerader Strecke im Schatten der Bäume entlangging.

    Die Erleichterung war bei allen riesig, als sie endlich den Kirchturm von Nordstetten erblickten. Sie beeilten sich und zogen das Tempo ein letztes Mal an. Dann standen sie unter der Autobrücke mit den seltsamen Graffitis, die ihnen aus unerfindlichen Gründen Angst machten. Sie entschieden sich daher, sie nicht zu durchqueren und stattdessen rechts den Feldweg hinaufzugehen. Jetzt waren sie in heimischem Terrain. Jeder Grashalm, jeder Baum weckte eine Erinnerung. Da war die alte Kuhweide, auf der sie früher die Kühe gefüttert hatten. Gegenüber stand der große Kastanienbaum, der im Herbst alle Nordstetter mit Kastanien versorgte und 50 Meter weiter oben, an der Kreuzung, die alte Stileiche, deren Eicheln hervorragende Wurfgeschosse abgaben. Nicht zu vergessen, der Abhang, den sie im Winter mit ihren Schlitten hinunterjagten, manchmal bis in den Wald hinein.

    Die unzähligen Abenteuer, die sie hier erlebt hatten, ließen Maxi ganz sentimental werden. Er fiel zurück, damit die anderen nichts mitbekamen. Was er nicht ahnen konnte, war, dass seine Freunde genauso empfanden. Jan, der eine besondere Verbindung zu ihm hatte, drehte sich als Erster um. Er lief zu ihm und legte den Arm auf seine Schulter. Die anderen ließen nicht lange auf sich warten und bald fanden sie sich in einer großen Gruppenumarmung wieder, ein jeder den Tränen nahe, aber nicht imstande, sie herauszulassen. Nur Maxi lief eine einzelne, einsame Träne übers Gesicht. Seine Freunde ließen sie ausnahmsweise unkommentiert.

    Schulter an Schulter liefen die fünf die letzten Meter gemeinsam bis zu der Brücke, die über die B 32 nach Nordstetten führte. Hier blieben sie stehen, stützten sich auf dem Geländer ab und blickten eine Weile den Autos hinterher, von denen das ein oder andere vielleicht nach München fuhr. Maxi konnte nicht anders, er versuchte die letzten Spuckereste in seinem Mund zu sammeln, um sie auf das Dach eines Lastwagens zu feuern. Doch sein Mund war so trocken, dass es gerade noch für ein paar Spritzer reichte, die der Wind ihm direkt zurück ins Gesicht blies. Alle mussten lachen und mit einem Mal waren alle Streitereien vergessen. Die fünf Freunde schlossen sich in die Arme und liefen zurück nach Hause. Es war der beste Sommer.

    Weitere Abenteuer von Maxi und Jan:

     

  • Der alte Künstler von nebenan

    In der Wohnung gegenüber wohnte ein alter Mann. Bevor er in Rente gegangen war, war er Künstler gewesen, hatte er mir einst erzählt. Seiner Einrichtung nach zu urteilen, war er nicht unerfolgreich gewesen. Neben all den Anekdoten, die er mir aus seinem früheren Leben erzählt hatte, war es ihm nie in den Sinn gekommen, mir seinen Namen zu nennen. An seiner Klingel stand nur „Maler i. R.“, was entweder Maler in Rente oder Maler in Revolte hieß und von seiner Tagesverfassung abhing. An manchen Tagen pinnte er wirre Zeichnungen draußen an die Tür, die mich auf meinem Weg zur Arbeit ein um das andere Mal aufhielten. Es waren nichtssagende, verworrene Linien, die den willkürlichen Flug einer Fliege hätten beschreiben können. Etwas Kontext schafften lediglich die Überschriften, die die kleinen Kunstwerke trugen: Hass, Liebe, Wut, Sehnsucht. Banale Empfindungen, die mit den Zeichnungen nichts gemein hatten, zumindest nicht, wenn es nach meinem beschränkten Kunstverständnis ging. Meistens waren die Zeichnungen verschwunden, wenn ich wieder nach Hause zurückkehrte. An manchen dieser Tage glaubte ich, Rauch aus seiner Wohnung zu riechen, über dessen Herkunft ich aber nicht weiter nachdachte. Wer konnte schon wissen, was der alte Mann in seiner Wohnung trieb. 

    Es trug sich in einer hellen Vollmondnacht zu, dass ich nicht schlafen konnte und auf der Suche nach etwas Ablenkung ziellos durch die Wohnung streifte, als ich vom Flur her ein Geräusch hörte. Es war ein leises Klopfen, das sich nicht wiederholte. Ich lief zum Türspion und sah hinaus. Im Lichtkegel des Flurlichts von der Wohnung gegenüber sah ich den alten Mann, der mit einem kleinen Hammer vor seiner Tür stand und offenbar mit jemandem sprach. Dann sah ich das weiße Papier, das dort an der Tür haftete, vom Durchzug leicht gewölbt. Zum ersten Mal beobachtete ich mit eigenen Augen dieses seltsame Ritual, dessen Sinn sich mir nie erschlossen hatte. Ich wollte hören, was er da faselte. Also drehte ich den Kopf zur Seite und legte das Ohr an die Tür. Doch er sprach so leise, dass ich kein Wort verstand. Aus Reflex presste ich meinen Körper näher an die Tür, wobei mein rechtes Knie etwas unsanfter als gewollt dagegen schlug. Ich erschrak mich so sehr vor diesem Geräusch, dass ich mich auf der Stelle zurückzog. 

    Da stand ich nun im Flur und hielt den Atem an, während ich in die mondweiße Dunkelheit hinein horchte. Plötzlich tat es einen lauten Schlag, der mich heftig zusammenzucken ließ. Für einen Moment hörte ich nichts als mein Herz. Doch langsam kehrte mein Gehör zurück und ich vernahm das Klicken des Lichtschalters im Flur. Jemand musste durch den Knall aufgeweckt worden sein. Ich trat wieder zurück an den Spion und warf einen Blick nach draußen. Dort sah ich den kahlen Hinterkopf meines Nachbarn, der jetzt mitten im Flur stand und hilflos zu seiner Wohnung rüber schaute. Seine Tür musste wegen des Durchzugs zugefallen sein. Zunächst überlegte ich, ob ich mich nicht einfach wieder ins Bett schleichen und das Ganze vergessen sollte, doch dann tat er mir leid. Also fasste ich mir ein Herz und öffnete die Tür. Er drehte sich um und sah mich mit einem manischen Blick an. 

    „Heute will es einfach nicht gelingen“, teilte er mir mit, als wüsste ich genau Bescheid.

    „Was will nicht gelingen? Haben Sie sich ausgesperrt?“, erwiderte ich, geblendet vom grellen Licht dieser schrecklichen Halogenlampen über uns.

    „Ja, junger Mann, das hab ich wohl. Aber das ist wirklich nicht das Problem. Da ist etwas anderes, das ich aussperren wollte, aber es will mir einfach nicht gelingen…der Vollmond ist vielleicht schuld. Ihnen scheint er ja auch eine schlaflose Nacht zu bereiten…schleichen durch die Wohnung, wie ein Untoter.“

    „Das alte Gebälk hat mich verraten, schätze ich. Was tun Sie hier draußen? Was ist das für eine Zeichnung?“

    „Nein, nein, nicht doch. Das ist keine Zeichnung! Das hier, das ist mein Schmerz“, sagte er, auf die Zeichnung deutend. 

    „Ihr Schmerz? Wo tut es denn weh?“

    „Nicht wo, warum! Zwar mag ich alt sein, aber mehr als mein Alter plagt mich meine Seele. Nennen Sie es Weltschmerz oder Schwermut, ich weiß es nicht, es nagt an mir jede Nacht. Ich versuche, vehement dagegenzuhalten, indem ich ihn zu Papier bringe. Ein bisweilen bewährtes Mittel, nur dieser eine Schmerz, der da unter meinem Herz, manchmal auch in der Bauchgegend sitzt, der will nicht raus. Der hat sich dort verschanzt, als wäre er in mir verwachsen.“

    „Also ist jede Zeichnung eine Empfindung gewesen, die Sie nach hier draußen verbannt haben?“

    „So ist es…Ach, könnten Sie wohl so nett sein und den Schlüsseldienst rufen. Drinnen ist es doch besser auszuhalten.“

    „Natürlich, warten Sie einen Moment.“

    Als ich zurückkam, saß er auf der Treppe und begutachtete seine Zeichnung, wie ein Lehrer, der eine Mathearbeit korrigiert. Mir schien, als wäre ihm ein Fehler unterlaufen, den er jetzt ausfindig machen wollte. Vorsichtig trat ich an den Treppenabsatz und beäugte von oben herab die Zeichnung. Sie war wie die anderen, ein schwarzes Linienchaos, das kein Ende und keinen Anfang hatte. Sie erinnerte mich an meine frühe Kindheit und die ersten Versuche zu zeichnen, die ich immer mit solchen wirren schwarzen Linien übermalte, wenn sie mir nicht gefielen. Der Alte schien meinen Blick gespürt zu haben, sah zu mir auf und fragte mit neugierigem Blick: „Was sehen Sie?“

    „Linien.“

    „Und weiter?“

    „Chaos.“

    „Noch mehr?“

    „Keinen Anfang und kein Ende.“

    „Das ist der Schmerz. Er ist da und endet nicht. Ein heilloses Chaos, das bald alles in sich verschlingt, wenn man ihm nicht Einhalt gebietet.“

    „Aber warum die Linien?“, wollte ich wissen, während ich mich neben ihm auf der Treppe niederließ. Der Alte nickte und sah mich eine Weile an, als müsste er sich die Antwort erst zurechtlegen. Dann deutete er auf meine Tür und sagte: „Wenn ich Ihr Bewegungsmuster jeden Tag mit abstrakten Linien wie diesen hier darstellen würde, hätte ich schon bald ein ganz ähnliches Bild. Es gibt Überschneidungen, Abkürzungen, Ausreißer und dicke Linien, die immer die gleiche Route beschreiben, doch eines haben sie alle gemeinsam: sie beginnen und enden an dieser Stelle. Ebenso verhält es sich meiner Meinung nach mit Gefühlen, das heißt, für eine Weile wenigstens. Ich bin kein Arzt und kenne mich nicht mit Gehirnen aus, aber ich stelle mir ein Gefühl vor, zum Beispiel Hass, und versuche seinen Weg durch mein Gehirn nachzuvollziehen. Ich will sagen, ich jage ihm nach, bewaffnet mit einem Bleistift und einem Stück Papier. Ich setze dort an, wo ich das Gefühl zuletzt geortet habe und dann verfolge ich seine Spur, bis wir gleich auf sind und das geht dann immer so weiter. Sehen Sie, Linie für Linie bahnt sich das Gefühl seinen Weg durch mein Gehirn, weil es an vielen Orten gleichzeitig sitzt und sich dorthin flüchten möchte, wenn ich es jage. Aber ich bin schnell, müssen Sie wissen. Und dann: Zack! Habe ich es! Wenn zwei Linien spontan aufeinandertreffen, ist es vorbei, das Gefühl hat sich sozusagen selbst aufgehoben. Vielleicht ist es auch über meine Hand auf das Papier gewandert, das weiß ich nicht genau. Jedenfalls ist ist es dann aus meinem Kopf verschwunden. Das ist der Grund, weshalb ich diese Zeichnungen an die Tür hefte. Ich verbanne sie nach draußen. ‚Verlasst meine Wohnung!‘, sage ich. Und dann verbrenne ich sie. Tja, aber dieser Schmerz, er geht nicht weg…“

    In diesem Moment wurde der alte Mann von meiner Klingel unterbrochen, die schrill durchs Treppenhaus hallte. Noch ganz beseelt von seiner Erzählung stand ich auf und ließ den Mann vom Schlüsseldienst herein. Wir konnten ihn mit schweren, müden Schritten die Treppen emporsteigen hören, bis er vor uns stand. „Die da?“, sagte er kurzangebunden, indem er mit dem Kopf zur Tür meines Nachbarn nickte.

    „Ja“, sagten wir beinahe synchron.

    „Mhm“, murmelte der Mann, zog eine Art längliches Stück Pappe aus einem Koffer und innerhalb von wenigen Sekunden stand die Tür wieder offen. Nach getaner Arbeit drehte er sich zu uns um und fragte: „Wem gehört die Wohnung?“

    „Ihm“, antwortete ich auf den alten Mann zeigend.

    „Und Sie kennen ihn?“
    „Ja, er ist mein Nachbar.“
    „Tja, das macht dann fünfzig Euro. Ich schreibe Ihnen schnell eine Quittung.“

    „Ist gut, ich hole das Geld.“

    Die beiden erledigten die Formalitäten und dann war der Kerl im Blaumann so schnell verschwunden, wie er aufgetaucht war. Mein Nachbar und ich standen uns nun gegenüber und wussten beide nicht recht, wohin mit uns. Nach einem Moment der betretenen Stille fragte ich schließlich: „Sie wollten vorhin noch etwas sagen, als die Klingel uns unterbrochen hat.“

    „Kommen Sie doch auf einen Tee herein. Sie können ja ohnehin nicht schlafen. Genehmigen wir den anderen ihre Nachtruhe.“

    Ich nahm die Einladung an, holte schnell den Schlüssel aus meiner Wohnung, zog die Tür leise zu und folgte ihm. In seiner Wohnung wimmelte es nur so von abstrakten Zeichnungen und kleinen Kunstwerken, die er über die Jahre gebaut haben musste. Mein Blick blieb an einer Gitarre haften, deren Vorderseite er durch Glas ersetzt hatte und in dessen Korpus ein Miniaturskelett an einem Strick hing. Er bemerkte, dass ich stehen geblieben war und drehte sich zu mir um. Als er sah, was mich aufgehalten hatte, lächelte er. „Sie sind wohl auch ein Künstler, sonst würde Sie das nicht so packen, hab ich recht?“

    „Ich bin nie über den Wunsch hinausgekommen. Was soll das darstellen?“

    „Das Schicksal des Künstlers.“

    „Weil er wegen seiner Kunst stirbt?“
    „Oder in ihr oder mit ihr oder für sie, suchen Sie es sich aus. Das hier ist Kunst.“

    „Ein tragisches Motiv.“

    „Das glaube ich nicht. Künstler genießen das Privileg, ihre Abgründe in etwas Greifbares zu verwandeln und es der Welt zu überlassen, damit umzugehen. Wer gut genug ist und ständig Neues erschafft, der muss sich nie mit seinen Problemen befassen. Und im besten Fall wird er dafür gefeiert, was er den Leuten da vorsetzt, weil es ihnen wiederum Ablenkung von ihrem Alltag verschafft.“

    „So habe ich das noch nie gesehen. Eine pessimistische Ansichtsweise, finden Sie nicht?“

    „Nicht, wenn Sie selbst von dem Drang zu erschaffen gequält werden.“

    „Wenn Sie Ihre Kunst so quält, warum haben Sie sich dann nicht für ein anderes Leben entschieden?“

    „Mit dieser Frage habe ich vor langer Zeit abgeschlossen. Ich kann es Ihnen nicht erklären, sehen Sie, in gewisser Weise musste ich diesen Weg einschlagen. Es blieb mir nichts anderes übrig.“

    „Ich hoffe, Sie haben es nie bereut.“

    „Nie. Und jetzt kommen Sie, ich mache uns Tee.“

    Wir saßen in seiner Küche und tranken Ingwer-Kurkuma-Tee aus roten Tasse an seinem bunten Tisch mit den gelben Stühlen. Jedes Möbelstück war so individuell, wie seine Kunstwerke, die alles um uns herum verzierten. Er redete schon die ganze Zeit über die Vervollkommnung der Kunst oder dem, was er dafür hielt. Seiner Meinung nach spielten weder Erfolg noch Anerkennung eine Rolle, sondern es ging darum, dass der Künstler eines Tages vollständig in seinen Werken aufging. Es verglich es mit den Tricks der Zauberer, die vermeintlich von der Bühne verschwanden, mit dem Unterschied, dass es in der Kunst echt war. Ich musste an Buddha und sein Nirwana denken, dann wieder an das Skelett in der Gitarre. Irgendwann konnte ich nur noch zuhören, wir waren in solche Sphären gelangt, dass ich der Unterhaltung nichts mehr hinzufügen konnte. Ich hatte ja gewusst, dass er ein Exzentriker und Sonderling war, aber seine seltsame Theorie schien für ihn nicht nur so eine zu sein. Mir schwirrte ganz der Kopf, als er endlich mal Luft holte, um einen Schluck Tee zu nehmen. Erst jetzt bemerkte ich die Stille der Nacht, die uns umgab. Nur das unverhältnismäßig laute Ticken der Uhr war zu hören. Alles um uns herum wurde vom Mond in ein träumerisches Licht gehüllt und für eine Weile wähnte ich mich in einem Traum. Doch als er wieder anfing zu sprechen, fiel mir ein, dass ich nicht schlief und umso mehr Zeit verging, umso müder würde ich am nächsten Tag bei meiner tatsächlich realen Arbeit sein. So gerne ich das Gespräch weiter fortgesetzt hätte, so sehr musste ich mich zusammenreißen, um am nächsten Tag nicht völlig arbeitsunfähig zu sein. Der Alte verstand das, gab mir aber zu verstehen, dass ich all das, was er mir heute Nacht gesagt hatte, nicht vergessen sollte. Ich würde es eines Tages verstehen, vielleicht schon sehr bald. Seine Worte drangen nur noch stückchenweise zu meinem vom Schlafentzug lahmen Hirn vorn. Ich nickte freundlich und versprach ihm, wiederzukommen. 

    Am nächsten Morgen, nach etwa drei Stunden Schlaf, kam mir unsere Begegnung schemenhaft vor, wie in einem Traum, in dem man träumt, zu träumen, an dessen Schichten man sich aber verschwommen erinnern kann. Es wunderte mich, dass ich keine Zeichnung an seiner Tür sah, als ich die Wohnung verließ. Offenbar hatte er seinen Schmerz nicht verbannen können. Schade, dachte ich und lief die Treppe hinunter. Den ganzen Tag über beschäftigte mich seine Theorie. Ich wollte ihn nochmal eingehend dazu befragen. Am Abend hatte ich jedoch so viel zu tun, dass ich es nicht mehr schaffte, ihn zu besuchen. Dann verging ein weiterer Tag, dessen Pflichten mich einnahmen und dann ein anderer, bis die Woche rum war. Bald waren es zwei, drei und vier, in denen ich den Alten nicht mehr gesehen hatte. Weder ihn, noch eine seiner Zeichnungen. Jedes Mal, wenn ich an seiner Wohnung vorbeiging, stellte ich mir vor, wie er da drinnen saß und wieder und wieder seinen Schmerz aufzumalen versuchte, hungrig, zerzaust, befreit von Raum und Zeit. Die Vorstellung erheiterte mich jeden Morgen und motivierte mich dabei, mehr in meiner Arbeit aufzugehen.

    Doch nach sechs Wochen ohne Sichtkontakt begann ich mir Sorgen zu machen. Er war nicht mehr der Jüngste und nach allem, was ich wusste, hatte er keine Kinder, die nach ihm hätten sehen können. Eines Morgens traf ich die Nachbarin von oben im Flur und erkundigte mich bei ihr, ob sie ihn gesehen oder gehört hatte. Sie verneinte das und vermutete, er sei vielleicht verreist. Das erschien mir unwahrscheinlich. In all den Jahren, die wir schon Nachbarn waren, hatte ich nie etwas von einem Urlaub mitbekommen. Also klingelte ich. Drinnen war es still, auch nach erneutem Klingeln tat sich nichts. Am Abend klingelte ich wieder und klopfte sogar ein paar Mal gegen die Tür. Wieder tat sich nichts. So ging das noch drei Tage weiter, bis ich beschloss, etwas zu unternehmen. Zunächst überlegte ich, wieder den Schlüsseldienst zu rufen, doch dann schoss mir der schauerliche Gedanke in den Kopf, dass er bereits tot war, wie man das in den Nachrichten ab und zu hört. In diesem Fall müsste man sowieso die Polizei rufen. Also beschloss ich, direkt dort anzurufen. Die Frau am Telefon war zunächst skeptisch. Erst, als ich sagte, der Mann habe keine Verwandtschaft, wollte sie einen Wagen vorbeischicken. Ich saß auf der Treppe, wie damals mit ihm und malte mir das Schlimmste aus. Eine Leiche hatte ich noch nie gesehen. Wenn er wirklich tot war, wollte ich die Wohnung gar nicht betreten, dachte ich. Die Polizisten sollten alleine reingehen. Und dann wartete ich. 

    Nach einer kleinen Ewigkeit, klingelte es endlich an meiner Tür. Ich öffnete und kurze Zeit später standen zwei Polizisten vor mir. Eine Frau und ein Mann mit ernsten Gesichtern. „Sie haben angerufen?“, wollte die Frau wissen.

    „Ja, richtig. Ich bin der Nachbar. Seit Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen. Auch die anderen Leute im Haus wollen ihn nicht gesehen haben. Da er alt ist und alleine wohnt, dachte ich, es wäre gut, mal nach ihm zu sehen.“

    „Das stimmt. Danke, dass Sie uns angerufen haben. Haben Sie einen Schlüssel?“
    „Nein, sonst wäre ich längst rein.“

    „Probier mal zu klingeln.“

    Der Polizist klingelte. Ich hätte ihm auch sagen können, dass niemand aufmachen würde, aber anscheinend mussten sie das tun und ich hatte ja keine Ahnung, wie man sich in so einer Situation verhält. Ich saß auf den Treppenstufen und versuchte, mich unverdächtig zu verhalten. Es folgten zwei weitere Versuche, den Alten aus seiner Wohnung zu locken, die beide unbeantwortet blieben. Jetzt treten sie die Tür ein, dachte ich. Leider lag ich falsch, stattdessen riefen sie den Schlüsseldienst an. Der ließ dieses Mal auf sich warten. Obwohl ich den beiden Platz auf der Treppe gemacht hatte, setzten sie sich nicht neben mich. Wir machten ein wenig Smalltalk, schwiegen und warteten wieder. Als der Mann vom Schlüsseldienst endlich kam, waren wir alle sichtlich erleichtert. Es war derselbe Typ wie damals. „Ich kenne die Tür“, sagte er, sah zu mir und fügte hinzu, „den auch!“ Was mit dem alten Mann sei, wollte er wissen. Das wollen wir herausfinden, sagte ich. 

    „Oh“, antwortete er und erledigte seinen Job innerhalb von 10 Sekunden. Die Tür war nicht abgeschlossen gewesen. Ein unfehlbares Zeichen für mich, dass mein Nachbar tot in der Küche lag. Der Schlüsseldienst zog von dannen und ich blickte den Polizisten hinterher, die sich in die Wohnung begaben. Nicht ohne vorher nach ihm zu rufen. Keiner da, der antworten konnte. Als ich die beiden nicht mehr sehen konnte, packte mich dann doch die Neugier und ich sprang hinterher. Die Wohnung roch…normal! Weder Fäulnis noch Verwesung stiegen mir in die Nase. Ein gutes Zeichen, dachte ich. Ich folgte den Stimmen der beiden und fand sie schließlich in seinem Arbeitszimmer. Als ich eintrat, hörte ich den Mann gerade sagen: „Sieht aus, als hätte er eben noch daran gearbeitet.“

    „Seltsames Bild“, kommentierte die Polizistin das Kunstwerk, das vor ihr auf dem Boden lag. Es war umgeben von vielen kleineren Zeichnungen, die ihm sehr ähnelten: schwarze Kreise um Kreise um Kreise. Wie die etlichen Zeichnungen, die einst an seiner Tür hingen, nur sehr viel größer. Die beiden wollten wissen, wann ich ihn das letzte Mal gesehen habe. 

    „Na, vor sechs Wochen oder so. Da hat er mich zum Tee eingeladen, weil wir beide nicht schlafen konnten.“

    „Und seitdem haben Sie ihn nicht mehr gesehen?“
    „Nein, deswegen rief ich ja an.“

    Die Polizistin sah sich im Zimmer um: „Auf mich wirkt die Wohnung schon länger verlassen. Die Zeichnung lässt vielleicht etwas anderes vermuten, aber alles hier ist so staubig, als wäre schon einige Wochen niemand mehr hier gewesen. Wissen Sie, ob der Mann Verwandtschaft hat?“

    „Das denke ich nicht. Er hatte nicht so oft Besuch, das heißt, eigentlich nie.“

    „Hat er denn ein Handy?“
    „Kann ich nicht sagen. Seine Nummer hat er mir jedenfalls nie gegeben.“

    „Verstehe. Da er nicht als vermisst gemeldet wurde, müssen wir im Moment davon ausgehen, dass er verreist ist.“

    „Wahrscheinlich“, pflichtete ich bei. „Ich wollte nur sichergehen, dass ihm nichts zugestoßen ist.“

    „Sie haben ganz richtig gehandelt. Haben Sie doch ein Auge auf die Wohnung. Falls er in gegebener Zeit nicht auftaucht, können Sie die Kollegen nochmal verständigen.“

    „In Ordnung. Das werde ich machen.“

    Ich begleitete die Polizisten nach draußen und zog die Tür hinter mir zu. Im Flur verabschiedeten wir uns und ich ging zurück in meine Wohnung. Dass der Alte verreist sein sollte, konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Noch bis spät in die Nacht machte ich mir Gedanken darüber, was ihm wohl widerfahren war.

    Etwa zwei Wochen später hörte ich abends plötzlich ein energisches Klopfen auf dem Flur. Leise schlich ich zur Tür und schielte durch den Spion nach draußen. Dort sah ich unsere Vermieterin, die gerade erneut gegen die Tür hämmerte mit ihren dicken Fingern. Anscheinend öffnete er nicht. Irgendwie belustigte mich der Anblick, wenigstens so lange, bis sich Frau S. umdrehte und mit ernster Miene auf meine Tür losmarschierte. Ich ging einen Schritt zurück, sonst hätte mich ihr Klopfen bestimmt umgehauen. Dass es eine Klingel gab, schien ihr wohl egal zu sein. Ich zählte bis drei, bevor ich aufmachte, um nicht den Anschein zu erwecken, als hätte ich sie beobachtet. 

    „Guten Abend, Herr T.“
    „Guten Abend, Frau S.“
    „Ihr Nachbar, haben Sie den gesehen in letzter Zeit?“
    „Nein. Hat sich denn die Polizei nicht bei Ihnen gemeldet?“
    „Oh Gott! Die Polizei! Was in aller Welt ist passier?!“
    „Beruhigen Sie sich. Noch ist nichts passiert. Ich habe neulich die Polizei gerufen, weil ich mir Sorgen um ihn gemacht habe. Jedenfalls haben die einen Schlüsseldienst gerufen, der die Tür geöffnet hat. Allerdings war Herr G. nicht anwesend.“
    „Aha! Wieso erfahre ich erst jetzt davon?“
    „Die Polizisten meinten, dass ihn niemand vermisse und er vermutlich verreist sei.“
    „So so, verreist also. Seit zwei Monaten hat er die Miete nicht gezahlt. Jeder Anruf geht ins Leere und seinen Briefkasten leert er offensichtlich auch nicht mehr.“
    „Warum rufen Sie ihn nicht jetzt an? Vielleicht hören Sie sein Handy da drin klingeln?“
    „Ausgezeichnete Idee! Hier, ich werde es gleich versuchen.“

    Sie kramte ihr Handy aus der Handtasche, stand vor die Tür und ließ es klingeln. Einen Moment später konnten wir im Inneren tatsächlich einen Klingelton hören.

    „AHA! Herr G.! Kommen Sie sofort raus, ich hör doch das Handy“, brüllte sie und schlug erneut gegen die Tür. Es war vergebens, sein Handy mochte vielleicht da drin gewesen sein, er selbst war es aber schon lange nicht mehr. Jetzt drehte Frau S. völlig am Rad, sie fluchte und schrie, drohte mit dem Anwalt und schob dann einen Brief durch den Türschlitz. Mich beachtete sie derweil gar nicht mehr. Nicht einmal „Tschüss“ konnte sie in ihrem Ärger noch sagen. Sie polterte wütend die Treppe runter. Einen Moment später hörte ich die Eingangstür knallen und dann war sie weg. Ich warf noch einen Blick auf die Tür, ob er nicht doch öffnete und musste schnell feststellen, dass Herr G. nicht mehr hier war. 

    Eine Weile tat sich nichts und beinahe hätte ich die Sache vergessen. Doch als ich eines Tages von der Arbeit nach Hause kam, stand ein Umzugswagen vor der Tür und zwei Arbeiter luden gerade die Küchenmöbel von Herr G. ein. Den Tisch und die Stühle erkannte ich sofort wieder. Eine schreckliche Vorahnung überkam mich. Ich zwängte mich an den Möbelpackern vorbei und rannte die Treppen hoch. Vor seiner Wohnung standen schon die nächsten Gegenstände bereit. Die Tür war offen und aus ihr drang die gereizte Stimmte von Frau S. „Wie kann man nur so viel Schund besitzen?!“

    Ich verzichtete darauf, zu klopfen und trat ein. Frau S. stand in seinem Arbeitszimmer und wusste nicht, wohin mit sich. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie mich gar nicht eintreten hat hören und bei meinem Anblick erschrocken zusammenfuhr. 

    „Wie können Sie mich so erschrecken?“, ging sie mich an. Doch eine Antwort wollte sie gar nicht haben, ich war gerade richtig gekommen, um mir ihre Tirade anzuhören. „Schauen Sie sich das an, das ganze Zimmer ist voll mit diesen Kritzeleien und wo man auch hinfasst, da taucht noch mehr Gerümpel auf. Ich sag Ihnen was, der alte Spinner hat das nicht mehr ausgehalten und hat sich aus dem Staub gemacht, ohne Ausweis, ohne Schlüssel, ohne Handy. Bestimmt ist er in irgendeiner Kommune untergekommen, wo sie jetzt über mich arme Frau herziehen. Und ich darf seinen ganzen Scheiß hier rausschaffen und auch noch für die Entsorgung bezahlen. Was schauen Sie denn so? Wollen Sie etwas davon haben? Greifen Sie zu! Es gehört alles Ihnen.“

    Tatsächlich gab es zwei Stücke, die ich haben wollte. Zum einen die Gitarre mit dem Skelett, die bereit zur Mitnahme im Flur stand, und dann das große Gemälde, das immer noch dort auf dem Boden lag und vermutlich das letzte war, woran Herr G. gearbeitet hatte. 

    „Die zwei Sachen würde ich nehmen.“

    „Nur die zwei? Nehmen Sie sie, na los. So eine scheußliche Zeichnung, als hätte ein Kind hier gelebt.“

    Ohne noch etwas zusagen, schnappte ich mir die beiden Kunstwerke und ging rüber. Die Gitarre hing ich ins Wohnzimmer neben das Bücherregal, das Gemälde lehnte ich fürs Erste an die Wand. Es hatte etwas Besonderes an sich, etwas Eigensinniges, ja, es besaß Charakter. Seitdem habe ich viele Abende damit verbracht es zu studieren und immer wenn ich es ansehe, muss ich an ihn denken: Den Künstler von nebenan, der klammheimlich verschwunden war. 

  • Fallen für dich

    Ich fiel für dich, aber nicht in echt. Eher metaphorisch, wie die Engländer. Andererseits, eine Weile fiel ich tatsächlich. Durch Kaninchenbauten und nummerierte Wolkengebilde. Ausgemachter Unsinn, hätte im Nachhinein die grüne Brille kaufen sollen. Und der Doktor erkannte die Insekten im Bauch, konnte sich die Ursache aber nicht erklären. Es ist alles in meinem Kopf, sagte ich und verließ seine Praxis. Für eine Weile gab es keine Melodie, die nicht eine Note enthielt, die nicht wie du war. Mal hoch, mal tief. Es sind deine Worte, die sich noch ab und zu wie Ketten an meine Füße legen und mich mit Steinen füttern. So unendlich schwer liege ich da und sehe zu, wie die Sterne mich verspotten. So unbedeutend klein konnte ich meine Probleme über sie erheben, ohne die Mittel zu haben, sie jemals zu lösen.

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  • Winter im Frühling

    „Ich sehne mich nach dem Sommer…“, sagte er mit gedankenverlorener Stimme aus dem Fenster blickend, mehr zu sich selbst, als zu seiner Freundin, die ein paar Meter hinter ihm stand, von wo aus sie ebenfalls rausschaute. „Wohl eher Winter!“, stellte sie ungläubig fest, als sie sah, dass es kleine Schneeflocken aus dem trüben grauen Etwas schneite, das schwer über dem Horizont hing. „Das ist der schlimmste Frühling jemals. Ich wüsste nicht, wann es das letzte Mal im April geschneit hat“, erwiderte er mit einem langgezogenen Seufzer.

    Beide sahen ihren Sonntag im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fallen. „Wir könnten jetzt Fahrradfahren“, sagte er er. „Eis essen!“, antwortete sie. „Uns sonnen“, wieder er. „Wenn nur die Sonne schiene, wie sie sollte…“, stellte sie dann fest, nachdem sie sich zwei Mal mit einem genauen Blick auf den Kalender davon überzeugt hatte, dass es tatsächlich April war.

    „Können wir nicht irgendetwas machen? Mir ist so langweilig…“, warf er in den Raum, nachdem sie eine Weile in die Röhre geschaut hatten. „Bei dem Wetter? Nein, viel zu kalt. Außerdem hab ich schon all meine Winterklamotten in den Schrank verbannt.“ „Na toll…“, brummte er. Sie warf ihm einen giftigen Blick zu. „Dann schlag doch was vor!“, warf sie ihm entgegen. „Wieso immer ich…“, wollte er anfangen, doch dann verließ ihn die Lust, sich zu streiten und er sagte einfach gar nichts.

    Eine weitere tatenlose Stunde zog ins Land, in der sich keiner von beiden zu irgendetwas hatte aufraffen können. Er kratzte sich den Kopf und fing vor lauter Langeweile an, sich rhythmisch auf die Backen zu klopfen, sodass ein Geräusch entstand, das an einen in ein halbvolles Regenfass fallenden Tropfen erinnerte. „Hör auf!“, schrie sie und befreite sich aus seiner Umarmung, „du nervst!“ Beide waren jetzt kurz davor zu platzen, wie ein Glas, das man zu lange über eine Kerze gehalten hatte.

    Herausfordernd starrten sie sich in die Augen. „Weißt du, als Kind war es mir egal, was draußen für ein Wetter war. Meine Kumpels und ich sind immer raus. Warum sollten wir uns vom Wetter diktieren lassen, was wir machen? Man kann auch bei schlechtem Wetter raus!“, sagte er vorsichtig, jedes Wort sorgsam gewählt, jedem davon gespannt nachsehend. Sie drehte sich zur Seite und klopfte mit der Faust auf ihre Schneidezähne, was sie immer tat, wenn sie nachdachte, um sich einige Sekunden später wieder fragend an ihn zu wenden: „Und was schlägst du vor?“ „Na, wir machen einfach alles so, wie wir es an einem schönen Tag auch gemacht hätten.“ „Aber…“, entfuhr es ihr wie mechanisch. „Nichts aber, zieh dir warme Klamotten an und komm!“

    Beide gingen hoch, um sich anzuziehen und trafen sich dann wieder unten im Flur. Etwas ratlos standen sie in ihren Winterklamotten da und bemerkten, dass es gar nicht so leicht war, die Dinge, die man an einem schönen Tag für ganz normal hielt, auch an einem schmuddeligen Tag wie heute zu tun. „Also?“, fragte sie erwartungsvoll. „Picknick?“, sagte er, mit den Achseln zuckend. „An einem Tag wie heute?“, fragte sie zynisch. „Ja, denk einfach nicht darüber nach.“ Er verschwand für einen Moment in der Küche, wo er ein paar Sachen in den Picknickkorb ihrer Mutter packte und stand ruckzuck wieder im Flur.

    „Und jetzt?“, wollte sie gleich wissen. „Jetzt gehen wir picknicken!“, sagte er voller Selbstbewusstsein. Sie holten die Fahrräder aus dem Schuppen, schoben sie vors Haus und sahen sich um. Kein Mensch war unterwegs, bei diesem Wetter hätte man keinen Hund vor die Tür gescheucht. Er warf ihr einen überzeugten Blick zu, schnallte den Picknickkorb auf das Fahrrad und fuhr los, ohne noch etwas zu ihr zu sagen. Er wusste, sie würde sonst wieder kehrtmachen. Tatsächlich folgte sie ihm schließlich mit einigen Metern Abstand.

    Ein kalter, nasser Wind wehte ihnen die winterliche Luft und die kleinen Schneeflocken ins Gesicht, bahnte sich seinen Weg unter die Klamotten und ließ sie vor Kälte erschaudern. Doch er fuhr einfach weiter, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen. Am Quietschen ihrer Räder konnte er erkennen, dass sie noch hinter ihm war. Mittlerweile waren seine Hände rot vor Kälte und schienen nicht mehr warm zu werden, er glaubte, die Bremse nicht mehr betätigen zu können und musste es ausprobieren. Seine Hand war steif und die Finger bewegten sich nur widerwillig, doch es klappte, das Fahrrad kam zum Stehen. Sie waren irgendwo auf einem Feldweg, kurz vor dem nächsten Dorf, zu ihrer Linken eine Streuobstwiese, zu ihrer Rechten ein kleiner Wald. Ein paar Sekunden später hörte auch das monotone Quietschen auf, das ihn die ganze Zeit verfolgt hatte.

    Jetzt, das wusste er ganz genau, durfte er nicht einknicken, musste so tun, als wäre alles gut und das Wetter nicht zum Kotzen. Mit ihrer Kapuze tief ins Gesicht gezogen stand sie neben ihm, Nase und Ohren rot wie ein Ballon, die Augen voller Wasser von der Kälte, dahinter ein zorniger Ausdruck. Eiskalt darüber hinwegsehend stellte er fest: „Ein perfekter Ort zum Picknicken!“ Ihre Antwort äußerte sich im noch festeren Zusammenkneifen ihrer Augen und dem Knirschen ihrer Zähne. Weiterhin unbeeindruckt schob er das Fahrrad auf die Wiese, stellte es unter einem in voller Blüte stehenden Kirschbaum ab und breitete dann die Decke aus, die er aus dem Picknickkorb gezogen hatte.

    Missmutig war sie ihm gefolgt, hatte sich ohne ein Wort zu sagen auf die Decke gesetzt und kauerte jetzt schweigend darauf, die Beine fest an sich gezogen. Er tat weiterhin so, als würde er von alldem nichts mitbekommen und breitete in aller Seelenruhe Käse, Brot, eine Flasche Wein, Trauben, zwei abgepackte Eis und allerlei Kleinigkeiten auf der Decke aus. Der Baum bot nur mäßig Schutz und ein paar Tropfen flogen in unregelmäßigen Abständen auf sie herab.

    „Guten Appetit“, wünschte er, schenkte etwas Wein in die mitgebrachten Gläser ein und hob ihr eines davon hin. Nur widerwillig nahm sie es, doch er wusste, wenn er jetzt nachgab, würden sie sich wieder streiten. Hungrig fiel er über das Essen her und ließ es sich schmecken, während sie nur spärlich von allem probierte. Gerade, als sie sich ein Stück Brot mit etwas Käse belegte, da fiel eine Schneeflocke darauf. „Ihh, direkt auf mein Brot!“, quiekte sie, „kuck mal, wie groß die ist!“ „Das ist doch nur Schnee. Komm wir tauschen, wenn du willst,“ sagte er zur ihr rübergebeugt.

    Doch dann erkannten beide plötzlich, dass es keine Schneeflocke war, sondern eine Kirschblüte, die vom Baum gefallen war. Erstaunt sahen sie nach oben. „Es schneit Kirschblüten“, sagte sie auf einmal ganz verzaubert. Sie erhob sich und streckte die Hände aus, um den Flug der Kirschblüten abzufangen. Und wirklich, unter die Schneeflocken hatten sich ganz heimlich ein paar Kirschblüten gemischt, die ihnen in der Luft so ähnlich sahen, dass man sie kaum auseinander halten konnte. Sie legten sich auf ihre Hände, ihre Gesichter und ein unvergleichlich süßderber Geruch lullte sie ein.

    „Sieh dir das an! Es ist Frühling und es schneit Kirschblüten“, rief sie aufgeregt und lief mit ausgestreckten Armen über die Wiese. Verblüfft bestaunte er eine der weißen Blüten, die auf seinen Fingern gelandet war, nach innen hin noch etwas rosa. „Komm her!“, rief seine Freundin vom anderen Ende der Wiese, wo sie zwischen den Flocken hin und her tänzelte. Die Flocke zwischen seinen Händen in die Luft pustend sprintete er los, über die Wiese hinweg, durch das Treiben der Kirschblüten und Schneeflocken. Als er bei ihr angekommen war, packte er sie und schleuderte sie umher. Sie fielen hin und lachten, blickten gemeinsam in den grauen Himmel, wo sich eine Flocke nach der anderen vom einheitlichen Grau absetzte, mal eine Schneeflocke, die kühl auf der Nase aufsaß und sogleich schmolz, mal eine Kirschblüte, die liegen blieb, um ihren angenehmen Duft auf ihrem ganzen Körper zu verstreuen. Er drehte sich zu ihr: „Ist das nicht wunderschön?“ Sie lächelte, nickte nur zur Antwort. Ihre Hände fanden sich und sie lagen eine ganze Weile dort.

    Nach einiger Zeit sprang sie plötzlich auf, voller Euphorie, und riss ihn aufgeregt am Arm nach oben. „Lass uns was Verrücktes machen!“, wiederholte sie ein paar Mal, sich um die eigene Achse drehend. Das ließ er sich nicht zwei Mal sagen und fing an, sich auszuziehen, so schnell, dass er bereits seine Hose abgestreift hatte, als sie sich wieder zu ihm drehte. „Was wird das?“, fragte sie verblüfft. „Du wolltest etwas Verrücktes machen, bitteschön! Ich werde jetzt nackt über die Wiese rennen. Es ist schließlich Frühling!“ Sie glaubte ihren Augen kaum, als er im nächsten Moment splitterfasernackt an ihr vorbeisauste, der Länge nach die Wiese entlang, sich kurz darauf durch das Gras rollte und Purzelbäume schlug. Sie lachte, sah sich um, ob niemand kam und wurde dann von seiner Freude angesteckt. Die Klamotten lagen schnurstracks am Boden und im nächsten Moment rannten sie gemeinsam hin und her. Sie ließen los, kapselten sich von allem um sich herum ab und flogen wie die Kirschblüten über die Wiese dahin. Und tatsächlich, ihre von der Kälte bleichen Körper sahen beinahe so blass aus wie die pinkweißen Kirschblüten, die jetzt die ganze Luft erfüllten.

    Noch einmal waren sie wie Kinder, die sich nicht davor scheuten, nackt zu sein. Sie flogen hoch, blickten auf Wolke 7 herab. Eins führte zum anderen und irgendwann lagen sie da, eng umschlungen, die Zeit völlig außer Acht gelassen. Plötzlich röhrte in der Ferne eine Kettensäge oder ein Traktorenmotor, der sie aufschrecken ließ. Nervös sahen sie sich um, konnten aber nichts sehen. Ihre Klamotten lagen auf der anderen Seite der Wiese und jetzt, da sie aus ihrer Euphorie zurück in die Realität geholt worden waren, spürten sie erst die Kälte wieder.

    Das Geräusch kam näher und sie beeilten sich, rechtzeitig zu ihren Klamotten zu kommen. Sie waren gerade dabei, ihre Jacken überzustreifen, als auf der Anhöhe, den Feldweg hinabfahrend, ein Traktor erschien. Bibbernd standen sie da und sahen dem Störenfried entgegen. Ein kleiner grüner Traktor mit zugezogenem Verdeck kam angetuckert und hielt vorne an der Wiese an. Ein rüstiger alter Bauer im Blaumann kam zum Vorschein. Hatte er sie etwa gesehen? Würde er sie gleich davonjagen? Doch anstatt auf sie zuzulaufen, schien er in der Wiese nach etwas zu suchen.

    Die Situation war ihnen mehr als unangenehm, und die Ungewissheit darüber, ob er sie gesehen hatte, platzte in Form eines „Hallo!“ aus ihnen heraus. Der Bauer grüßte freundlich zurück, wandte sich dann aber wieder seiner Suche zu. „Brauchen Sie Hilfe?“, fragte er aus erzwungenem Pflichtbewusstsein, wofür er sich sofort einen Seitenhieb von links einfing. Der Bauer übersah das und sagte, das „R“ großzügig rollend: „Danke, nein. Ich hab nur meine Brille verloren, als ich vorhin…“ Plötzlich stockte er, ein peinliches Schweigen trat ein. Alle wussten Bescheid. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, machten sie sich auf die Suche, bis die Brille endlich gefunden war. Sie überreichte sie ihm, ohne ihn dabei anzusehen.

    „Danke, vielen Dank! Ich…ich hab nur nach dem Rechten sehen wollen, Sie…“, es war nicht nötig, das weiter auszuführen. Inzwischen hatte er die Picknicksachen zusammengeräumt und aufs Fahrrad geladen. Sie standen bei den Fahrrädern, drucksten herum. Schließlich fing der Bauer wieder an: „Na dann…“ Da die Situation keine weiteren Worte zuließ, verschränkte er die Hände auf dem Rücken und lief davon. Doch dann drehte er sich nochmal um, schien auf irgendwelchen Worten herumzukauen, die nicht recht rauskommen wollten, während er irgendetwas murmelte. Er fasste sich dann doch ein Herz und sagte ganz entschlossen: „Es ist nur…was Sie beide da haben. Also wenn ich so eine Liebe gehabt hätte, die selbst bei so einem – entschuldigen Sie – Scheißwetter so frühlingshaft daherkommt, also ich weiß nicht…Heirate sie, Bursche! Und lass sie nie wieder gehen! Das, also, das wollte ich nur gesagt haben. Tut mir leid…Sie wissen schon, ich hab nichts gesehen…Heirate Sie, unbedingt! Gut, ich werd’ dann mal…einen schönen Sonntag für Sie!“

    Erst, als der Traktor hinter der Anhöhe verschwunden war, trauten sie sich wieder zu sprechen. „Seltsam!“, platzte es aus ihr heraus. „Absolut schräg!“, fügte er hinzu. „Was hat er sich nur dabei gedacht…“ „Der schönste Tag seit langem…“, fiel sie ihm ins Wort. „Seit ich dich kenne“, kam es wie aus der Pistole geschossen. „Und, befolgst du denn Tipp des Alten?“, drängte sie ihn beim Heimfahren. Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse, schaute in den grauen Himmel hinauf und antwortete dann mit einem breiten Grinsen: „Weiß nicht, vielleicht im Frühling!“ Er trat in die Pedale und schoss davon, das Quietschen hinter ihm wurde lauter.

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  • Auf der Bank

    Draußen bei den Feldern, weit hinten am Waldrand, stand eine Bank, auf der ich meine Mittagspausen verbrachte. Ich teilte sie mir mit einem Bären. Gemeinsam starrten wir in die Ferne; ich bis zu den Baumwipfeln, er über den Horizont hinaus. So teilten wir uns die Aussicht gerecht auf. Der Bär sprach nicht, überhaupt erweckte er nicht den Anschein, als hätte er Interesse an einer Konversation. Wir sahen uns nicht einmal an, immer nur gerade aus. Ich bis zu den Baumspitzen, er über den Horizont hinaus. Das machte Sinn bei seiner Größe. Wenn die Mittagspause vorbei war, ging ich, ohne ein Wort zu sagen. Meistens blieb er noch sitzen. Manchmal glaubte ich, er säße dort den ganzen Tag, so ruhig und besonnen, wie er wirkte.

    Es ereignete sich im April, dass eine neue Kollegin in meiner Abteilung anfing. Wir verstanden uns von Anfang an recht gut, teilten denselben Humor und hatten darüber hinaus viele gemeinsame Hobbys, das Wandern zum Beispiel. Eines Tages, es musste ihre dritte Woche gewesen sein, da fragte sie mich, wohin ich in der Mittagspause immer verschwand. Ich zögerte einen Moment, da ich nicht wusste, wie der Bär reagieren würde, wenn ich jemanden mitbrachte. Außerdem war die Bank nicht besonders groß, vielleicht hätte sie gar nicht zwischen uns gepasst. Doch sie sah mich so freundlich an, dass ich gar nicht anders konnte, als ihr die Wahrheit zu sagen. Zwei Minuten später liefen wir den Feldweg entlang in Richtung meiner Bank.

    „Weißt du“, begann ich, „ich teile mir diese Bank mit einem Bären. Ich hoffe, das ist in Ordnung für dich.“

    Sie gab mir statt einer Antwort nur ein vielsagendes Lächeln, was mich dazu veranlasste, den Mund zu halten. Den Bären würde sie sowieso noch früh genug sehen. Als wir uns der Bank näherten, begann mein Herz schneller zu schlagen. Plötzlich wurde ich nervös, schließlich war der Bär so etwas wie mein Freund, auch wenn wir nie ein Wort miteinander gesprochen hatten, und sie war so etwas wie ein Date. Ich war gespannt, wie er reagieren würde. Vom Weg aus sah man die Bank nicht, sie befand sich hinter einer Reihe Sträucher und Bäumen. Kurz bevor wir an der Weggabelung abbogen, dachte ich, mein Herz würde zerplatzen vor lauter Anspannung. Aber dann sah ich, dass die Bank leer war.

    Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Jeden Werktag – und das seit Jahren – haben wir uns hier zu genau dieser Uhrzeit getroffen und jetzt war er nicht da. Mir schossen die schlimmsten Gedanken in den Kopf. Was, wenn ihm etwas zugestoßen war?

    „Wo ist dein Bär?“

    „Ich weiß nicht, normalerweise ist er immer schon da. Ich hoffe, es geht ihm gut.“

    „Bestimmt. Das ist ein wirklich schöner Platz hier, so ruhig… Wollen wir uns setzen?“

    „Natürlich.“

    Und dann saßen wir und schauten einfach gerade aus. Eine Weile sagte ich nichts, doch dann fiel mir die stille Abmachung mit dem Bären ein, die ich für erwähnenswert hielt.

    „Also, der Bär und ich teilen uns die Aussicht ein. Ich schaue bis zu den Baumspitzen und er über den Horizont hinaus.“

    Diese Aussage schien sie zu verwirren. Vermutlich hielt sie mich für völlig wahnsinnig. Doch dann sagte sie nur: „Das macht keinen Sinn. Jeder sollte dorthin schauen, wo es gerade am schönsten ist.“

    Ihre simple Logik stimmte mich nachdenklich. In all den Jahren hatte ich nie daran gezweifelt, dass ich jenseits der Baumwipfel etwas verpassen könnte. Der Bär und ich hatten uns wortlos auf diese Aufteilung geeinigt und seither hatte ich sie nie hinterfragt. Und jetzt auf einmal sollte ich über den Horizont hinausschauen? Mir wurde schwindelig, ich musste mich an der Bank festhalten.

    „Was hast du?“, fragte sie mich besorgt.

    „Nur so eine Vorahnung.“

    Seit jenem Tag begleitete sie mich in jeder Mittagspause zu der Bank und je weiter das Jahr fortschritt, desto geringer wurde der Abstand zwischen uns. Bis wir eines Tages im Sommer eng umschlungen dasaßen und uns zum ersten Mal unter den suchenden Augen eines Falken küssten. Der Bär war nicht mehr aufgetaucht, doch in meinem Gedanken suchte er mich noch oft heim. Je mehr ich darüber nachdachte, desto absurder schien mir die stille Freundschaft, die ich einst mit ihm geteilt hatte. Ich fragte mich, ob das alles nur Einbildung gewesen war.

    Langsam kam der Winter, bei unseren mittäglichen Spaziergängen brauchten wir jetzt Handschuhe. Vielleicht war das der Grund, dass sie sich eines Tages erkältete und den Rest der Woche zu Hause bleiben musste. An einem Mittwoch beging ich daher zum ersten Mal seit Monaten wieder alleine meinen so wohlbekannten Weg zu der Bank. Beim Gehen dachte ich an nichts und den bevorstehenden Winter. Meine Augen tränten, weil der kalte Wind sie reizte. Immer wieder musste ich mir das Wasser mit dem Jackenärmel aus dem Gesicht wischen, um wieder klar sehen zu können. Bei der Bank würde es besser werden, dachte ich und beschleunigte meine Schritte auf den letzten Metern.

    Als ich um die Ecke bog, staunte ich nicht schlecht. Er war wieder da. So groß und stolz und schweigsam wie eh und je. Auch er musste mich bemerkt haben, doch regte sich nicht. Unsicher trat ich an die Bank heran und sah ihn eine Weile an, ob nicht doch eine Regung in seinem Gesicht auszumachen war. Nichts. Er starrte über den Horizont hinaus in den Himmel. Also setzte ich mich und tat, was ich immer getan hatte. Ich sah auf die Felder, höchstens auf die Baumspitzen.

    Eine tiefe Stimme riss mich aus meiner Schwelgerei. Tatsächlich, dachte ich, er hat eben gesprochen. „Was?“, rief ich ungläubig aus.

    „Ich habe gesagt, du brauchst mich jetzt nicht mehr“, wiederholte der Bär sich.

    „Doch, ich habe dich immer gebraucht.“

    „Du hast über den Horizont hinausgeblickt. Du weißt, was das heißt.“

    „Ja, ja, das weiß ich. Aber ich fürchte mich.“

    „Dein Blick wird sich festigen.“

    „Aber, was wenn ich meinem Bauchgefühl nicht trauen kann?“

    „Ich bin ein Bär, mein Instinkt sichert mein Überleben. Von deinen menschlichen Berechnungen verstehe ich nichts. Jetzt werde ich gehen. Richte deinen Blick nach oben, dort gibt es eine Menge für dich zu sehen. Leb wohl“, sagte er, hob seinen schweren Körper von der Bank, fiel auf alle viere und trottete los in Richtung Feld, wo er schon bald im Wald verschwinden würde.

    „Warte!“, rief ich ihm hinterher und wollte ihm schon nachlaufen. Doch sein bedrohliches Knurren hielt mich zurück. Alsdann konnte ich nur noch zusehen, wie sein riesiger Körper immer kleiner wurde, bis er im Dunkel des Waldes verschwand, für immer.

    Seit jenem Tag waren fünf Jahre vergangen. Sie und ich hatten in der Zwischenzeit geheiratet, eine Wohnung gekauft und einen Jungen bekommen. Alles war, wie ich es mir immer gewünscht hatte. Als der Junge drei Jahre alt wurde, schenkten wir ihm ein kleines Tretfahrrad, mit dem er fortan alle Tage fahren wollte. An den Wochenenden waren wir stundenlang mit ihm unterwegs, wenn seine kleinen Beinchen mal wieder nicht aufhörten, das Fahrrad vorwärts zu schieben. Er erinnerte mich sehr an mich in diesem Alter, auch er war ein kleiner Draufgänger.

    An einem Freitag besuchten seine Mutter, die mittlerweile einen anderen Job hatte, und er mich bei der Arbeit. In der Mittagspause liefen wir los, das heißt, er fuhr uns vorweg. Er wurde immer schneller, wir kamen oft kaum hinterher. Irgendwann war er uns so weit voraus, dass wir ihn hinter einer Baumreihe kurz aus den Augen verloren. Als wir angerannt kamen, saß er dort auf seinem Fahrrad und blickte neugierig aufs Feld hinaus. Er drehte sich zu uns um und sagte voller Euphorie: „Mama, Papa, da war gerade ein Baby-Bär!“

    Ich sah ihn, sah links am Wegrand die Bank, sah das Feld, sah meine Frau und begann zu weinen.

    Er hatte ihn auch.

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  • #Hammermann

    Die Autos, die links an P vorbeifuhren, verschwanden bereits nach fünfzig Metern wieder im Nebel. Er sah ihren blasser werdenden roten Rückleuchten hinterher, bis sie weg waren. Dann ließ er seinen Blick über die Brüstung der Brücke schweifen, hinter der man an klaren Tagen das Tal, einige Dörfer und die Berge sehen konnte. Eine graue Wand fing seinen Blick ein und lenkte ihn wieder auf die Straße. Die Autos, die vor ihm fuhren, waren so langsam, dass er sich keinen Moment der Unachtsamkeit erlauben konnte. Immer wieder beschleunigte er, fuhr zu nah auf, bremste ab und fiel erneut zurück, als söge der Nebel an ihm, um ihn zurückzuhalten.

    Aber er musste zur Arbeit, den Laden aufschließen und würde zu spät kommen, wenn der Verkehr sich nicht bald lichtete. Nicht, dass ihm das etwas gemacht hätte bei seiner aktuellen Gemütslage, aber alte Gewohnheitsmuster treiben den Körper auch an, wenn der Kopf in anderen Sphären schwebt. Was los war, das konnte er nicht in tausend Büchern beschreiben und trotzdem mit einem Wort beziffern: Nathalie. Die Frau, die einen noch undurchdringlicheren Nebel in seinem Kopf beschwor, als der durch Kondensation entstandene Schleier um ihn herum. Hirnnebel nannte er das, weil er sich so verloren fühlte und nicht sehen konnte, was aus dem Dunst als Nächstes aufsteigen würde: Freude, Kummer, Angst, zwanghafte Fantasien, die allesamt mit ihr verbunden waren und sich in jeden rationalen Gedankenstrang einreihten, um ihn ins Leere laufen zu lassen.

    Neulich hatte er nicht gemerkt, dass ein Kunde in den Laden gekommen war und erst später beim Durchsehen der Überwachungsvideos gemerkt, wie gedankenverloren er dagestanden hatte. In diesem Zustand hatte er das letzte halbe Jahr verbracht. Wenn sie anrief, war er ein Gott, wenn sie nicht auf seine Nachrichten antwortete, speiste er bei den Ratten. Jeglicher Versuch, die Gedanken an sie umzulenken oder in positive Energie umzuleiten, war bislang gescheitert. Das Fitnessstudio zahlte er zwar noch, ging aber nicht mehr hin. Beim Bankdrücken hatte er vor lauter Schwelgerei zu viel Gewicht aufgeladen und wäre beinahe unter der Hantel erstickt, hätten ihm nicht zwei andere Trainierende geholfen. Beim Thaiboxen hatte ihn sein Sparring-Partner K. O. gehauen, als er für einen Moment entschwunden war. Den Schlag spürte er heute noch. Direkt auf die Nase. Er fasste sich ins Gesicht, als er plötzlich realisierte, dass er schon an der Ausfahrt zu seinem Bestimmungsort stand. Es hatte sich ein kleiner Stau auf dem Verzögerungsstreifen gebildet, wie jeden Morgen. Nur dieses Mal hatte er keinerlei Erinnerung, wie er hier hergekommen war. Er prüfte das Auto vor sich, wie um festzustellen, ob er nicht aufgefahren war. Nichts zu sehen, sowohl das Auto als auch er selbst waren unversehrt. Noch. 

    Der Vorschlaghammer hatte hinten im Abstellraum gestanden, wo ihn nach der Renovierung des Ladens irgendjemand verstaut haben musste. Bis zu diesem Tag hatte er zum Inventar gehört, wie die etlichen Regale und Boxen mit neuer Ware, war beim Betreten des Raumes fast in den Hintergrund gerückt. In einem Moment der spontanen Introspektion hatte sich P daran erinnert. Doch jetzt, da der Hammer neben im auf der Straße lag, zwischen den Polizeiautos, den Schaulustigen und dem zersplitterten Glas, konnte er sich nicht mehr entsinnen, wie er ihn aus dem Abstellraum geholt hatte, geschweige denn, wie er mit ihm hier hergekommen war. Die teils entsetzen, teils belustigten Gesichter verwirrten ihn, auch wenn sie klar erkennen ließen, dass etwas Furchtbares vorgefallen war. Einige dieser Menschen kamen ihm merkwürdig vertraut vor, aber unter all ihren Gesichtern fand er nicht das eine, welches er jetzt gerne gesehen hätte. Stattdessen war da nur dieser grimmige Polizist, der in einem Schwall auf ihn einbrüllte, die Hand abschussbereit an der Waffe. Dabei ging von P keinerlei Gefahr mehr aus, es war vorbei. Alles war so friedlich, eingelullt in dicke Nebelschwaden, wie heute Morgen, wo all das noch nicht im geringsten eine Möglichkeit im Gezeitenfluss der Zukunft gewesen war.

    Und dann zog die Welt in raschen, sich verzerrenden Bildern an ihm vorbei. Er saß in einem Auto, auf dem Rückfahrersitz, der durch eine dicke Scheibe vom Fahrersitz getrennt war. Darin saß ein Mann mit einer Halbglatze, der mit irgendjemanden sprach, der nicht physisch vor Ort war. Langsam realisierte P, was er getan hatte. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es kurz nach halb eins war. Das letzte Mal, als er auf die Uhr gesehen hatte, war beim Betreten des Ladens um kurz vor acht gewesen. Er konnte sich nicht an die gut viereinhalb Stunden erinnern, die seit diesem Zeitpunkt vergangen waren. Alles, was er wusste, war, dass seine Arme und besonders seine Faust schmerzten. Sie steckte in einem dicken Verband, unter dem sie stärker pochte, als sein Herz. So sehr er auch versuchte, sich zu schämen für sein Vergehen, er konnte es nicht. Im Gegenteil, er war froh, dass endlich jemand anderes die Kontrolle über sein Leben übernahm. Jetzt konnte er alles über sich ergehen lassen, ohne sich selbst in die Verantwortung nehmen zu müssen.

    Er gestand alles, was ihm der Polizist auf der Wache aus seinen Notizen vorlas. Gegen zwölf Uhr hatte ein Kunde, der sich zu diesem Zeitpunkt im Laden befand, beobachtet, wie P zunächst sein Handy auf der Ladentheke zerschmettert und anschließend einen Spiegel in unmittelbarer Nähe mit der bloßen Faust zerschlagen hatte. So war es, pflichtete P bei. Unvermittelt lief er daraufhin in den Lagerraum und kam nach einigen Sekunden mit einem riesigen Vorschlaghammer wieder zum Vorschein, woraufhin der Kunde die Flucht ergriffen hatte. Mehrere Passanten wollen anschließend beobachtet haben, wie P in wenigen Minuten seinen eigenen Laden in Schutt und Asche zerlegte. Innerhalb kürzester Zeit verbreiteten sich Videos davon auf Twitter und Instagram. Der Hashtag #hammermann schaffte es bis auf Platz 3 der Twitter-Trends.

    Als P den Laden dann verließ, hatte sich bereits eine ganze Traube Schaulustiger in sicherer Entfernung auf der anderen Straßenseite positioniert, um ihm dabei zuzusehen, wie er auf das Dach des nächstbesten Autos stieg und rundherum die Scheiben zertrümmerte. Nachdem es mit dem Vorschlaghammer nicht mehr möglich gewesen war, noch mehr Schaden anzurichten, war er zum nächsten Auto übergangen, seinem eigenen. Obwohl in der Ferne schon die nervösen Sirenen aufheulten, schaffte es P noch drei weitere Fahrzeuge sowie die Fensterscheiben zweier benachbarter Ladengeschäfte zu zertrümmern. Beim Eintreffen der Einsatzkräfte hatte er gerade die Straße überqueren wollen, wahrscheinlich mit dem Ziel, die dort ansässige Drogerie zu zerstören. Allerdings konnten ihn die Polizisten durch lautes Gebrüll und ihre gezogenen Waffen davon abbringen.

    Er sackte auf der Stelle nieder, ließ den Hammer fallen und sah starr vor sich hin. Zwei kräftige Polizisten brachten ihn zu Boden und verfrachteten ihn zunächst in einen Krankenwagen, wo seine Wunde an der Faust versorgt wurde und dann in einen Streifenwagen. Dort endete der Bericht. P nickte alles ab und unterschrieb sein Geständnis, erleichtert darüber, niemanden verletzt zu haben. Als der Polizist ihn aber fragte, weshalb er das getan hatte, wurde P schwarz vor Augen. Sein Gedächtnis wurde zurück zu dem Moment katapultiert, an dem all das hier seinen Anfang gehabt hatte. Eine kurze Nachricht, die Absenderin Nathalie: „Ich kann dich nicht so lieben, wie du mich.“

    Nach dem letzten Wort hatte er eine Art Knall in seinem Kopf verspürt, als wäre ein zu lange überspanntes Stahlseil gerissen und hätte die letzte Verbindung zu seinem rationalen Verstand gekappt. Die erneute Nachfrage des Polizisten riss ihn aus seiner Erinnerung. Da lag die Antwort plötzlich auf der Hand. „Liebe“, sagte P knapp und ergänzte dann noch schnell: „Die schlechte Art.“ Der Polizist nickte und notierte etwas. Dann bat er P, ihm zu folgen. Der, froh, endlich nicht mehr seinem eigenen vernebelten Urteilsvermögen ausgesetzt zu sein, folgte ihm bis zu einer Zelle, ließ sich einsperren und lächelte das erste Mal seit sechs Monaten ein ehrliches Lächeln. 

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