Kategorie: Geschriebenes

  • Vom Schlimmsten ausgehen

    Mein Fahrrad hatte lange im Keller gestanden. Es musste Monate her gewesen sein, seit ich es das letzte Mal benutzt hatte. Die Luft war fast vollständig aus den Reifen entwichen. Also pumpte ich sie erst einmal auf, bevor ich losfuhr."

    Es war ein heißer, drückender Tag. Die Sonne hatte sich hinter ein paar Schleierwolken verzogen, doch das machte die Hitze kaum erträglicher. Ich fuhr den Hügel hinauf durch das Dorf und bog hinter dem Wasserturm auf die Feldwege ab. Wann immer sich die Gelegenheit bot, ließ ich mich ein Stück im kühlenden Fahrtwind rollen und genoss die Aussicht. Von hier aus konnte man über die Felder hinweg bis zum Wald und zu den Dörfern dahinter sehen. Viele der Wiesen waren von der Trockenheit braun und ausgedörrt. Alles ächzte unter der Hitze. Alles schien sich nach einem erlösenden Regenschauer zu sehnen.

    Eine Weile fuhr ich an der Bundesstraße entlang, bevor ich wieder auf einen Feldweg einbog. In der Ferne entdeckte ich eine Liegebank unter zwei großen Eichen. Dorthin steuerte ich. Ich stieg ab, ließ das Fahrrad ins Gras fallen und legte mich hin. Von hier aus konnte ich die Autos und Lkw auf der Bundesstraße beobachten. Ein laues Lüftchen machte die Hitze etwas erträglicher. Dennoch war ich ganz allein. Da ich schon vom bloßen Sitzen schwitzte, konnte ich es niemandem verübeln, dass er sich heute nicht hinausgewagt hatte.

    Die vertrockneten Felder erinnerten mich daran, dass ich wahnsinnigen Durst hatte. Ich griff nach der Flasche im Halter am Fahrradrahmen, nahm ein paar große Schlucke und stellte sie neben mich. Dann lehnte ich mich zurück und schloss die Augen.

    Ein Summen holte mich jedoch schnell aus meinen Tagträumereien. Eine Biene schwirrte um mich herum. Ich wedelte mit der Hand, um sie zu vertreiben. Irgendwann flog sie tatsächlich davon. Gerade als ich mich wieder entspannt hinlegen wollte, kam sie von der anderen Seite zurück. Dieses Mal hielt sie direkt auf meine Flasche zu. Bevor ich reagieren konnte, hatte sie sich bereits auf das Mundstück gesetzt.

    Ich nahm die Flasche und schüttelte sie leicht, doch die Biene blieb völlig unbeeindruckt sitzen. Mit so viel Hartnäckigkeit hatte ich nicht gerechnet. Schon überlegte ich, sie mit einem unsanften Stupser von der Flasche zu befördern. Da wurde mir klar, was sie dort eigentlich wollte. Sie war nicht gelandet, um mich zu ärgern. Sie hatte Durst.

    Am Mundstück hingen noch ein paar Tropfen Wasser vom Trinken. Die Biene saugte mit ihrem kleinen Rüssel daran, als gäbe es nichts Wichtigeres. Auf einmal tat sie mir furchtbar leid. Auch sie litt unter der Hitze und der Trockenheit. Da kaum noch Wasser auf dem Mundstück war, drehte ich die Flasche vorsichtig um und ließ noch ein paar Tropfen herauslaufen. Die Biene ließ sich auch davon nicht aus der Ruhe bringen. Gierig nahm sie auf, was sie bekommen konnte.

    Noch nie hatte ich eine solche Begegnung mit einem Insekt erlebt. Ich beobachtete das kleine Tier dabei, wie es sich an meiner Flasche gütlich tat. Mein eigener Durst spielte längst keine Rolle mehr. Bestimmt eine ganze Minute trank die Biene, bevor sie genug Kraft für den Weiterflug gesammelt hatte. Dann schwirrte sie los, drehte noch eine Schleife, als wollte sie sich verabschieden, und flog schließlich davon.

    Ich sah ihr noch eine Weile nach und freute mich über diese unerwartete Begegnung.

  • Eine Frage der Perspektive

    Ich saß auf einer Bank und grübelte. Ein Fremder kam vorbei. Unsere Blicke kreuzten sich für einen Moment. Er sah verdächtig aus. Was trieb dieser Kerl hier mitten in der Nacht? Wahrscheinlich fragten wir uns beide dieselbe Frage. Warum mussten wir den anderen überhaupt wahrnehmen? War es nicht genug, hier draußen allein zu sein?"

    Als er schon fast vorüber war, blieb er stehen. Regungslos starrte er weiter in die Richtung des Weges. Er drehte nicht einmal den Kopf zu mir. Ich beobachtete seine Schultern, ob ich dort irgendeine Regung wahrnehmen konnte. Ein Zucken. Ein Andeuten. Das Ziehen einer Waffe.

    Mein Körper war im Alarmmodus. In der Tasche hielt ich bereits meine Schlüssel griffbereit, um sie im Notfall als Waffe einzusetzen. Sekunden angespannter Anspannung vergingen. Doch es tat sich nichts. Keiner von uns beiden rührte sich. Man hörte nicht einmal das leiseste Ein- oder Ausatmen.

    Dann ein Rascheln im Gebüsch. Hatte er es vor mir gehört? War er deshalb stehen geblieben? Etwas sprang aus dem Unterholz. Obwohl ich mich erschreckte, traute ich mich nicht, mich zu bewegen. Im orangefarbenen Licht der Laternen erkannte ich, dass es sich um eine Katze handelte.

    In dem Moment, als sie aus dem Busch gesprungen war, hatte sie eine Schockstarre ergriffen. Sie war wie angewurzelt stehen geblieben. Ihr Buckel war gewölbt, doch sie gab keinen Laut von sich.

    Dann hörte man wieder ein Rascheln. Erneut sprang etwas auf den Weg. Dieses Mal ein Hund. Offenbar hatte er die Katze gejagt, doch sobald er mich und den anderen gesehen hatte, war auch er wie eingefroren stehen geblieben.

    Der Mann hatte sich die ganze Zeit über immer noch nicht gerührt. Da war nun also eine Katze, die mich anstarrte, während die Blicke des Hundes zwischen mir und ihr wechselten und ich den Mann im Auge behielt, der völlig unbeeindruckt von der Szene immer noch so dastand wie zuvor.

    Das alles machte keinen Sinn. Warum rührte sich niemand?

    Plötzlich nahm ich eine Bewegung oberhalb der mir am nächsten stehenden Straßenlaterne wahr. Etwas schwirrte ein paar Mal um die Lampe, bevor es sich schließlich auf dem Schirm niederließ und zu uns herabschaute. Eine Fledermaus hatte sich zu uns gesellt. Auch sie schien von der allgemeinen Regungslosigkeit angesteckt worden zu sein.

    Das alles war sehr sonderbar, dachte ich mir. Als ich nach oben sah, fiel mir auf, dass der Mond sich kein Stück bewegt hatte, seit ich mich auf die Bank gesetzt hatte. Waren wir alle in der Zeit gefangen?

    „Was ist hier los?“, fragte ich ohne bestimmten Adressaten in die Runde.

    In diesem Moment krachte in der Ferne ein gewaltiger Blitz vom Himmel. Ich spürte ein Ziehen in meinem Körper, und dann zog mich eine Kraft mit unvorstellbarer Geschwindigkeit in den Himmel. Ich wurde ins Weltall geschleudert.

    Mit einem Mal verharrte ich an Ort und Stelle. Dann drehte ich mich in atemberaubender Geschwindigkeit um die Erde. Mir wurde schlecht. Und schon im nächsten Augenblick wurde ich zurück auf die Erde geworfen.

    Zwei Flügel fingen meinen Sturz ab. Ich flog unter Brücken und Bäumen hindurch, jagte Mücken und kleine Nachtfalter, schlief kopfüber in einer Höhle und war dann plötzlich ein Hund. Ein katzenjagender, urinierender, bellender Hund.

    Nur dass ich direkt die Perspektive wechselte und selbst die Katze war. Ich schoss durch das Gestrüpp, stellte Vögeln und Mäusen nach, rieb mich an den Beinen von Fremden und schlief in der Sonne.

    Doch dann richtete ich mich auf und lief in den Schuhen eines Fremden. Ich lief und spürte seine Sorgen und Ängste. Ich lief einen dunklen Weg entlang, sah einen Unbekannten und hatte Angst.

    Und ehe ich mich versah, war ich wieder ich.

    Da ging ein Mann seines Weges. Ein Kätzchen sprang zu mir auf die Bank, irgendwo bellte ein Hund, und etwas schwirrte über meinen Kopf hinweg. Hoch oben schien der Mond.

    Mit einem Mal war ich sehr versöhnlich gestimmt.

  • Komm, fahr Taxi mit mir

    Will man in einer Großstadt den Menschen entkommen, steigt man in ein Taxi. Leider muss man mit dem Taxi irgendwohin fahren und kann sich nicht ziellos durch die Gegend kutschieren lassen. Genau vor diesem Dilemma stand ich. Seit ich eingestiegen war, hatte ich noch kein Wort außer „Hallo“ gesagt. Der Fahrer, der laut seinem Namensschild Karlheinz hieß, sah mich stillschweigend an. Er wartete auf eine Antwort, die ich nicht hatte. Was sollte ich ihm sagen? „Ich bin nur hier eingestiegen, um melancholisch aus dem Fenster zu schauen“?"

    Nachdem einige Minuten vergangen waren, sagte Karlheinz schließlich:

    „Junge, bist du stumm? Wenn du nirgends hin musst, gibt es andere Fahrgäste, die wissen, wo sie hinwollen.“

    „Können wir nicht einfach ein bisschen rumfahren?“, rutschte es mir heraus.

    „Einfach ein bisschen rumfahren? Denkst du, das hier ist einer von den roten Bussen, die Touristen durch die Stadt karren? Nee, im Taxi hat man ein Ziel, und da wird hingefahren. Dann wird bezahlt und das war’s. Also, wo willst du hin?“

    „Ich geb Ihnen 50 Euro, wenn Sie mich einfach nur durch die Stadt fahren.“

    „50? Na, das ist so viel wert wie eine Fahrt zum Flughafen. Ist eh ruhig heute. Aber komisch ist das schon. Mit 50 Euro könntest du dich auch dort in der Kneipe volllaufen lassen oder dort in dem Restaurant was essen.“

    „Nee, will ich nicht. Ich will mir die Stadt durch das Fenster von diesem Taxi anschauen. Hier ist das Geld.“

    Ich gab ihm den 50-Euro-Schein. Skeptisch nahm er ihn entgegen und musterte ihn, als hätte er noch nie einen gesehen. Schließlich steckte er ihn sich in die Hemdtasche und nickte.

    „Also, du Sonderling. Dann fahren wir mal los. Ich weiß ja ungefähr, wie lange 50 Euro reichen.“

    „Ich hab noch mehr Bargeld dabei, wenn es nicht reichen sollte.“

    Karlheinz schaute ungläubig nach hinten. In seinen Augen war neben Verwirrung auch Zorn zu erkennen. Wahrscheinlich regte es ihn auf, dass jemand so viel Geld einfach verschleudern wollte. Auf der anderen Seite war es ein gutes Geschäft für ihn. Wortlos drehte er sich wieder um, startete den Motor und rollte langsam vom Taxiparkplatz.

    Wir fuhren unter den Hochhäusern hindurch, die bei Nacht wie schwarze Felssäulen aussahen. In einigen der Scheiben brannten noch Lichter. Jemand machte wohl Überstunden. Hinter dem Taxifenster wirkten die Leute so weit weg, fast wie im Fernsehen. Die Gerüche und Geräusche waren hinter einer dicken Kristallwand eingesperrt. Hier drinnen empfand ich Sicherheit. Ich war da, aber nur als Beobachter. Musste mich nicht auf die Grobheit der Stadt einlassen.

    Wir fuhren eine ganze Weile geradeaus, bevor wir das erste Mal rechts abbogen. Ich hatte keine Ahnung, wo wir waren, aber Karlheinz schien den Weg zu kennen. Ab und zu schielte er über den Rückspiegel nach hinten. Ich dachte, er war misstrauisch. Wahrscheinlich glaubte er, dass irgendwas mit mir nicht stimmte und eine böse Überraschung auf ihn wartete. Doch ich ließ mich von seinen Blicken nicht beirren, sondern starrte weiter auf die Welt, die an mir vorbeizog.

    Wir hatten die Hochhäuser hinter uns gelassen. Inzwischen waren wir in einem offensichtlich schlechteren Teil der Stadt angelangt. Auf der Straße sah man offenen Drogenkonsum, urinierende Menschen und herumlungernde Jugendliche. Jedes Mal, wenn wir an einer Ampel anhielten, befürchtete ich, dass jemand die Tür aufreißen und mich rausziehen würde. So wie in GTA damals. Aber es passierte nichts. Wir fuhren weiter gemächlich durch die Stadt. Das Taxameter kletterte langsam, aber stetig nach oben.

    Als die 50 Euro fast erreicht waren, reichte ich einen 100-Euro-Schein zwischen den Sitzen nach vorn. Karlheinz drehte nur leicht den Kopf, schnappte ihn sich geschickt mit zwei Fingern und steckte ihn in die Hemdtasche zu dem Fünfziger. Für ihn war es kein schlechter Deal. Wer weiß, ob er in dieser Nacht sonst überhaupt noch einen Gast gehabt hätte. Also fuhren wir weiter, ohne dass einer von uns beiden auch nur ein Wort sprach.

    Indes gab es genug zu sehen dort draußen. Die Nacht schaffte es immer wieder, eine Stadt und ihre Bewohner zu verwandeln. Diese Leute hier waren nicht dieselben, denen man am Tag begegnete. Sie waren brutaler, ungeschminkter und ehrlicher. Aus sicherer Distanz wirkte alles wie ein Film. Aber diese Leute lebten wirklich so – injizierten zwischen Mülltonnen und Urinpfützen Heroin, während ich hier drinnen saß. Der Beobachter, für den alles nur ein Spiel war. Ich sah sie, aber es berührte mich nicht. Ich hörte sie, aber es betraf mich nicht.

    Doch es war genug des Elends. Ich bat Karlheinz, etwas weiter rauszufahren, in die Vorstädte. Ich wollte wissen, was dort um diese Uhrzeit vor sich ging. Karlheinz bestätigte meinen Wunsch mit einem Nicken. Dabei drehte er das Radio lauter, als stellte er sich auf eine lange Nacht ein. Konnte diese Nacht noch länger werden?

    Je weiter man sich vom Stadtkern entfernte, desto niedriger wurden die Häuser, desto leerer die Straßen, desto gesitteter die Menschen, die man noch sah. Hier nutzte man die Straße, um von A nach B zu kommen, nicht als Aufenthalts- oder Wohnort. Dafür hatte man große Häuser oder Wohnungen. Die meisten Ampeln waren jetzt ausgeschaltet. Für die wenigen Autos, die noch unterwegs waren, lohnte sich der Betrieb nicht. Und so kamen wir schnell voran.

    Karlheinz fuhr mit einer stoischen Ruhe, als sei das hier seine ganz eigene Meditation. Das Radio spielte einen alten Schlager, den er gelegentlich mit einem Nicken begleitete, als wollte er mir sagen: „Na, das ist doch Musik.“ Ich hingegen saß hinten und schaute weiter stumm aus dem Fenster. Draußen: nur schwach beleuchtete Straßenzüge, Gewerbegebiete, verlassene Tankstellen. Die Stadt war hier zu Ende, und nichts begann.

    „Noch weiter raus?“, fragte Karlheinz plötzlich, ohne sich umzudrehen.

    „Ein Stück noch. Vielleicht bis dort hinten zum Wald. Ich zahl auch.“

    „Geht nicht ums Geld, Junge“, sagte er. „Irgendwann ist einfach Schluss.“

    Ich wusste nicht, ob er damit das Ende der Fahrt meinte – oder etwas anderes.

    Wir fuhren noch ein paar Minuten, bis das letzte Straßenlicht hinter uns lag. Nur noch die Scheinwerfer schnitten durch das Schwarz. Eine einzelne Landstraße, auf beiden Seiten Bäume, und in der Ferne das leise, flirrende Licht eines Sendemasts.

    „Willst du hier irgendwo raus oder bleibst du sitzen, bis ich eine Schleife drehe?“, fragte er.

    Ich überlegte. Dann sagte ich: „Drehen Sie eine Schleife. Ich will nur kurz die Fenster runterkurbeln und die Luft riechen.“

    „Die Luft? Stinkt hier nach abgestorbenem Laub und Gülle.“

    Ich sagte nichts. Er zuckte mit den Schultern und fuhr langsamer. Ich öffnete das Fenster. Eine kühle Windböe fuhr mir durchs Gesicht. Es roch tatsächlich nach feuchter Erde, nach abgeernteten Feldern, nach etwas, das ganz und gar nicht Großstadt war. Irgendwo in der Dunkelheit rief ein Vogel. Ich lehnte mich zurück und schloss die Augen. Für einen Moment war ich nicht mehr im Taxi, nicht mehr in der Stadt, nicht mehr jemand, der nichts zu sagen hatte.

    Plötzlich hörte ich, wie Karlheinz bremste. Das Auto kam zum Stehen.

    „Was ist los?“, fragte ich, ohne die Augen zu öffnen.

    „Da steht einer.“

    Ich öffnete die Augen. Vor uns am Straßenrand, direkt am Waldrand, stand ein Mann. Nicht besonders auffällig. Dunkle Kleidung, nichts in der Hand, kein Gepäck. Er hob die Hand, als wolle er uns anhalten. Als hätte er genau auf uns gewartet.

    „Sollen wir ihn mitnehmen?“, fragte ich.

    Karlheinz antwortete nicht sofort. Dann schaltete er den Motor ab. Das Licht ging aus. Stille.

    „Er ist nicht zum Mitnehmen da“, sagte er. „Er steht da, wenn es Zeit ist, abzugeben.“

    Ich verstand nicht. Oder ich wollte es nicht verstehen. Doch dann fiel mir auf: Das Taxameter war aus. Irgendwann, still und heimlich, war es stehen geblieben.

    „Warum ist das Taxameter aus?“

    Er antwortete nicht. Öffnete stattdessen die Fahrertür, stieg aus und ging langsam auf den Mann zu. Dann verschwanden sie.

    Ich wartete.

    Fünf Minuten. Zehn. Eine halbe Stunde.

    Niemand kam zurück.

    Ich saß da. In Karlheinz’ Taxi. Der Motor war aus. Ich war jetzt der Fahrer.

  • Der Mann im Wind

    Der Herbst kam früh in jenem Jahr. Und er brach über das Land herein mit einer Kälte, die den Winter vorwegnahm."

    Dazu regnete es tagelang pausenlos. Ein kühler Wind komplettierte das Schmuddelwetter.

    Trotz der Witterung ging ich eines Nachmittags spazieren. Die feucht-stickige Luft hatte mich aus der Wohnung getrieben.

    Es regnete noch leicht, doch mit Schirm und Jacke konnte man es draußen aushalten. Es zog mich raus auf die Felder, wo der Wind kräftig in meinen Schirm blies.

    Er zog daran, stülpte ihn um und versuchte, ihn mir zu entreißen. Doch ich leistete entschlossen Widerstand.

    Plötzlich ergriff mich eine starke Windböe von hinten und drückte gewaltig gegen meinen Schirm. Ich war so damit beschäftigt, ihn festzuhalten, dass ich gar nicht merkte, wie ich allmählich den Kontakt zum Boden verlor.

    Zentimeter um Zentimeter hob ich ab. Als ich realisierte, was geschah, war es bereits zu spät. Der Wind trug mich davon. Zunächst schwebte ich einige Meter vorwärts über den Feldweg, bis mich eine weitere Böe erfasste und weiter in die Höhe trug.

    Ich klammerte mich an meinem Regenschirm fest wie an einer Rettungsleine. Unten ging eine Frau mit einem Hund. Ich rief um Hilfe. Sie sah mich und winkte, erwiderte mein Rufen. Nur war ich schon zu hoch, um sie noch zu verstehen.

    In diesem Moment nahm ich die Stille wahr. Das Rauschen der Bundesstraße, das Rascheln der Blätter, das Betonwerk hinter den Gleisen – nichts mehr war zu hören. Da war nur der Wind wie ein weißes Rauschen.

    Passanten starrten hilflos nach oben, winkten und gestikulierten. Aber kein Wort drang zu mir vor, während ich weiter emporstieg. Bald sah ich die Stadt wie ein Miniaturabbild ihrer selbst. Menschen konnte ich nicht mehr ausmachen. Nur Autos wie Punkte auf einer Karte.

    Es wurde immer kälter. Meine Finger versteiften. Der Regenschirm entglitt mir. Ich dachte, das war’s. Doch der Wind fing mich auf und trug mich höher gen Himmel.

    Nun war ich sicher, dass ich höher flog als ein Passagierflugzeug. Nicht der Fall würde mich töten, sondern die eisige Kälte.

    Ich zitterte bereits am ganzen Körper, als ich mit einem Mal ein Geräusch vernahm. Ein Flugzeug näherte sich. Menschen starrten ungläubig aus dem Fenster auf den Mann im Wind.

    Ein Kind winkte. Ich hob die steife Hand zum Gruß. Dann waren sie wieder weg. Und ich blieb allein zurück. Bald wurde ich von einer riesigen Wolkenfront verschluckt. Alles war grau, meine Augen suchten vergebens nach Orientierung.

    Ich hörte noch ein Grummeln, ein Donnern. Dann fuhr ich wie ein Blitz vom Himmel herab. Im Vorgarten meines kleinen Häuschens schlug ich ein. Die Erde um mich herum dampfte vom Aufprall und der Hitze.

    Als sich meine Sicht klärte, sah ich meinen Nachbarn am Zaun stehen. Sein Hund pinkelte durch die Staketen. Er schüttelte den Kopf und sagte zu seiner Bulldogge: „Komm, Brutus!“ Die beiden verschwanden in ihrer Hälfte des Reihenhauses.

    Als ich an mir herunterschaute, stellte ich fest, dass ich nackt war. Ich raffte mich auf, holte den Ersatzschlüssel aus der Steinattrappe im Blumenkübel neben der Tür und ging ins Haus.

    Ich ging die Treppe nach oben, legte mich in die Badewanne und ließ heißes Wasser einlaufen. Weiter ist nichts passiert an diesem Tag.

  • Heute fährt die 9 bis in den Himmel

    An jenem Abend war es schon nach 3 Uhr, als ich am Hermannplatz zustieg. Meine Freunde waren mit der U-Bahn nach Hause gefahren. Für mich war der Bus die schnellste Option. Der Busfahrer sah erschöpft aus. Ich grüßte, aber bekam keine Antwort. Konnte es ihm nicht verübeln um diese Uhrzeit."

    Meine Augen mussten sich erst an das grelle Licht im Inneren gewöhnen, bevor ich etwas erkennen konnte. Vorne im Vierersitz saß eine Frau mit großen Einkaufstaschen, die in einer fremdklingenden Sprache telefonierte und mir einen abschätzenden Blick zuwarf, als ich vorbeilief. Ganz hinten beanspruchten zwei Jugendliche die letzte Reihe und hörten laut Musik.

    Ich setzte mich hinter die mittleren Bustüren. Da ich keine Kopfhörer dabei hatte, musste ich die Beschallung von beiden Seiten ertragen. Ich schaute aus dem Fenster, hinaus auf die sterbende Nacht, die sich schon langsam auf ihre Wiedergeburt vorbereitete. Bald würden die ersten Jogger auf dem Gehweg zu sehen sein.

    Mit dem Kopf ans Fenster gelehnt, versuchte ich, mich nicht von meinem Schlafdruck überwältigen zu lassen. Selbst die hämmernde  Musik hinter mir klang jetzt wie ein Einschlaflied. An der übernächsten Haltestelle stieg die Frau mit ihren vielen Taschen aus. Es war beeindruckend, wie sie alle gleichzeitig tragen konnte. Die Jugendlichen folgten ihr drei Stationen später, und so war ich allein, mit noch acht Haltestellen vor mir. Ich muss kurz weggenickt sein, denn zwei Stimmen rissen mich wieder aus einem wunderbaren Traum heraus.

    „Ist das die Linie 9?“, hörte ich jemanden sagen.

    „Das ist der Bus 9 nach Himmern“, erwiderte jemand genervt.

    „Himmern?“

    „Himmern!“

    „Ist das die Linie 9, die …“

    Der andere unterbrach ihn schroff: „Wollen Sie jetzt mitfahren oder nicht?!“

    „Also gut, also gut. Dann steige ich eben ein.“

    Ich setzte mich aufrecht hin, um den Zugestiegenen besser sehen zu können. Es war ein alter Mann mit einem langen grünen Mantel und einem hölzernen Gehstock. Auf eine gewisse Weise sah er verwahrlost aus, doch seine Haare und sein Bart waren frisch geschnitten. Unsere Blicke kreuzten sich kurz, woraufhin ich mich sofort wieder abwandte.

    Während ich aus dem Fenster starrte, konnte ich spüren, dass mich der Mann immer noch beäugte. Außerdem sah ich im Augenwinkel, dass er auf mich zugelaufen kam. Er setzte sich ausgerechnet in das Abteil neben mir. Als er auf seinem Platz angekommen war, fuhr der Bus los. Ich konnte fühlen, dass ich beobachtet wurde. Erst versuchte ich es zu ignorieren, doch in der Spiegelung des Fensters konnte ich sehen, dass der alte Mann mich unverfroren anstarrte.

    Als es zu lang wurde, um zufällig zu sein, drehte ich mich zu ihm. Er schaute mir direkt in die Augen. Sein Blick war durchdringend. Gerade als ich ihn fragen wollte, was sein Problem sei, begann er zu sprechen: „Du bist im falschen Bus, Junge!“

    „Das ist die 9, da steht’s“, sagte ich und zeigte auf die digitale Anzeigetafel an der Decke. „Vielleicht sind Sie ja im falschen Bus, aber ich bin hier genau richtig.“

    „Aber du solltest nicht hier sein.“

    „Ein Verrückter“, dachte ich nur. Da ich zu müde für so eine Konversation war, drehte ich den Kopf wieder zum Fenster, verschränkte die Arme und tat so, als wollte ich schlafen. Der alte Mann aber schien noch nicht fertig zu sein.

    „Das ist der falsche Bus. Hörst du nicht?“

    Ich gab ein Grummeln von mir, das ihm zu verstehen geben sollte, dass ich erstens im richtigen Bus saß und zweitens keine Lust hatte, mich mit ihm zu unterhalten.

    „Du solltest jetzt aussteigen.“

    Dann hörte ich, wie der alte Mann mehrmals energisch auf den Stopp-Knopf drückte. Ich konnte von vorne das genervte Schnaufen des Busfahrers hören. Plötzlich fing der Alte an zu schreien: „Busfahrer, der junge Mann will aussteigen. Busfahrer, bitte anhalten!“

    Am liebsten wäre ich in diesem Moment im Sitz versunken. Ich öffnete die Augen und sah den gereizten Blick des Busfahrers im Rückspiegel.

    „Nächster Halt Dobelstraße. Da kann er raus!“, brüllte der Busfahrer.

    Ich wurde stinksauer, stand auf und trat in den Mittelgang. Was ihm einfiel, schimpfte ich auf den alten Mann ein. Doch der lachte nur in sich hinein. Da ging hinter mir die Tür auf und er zeigte nach draußen.

    „Deine Haltestelle. Du bist jung und kannst nach Hause laufen.“

    Jetzt platzte mir endgültig der Kragen. Ich schrie den Alten an, was er sich eigentlich erlaubte. Doch ich wurde jäh von einem markerschütternden Gebrüll des Busfahrers unterbrochen.

    „Mach keinen Ärger da hinten, oder ich prügel dich windelweich“, drohte er mir.

    Sein Blick im Spiegel verriet mir, dass der 150-Kilo-Mann es ernst meinte. Meine Augen wanderten für einen Moment zwischen Busfahrer und dem alten Mann hin und her. Dann atmete ich tief ein und beschloss, es dabei zu belassen. Bis nach Hause waren es ohnehin nur noch drei Stationen. Ich schluckte meine Wut hinunter und verließ den Bus, ohne noch ein weiteres Wort zu sagen.

    Die Türen schlossen direkt hinter mir, aber ich sah beim Wegfahren noch, wie der alte Mann mir glücklich zuwinkte. „So ein Spinner“, dachte ich und spuckte auf den Boden. Dann lief ich dem Bus hinterher. An der nächsten Kreuzung verlor ich ihn aus den Augen. Es war kalt, es hatte geregnet, der Asphalt war nass. Die Lichter waren abseits der Hauptstraße bereits ausgeschaltet. Ich verfluchte den alten Mann und wünschte mich zurück in den Bus.

    Nachdem ich bereits eine Weile gelaufen war, hörte ich plötzlich Sirenen. Dann raste ein Polizeiauto an mir vorbei. Kurze Zeit später zwei Krankenwagen, Feuerwehr und noch mehr Polizei. Ich zog die Kapuze ins Gesicht und ging schneller. Als ich in die Straße einbog, in der ich hätte aussteigen wollen, sah ich das Blaulicht. Eine Armada von Einsatzfahrzeugen stand vor und auf der Brücke, die über den Fluss führte. Polizisten und Feuerwehrmänner rannten hektisch hin und her.

    Während ich näher kam, konnte ich erkennen, dass das steinerne Geländer der Brücke durchbrochen war. Es sah aus, als wäre etwas Großes mit hoher Geschwindigkeit hindurchgebrochen. Plötzlich schoss mir ein Gedanke in den Kopf. Ich rannte los. Ich musste es mit eigenen Augen sehen. An der Brücke wollte mich ein Polizist aufhalten, doch ich wich ihm geschickt aus und sprintete weiter bis zur Durchbruchstelle. Meine Angst wurde bestätigt. Dort lag die 9, halb versenkt im Wasser.

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  • Ein verdammter Tag, mehr nicht

    Es ist kompliziert, Mann.
    Ich war 30. Berlin, August, 2024. Sie hieß Tammy. Tamara. Aber keiner durfte sie so nennen. Also: Tammy. Ich musste zweimal nachfragen. Meine Gedanken flogen. Ewig auf Tinder geswiped – und da war sie. Unkonventionell, ganz anders als die Stadt. Schön, aber nicht in die Fresse."

    Ich schlug Kaffee vor.
    Sie war cool damit.

    Punkt 15 Uhr saß ich im Good God.
    Sie kam später.
    Aber als sie kam, war sie da.
    Das Café weg, aber sie da. Nur noch sie.
    Überhaupt, gab es jemals etwas anderes?

    Ich vergaß zu sprechen.
    Aber sie konnte reden.
    Und sie erzählte. Arbeit nur ein wenig, Leben so ein bisschen, doch viel über Ideen. Wie es sein könnte. Oder warum es nicht so war.

    Das gefiel mir.
    Weil sonst gab es nur Arbeit. Und Alter. Und Familienwunsch: ja oder nein. Über ihrem Kopf eine fette Gedankenblase. Ich mittendrin, auf Zuckerwatte und high on life.
    Zu viel für einen Kerl wie mich.

    Natürlich verhielt ich mich daneben.
    Ich dachte, sie dachte, dass ich dumm bin. Weil sie immer so schaute und fragte, ob ich noch da bin.
    Wo hätte ich sein sollen?
    Es war das Ende aller Dinge.
    Außer ihr war nichts übrig.

    Trotzdem blieb sie.
    Ließ mir kleine Chancen, um etwas zu sagen.
    Was ich tat.

    Sie war nicht die Einzige mit Ideen.
    Auch ich machte mir Gedanken. Über das Leben. Und diejenigen, die damit klarkommen müssen.
    Vor allem über mich selbst. Mein einziges Fallbeispiel für das menschliche Leiden.

    Ich verschwand also in meinen Ausschweifungen.
    Sie folgte mir.
    Und zusammen wurden wir eins.

    Die Zeit flog.
    Wir konnten nicht für immer dort bleiben. Es war nur ein Date. Am Ende die Frage:
    Gehen wir noch spazieren?

    Sie kam mit.
    Plötzlich waren wir in Berlin.
    In meinem Gehirn kein Platz für die Freaks, den Gestank und die Hässlichkeit.
    Tammy schaute, zeigte und erklärte.
    Sie war aus Berlin.
    Ich nur geduldet.

    Wir gelangten an die Spree, kauften Bier an einem kleinen Stand. Die Füße baumelten von der Mauer.
    Das Wasser schwarz.
    Am Himmel stand die Sonne tief.
    Ich wünschte, sie wäre zurückgewandert. Der Tag durfte nicht enden.

    Zum Glück war sie noch da.
    Spielte Musik auf ihrem Handy, die ich hören musste. Manches gefiel mir, anderes nicht.
    Tammy war artsy.
    Sie trug so ein Kifferladenkleid und braune Einriemersandalen.
    Ihr Haar war schwarz, ihr Gesicht schmal und schön.
    Außerdem hatte sie einige ausgewählte Tattoos.
    Die Linien fein. Die Motive waren spiritueller Natur.

    Dagegen war ich ziemlich langweilig mit meinem nackten Körper, schwarzen Shorts und weißem Shirt.
    Trotzdem war der Vibe da.

    Und dann passierte das Unmögliche.

    Wir saßen da, die Sonne küsste langsam die Ränder der Stadt, und alles war in diesem perfekten Dämmerzustand. Tammy lachte über irgendwas, was ich gesagt hatte – vermutlich unbeabsichtigt komisch – und ich spürte diesen kurzen Moment der Unsterblichkeit. Diese Millisekunde, in der man denkt:
    Jetzt müsste man einfach sterben, weil besser wird’s nicht.

    Und plötzlich tat sie etwas Seltsames.

    Sie stand auf, barfuß, ließ ihre Sandalen einfach auf der Mauer liegen, ging drei Schritte zurück und rief:
    „Warte hier. Ich hol was.“

    Ich nickte. Wie ein dressierter Hund. Klar, ich wartete.

    Sie verschwand hinter dem kleinen Kiosk. Zwei Minuten. Fünf.
    Sie kam nicht wieder.
    Ich dachte erst, sie holt Zigaretten oder vielleicht noch ein Bier. Dann dachte ich, sie ist auf Toilette.
    Dann dachte ich: Sie hat mich einfach sitzen lassen.

    Aber da war noch ihr Handy.
    Lag neben mir.
    Display nach oben. Musik aus.

    Ich hob es hoch, entsperrte es – kein Code.
    Nur ein einziger Screen. Eine Notiz-App geöffnet.
    Oben stand:

    „Für den Fall, dass ich nicht zurückkomme.“

    Ich schwöre, mir wurde schwindelig.

    Ich scrollte.
    Es war ein Brief. An mich. Und irgendwie auch nicht.

    Hey. Wenn du das liest, dann bin ich schon weg. Nicht in dem dramatischen Sinn. Kein Drama. Nur… ein Experiment. Ich wollte sehen, wie es ist, kurz aufzutauchen und dann zu verschwinden. Wie ein Gedanke. Wie eine Ahnung von Nähe. Ich hoffe, du erinnerst dich an mich – aber nicht so, wie man sich an verpasste Chancen erinnert. Sondern eher wie an einen Traum, der schöner war, als das Leben erlaubt. Ich habe dich nicht verarscht. Alles war echt. Aber ich wollte nie bleiben. Ich bin sowas wie ein Mensch auf Durchreise. Vielleicht warst du mein Bahnhof. Vielleicht warst du mein Zug. Mach’s gut. Und pass auf dein Herz auf.

    Tammy

    Ich blieb noch eine Stunde. Vielleicht zwei.
    Ich fragte am Kiosk, aber keiner hatte sie gesehen. Keine Kameras. Keine Hinweise.

    Tammy war weg.
    Kein Insta, kein Tinder mehr, kein WhatsApp-Profilbild.
    Sie hatte sich gelöscht. Komplett.
    Oder sie war nie richtig da gewesen. Vielleicht ein Engel. Vielleicht verrückt. Vielleicht realer als alles andere.

    Ich behielt ihr Handy.
    Manchmal schaue ich drauf. Keine Updates, keine SIM-Karte mehr. Nur dieser eine Text. Und ein paar Fotos von mir, die sie anscheinend heimlich gemacht hatte. Ich sehe eigentlich ganz okay aus darauf.

    Und ja, ich date wieder.
    Ab und zu.
    Es ist nicht mehr dasselbe.

  • Wieder ein Mensch sein

    Der Kilometerstand auf dem Tacho kletterte weiter nach oben."

    Seit heute Morgen mussten einige Hundert Kilometer dazugekommen sein.

    Wie viele es waren, konnte er nicht sagen.

    Er konnte sich nicht einmal an sie erinnern.

    Sie waren vorbeigeflogen wie Blätter im Wind.

    Die Ortschaften, durch die ihn die Straßen geführt hatten, waren so austauschbar wie seine Gedanken.

    Alles, was er wusste, war, dass er heute Morgen ins Auto gestiegen und einfach losgefahren war.

    Nur zum Tanken und Pinkeln hatte er ab und zu angehalten.

    Vielleicht zwei- oder dreimal? Er hatte keine Ahnung.

    Die Sonne war mit ihm gewandert, hing jetzt tief am Himmel.

    Die Nacht hielt ihn nicht auf.

    Er fuhr hindurch wie durch einen endlos langen Tunnel.

    Irgendwann war auch sie vorbei, besiegt.

    Der Morgen kam, die Kilometer gingen.

    Irgendwann die Berge.

    Es ging aufwärts.

    Das Auto leistete gute Dienste, nur der Körper wurde langsam müde.

    Eine Pause an einem Rasthof mit Aussicht ins Tal.

    Dort war ein See.

    Auf den Gipfeln lag noch Schnee.

    Am Himmel zogen Flieger dahin.

    Sie erinnerten ihn daran, was zu tun war.

    Bis zum Abend war er in Wien.

    Dort steuerte er direkt den Flughafen an.

    Das Auto stellte er in einem Parkhaus ab.

    Dann kaufte er mehrere Flugtickets.

    Und in den Geschäften hinter der Sicherheitskontrolle deckte er sich mit dem Nötigsten für die Reise ein.

    Endstation: Australien.

    Die Reise war zäh.

    Er hatte nicht mehr die Macht über die Kilometer.

    Jetzt saß ein anderer am Steuer.

    Nach drei Tagen und mehreren Zwischenstopps kam er in Sydney an.

    Dort holte er sich direkt einen Mietwagen und fuhr los.

    Landeinwärts, wo nichts mehr war außer Wüste.

    Als er weit genug ins Landesinnere vorgedrungen war, holte er sein Handy aus der Tasche.

    Es war tot, kein Empfang.

    Seit Wien hatte es schon keinen Zweck mehr erfüllt.

    Dennoch hatten sich die verpassten Anrufe und Nachrichten bereits in Europa angestaut.

    Auf nichts davon hatte er reagiert.

    Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, warf er das Gerät aus dem offenen Fenster.

    Jetzt war er wieder er selbst, war wieder ein Mensch.

    Freiheit!

    Erst murmelte er das Wort nur, dann sagte er es immer lauter, bis er schrie.

    Immer wieder.

    Freiheit, Freiheit, Freiheit!

    Dann gab er Gas, und die Wüste nahm ihn auf.

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  • Ein Stück Leben

    Sie wollte nur wissen, ob ich fünf Minuten Zeit hätte. Es war aus Mitleid, dass ich stehen blieb und ihr zuhörte. Die Sonne knallte erbarmungslos vom Himmel, ihre Stirn war tropfnass. Unter der orangenen Weste war es vermutlich unerträglich heiß. Mit Sicherheit war ich der Erste an diesem Tag, der anhielt. Sie war sichtlich erleichtert, dass endlich jemand ein Ohr für ihr Anliegen hatte."

    In Gedanken formulierte ich bereits eine passende Ausrede. Warum ich heute leider nicht spenden konnte. Dass die Sache an sich aber eine gute sei und ich in Zukunft bestimmt mal ein paar Mücken locker machen würde.

    Doch anstatt mich vollzuquatschen, führte sie mich unter ihren orangenen Pavillon. Dort stand auf einem Stehtisch ein Marmorkuchen auf einem Teller bereit. Sie stellte sich auf die andere Seite des Tisches und legte direkt los:

    „Dieser Kuchen hier stellt unser Leben dar.“

    Dann nahm sie ein Messer und schnitt etwa ein Drittel des Kuchens ab.

    „Das ist die Zeit, die wir mit Schlafen verbringen“, sagte sie und legte das Stück auf einen anderen Teller.

    Anschließend schnitt sie ein weiteres Drittel ab.

    „Dieser Teil steht für die Arbeit.“

    Was nun noch übrig blieb, war das, was wir wirklich vom Leben haben – die freie Zeit, die uns zur Verfügung steht.

    Doch so einfach war es nicht.

    Jetzt begann sie, nach und nach schmale Stücke des verbliebenen Kuchens abzutrennen. Ein Stück stand für die Zeit, die wir am Handy verbringen. Ein anderes für all die Momente, in denen wir Haushaltsaufgaben und andere Notwendigkeiten erledigen. Es folgten: Körperhygiene, Warten auf Öffis, Warten in Warteräumen, in Warteschleifen. Und all die Dinge, die einfach passieren, ohne dass wir sie wollen und auf die wir nur reagieren können.

    Als kaum mehr etwas vom Kuchen übrig war, dachte ich, dass es nun vorbei wäre. Das, was noch auf dem Teller lag, hätte ich mit einem Haps runterschlucken können. Ohne zu kauen. Puff. Und weg. Aus mit dem Leben.

    Aber sie war noch nicht fertig.

    Sie setzte das Messer noch einmal an, ließ es durch das winzige Stückchen Kuchen gleiten und sagte:

    „Das ist die Zeit, die wir damit verschwenden, den Ansprüchen anderer gerecht zu werden. Und die Zeit, die wir damit vergeuden, zu glauben, wir müssten etwas sein, das wir nicht sind.“

    Im Gegensatz zu den anderen Aussagen war diese nicht einstudiert. Das hatte sie sich selbst ausgedacht. Und es gefiel mir am besten. Damit konnte ich mich identifizieren.

    Jetzt wollte ich aber wissen, warum sie mich überhaupt angehalten hatte.

    „Wir helfen dir dabei, deine Zeit für etwas Sinnvolles einzusetzen“, sagte sie. Wieder einstudiert. Erwartungsvoll sah sie mir in die Augen.

    Ich griff nach dem winzigen Stück Kuchen und schob es mir in den Mund. Ich musste nicht mal kauen. Als ich geschluckt hatte, sagte ich:

    „Wenn das mein Leben war, sollte ich jetzt wirklich damit anfangen zu leben.“

    Sie lachte. „Ich auch.“

  • In diesem Moment ließ ich los

    Da war ich also."

    Irgendwo im Hinterland.

    Seit Stunden keiner Menschenseele begegnet.

    Einfach meinem Instinkt gefolgt.

    Weiter in die Natur, bis ich auf einen Fluss gestoßen bin.

    Die Neugierde lenkte mich.

    Ich folgte ihm.

    Der Fluss wurde tiefer, je länger ich an ihm entlangging.

    Mit jedem Meter floss er schneller.

    Das Wasser bald schwarz.

    Abscheulich.

    Es machte mir Angst.

    Aber ich wollte mich nicht vom Fluss wegbewegen.

    Er war meine einzige Hoffnung, aus diesem Wald herauszufinden.

    Wenn man sich in der Wildnis verlaufen hat, soll man einem Fluss folgen.

    Am Ende siedeln irgendwo Menschen.

    Und so lief ich weiter.

    Nach einer Weile war da noch ein anderes Geräusch neben dem Rauschen des Wassers.

    Es hörte sich an wie eine Stimme.

    Jemand schrie, aber wurde immer wieder vom Getöse des Flusses unterbrochen.

    Ich begann zu rennen.

    Dann sah ich einen riesigen Fels im Wasser.

    Dahinter klammerte sich eine Person fest, die sichtlich erschöpft war.

    Immer wieder schoss Wasser über ihren Kopf und schnitt ihr den Atem ab.

    Dazwischen schrie sie voller Todesangst.

    Ich versuchte durch Rufen und Winken auf mich aufmerksam zu machen.

    Doch die Person war zu sehr damit beschäftigt, nicht zu ertrinken, um mich wahrzunehmen.

    Ich sah mich nach etwas um, mit dem ich sie retten konnte.

    Ein langer, stabiler Ast oder so etwas.

    Doch jeder Stock, den ich aus dem Wald zog, war zu kurz oder zu zerbrechlich und morsch.

    Bald ist es zu spät, dachte ich.

    Die Zeit rannte mir wie Sand durch die Finger.

    Obwohl ich von der Wanderung ausgelaugt war, glaubte ich, noch genug Kraft zu haben, um mich und sie aus dem Wasser zu retten.

    Ich rannte einige Meter flussaufwärts.

    Dann stürzte ich mich ohne zu zögern in die schwarzen Fluten.

    Der Strom riss mich mit.

    Ich schob die Beine nach vorn und versuchte mit den Armen in Richtung des Felsens zu manövrieren.

    Beim Aufprall wurden meine Beine zusammengedrückt, doch ich schaffte es, mich festzuhalten.

    Es kostete mich all meine Kraft, mich am nassen Felsen hochzuziehen, um einen Blick auf die andere Seite zu werfen.

    Als ich der Person endlich ins Gesicht sehen konnte, war plötzlich alles still.

    Ich erkannte, dass ich der Ertrinkende war.

    Und der Fluss.

    Und der Wald.

    Und alles zwischen Himmel und Erde.

    In diesem Moment ließ ich los.

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  • Eine normale Zimtschnecke. Ohne Topping.

    Als ich in Berlin aus dem Zug stieg, drängte ich mich mit Hunderten anderer Passagiere über den Bahnsteig zur Rolltreppe. Dort angekommen, quetschte ich mich mit meinem Rollkoffer durch die Menschenmenge und stand auf den Stufen – die Nase an die Jacke meines Vordermanns gepresst. Hinter mir spürte ich die unangenehme Nähe einer fremden Person an meinem Hintern. Es dauerte mehr als zehn Minuten, bis ich das Gleis erreichte, von dem mein Anschlusszug nach Stuttgart fahren sollte. Ich checkte das Display."

    „Scheiß Bahn“, schimpfte ich, als ich sah, dass der ICE fast 50 Minuten Verspätung hatte.

    Da ich nicht am Bahnsteig warten wollte, kämpfte ich mich erneut durch das Gedränge in Richtung Hauptausgang. Ein Arbeitskollege hatte mir empfohlen, die Zimtschnecken bei Cinnagold zu probieren, wenn ich die Gelegenheit dazu hätte. Es gab eine Filiale im Regierungsviertel. Also machte ich mich zu Fuß auf den Weg. Währenddessen dachte ich darüber nach, wie die Touristen, die nur diese Seite von Berlin sehen, ein völlig verzerrtes Bild dieser Stadt bekommen.

    Das Cinnagold befand sich in einem dieser modernen Gebäude, in denen schicke Restaurants und Cafés für die Abgeordneten und Young Professionals untergebracht sind. Natürlich war die Schlange lang – eine große Influencerin hatte den Laden erst neulich beworben. Ich reihte mich also in die Wartenden ein und versuchte, mit zusammengekniffenen Augen das Menü zu entziffern. Die Auswahl war riesig. Ich zählte über 15 Varianten – und jede davon konnte mit einem halben Dutzend Toppings verfeinert werden.

    Die Schlange bewegte sich nur langsam vorwärts. Ich beobachtete, wie die Verkäufer jedes Mal aufs Neue erklärten, welche Sorten es gab, wie sie schmeckten und welche Toppings dazu passten. Je näher ich dem Tresen kam, desto mehr Druck verspürte ich: Ich musste nicht nur die beste Entscheidung treffen, sondern sie auch schnell fällen, um der stetig wachsenden Masse hinter mir nicht im Weg zu stehen.

    Vor lauter Grübelei merkte ich gar nicht, dass alle Kunden vor mir bereits bedient worden waren – ich war an der Reihe.

    Die schwarzhaarige Frau mit der goldenen Schürze und Mütze sah mich an.

    „Was darf’s sein?“

    Ich hatte keine Antwort.

    „Ähh…“, stammelte ich. „Muss noch kurz schauen.“

    Im Schnelldurchlauf ließ ich meinen Blick über die Auslage gleiten, versuchte in Bruchteilen einer Sekunde zu erfassen, welche Zimtschnecke mir am besten schmecken könnte.

    Mein Zögern missfiel dem laut telefonierenden Mann im Anzug hinter mir. Genervt kommentierte er:

    „Mann, du musst dich doch nur für eine entscheiden.“

    Ich drehte mich um und musterte ihn. Bislang hatte ich nur sein Parfum gerochen und seine Stimme gehört. Seine Augen waren hinter einer riesigen Designer-Sonnenbrille versteckt, er kaute nervös Kaugummi, telefonierte und fuhr sich dabei cool mit der Hand durch die pomadierten Haare. Er schaute mich an, aber sah durch mich hindurch. Mir fiel eine Menge ein, was ich ihm sagen wollte. Doch dann hatte ich eine Eingebung. „Ich muss mich nur für eine entscheiden!“

    Ich drehte mich um und sagte zu der mittlerweile ungeduldig gewordenen Verkäuferin:

    „Ich hätte gerne eine normale Zimtschnecke. Ohne Topping.“

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