Kategorie: Geschriebenes

  • Die Schlange und die Sucht

    Wieder sitze ich da und überlege, mit welchem Freund ich heute Abend wie viele Gläser über den Durst trinken könnte. Mit dem einen wären’s vielleicht zwei, mit dem anderen so viele, bis einer umkippt. Verlockend, aber nicht zielführend. Nein, noch einen Tag halte ich das nicht aus. Ein volles Auto kann man schließlich auch nicht ständig volltanken. Man muss damit fahren oder etwas Benzin absaugen. Und ich muss etwas loswerden. Aber wo?"

    Ich steige ins Auto. Es ist unerträglich heiß. Die Welt liegt vor meinen Augen wie in einem überhitzten Backofen. Auf dem Asphalt bilden sich in der Ferne Wellen. Kein Mensch traut sich heraus. Ich fahre die Straße entlang, die aus der Stadt herausführt. Es sind nur zwei Kilometer, dann erscheint auf der rechten Seite das Schild „Zur Mülldeponie“. Ich biege ab. Dort hat sich bereits eine kleine Schlange gebildet. Scheint, als hätten die Leute ausgemistet. Irgendwann komme ich dran und werde gefragt, was ich zu entsorgen habe. Mein Auto ist leer. Ich sehe dem Mann in die Augen und sage: „Ich will etwas loswerden, das in keine Tonne passt.“ Der Kerl schaut mich verdutzt an. Einen Moment später scheint er zu verstehen, drückt einen Knopf unter der Theke und weist mich an, geradeaus durchzufahren und dann links abzubiegen. Ich folge seiner Anweisung und bin eine ganze Weile unterwegs. Wer hätte gedacht, dass dieser Schrottplatz so groß ist?

    Am Ende des Weges stoße ich endlich auf ein kleines Häuschen, nicht größer als eine mobile Toilette. Das Auto lasse ich stehen und laufe die letzten Meter. Vor dem Häuschen halte ich kurz inne und lausche. Als ich anklopfen will, öffnet sich die Tür von alleine. Im Inneren ist keine Einrichtung, nur ein kleiner Hebel an der Wand. Vorsichtig trete ich ein und sehe mich um. Plötzlich schnappt die Tür zu und ich spüre, wie sich der Boden unter mir in Bewegung setzt. Es geht abwärts. Als der Aufzug anhält, tut sich vor mir eine metallene Schiebetür auf und eröffnet mir die Sicht auf einen winzigen Raum. Darin steht nur ein kleiner Schreibtisch mit einem schäbigen Rattanstuhl davor. Dahinter sitzt eine Gestalt und macht Notizen.

    „Eintreten“, vernehme ich plötzlich ihre säuselnde Stimme. Ich leiste Folge und trete ein. Da hebt mein Gegenüber den Kopf und ich erkenne ihn endlich. Es ist der Schlangenmann. Bei unserer letzten Begegnung hatte er mich vor einer Bar abgefangen und behauptet, er könne mir helfen, meine Sucht zu überwinden. Da sitzt er nun und starrt mich mit seinen giftig gelben Augen an.

    „Sssssei mir willkommen, mein Freund! Du bissssst also meiner Einladung gefolgt!“

    „Ja, denn ich bekomme mein Alkoholproblem nicht in den Griff. Was kannst du für mich tun, Schlangenmann? Und verarsch mich nicht!“

    „Wir Schlangen haben zu Unrecht einen schlechten Ruf. Ich kann viele Probleme lösen. Hier ist fast jeden Tag ein Klient. Und heute will ich dir helfen!“

    „Was kann ich tun?“

    „Sssssieh mal, mein Freund! Du denkst, du bist süchtig. Du denkst, du hast ein Problem. Du denkst, du bist nicht normal und musst dich ändern.“

    „Ja, richtig. Ich habe ein großes Problem.“

    „Und du willst nicht mehr süchtig sein?“

    „Genau.“

    „Dann akzeptiere deine Sucht als das neue Normal. Und du bist geheilt, mein Freund!“

    „Was soll das denn für ein Vorschlag sein? Das ist total dämlich!“

    „Nein, du bist dämlich! Ihr Menschen kreiert die Welt, in der ihr lebt, in euren Köpfen! Ihr könnt alles sein, was ihr wollt. Wenn du nicht mehr süchtig sein willst, dann sei es nicht mehr! Akzeptiere die Sucht als einen Teil von dir und du hast kein Problem mehr!“

    „So einen Verbaldurchfall habe ich noch nie gehört! Du bist ein Scharlatan! Ich gehe!“

    „Halt!“

    „Was ist denn?“

    „Schau mir nochmal tief in die Augen?“

    „Wwwas…? Oh. OH!“

    „Du bist geheilt! Und jetzt geh!“

    Ich steige wieder in den Aufzug, fahre nach oben und setze mich ins Auto. Wie von Geisterhand fahre ich los und steuere direkt die nächste Kneipe an. Ich fühle mich gut. Das Leben ist schön wie dreizehn frischgezapfte Bier.

  • gelb, blau, rot und schwarz

    „Was ist das hier?“ fragte sich Clerry, als er durch die kleine Tür trat. Ein modriger Geruch stieg ihm in die Nase, es war feucht im Inneren. Der Raum war dunkel, lediglich ein kleines Licht in der Mitte war zu sehen. Clerry hörte Stimmen, doch es war niemand zu sehen.

    „Hallo?“, rief er vorsichtig in Richtung des Lichts, das er für eine Kerze oder eine kleine Glühbirne hielt."

    „Tritt näher!“, hallte eine tiefe Männerstimme aus dem Raum wider. Clerry drehte sich zur Tür um, sollte er vielleicht einfach wieder gehen? Doch als er sich umdrehte, bemerkte er, dass die Eingangstür auffällig weit weg war. Viel weiter weg, als es bei der Größe des Raumes hätte Sinn gemacht.

    „Mann, ich muss ganz schön betrunken sein“, dachte er sich.

    „Komm, Junge!“, hörte er die Stimme erneut rufen. Sie war so bestimmend und nachdrucksvoll, dass Clerry ohne Zögern folgte. Je weiter er in den Raum hineintrat, desto größer wurde er. Die Eingangstür war bald nur noch eine kleine, unscheinbare Öffnung weit in der Ferne. Schließlich erkannte er, dass es sich bei der Lichtquelle nicht um eine Kerze handelte, sondern um eine große Lampe, die den riesigen Raum mit Licht erfüllte. Und obwohl er schon gefühlt 500 Meter gelaufen war, war sie nur unwesentlich größer geworden.

    Er fing nun an schneller zu gehen, bis er fast in einen Sprint wechselte. Der Raum dehnte sich jede Sekunde in Höhe und Breite weiter aus und der einzige Anhaltspunkt in dieser undurchdringlichen Dunkelheit war die Lampe an der Decke. Der Atem stockte ihm, als er plötzlich eine Gestalt wahrnahm, die vor ihm auftauchte. Dort unter dem Licht saß jemand an einem Tisch. Er rannte und rannte, bis er schließlich nahe genug war, um noch drei andere Gestalten erkennen zu können.

    Clerry blieb keuchend stehen und rang nach Atem. Als er wieder aufblickte, erkannte er wie riesig die vier Männer waren, er konnte kaum ihre Augen sehen, so hoch waren sie. Die vier Gestalten saßen um einen ebenso gigantischen Tisch und zogen aus einem Loch in der Mitte lange Fäden, die aus dem Boden entsprangen. Sie musterten diese nur kurz und zogen dann weiter.

    Zu Clerrys Verwunderung waren sie nicht nur Riesen, sondern, abgesehen von der Farbe ihrer Gewänder, auch komplett identisch. Sie trugen gelb, blau, rot und schwarz. Ihre Augen waren noch dunkler als der Rest des Raumes und ihre langen grauen Bärte reichten ihnen bis zum Schoß. Die Gesichter mager, die Nasen lang und dünn. Die Fäden aus dem Boden zogen sie beständig in ihre Bärte, wo sie eins mit diesen wurden. Ohne den winzigen Besucher zu beachten, gingen sie geschäftig ihrer Tätigkeit nach.

    Wie angewurzelt stand er dort, voller Ehrfurcht und Angst, verstärkt durch den Alkohol, der durch seine Blutbahnen floss. Nicht imstande auch nur ein Wort hervorzubringen, starrte er weiter auf den Gelben, der schräg neben ihm saß und dem er gerade so in die Augen sehen konnte. Plötzlich senkte dieser den Kopf zu ihm herab, musterte den Winzling und fragte mit tiefer Stimme: „Erkennst du es nicht?“

    „N-N-N-Nein…“, stotterte Clerry etwas kleinlauter, als es ihm lieb war.

    „Dann bist du blind!“, gab ihm der Alte zur Antwort, wandte sich um und machte sich wieder an die Arbeit. Nun drehte sich der Rote nach ihm hin, musterte ihn aufmerksam und stellte ihm ebenfalls eine verwirrende Frage: „Hörst du es nicht?“.

    „Hören? Was denn?“, erwiderte Clerry mit leiser, ängstlicher Stimme.

    „Dann bist du taub!“, sagte der Rote, während er sich ebenfalls wieder seiner Tätigkeit hingab. Schließlich rührte sich der Blaue und ohne Clerry anzusehen, sprach er: „Fühlst du es nicht?“

    Clerry aber hatte die Nase voll von diesem Spiel und weigerte sich zu antworten.

    „Dann bist du starr!“

    Da wollte er eine pampige Antwort geben, als sich plötzlich der Schwarze regte und ihm die Worte in der Kehle stecken blieben. Er erhob sich, da er auf der anderen Seite des Tisches saß und den kleinen Besucher gar nicht sehen konnte.

    „Nun, Junge, dann will ich dir auch eine Frage stellen: Lebst du?“

    Clerry spürte wie seine Beine immer schwächer wurden und nachzugeben drohten.

    „Ich, ich, ich…“, stammelte er benommen.

    „Dann bist du tot!“ war das Letzte, was er wahrnahm, bevor sich ein stechender Schmerz in seinem Arm breit machte und er heftig auffuhr und nach Luft rang. Sein Herz raste in der Brust, so heftig, dass er glaubte, er müsste sterben. Erst jetzt realisierte er in einem kurzen Moment der Klarheit, wo er war. Ein Notarzt kniete neben ihm und zog gerade eine Spritze aus seinem Arm. Um ihn herum sah er inmitten von Fremden das ihm so vertraute Gesicht von Chris, der ihn mit verweintem Ausdruck in den Augen anstarrte. Er sah das Blinken der Sirenen: Blau, rot, gelb und dann wurde es wieder schwarz.

    Diese Geschichten könnten dir auch gefallen:

     

  • Alleintrinker

    Dieses Glas Bier ist nicht die Lösung, auf die du gehofft hast. Die Schnapsdrosseln um dich herum nicht die Engel, für die du gebetet hast. Diese Spelunke nicht der Himmel, in den du aufsteigen wolltest. Aber es sind auch nicht die Teufel, die dich jagen. Hier hast du für eine Weile Ruhe. Und das ist schon etwas heute Abend. Denn in einer digitalisierten Welt gehen einem Kerl wie dir die Verstecke aus. Darum lässt du dein Handy meist zu Hause. Die sollen nicht wissen, wo sie dich finden. Sonst würden sie dir auch das noch verbieten. Oder jemand würde dich beim Trinken filmen. So weit kommt’s noch. Ein Prost auf früher, ein Toast auf dich selbst und dann die nächste Runde. Das Bier kostet Geld, doch die Rechnung begleichst du mit Zeit. Auf dem Nachhauseweg erleuchten die Lichter der Stadt die Leere hinter deinen Augen. Ein Blick auf die Uhr. Zu spät, um ins Bett zu gehen. Zu früh, um mit dem Tag zu beginnen. Also lässt du dich auf einer Bank nieder und starrst zum Mond. Eine Katze gesellt sich zu dir. Selten hast du dich so verstanden gefühlt. Bald wird es Tag. Allmählich zeichnet sich dein Schatten wieder auf dem Boden ab.

    Diese Kurzgeschichten könnten dir auch gefallen:

  • Ein Blick in den Brustkorb

    Dienstagabend nach der Arbeit. Es hat nur ein bisschen genieselt, als ich los bin. Ich wollte nicht länger auf den Frühling warten, da war mir das Wetter egal. Mit der Kapuze tief im Gesicht lief ich durch die tropfende Stadt. Überall entflohen Passanten dem Regen oder versteckten sich unter ihren Schirmen. Am Skatepark stressten sich die Jugendlichen. Am Sportplatz kifften die Jungs. Es war fast wie immer. Ein paar Sätze für den Oberkörper, dann noch Beine, das musste reichen. Auf dem Rückweg begann es schließlich zu schütten. Doch anstatt mich zu ärgern, sog ich den Regen mit all meinen Poren auf. Ganz gemächlich lief ich durch riesige Pfützen, während die Tropfen von oben immer schwerer auf mich herab prasselten und die anschwellenden Rinnsale drohten, mich davonzutragen. Das Wasser kroch in meine Schuhe und durch alle Schichten meiner Kleidung, bis ich es auf meiner Haut spürte. Also öffnete ich den Reißverschluss meiner Jacke und ließ es hinein. Jetzt war es, als würde es aus mir herausregnen. Es war lange her, dass ich mich so gefühlt hatte. Aus den Autos sahen mir verdutzte Menschen entgegen, die es nicht verstanden. Aus Rache spritzten sie mir eine Ladung Straßenrandwasser ins Gesicht. Nichts davon berührte mich. Denn es war ein anderes Rauschen, ein dumpferes Pochen, dem ich meine Aufmerksamkeit schenkte. Schon fast war ich wieder zu Hause, als plötzlich eine junge Frau aus dem kleinen Feinkostladen in meiner Straße trat. Weil sie gerade ihren Schirm aufklappte, übersah sie mich und wir stießen aneinander. Ihr Blick, als sie realisierte, was passiert war, drückte Empörung aus. Doch dann sah sie an mir runter und änderte ihren Ausdruck. Ganz erschrocken sagte sie: „Du bist so nass, ich kann dein Herz durch deine Kleidung sehen!“ Ich senkte den Kopf und sah es auch. Da erwiderte ich: „Das ist nicht schlimm. Ich dachte schon, ich hätte es verloren. Jetzt weiß ich, dass ich noch lebe.“"

    Das könnte dir auch gefallen:

     

  • Wie ein Flipperball im Automaten

    Ich kam gerade aus einem Tagtraum zurück, da ertrank ich in der Eintönigkeit meines Lebens, wie es jetzt war. In der Ferne hörte ich immer wieder „Positiv bleiben!“ und „Nur noch…“. Die Wut raubte mir die Atemluft."

    Schließlich wachte ich auf einer Insel wieder auf. Meine Hilferufe verhallten im Rauschen des Meeres. Nicht laut genug, um die Motoren der Suchflugzeuge zu übertönen – wenn sie denn dort oben waren. Dann sah ich mich auf dem kleinen Eiland um: Ein Paradies für Einsiedler. Ich erinnerte mich an Menschen, denen es schlechter erging. Aber wie hätte ich damals erahnen sollen, wie lange ich dort zubringen musste?

    Die Tage kamen und gingen wie mein Atem. Immer ein und aus. In dieser Zeit lernte ich alle Teile meiner Persönlichkeit genauer kennen. Manche davon waren angenehme Zeitgenossen, andere ließen mir das Mark in den Knochen gefrieren. Es gab Tage, da war die ganze Insel voll von ihnen und ich konnte froh sein, noch irgendwo ein stilles Plätzchen für mich zu finden. Dann gab es Tage, in denen sie alle verschwunden waren und ich alleine über meine Einsamkeit nachdachte.

    In einem dieser Momente realisierte ich, dass ich nicht der Herrscher meiner Selbst war. Stattdessen war ich nur ein Flipperball in einem Automaten – genau wie die anderen 7 Milliarden. Ein jeder auf die gleiche Weise an unsichtbare Fäden fixiert, die eine nicht näher definierte Macht kontrollierte. Aber wenn uns der Lauf der Geschichte eines lehrt, dann, dass wir auf die harte Tour lernen, was es heißt, menschlich zu sein.

    Eines Abends, als die Sonne noch am Himmel stand, betrachtete ich mein Spiegelbild in einer kleinen Pfütze im Wald. Es war in diesem Augenblick, dass ich eine Wahrheit erkannte, die mich von dieser Insel bringen sollte. Du kannst warten, bis dir jemand zur Hilfe eilt oder du kannst dir die Rettungsleine selber zuwerfen, sagte ich meinem Spiegelbild. Am nächsten Morgen schwamm ich los.

    Ähnliche Geschichten für dich:

  • Danny kehrt zurück

    Ich habe vier der sechs Biere, die ich vor einer Stunde gekauft hatte, bereits getrunken. Ich saß oben auf dem Hügel, der die Stadt überblickt und zählte die orangenen Lichter hinter den Fenstern, die noch nicht erloschen waren. Anstatt an die Menschen zu denken, die in diesen Häusern wohnten, fragte ich mich, woher ich jetzt noch Biernachschub bekommen sollte. Plötzlich hörte ich Schritte. Es näherte sich jemand von hinten. Wahrscheinlich nur die Polizei, die mir ein Bußgeld aufdrücken will, dachte ich. Immerhin dürfte ich jetzt gar nicht mehr hier sein. Ich genoss die letzten Momente der Einsamkeit, bis die Schritte direkt neben mir verstummten. „Hey“, vernahm ich zu meiner großen Verwunderung eine mir nur zu gut bekannte Stimme."

    Danny?“, rief ich voller Erstaunen.

    „Ja, ich bin’s. Ich hab dir Bier mitgebracht.“

    „Danny, Alter, ich dachte, ich würde dich nie wiedersehen.“

    „Tja, mein Freund, ich glaube, so einfach ist das nicht.“

    „Aber wie bist du zurückgekommen?“

    „Der Mond hat mich hergebracht…“

    „Tatsächlich, es ist wieder Vollmond! Danny, bei aller Liebe, du solltest nicht hier sein.“

    „Du auch nicht, das nennt man Schicksal, befürchte ich.“

    „Dann können wir nicht ohne einander?“

    „Richtig! Jetzt lass uns erst mal ein Bier trinken.“

    Ich reichte Danny ein Bier. Wir tranken schweigend. Ich wusste nicht, was ich von seinem plötzlichen Auftauchen halten sollte. Da er nun aber hier war, konnte ich ihm gleich von dem seltsamen Traum erzählen, den ich in letzter Zeit immer wieder gehabt hatte.

    „Danny, ich habe von dir geträumt. Fast jede Nacht. Der Traum hat sich mittlerweile in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich muss dir davon erzählen.

    „Schieß los!“

    „Ich stehe vor einer Tür. Mit einem Mal öffnet sie sich mit einem leisen Piepen. Ich betrete ein unscheinbares Zimmer und sehe mich um. Der Raum ist komplett leer, das heißt, abgesehen von drei Stühlen in der Mitte. Zwei von ihnen sind bereits belegt. Auf dem hintersten sitzt der Sensenmann, der Platz neben ihm in der Mitte ist frei und auf dem Stuhl direkt vor mir sitzt du. Ihr beide würdigt mich keines Blickes, sondern starrt unbehelligt geradeaus, wo eure Augen sich in der weißen Wand verlieren. Ich laufe hinter dir vorbei und setze mich zwischen euch. Eine Sekunde später haftet auch mein Blick an der Wand. Nach einer Weile unterbrichst du die Stille mit einer komischen Frage: „Wie lange kann ich diese weiße Wand anstarren, bevor sie ihren Ton verändert? In ein weißeres Weiß oder aschfarbiges Schwarz?“ Für einen Moment sehen der Sensenmann und ich zu dir rüber. Eine Antwort aber kommt uns nicht über die Lippen. Also starren wir weiter, hoffend, dass wir bald die Pointe dieser witzlosen Komödie verstehen. Aber es fühlt sich endlos an. Irgendwann wache ich auf und bin total gerädert…“

    „Das war kein Traum. Ich war dabei.“

    „Du warst in meinem Traum, aber nicht physisch da. Es war nicht real, verstehst du?“

    „Was glaubst du, wo ich die ganze Zeit gewesen bin?“

    „Aber wie?“

    „Wir leben in einer merkwürdigen Zeit…“

    „Danny?“

    „Ja?“

    „Gibst du mir noch ein Bier?“

    „Klar, mein Freund. Hier!“

    Weitere Geschichten mit Danny:

  • Der Abend kommt

    Der Abend kommt. Schau besser, dass du mit deinem Tag fertig wirst, bevor sie dir die Tür vor der Nase zusperren. Bald schon wirst du die Welt dort draußen lediglich in deinen Erinnerungen wahrnehmen. Dein Ich darf sie nur noch in deinen Sehnsüchten betreten. Und so wandeln Millionen Seelen durch die Straßen, während ihre Körper zu Hause sitzen und auf ein Ende warten. Nie haben sich so viele eine Nadel im Arm gewünscht. Nur ein kleiner Piks, um aufzuwachen. Wer weiß, was uns dann erwartet, in welcher Welt wir die Augen wieder öffnen. Viele sind nicht mehr, vieles nicht mehr, wie es war. Und was es aus dir gemacht hat, das fragst du besser dein künftiges Ich.

  • Jeden Morgen

    Jeden Morgen, wenn du aufwachst, hoffst du, am Ende des Tages noch du zu sein. Doch in 24 Stunden kann viel passieren. Es ist reiner Zufall, welches Laster heute am schwersten wiegt, welche Verirrung dich aus der Bahn wirft. Du bist nur ein Zuschauer, der sich selbst in einem Film spielen sieht, aber auf die Handlung nicht einwirkt. Du bist ein Spielball deiner Launen. Es geht auf und ab. Egal, wie oft du dich umdrehst, die Angst steht hinter dir und holt beständig zum Schlag aus. Dann gehst du zu Boden und zählst die Sekunden. KO. Es folgt die Entschuldigung ans Publikum, du hast es versucht. Immerhin. Aber du bist kein Kind. Also steh auf, steh deinen Mann, rufen sie. Doch was sie nicht verstehen, ist: Je höher der Baum, desto größer der Schatten.

  • Ich zeige dir meinen Gott, wenn du mir deinen zeigst

    Wir beobachten das Geschehen in einer nicht weiter erwähnenswerten Kneipe. Es ist so spät, dass der Barkeeper bereits mehrere Male die letzte Runde ausgerufen hatte. Doch immer wieder war daraus die vorletzte, vorvorletzte oder vorvorvorletzte geworden. Schuld daran war ein Mann, der schon seit einigen Stunden am Tresen hockte und ihn in ein tiefgründiges Gespräch nach dem anderen verwickelte."

    Wenn wir die Ohren ein wenig spitzen, hören wir über den Trubel der restlichen Gäste, dass es um den Glauben geht. Denn der Mann am Tresen ist nicht irgendjemand, er ist ein Pfarrer. Einer, den man sonst nicht hier sieht. Im Moment spricht er darüber, dass diese Kneipe besser besucht ist als seine sonntäglichen Predigten. Allerdings ist keine Wehmut in seiner Stimme zu hören. Er stellt es nur ernüchternd fest. Alles andere als nüchtern ist der Mann, der jetzt auf die Theke zustolpert, um nochmal nachzubestellen.

    Der Barkeeper versucht ihm zu erklären, dass er ihm nichts mehr ausschenken kann, aber die Schnapsdrossel lässt nicht locker. Es sieht so aus, als hätte er ausreichend Überzeugungskraft aufbringen können. Der Barmann bewegt sich in Richtung Zapfanlage, um ihm seinen Getränkewunsch zu erfüllen. Nun starrt der Betrunkene den Pfarrer an.

    „Bist Pfarrer, hä?“, geht er ihn an.

    „Im Moment bin ich nur ein Gast wie Sie.“

    „He he, also auch ein Trinker! Weißt du, was, Pfarrer?“

    „Nein, was denn?“

    „Gottes Wege sind so unergründlich wie mein Magen. Ich weiß einfach nicht, wo das ganze Bier hingeht. Nicht mal auf’s Klo muss ich.“

    „Das ist schön für Sie. Gott freut sich bestimmt über dieses Kompliment!“

    „Jap! He Pfarrer, ein kleines Spiel: Wie wär’s?“

    Inzwischen hatte der Trunkenbold sein Bier erhalten und bereits einen großen Schluck daraus getrunken. Auf die Einwände des Barkeepers, den Herrn Pfarrer in Ruhe zu lassen, geht er nicht ein. Der Pfarrer scheint ohnehin nicht zu wollen, dass er verschwindet.

    „Na gut, ein Spiel also.“

    „Gut, pass auf! Und zwar geht das so: Ich zeig dir meinen Gott, wenn du mir deinen zeigst. Also los. Du zuerst!“

    Der Pfarrer macht ein nachdenkliches Gesicht. Eine sofortige Antwort hat er nicht. Er überlegt und überlegt und überlegt. Keiner der beiden anderen sagt ein Wort. Der Pfarrer schaut zur Decke auf. Die Blicke der anderen folgen ihm. Sein Blick senkt sich. Die anderen schlagen die Augen nieder.

    „Da war er! Haben Sie ihn gesehen“, sagt der Pfarrer mit einem verschmitzten Lächeln.

    „Da war gar nichts!“, blökte der Trunkenbold.

    „Sicher? Warum haben Sie dann nach oben gesehen? Für einen Augenblick wenigstens haben Sie geglaubt, da sei etwas. In diesem Moment formulierte Ihr Gehirn den Verdacht, dass Gott wirklich existiert. Dass er dort zu finden sei, wo mein Blick Ihre Augen hinleitete. In diesem Bruchteil einer Sekunde hat Gott existiert, weil Sie daran geglaubt haben. Sie haben soeben die volle Kraft des Glaubens erfahren. Mehr habe ich in dieser Sache nicht anzuführen.“

    Der Barkeeper schlägt begeistert die Hände über dem Kopf zusammen, doch der Betrunkene macht ein Gesicht, als hätte man ihm eine unlösbare Matheaufgabe gestellt. Man kann deutlich sehen, wie die Gehirnzellen in seinem Kopf wie wild losfeuern. Er gestikuliert ausufernd mit seinen Händen, als ob sie ihm bei der Lösung des Problems unterstützen können.

    „Tja, Pfarrer, nicht schlecht, nicht schlecht. Da hast du mir wirklich zu denken gegeben. Aber vielleicht hast du mich auch ausgetrickst. Das weiß ich erst morgen, wenn ich wieder nüchtern bin.“

    „Sie sind dran.“

    „Klar! Aber so’n Trick wie du hab ich nicht auf Lager. Mein Gott ist ganz real. Man kann ihn sogar sehen. Hier!“ Der Kerl zeigt lässig auf sein Bier. „Was sagst du dazu, Pfarrer? Erstaunt, was?“

    „Ganz im Gegenteil. Zu viel von dem Zeug hält für viele mehr Spiritualität bereit als so manche Predigt in der Kirche. Aber erlauben Sie mir, dass ich nun ein Spiel mit Ihnen spiele.“

    „Das ist fair, Pfarrer. Dann mal los!“

    „Ich zeige Ihnen meinen Teufel, wenn Sie mir Ihren zeigen.“

    Am Gesicht des Trinkers ist klar zu erkennen, dass er darauf nicht vorbereitet gewesen war. Er schaut verdutzt nach unten auf sein Glas, das bereits halb leer ist. Wieder beginnt sein Hirn zu rattern. Das Denken bereitet ihm sichtlich Mühe, aber da ist wohl schon ein Einfall. Hören wir hin, was er zu sagen hat.

    „Meinen Teufel willst du sehen?“, fragt der Trinker. „Hier!“, sagt er und zeigt auf seinen Kopf. „Da drin, da ist er. Und wo ist deiner?“

    „Oh, ich glaube, Sie kennen ihn schon sehr gut.“

    An dieser Stelle sollten wir den beiden nicht länger lauschen. Ziehen wir uns zurück und denken darüber nach, was das eigentlich heißt.

    Ähnliche Geschichten auf meinem Blog:

  • Kurz vor Ende der Welt

    Es ist kurz vor Ende der Welt. Danny und ich sitzen hinter einer eingestürzten Tanke und fischen Mondquallen aus den alten Benzintanks. Der ganze Fake-Scheiß ist endlich vorbei. Danny hat es immer gewusst und ich bin froh, ihn nie ganz aus den Augen verloren zu haben."

    Um uns herum absolute Stille, alles Menschengemachte liegt in Schutt und Asche. Der Sensenmann fährt in seinem Leichenwagen die schwarzen Straßen auf und ab. In der Ferne hört man unaufhörlich seinen Motor brummen. Hat viel zu tun, der arme Kerl. Wir hören nur der Stille zu. Zum Ende von allem Bekannten gibt es keine Worte, die ein Mensch ersinnen kann. Schließlich war keiner von uns von Anfang an dabei.

    Wenigstens sind wir zu zweit in dieser mondhellen Nacht. Wahre Freunde bis zuletzt. Die Mondquallen, die wir fangen, lassen wir zum Himmel aufsteigen. Wie Feuerfunken schwingen sie sich ungelenk in die Höhe, zurück dorthin, wo sie herkamen. Alles geht jetzt nach Hause. Aber Danny will wie immer der Letzte sein. Bis zum Schluss anders. Bis zum Ende ungebeugt. Bis es so weit ist, teilen wir die Sterne unter einander auf. Mehr als 100 Milliarden für jeden. Niemand mehr da, dem man sie verkaufen kann.

    Nach einer Weile steht Danny auf und sagt mir, es sei Zeit. Nein, protestiere ich. Noch nicht. Doch er meint, ich soll die Brille abnehmen, die Augen aufmachen und allein nach Hause finden. Mein Widerspruch lässt ihn kalt. Er schnappt sich die Tentakeln einer riesigen Qualle und steigt mit ihr auf. Leb wohl, höre ich ihn noch rufen. Bald darauf verliere ich das Gespann aus den Augen. Sie sind nur noch ein schwarzer Punkt, der sich auf den Mond zubewegt.

    Er hat es ernst gemeint. Auch ich muss gehen. Rückwärts schreite ich den Weg entlang, der uns hergeführt hat. Und jeder Schritt setzt einen Teil der Welt zurück an seinen Platz. Häuser bauen sich wieder auf, überall erwachen Menschen zum Leben und Bäume springen vom Boden auf ihren Stumpf zurück. Nach Stunden bin ich da angelangt, wo ich Danny getroffen hatte. Alles ist wie früher.

    Niemand scheint das Ende von allem Bekannten bemerkt zu haben. Nur er war nicht da. Ich sehe zum Himmel hinauf. Der Mond leuchtet schon schwach durch das Blau des Tages. Ein Abschied, der seiner würdig ist. Ein Lebewohl, das für immer gilt. Dann mach’s gut, mein Freund!

    Weitere Geschichten mit Danny: