Kategorie: Geschriebenes

  • Wo die Osterhasen Eier legen

    Die Schulglocke läutete ein letztes Mal vor den Osterferien. Jan und Maxi waren die ersten, die aus dem Klassenzimmer flüchteten. Endlich frei, wenn auch nur für zwei Wochen. Die beiden Freunde liefen nicht sofort nach Hause, sondern setzten sich noch auf das Klettergerüst auf dem Schulhof, um die Frühlingssonne aufzusaugen. Und so kamen sie ins Grübeln."

    „Wenn der Osterhase Eier legt, warum legen dann meine Kaninchen keine Eier?“, begann Jan einen Gedanken zu formulieren, der ihn schon eine ganze Weile beschäftigt hatte.

    „Na, weil das Zuchtkaninchen sind. Denen hat man das Eierlegen verboten“, gab Maxi zur Antwort.

    „Wie soll das denn funktionieren? Ich hab gesehen, wie die Babys zur Welt kommen. Das kann man doch nicht so ändern.“

    „Dann legen vielleicht nur wilde Hasen Eier.“

    „Hast du schon mal Haseneier gesehen?“

    „Na, klar. Jedes Mal an Ostern.“

    „Aber im Wald oder so, meine ich.“

    „Nö, da hab ich noch nie Haseneier gesehen.“

    „Dann gehen wir nachher in den Wald und suchen welche.“

    „Ok, wir treffen uns um 15 Uhr beim Spielplatz vor dem Kindergarten.“

    „Gut, bis später.“

    Punkt 15 Uhr stand Jan mit einem Rucksack voller Sachen für die Eiersuche vor der Rutsche auf dem Spielplatz. Er hatte ein kleines Fernglas, eine Lupe, einen Greifstock und ein Taschenmesser dabei. Außerdem noch zwei Flaschen Wasser für ihn und Maxi. Der kam gerade angelaufen, allerdings ohne Ausrüstung.

    „Was hast’n da dabei?“, wollte Maxi wissen.

    „Ach, nur son bisschen Zeug für die Suche.“

    „Okay.“

    Die beiden machten sich auf den Weg. Erst über die Felder, dann über eine große Wiese und schließlich in den Wald hinein. Dort vermuteten sie die wilden, eierlegenden Hasen, nach denen sie suchten. Doch die Suche gestaltete sich als äußert schwierig. Sie schoben Sträucher zur Seite, hoben schwere Steine vom Boden, buddelten Mäuselöcher auf und schauten sogar zwischen den gefällten Bäumen, die am Wegrand lagen. Nirgends fand sich auch nur einziges Ei. Ja, nicht einmal eine Spur von einem Hasen hatten sie entdeckt.

    „Du, Maxi. Wo wohnen Hasen eigentlich?“

    „Na, im Wald.“

    „Aber hier sind doch keine Hasen.“

    „Vielleicht müssen wir noch tiefer rein.“

    „Vielleicht. Wohnen Hasen nicht in Löchern im Boden?“

    „Stimmt. Wir müssen nach den Eingängen Ausschau halten.“

    Und so verließen die beiden Jungs den Forstweg und liefen querfeldein in den Wald. Dieses Mal richteten sie ihre Blicke vor allem auf den Waldboden, wo sie die Eingänge zu den Höhlen der Hasen vermuteten. Da ihr Heimatdorf auf einem Hügel lag, kamen sie irgendwann an einen Hang. Dort kletterten sie vorsichtig hinunter, während sie die ganze Zeit links und rechts von sich nach Hasenbauten spähten. Plötzlich rief Jan ganz aufgeregt: „Da drüben ist was!“

    Maxi sah es auch. Etwas oberhalb am Hang befand sich tatsächlich der Eingang zu einem Tierbau. Sofort stürmten die beiden los. Als sie angekommen waren, knieten sie sich vor die kleine Höhle und lugten hinein. Jan holte eine Taschenlampe aus dem Rucksack, um ins Innere zu leuchten. Man konnte allerdings nicht viel erkennen, da der Bau schon nach wenigen Zentimetern eine Biegung nach rechts machte. Auch wenn der Eingang recht groß war, die Jungs konnten sich nicht hindurchquetschen. 

    Sie gingen ihre Optionen durch. Man könnte die Hasen mit Gras und Löwenzahn herauslocken, schlug Maxi vor. Jan wiederum war dafür, einen langen Stock ins Innere des Baus zu schieben, um die Bewohner herauszutreiben. Da die beiden aber eigentlich die Eier und nicht die Hasen sehen wollten, wurden beide Vorschläge verworfen. Und so überlegten die Jungs noch eine ganze Weile, bis sie irgendwann auf die Idee kamen, den Bau auszubuddeln. Schnell waren zwei stabile Stöcke gefunden, mit denen man die Erde beiseite schaffen konnte, um den Bau nach und nach freizulegen. 

    Und so begannen sie die mühevolle Aufgabe. Mit den Stöcken kamen sie kaum voran. Nur langsam schafften sie die Erdmassen weg. Doch die Neugierde war größer als die Erschöpfung. Es dauerte gute zwei Stunden, bis sie einen nennenswerten Fortschritt gemacht hatten. Sie hatten sich nun bis zu der Biegung vorgearbeitet, die sie vorhin durch den Eingang gesehen hatten. Der Bau zog sich von hier noch ein kurzes Stück in den Hang hinein, doch sie konnten das Ende schon sehen. 

    „Ihh, das stinkt“, bemerkte Maxi irgendwann, als sie dem Ende des Tunnels näherkamen. Und auch Jan roch es. Der Geruch erinnerte sie mehr an die Gehege der Raubtiere im Stuttgarter Zoo als an den der Ställe von Jans Kaninchen. Abgesehen davon waren sie jetzt so weit vorgedrungen, dass sie das vermeintliche Hasennest sehen konnten. Dort lagen zu ihrer großen Enttäuschung aber keine Eier. Dafür ein paar kleine Knochen und etwas rötliches Fell. Müde ließen sich die beiden auf ihre Hintern plumpsen und nahmen jeder einen großen Schluck Wasser. Die ganze Arbeit war umsonst gewesen, dachten sie. Drei Stunden Arbeit für nichts. Wie sollten sie jetzt beweisen, dass Hasen Eier legen? 

    Es war Jan, der irgendwann die Frage aller Fragen stellte: „Was ist, wenn Hasen gar keine Eier legen?“ Maxi schaute ihn mit einem Blick an, der genau dieselbe Frage zu stellen schien. Eine Weile schwiegen die beiden und starrten ins Tal hinunter auf die Straße, den Fluss und die Stadt. Doch dann packte sie die Abenteuerlust wieder. Ziemlich zeitgleich sprangen die beiden auf, wischten sich den Dreck von den Hosen und machten sich wieder auf. Mit dem Greifstock von Jan und einem Ast durchwühlten die beiden das Laub. 

    Möglicherweise legten die Hasen ihre Eier ja nicht in den Bauten ab, sondern über der Erde. Um die Raubtiere zu überlisten. Inzwischen stand die Sonne schon tief am Himmel und es wurde kühler im Wald. Viel Zeit blieb den beiden nicht mehr. Mit gesenktem Blick stapften die Jungs nun wieder hangaufwärts Richtung Dorf zurück. Auch wenn sie nicht mehr so aufmerksam den Boden absuchten, schoben sie weiterhin das Laub vor sich beiseite. Als sie schon fast wieder aus dem Wald draußen waren, schrie Maxi, der einige Schritte hinter Jan hergelaufen war, plötzlich vor Freude auf. 

    Sofort drehte sich Jan um und lief zu ihm. Maxi hielt ein kleines grünliches Ei mit schwarzen Punkten darauf in der Hand. „Das lag da neben dem Baum“, erklärte Maxi aufgeregt. Die Jungs fielen sich in die Arme und sprangen vergnügt im Kreis. Endlich hatten sie den Beweis. Zudem war das Ei klein genug, um von einem Hasen zu stammen. Dass es sich dabei um das Ei eines anderen Tieres handeln könnte, kam ihnen in diesem Moment gar nicht in den Sinn. Die beiden rannten, was das Zeug hielt. Sie hofften, auf dem Spielplatz noch ihre Freunde anzutreffen, um ihnen den Beweis für den Osterhasen zu zeigen. Alles andere war unwichtig.

    Diese Geschichten könnten dir auch gefallen:

  • Mama? Wir kommen nach Hause!

    Es war sein freier Tag. Ben hatte sich mit einer Kühltasche voller Bier, einem Campingstuhl und seiner Angel auf einem Pier am Strand niedergelassen. Seit er wegen des Jobs mit seiner Familie nach Miami gekommen war, hatte er nur wenige freie Tage gehabt. Umso mehr genoß er es, heute für sich zu sein und seinem Lieblingshobby nachzugehen. Das Fischerglück blieb zwar aus, dafür lief es mit den Bieren umso besser. Er hatte sich bereits das zweite genehmigt. Als Ben gerade in die Tasche griff, um das dritte herauszuholen, hörte er Schritte hinter sich. Er drehte den Kopf. Ein älterer, von der Sonne gegerbter Mann in Badehose kam vom Strand her zu ihm gelaufen."

    „Hi there!“, sagte der Fremde, als er schließlich neben Ben stand.

    „Hello Sir“, grüßte Ben zurück. „Isn’t it a nice day?“

    „It is, man. I was just wondering if you wanted to share a beer with an old man.“

    „Sure thing. You can have this one. I just opened it.“

    Ben überreichte dem Mann sein eben geöffnetes Bier. Dann fischte er eines für sich aus der Tasche und stieß mit ihm an.

    „I’m Ben.“

    „Carl.“

    Ohne ein weiteres Wort zu sagen, schauten die beiden aufs Meer, während sie die ersten Schlücke nahmen.

    „Bist du aus Deutschland?“, fragte Carl schließlich in einem breiten amerikanischen Akzent.

    „Ist mein Englisch so schlecht oder was hat mich verraten?“

    „Ich war 10 Jahre mit die Army in Deutschland. Ich kenne mich aus mit die Akzent von die Deutsche.“

    „Tut gut, mal wieder Deutsch von jemandem zu hören, der nicht zu meiner Familie gehört. Wo waren Sie stationiert?“

    „Du kannst ‚Du‘ sagen. Ich war in Stuttgart für zehn Jahren.“

    „Stuttgart, natürlich. Dort haben die Amis mehrere Stützpunkte. Ich komme aus Berlin.“

    „In Berlin war ich nie. Nur Munich und Cologne. Aber was machst du hier in die Staaten?“

    „Ich arbeite für eine deutsche Firma. Die haben mich vor ein paar Jahren rübergeholt, um hier einen neuen Standort aufzubauen.“

    „I see. Und hast du eine Familie hier?“

    „Ja, meine Frau und meine zwei Kinder sind mit mir gekommen.“

    „Die Kinder vermissen bestimmt ihre Oma und Opa. Meine Kids haben immer gesagt ‚When can we see Granny and Grandpa?‘.

    „Ich vermisse meine Eltern auch.“

    „Wie oft siehst du sie?“

    „Dreimal im Jahr vielleicht, manchmal auch nur einmal. Kommt darauf an. Es ist immer eine lange Reise nach Deutschland.“

    Nachdem Ben das gesagt hatte, wurde Carl still. Er nahm einen großen Schluck Bier und schaute nachdenklich in den Horizont. Irgendwann stellte er die Frage: „Wie alt sind deine Eltern? Du bist nicht mehr so jung.“

    „Ich bin jetzt 49. Meine Eltern sind 78 und 79.“

    Carls Gesichtsausdruck veränderte sich, als würden ihn alte Geister heimsuchen. Er brauchte einige Minuten, bis er das Gespräch wieder aufnahm. Die Feststellung, die er daraufhin machte, traf Ben tief im Herzen.

    „Wenn deine Eltern noch bis 90 Jahren leben, dann wirst du sie noch 11 Mal sehen“, sagte Carl mit nüchterner Klarheit.

    Ben musste schlucken. So hatte er das noch nie gesehen. In seinem Bauch spürte er auf einmal ein schmerzhaftes Ziehen. Es fühlte sich an, als hätte Carl das Tor zu einer Wahrheit geöffnet, die er lange vor sich selbst verborgen gehalten hatte. Scheinbar bemerkte Carl den inneren Tumult, denn er legte eine Hand auf Bens Schulter und sagte in einem väterlichen Ton: „Don’t make the same mistake I made when is was younger. Wir haben nur ein Leben mit die Menschen, die wir lieben. Only your kids will remember that you worked hard. But not in a good way.“

    Dann trank er auf einen Zug sein Bier leer, stellte die Flasche zu den anderen, bedankte sich bei Ben, indem er ihm noch einmal versöhnlich auf die Schulter klopfte und lief vor zum Pier. Er machte einen perfekten Kopfsprung in die Wellen. Kurze Zeit später sah ihn Ben aus dem Augenwinkel zum Strand zurückschwimmen. Der aber saß eine ganze Weile nur still da. Er wollte jetzt auf der anderen Seite dieses Ozeans sein. Schließlich nahm er sein Handy aus der Tasche und wählte die Nummer seiner Mutter.

    „Mama? Wir kommen nach Hause!“

    Diese Geschichten könnten dir auch gefallen:

  • Rosa schlägt es in der Brust

    Graue, gnadenlose Stadt. Endloser Schauer auf Asphalt. Wolken drücken von oben. Wasser presst von unten. Der Mensch wird komprimiert. Der Platz geht aus. Die Feuchtigkeit treibt den Gestank aus den Gassen. Die Gedanken aus den Köpfen. Was lange verborgen lag, wird zutage gefördert."

    Er steht an der Bahnstation unter seinem schwarzen Regenschirm. Betrachtet das Schauspiel gebannt aus der Distanz, in die ihn seine Tagträumerei entführt hat. Das ist sein Leben und so ist er jetzt.

    Er spürt es im Magen, das Gefühl von Einsamkeit. Ein unstillbarer Hunger. Er spürt es im Herzen. Die Entfremdung. Alles passiert neben ihm. Er steht immer nur dabei. Schaut zu, wie alles schneller wird.

    Er spürt es im Kopf. Die Vernebelung. Ideen, die nicht seine sind. Wünsche, nicht von ihm formuliert. Ziele, aufgedrückt von anderen. Er spürt es in seiner Tasche. Es vibriert. Es will. Es fordert und nimmt. Wer ist er noch?

    Er schaut sich um. Plötzlich ist er überall. Der Mann am Steuer der gelben U-Bahn. Die Frau mit dem Kind, das nicht aufhört zu weinen. Die Jugendlichen gegenüber, die rauchen. Überall sieht er sein Gesicht. Er ist es und ist es nicht. Ein grauer Klumpen, wie die Wolken, die den Himmel nicht freigeben wollen.

    Eine Erinnerung schlüpft in seinen Kopf. Es war nicht immer so. Irgendwann vor langer Zeit war er er. War ein Selbst. Nicht nur eine Masse, die vom Regen weggespült wird, im Gully ertrinkt und verschwindet. Von der Erde getilgt.

    Eine Flamme lodert auf. Hoffnung kehrt zurück. Er fasst sich an die Brust. Dort drin pocht das Leben. Er weiß es noch. Nur muss er es beweisen. Dann wird ihm klar, was zu tun ist. Er wirft den Regenschirm in den Wind. Davon mit ihm.

    Er wirft den Mantel vom Leib. Dann das Sakko, das Hemd und das weiße T-Shirt. Alles weg, nur weg. Da reißt er seinen Brustkorb entzwei. Dort schlägt es rosa in seiner Brust. Jeder kann es sehen. Für einen Moment schaut alles zu ihm. Sieht das Herz schlagen. Sieht das Leben.

    Doch der Augenblick vergeht. Er fällt zu Boden, bleibt liegen. Nun geht es weiter. Ohne ihn.

    Dir gefällt diese Geschichte? Dann könnten dir auch die folgenden zusagen:

  • Der Mond und die Sehnsucht

    Stille, schwarze Nacht. Er steht auf einer Brücke weit außerhalb der Stadt und starrt auf den Fluss hinab, der unter ihm gen Süden fließt."

    Über ihm ein sichelförmiger Mond. Das Wasser spiegelt das himmlische Lächeln. Er kommt ins Grübeln.

    Der Mond ist ihm ganz ähnlich, weil er den Menschen nie sein ganzes Wesen zeigt. Selbst bei Vollmond sehen die Erdbewohner nur eine seiner Seiten.

    Ganz so verhält es sich mit dem Herz, das in seiner Brust schlägt. Es sehnt sich so sehr nach einer Familie, doch will gleichzeitig die Freiheit seines Junggesellenlebens nicht aufgeben.

    Und jetzt ist er zu alt, um diese Entscheidung weiter in die Zukunft zu schieben. Wo ist das Leben hin und wo die Jahre?

    Er hebt einen Stein auf und wirft ihn ins Wasser. Das Spiegelbild des Mondes zerbricht für einen Augenblick, macht für den Moment den Anschein, als wolle es mit dem Fluss davonschwimmen.

    Doch einige Sekunden später ist es wieder zu erkennen. Der Stein, der den Aufruhr verursacht hat, liegt schon am Grund. Wahrscheinlich wird er bald davongespült.

    Nun ruht sein Blick wieder auf dem Halbmond im Wasser. Doch was ist das? Plötzlich hört er eine Stimme. Hektisch dreht er sich nach allen Seiten um, um zu sehen, woher sie kommt. Niemand da!

    Und ihm wird klar, wer da wirklich spricht. Im Wasser bewegt sich das sichelförmige Spiegelbild des Mondes wie ein Mund, formt Worte und spricht zu ihm. Er muss sich fangen, um zu verstehen, was der Mond von ihm möchte.

    „Ich kann dir bei deinen Leiden helfen, junger Kerl.“

    „Was geht hier vor sich? Ich muss träumen! Oder verrückt sein?“

    „Hör gut zu. Ich habe nicht viel Zeit. Schon bald wird es hell werden. Ich erkenne, was dich plagt. Und ich möchte dir helfen.“

    „Aber wie?“

    „Indem ich dir deinen Schmerz abnehme. Sodass das Verlangen nach dem Einen dem Anderen nicht mehr im Wege steht. Doch dafür musst du willens sein, mir einen Teil von dir zu geben.“

    „Du meinst, du hilfst mir dabei, eine Entscheidung zu treffen?“

    „So ist es, Junge! Du kannst hier und jetzt darüber entscheiden, wie du in Zukunft zu leben gedenkst.“

    „Und wie soll das funktionieren?“

    „Es sind da zwei Seelen, die deinem Herzen innewohnen. Der einen musst du dich entledigen.“

    „Doch woher weiß ich, wer ich sein will?“

    „Diese Entscheidung musst du in meine Hände legen.“

    „Was, wenn du die falsche Entscheidung triffst?“

    „Ein Zurück wird es nicht geben.“

    „Ich weiß nicht, ob ich schon bereit bin.“

    „Die Zeit wartet nicht. Dein Dasein ist begrenzt.“

    „Angenommen, ich stimme zu, wie soll das funktionieren?“

    „Es geschieht, wie es geschehen soll. Doch zuerst brauche ich dein Einverständnis.“

    „Mond, was du von mir verlangst, ist unmenschlich!“

    „Es ist kein Mensch, der hier mit dir spricht. Ich beobachte euer Geschlecht schon seit Jahrtausenden. Die Fähigkeit, rational zu entscheiden, ist keine eurer Stärken.“

    „Du musst es also wissen.“

    „Ich weiß, was ich weiß. Sehe, was ich sehe. Du bist nicht der Erste und nicht der Letzte.“

    „Also gut. Dann hilf mir, eine Entscheidung zu treffen.“

    „Nun denn. Fasse nun an dein Herz und siehe, was geschehen wird.“

    Er legt die rechte Hand an sein Herz. Mit einem Mal fühlt er, wie daraus etwas herausfließt. Durch seinen Brustkorb in seine Hand, wo es sich zu einem Klumpen verfestigt.

    Es fühlt sich an wie der Stein, den er vorhin ins Wasser geworfen hat. Aber er kann es nicht mit den Augen sehen. Es ist von so tiefem Schwarz, dass es all das Licht aufsaugt und nichts reflektiert.

    „Wirf es ins Wasser, bevor es zurück in deine Brust springt.“

    Noch einmal wirft er einen Blick auf diesen Teil seines Selbst, den er sich eben aus der Brust gezogen hat. Dann holt er zum Wurf aus und schleudert den Seelenstein ins Wasser.

    Wieder trifft er das Abbild des Mondes. Erneut löst dessen Spiegelbild sich auf. Nur dieses Mal kehrt es nicht zurück. Der Mond hängt noch am Nachthimmel, aber das Spiegelbild zeigt sich nicht mehr auf dem Wasser.

    Mit ihm ist auch die Stimme verschwunden. Und etwas anderes. Er kann es spüren. Ihm ist leichter zu Mute. Ein Gefühl des Angekommenseins macht sich in ihm breit.

    Endlich kann er nach Hause gehen.

    Diese Geschichten könnten dir auch gefallen:

  • Für immer war jetzt

    Danny und ich schmissen Steine in ein schwarzes Loch. Über uns zerbrach der Mond in Milliarden Teile. Ich wollte von Danny wissen, wohin Gott geht, wenn das Universum endet.

    „Er verschwindet mit uns“, wusste mein Kumpel Bescheid. Aber das sei ganz egal. Denn wenn alles weg ist, kann nichts zurückbleiben. Nichts Menschliches, nichts Göttliches. Ein gerechter Ausgleich am Ende der Dinge.

    Was ich in diesen Zusammenfall mitgebracht hatte, war eine Armbanduhr. An ihr hielt ich mich fest. Sie versicherte mir, dass noch Zeit war. Die Mondsteine, die jetzt überall um uns herum niederhagelten, warfen wir einen um den anderen in das schwarze Loch.

    „Danny!“, rief ich durch das Getöse, „Was machen wir, wenn die Sonne explodiert?“

    „Es muss alles da rein!“, brüllte Danny mir entgegen.

    „Aber wie fangen wir die Teile ein?“

    „Nicht jetzt. Weitermachen!“

    Ich packte so viele Steine, wie ich konnte und warf sie in den Abgrund. Aber für jeden Stein, den ich ins Loch warf, landeten zwei neue vor meinen Füßen. Und dann zerbarsten auch die Sterne. Der Nachthimmel verlor sein Antlitz. Das würde noch ewig dauern, dachte ich, als ich sah, wie die ersten Sternbrocken vor uns auftrafen. Plötzlich packte mich Danny am Arm: „Wir müssen los!“

    Ich entgegnete, dass noch Zeit war und deutete auf meine Uhr. Als Beweis hielt ich sie Danny vor die Nase. Als er das Ziffernblatt sah, änderte sich sein Gesichtsausdruck schlagartig. Er wurde kreidebleich. Ich zog meinen Arm zurück, um selbst einen Blick darauf zu werfen. Und dann überkam auch mich die Leere. Die Zeit war weg. Für immer war jetzt.

    Weitere Geschichten mit Danny:

  • Den Moment sein lassen

    Samstagabend, Brücke über den Neckar."

    Busse fuhren vorbei. Menschen stiegen aus und ein.

    Noch nicht das Ende dieser Nacht.

    Sie fragte: „Wohin gehen wir?“

    Wir hatten uns doch erst kennengelernt.

    Ich sagte: „Folge mir einfach!“

    Es brauchte keine zweite Aufforderung.

    Mit dem Bus in die Südstadt, Haltestelle „Bergfriedhof“ raus.

    Die letzten 100 Meter zu Fuß den Hügel rauf.

    Angestrengtes Schnaufen, als man ankam.

    Auch im Dunkeln fand ich die Bank noch.

    Erleichtertes Seufzen beim Hinsetzen.

    Plötzlich lag die Stadt zu unseren Füßen.

    Dort war die Kirche, die Altstadt, der Neckar.

    Sie fand es wunderschön.

    Noch schöner war es, bei ihr zu sein.

    Doch das verriet ich ihr nicht, zeigte nur auf die Sterne.

    So klar und hell in dieser Nacht.

    Unsere Augen suchten den Himmel ab.

    Abwechselnd zeigten wir auf Sternbilder, Satelliten und Flugzeuge.

    Eine Sternschnuppe sahen wir nicht.

    Irgendwann war der Sternenhimmel nur noch Nebensache.

    Zwischen Mann und Frau gibt es Wichtigeres als die Unendlichkeit.

    Als wir nach einer Weile zufällig wieder aufschauten, hatte sich der Himmel verändert.

    Rote Farbschleier zogen über das immergleiche Dunkelblau.

    Sie glaubte zu wissen, was das ist.

    „Polarlichter? So weit im Süden?“

    Sie hatte es online irgendwo gelesen.

    „War das heute? Ach ja, stimmt!“

    Es war wahrscheinlich das schönste Naturspektakel, das ich jemals beobachtet hatte.

    Ich wollte es festhalten.

    Mein Smartphone war schon ausgerichtet, die Belichtung musste noch angepasst werden.

    Doch bevor ich nachjustieren konnte, drückte sie meine Hand nach unten.

    „Nicht!“

    „Ich will mich daran erinnern können.“

    „Mit einem drittklassigen Foto, das auf deinem Handy versauert? Das wirst du nie wieder anschauen! Aber das hier, das wirst du nie wieder vergessen.“

    Mein Handy verschwand in der Hosentasche und ich verlor mich im Moment.

    Bis mich der Morgen wieder ausspuckte.

    Ähnliche Geschichten zum Weiterlesen:

  • Die verlorene Weihnachtsmütze – Eine Weihnachtsgeschichte

    Es war der zweite Tag der Weihnachtsferien."

    Noch dreimal schlafen, dann war Heiligabend.

    Jan und Maxi lagen auf der Wiese hinter der Schule und machten Schneeengel.

    Seit Jahren hatte es zu Beginn der Weihnachtsferien mal wieder geschneit, und die Jungs hatten bisher jede Gelegenheit genutzt, um rauszugehen.

    Sie hatten sich Schneeballschlachten mit den anderen Jungs geliefert, Schneemänner gebaut, ihre Namen in den Schnee gepinkelt, waren den kleinen Hügel am Waldrand stundenlang mit ihren Schlitten runtergerutscht und hatten Schneeengel in jede unberührte Freifläche gemacht.

    Nun lagen sie auf dem Rücken und starrten in den Himmel.

    Weiße, watteartige Wolken bedeckten das gesamte Sichtfeld.

    „Sieht aus wie Schnee“, stellte Maxi fest.

    „Wie in einem Iglu!“, pflichtete Jan bei.

    „Wir sollten eins bauen“, schlug Maxi vor, ganz verwundert darüber, dass sie das noch nicht gemacht hatten.

    „Später“, sagte Jan und gähnte.

    „Was machen wir dann?“, wollte Maxi wissen, der nie lange nichts tun konnte.

    „Wir könnten in den Wald gehen und den Schnee von den Bäumen schütteln“, schlug Jan vor, der müde von den Abenteuern der letzten Tage war.

    „Ok.“

    Die beiden stapften los über den Bolzplatz.

    Um auf die Felder zu kommen, die vor dem Wald lagen, gingen sie über den Spielplatz neben dem Kindergarten.

    Dort warfen sie Schneemänner um, die von ein paar jüngeren Kindern gebaut worden waren.

    Auf dem Feldweg angekommen, gingen sie quer über das Feld hinweg.

    Denn dort lag der Schnee noch fast unberührt da.

    Sie liebten das Knarzen, das er machte, wenn man ihn niedertrat.

    Auf der anderen Seite des Feldes stand eine Reihe von Bäumen und Sträuchern, die durch einen Zugang für die Maschinen des Bauers unterbrochen wurde.

    Darauf steuerten die zwei zu.

    Immer wieder bewarfen sie sich auf dem Weg mit Schneebällen.

    Und so dauerte es fast eine Viertelstunde, bis sie das Feld überquert hatten.

    An der Baumreihe angekommen, machten sie kurz Rast.

    Während Maxi erneut seinen Namen pinkelte, aß Jan etwas weiter weg einen Klumpen Schnee gegen den Durst.

    Dabei fiel ihm ein Stück roter Stoff auf, das dort in den Ästen der Sträucher auf der anderen Seite hing.

    „He!“, rief er Maxi zu, „Schau mal da!“

    Maxi hob den Kopf: „Was ist das?“

    „Weiß nicht. Lass uns kucken.“

    Maxi schob die Hose hoch und die beiden trotteten los.

    Als sie aus dem Gebüsch hervortraten, war sofort klar, was dort in den Ästen hing.

    Es war eine rote Bommelmütze mit weißem Plüschbesatz.

    „Eine Weihnachtsmütze!“, brüllten die beiden fast synchron.

    Die Mütze hing zu hoch für die beiden, um danach greifen zu können.

    Deshalb rüttelten sie gemeinsam an dem Busch, an dessen Ästen sie hing.

    Doch sie hatte sich verhakt.

    Ohne sich anzusehen, gingen die beiden los und suchten im Unterholz nach einem langen Ast.

    Es war Maxi, der zuerst fündig wurde.

    Selbst mit dem Ast musste er sich auf die Zehenspitzen stellen, um an die Mütze hinzureichen.

    Erst nach dem vierten Versuch bekam er sie zu fassen, schob sie vom Ast und sah ihr zu, wie sie nach unten segelte, wo Jan sie auffing.

    Neugierig beäugten sie das Fundstück.

    Eine echte Sensation, so viel war klar.

    Wenn das die anderen Jungs nach den Ferien hören, wird aber was los sein.

    Die Mütze war nichts Besonderes.

    Es war eine dieser Mützen, die jetzt überall in den Läden angeboten wurden.

    Wobei diese hier von etwas besserer Qualität war.

    Spannender als die Mütze selbst war ihr ungewöhnlicher Fundort.

    Wer hatte sie verloren?

    Und wie war sie dort in die Äste gelangt?

    Sofort gingen die Spekulationen los.

    „Die ist vom Himmel gefallen.“

    „Der Weihnachtsmann ist mit dem Schlitten hier den Weg runtergefahren, und seine Mütze ist an dem Ast hängengeblieben.“

    „Jemand hat sie dem Weihnachtsmann geklaut und dann hier ins Gebüsch geworfen, damit er sie nicht mehr finden kann.“

    Und so ging es eine Weile zwischen den beiden hin und her.

    Wie die Mütze nun dort gelandet war, darüber konnten sie sich nicht einig werden, doch eines stand fest: Sie gehörte dem Weihnachtsmann.

    Wenn also die Mütze des Weihnachtsmanns hier hing, muss er höchstpersönlich hier gewesen sein und hielt sich vielleicht noch in der Nähe auf.

    Wie zwei kleine Detektive suchten Jan und Maxi die Umgebung nach Spuren ab.

    Zu ihrem Pech war der Feldweg jedoch geräumt worden.

    Und so war es unmöglich, die Spuren des Schlittens ausfindig zu machen.

    Sie gingen den Weg einige Meter auf und ab.

    Hielten nach jeder möglichen Route Ausschau, die der Weihnachtsmann mit seinem Gefährt hätte nehmen können.

    Schließlich standen sie am Waldrand.

    Dort führte der Weg recht steil nach unten zwischen die Bäume.

    Genau dort waren im Schnee die Spuren von großen Stiefeln zu sehen.

    Jan und Maxi schauten sich an: „Gefunden!“

    Sie folgten den Spuren bergab.

    Nach wenigen Metern führten die Fußabtritte weg vom Hauptweg in einen kleineren Pfad in den Wald hinein.

    „Den Weg kenn ich“, erklärte Jan stolz.

    „Ich auch, du Dummi“, erwiderte Maxi.

    „Den sind wir letztes Jahr mit Frau Eberbrecht gegangen. Das ist so ein alter Baumschulweg.“

    „Baumlehrpfad heißt das, du Blödi“, korrigierte ihn Jan.

    Hätte die Abenteuerlust nicht überwogen, hätten die beiden sich in diesem Moment wahrscheinlich in den Schnee geworfen und gerauft.

    Stattdessen rissen sie sich zusammen und folgten weiter den Spuren.

    Zu ihrem Glück waren es die einzigen Spuren im Schnee.

    Und so war es leicht, ihnen zu folgen.

    Der Weg führte erst geradeaus durch den Wald, dann wurde er immer schmaler, schlängelte sich an einer kleinen Schlucht vorbei und mündete irgendwann wieder in einen Forstweg, der sich kurze Zeit später aufteilte.

    Dort führten die Spuren nach links weiter in den Wald hinein.

    Es ging nun bergauf.

    Jan und Maxi kamen ins Schnaufen.

    In ihren Schneeanzügen war das Laufen durch den hohen Schnee ganz schön anstrengend.

    Mittlerweile kannten sich die beiden auch nicht mehr aus.

    Der Baumlehrpfad wäre vorhin an der Abzweigung nach rechts weitergegangen.

    Je tiefer die beiden in den Wald hineingingen, desto mulmiger wurde ihnen zumute.

    Immer wieder fiel irgendwo Schnee von den Ästen und ließ die beiden aufschrecken.

    Ab und zu hörte man ein Rascheln im Gebüsch.

    Und dann gab es Momente, in denen es vollkommen still war.

    Nicht mal mehr die Straße im Tal war zu hören.

    Plötzlich bewegte sich rechts von ihnen etwas im Wald.

    Erst Bewegung, dann ein Geräusch.

    Eine Art Grunzen.

    Den beiden blieb das Herz in der Brust stehen.

    Für einen Augenblick waren sie wie gelähmt.

    Dann rannten sie schreiend los.

    Sie rannten und schrien und drehten sich kein einziges Mal um.

    An einer Weggabelung rannten sie instinktiv nach oben.

    Der Weg führte wieder zurück auf einen größeren Forstweg.

    Dort hielten sie sich geradeaus.

    Irgendwann stießen sie erneut auf den alten Baumlehrpfad und Maxi, der einige Schritte vor Jan rannte, rief seinem Kumpel zu: „Da lang!“

    Der Weg verjüngte sich zu einem schmalen Pfad, der sich in Kurven durch den Wald zog.

    Keiner von beiden wusste, wie lange sie schon gelaufen waren, aber sie schnauften und keuchten so sehr, dass ihnen klar war, dass sie bald Pause machen mussten.

    Nachdem sie noch eine Weile gerannt waren, tauchte vor ihnen ein Jägersitz auf.

    „Da!“, schrie Maxi, der immer noch vorausrannte.

    Einen Augenblick später kletterten sie die schmale Holzleiter nach oben.

    Zu zweit hievten sie die Luke hoch, die ins Innere führte, zogen sich hoch, ließen die Klappe zuknallen und stemmten ihre kleinen Füße darauf.

    Dann ließen sie sich auf die Bank des Jägers plumpsen und rangen nach Luft.

    Noch nie im Leben hatten die beiden so viel Angst gehabt.

    Dazu hätte keiner von ihnen geahnt, dass sie so schnell rennen konnten, und das mit Schneeanzug über eine fast 10 cm dicke Schneedecke.

    Weder Jan noch Maxi konnte ein Wort sagen.

    Ihre Lungen taten weh, die kalte Luft brannte beim Einatmen.

    Nachdem sie eine Weile nur so dagesessen hatten, schauten sie sich an.

    Ihre schmerzverzerrten Gesichter änderten langsam den Ausdruck, und mit einem Mal begannen die beiden wie verrückt zu lachen.

    „Du Feigling!“, warf Jan Maxi an den Kopf.

    „Hast du dir in die Hose gekackt? Es stinkt so hier“, konterte Maxi.

    Keiner wollte zugeben, dass er Angst gehabt hatte.

    Sie schoben sich die Schuld für die plötzliche Panik vorhin gegenseitig in die Schuhe.

    Beide beharrten darauf, nur losgelaufen zu sein, weil der andere ihn durch seine Angst angesteckt hatte.

    Irgendwann waren sich die Jungs nicht mal mehr sicher, ob da überhaupt ein Geräusch im Wald gewesen war oder ob ihnen ihre Fantasie einen Streich gespielt hatte.

    Jedenfalls vertrieb die gute Laune die Angst nach und nach.

    Ihr Mut kehrte zurück, und sie lugten zum ersten Mal aus dem Jägersitz heraus.

    In ihrer Panik vorhin hatten sie gar nicht gemerkt, dass sie bereits am Waldrand angekommen waren.

    Der Jägersitz stand zwar noch im Dickicht, doch der Ausguck oben ragte heraus und überblickte ein paar Äcker und eine Wiese.

    Zu ihrer Rechten endete der Forstweg in einen asphaltierten Weg.

    Dort standen unter zwei Linden eine kleine Bank und ein Jesuskreuz.

    In der Ferne sah man den Wasserturm des Dorfes auf dem Hügel.

    Die beiden waren erleichtert, dass sie es aus dem Wald herausgeschafft hatten.

    Nachdem sie sich noch einmal versichert hatten, dass ihnen nichts oder niemand gefolgt war, kletterten sie aus ihrem Versteck heraus und liefen die letzten paar Meter aus dem Wald heraus.

    Der Entfernung zum Wasserturm nach zu urteilen waren sie noch nie so weit vom Dorf weg gewesen.

    Doch zumindest wussten sie jetzt, in welche Richtung sie gehen mussten, um zurückzukommen.

    Sie waren schon dabei, den Rückweg anzutreten, als sie das Geräusch einer Motorsäge hörten.

    Sie drehten sich um und sahen, dass hinter ihnen fünf oder sechs Hütten am Waldrand standen.

    Sie waren alle baugleich und sahen aus wie Landwirtschaftsspeicher oder so etwas.

    Von dort kam auch das Sägegeräusch.

    Sofort waren sie sich einig, dass man sich das genauer anschauen musste.

    Jan entdeckte einen kleinen Pfad, der hinter den Hütten durch den Wald führte, und schlug vor, diesen zu nehmen, statt auf dem Feldweg entlangzugehen.

    Gesagt, getan.

    Kurze Zeit später standen die beiden hinter einer Tanne und beobachteten die Hütten.

    Alle bis auf eine waren verschlossen.

    Dort, wo das Tor offenstand, hörte man die Motorsäge röhren.

    Nach einer Weile schlug Maxi vor, sich anzuschleichen und einen Blick ins Innere zu werfen.

    Doch Jan wollte nicht.

    Es entfachte ein Streit zwischen den beiden.

    Plötzlich trat jemand aus der Hütte und hustete.

    Jan und Maxi hielten instinktiv den Mund.

    Sie rollten die Finger ein und sahen wie durch ein Fernglas hindurch.

    Da stand ein dicker, alter Mann mit weißem Rauschebart, der sich die Nase putzte.

    Er trug zwar kein rotes Gewand, doch für die Jungs war klar, wer das war.

    Sie hatten sein Versteck gefunden!

    Aufgeregt versuchten die beiden zu klären, wie sie ihn ansprechen sollten.

    So ins Gespräch versunken merkten sie gar nicht, dass der dicke Mann das Tor seiner Hütte zugezogen und sich in den Wagen gesetzt hatte.

    Erst als der Motor des kleinen Geländewagens ansprang, sahen sie auf.

    Sofort rannten sie los.

    Denn für das Auto gab es nur eine Möglichkeit, um von hier wegzukommen.

    Und von ihrer Position aus waren sie viel schneller zurück auf dem Feldweg.

    Tatsächlich waren sie einige Sekunden vor dem Wagen auf Position.

    Sie sahen ihn den Feldweg entlangfahren und stellten sich ihm in die Quere, die Hände als Stoppschild vor sich ausgestreckt.

    Der alte Mann verzog verwundert das Gesicht, hielt an und ließ das Fenster herunter.

    „Na, wer seid ihr denn? Ist das hier eine Polizeikontrolle?“

    Maxi und Jan sahen sich verwirrt an.

    Dann zog Maxi die Weihnachtsmütze aus der Tasche und ging ans Fenster.

    Er hob sie dem Mann direkt vor die Nase.

    „Die hast du verloren!“, sagte er, seinen ganzen Mut zusammennehmend.

    Jan stellte sich daneben und nickte.

    Der Mann blickte zwischen der Mütze und den Jungs hin und her.

    Erst verstand er nicht, doch dann dämmerte ihm, was die beiden von ihm wollten.

    Er begann laut zu lachen.

    Er lachte aus voller Kehle, sodass die Jungs auch lachen mussten, obwohl sie nicht wussten, was so lustig war.

    Als der Mann sich wieder eingekriegt hatte, sagte er: „Die Mütze hab ich schon schrecklich vermisst. Wie schön, dass ihr sie gefunden habt.“

    Maxi streckte sie ihm hin, und der Mann nahm sie ins Auto.

    Dann kramte er im Handschuhfach seines Wagens, wurde fündig und sagte mit einem Lächeln: „Als Finderlohn bekommt jeder von euch einen Schokoriegel.“

    Jan und Maxi nahmen die Schokoriegel.

    Doch sie sahen den Mann weiterhin erwartungsvoll an.

    Schließlich platzte es aus beiden fast zeitgleich heraus: „Und dieses Jahr wollen wir zu Weihnachten ganz viele Geschenke.“

    „Als Finderlohn“, schob Maxi hinterher.

    „Weil wir die Mütze gefunden haben“, pflichtete ihm Jan bei.

    Wieder musste der Mann aus voller Kehle lachen.

    „Ich verrate euch was. Aber das dürft ihr keinem sonst erzählen. Versprochen?“

    „Versprochen.“

    „Und nicht gebrochen.“

    „In der Hütte da drüben lagern die Weihnachtsgeschenke für alle Kinder im Dorf. Aber für euch zwei werde ich dieses Jahr welche oben drauflegen.“

    Aus den Jungs brach ein triumphierendes Freudengeschrei hervor.

    Ihr Abenteuer hatte sich also gelohnt.

    „Soll ich euch beide nach Hause fahren?“

    „Ne, wir steigen nicht zu Fremden ins Auto.“

    Der Weihnachtsmann sah so aus, als wollte er etwas sagen.

    Doch dann lachte er nur wieder.

    Er bedankte sich noch einmal für die Mütze, versprach, dass die beiden dieses Jahr wirklich mehr Geschenke als ihre Klassenkameraden bekommen würden, und fuhr lachend und winkend davon.

    Jan und Maxi liefen nun ebenfalls glücklich und schmatzend in Richtung Zuhause.

    Fest davon überzeugt, dass sie gerade eben den Weihnachtsmann gesehen hatten.

    Weitere Abenteuer von Maxi und Jan:

  • Sie rauchte

    Ich sah sie."

    Ich sah sie rauchen.

    Ich sah sie, wie sie an der Ecke des Hauses lehnte, teilnahmslos ins Leere blickte und rauchte.

    Das war alles.

    Es reichte, um mich in sie zu verlieben.

    Seitdem ich wusste, dass sie manchmal dort stand, sah ich viel öfter aus dem Fenster.

    Mit der Zeit fand ich heraus, zu welchen Zeiten sie normalerweise eine Raucherpause machte.

    Sie hielt sich meistens an ihren Rhythmus.

    So boten sich genügend Gelegenheiten, um sie zu beobachten.

    Immer sah sie auf dieselbe Stelle vor sich.

    Ihre Augen blickten auf die Straße, aber ich erkannte, dass sie woanders hinschaute.

    Ihre Seele sah etwas anderes.

    Ich fragte mich oft, was sie so interessant machte.

    Hätte sie nur so dagestanden und gewartet, hätte sie meine Aufmerksamkeit wohl nie erregt.

    Möglicherweise waren es die Zigaretten, der starre Blick oder die Art, wie sie den Ellbogen der Raucherhand mit dem anderen Arm stützte.

    Vielleicht war es auch ihr Desinteresse.

    Nicht ein Mal hatte sie zu mir hochgesehen, während all der Momente, in denen ich sie beobachtet hatte.

    Obwohl ich durch einen Vorhang verborgen wurde, hätte jeder andere Mensch irgendwann zufällig an der Hausfassade nach oben gesehen und möglicherweise einen Schatten hinter dem Vorhang erkannt.

    Nicht sie.

    Sie rauchte und schweifte ab.

    Während meiner Zeit hier hatte ich oft den Gedanken gehabt, dass ich gerne dort gewesen wäre, wo sie hinstarrte.

    Ein Ort, der jemanden so in den Bann zieht, muss es wert sein, ihn einmal gesehen zu haben.

    Doch er blieb unerreichbar für mich.

    So unerreichbar, wie er für sie war.

    Und das war leider alles, was wir gemeinsam hatten.

    Ich kannte weder ihren Namen noch den Grund, warum sie so viel rauchte.

    Wenigstens wusste ich, dass es sie gab.

    Sie hatte keinen Schimmer, dass ich existierte.

    Doch zu wissen, dass es sie gab, machte die Tage hier angenehmer.

    Es verschaffte mir Ablenkung, gab mir etwas, auf das ich mich freuen konnte.

    Gab mir Hoffnung, dass es irgendwann wieder normal werden würde.

    Das alles tat sie für mich, obwohl sie nichts weiter tat, als zu rauchen.

    Da zu sein und zu rauchen.

    Zum ersten Mal hatte ich sie im Frühling gesehen, ein paar Tage, nachdem ich hergekommen war.

    Sie ließ den Frühling verstreichen und half mir, den Sommer zu überstehen.

    Schließlich kündigte sich der Herbst an.

    Ich sah es an ihrer Kleidung, sie trug jetzt einen langen Mantel zum Rauchen.

    Und als sie einige Wochen später Handschuhe trug, wusste ich, dass die Zeit mit ihr bald vorüber war.

    In den letzten Tagen stand ich fast jeden freien Moment an meinem Fenster und sah hinunter zu ihrer Hausecke.

    Sie blieb bei mir bis zum Schluss.

    Als ich entlassen wurde, beschloss ich, durch den Hinterausgang zu gehen.

    Bis jetzt hatte ich es gemieden, mich ihr zu zeigen.

    Doch zum Abschied wollte ich riskieren, ihr einmal direkt in die Augen zu blicken.

    Ich hatte mit dem Verlassen des Gebäudes so lange gewartet, bis ich sicher war, dass sie draußen stehen würde.

    Als es so weit war, ging ich los.

    Die Glastüren schoben sich zur Seite.

    Im nächsten Moment war ich draußen.

    Mit großer Erleichterung stellte ich fest, dass sie da war.

    Wie immer blickte sie in ein Nichts, das nur sie sah.

    Ich lief in die Richtung des Nichts, das lange mein Alles war und füllte es für einen Augenblick mit meinem Körper aus.

    Nur eine Sekunde.

    Dann ging ich weiter und ließ sie hinter mir.

    Ließ sie rauchen.

    Weitere romantische Kurzgeschichten:

  • Jungs wie wir werden nicht erwachsen

    Ich weiß nicht, wie Danny es geschafft hatte, sich unbemerkt an den Polizisten vorbeizuschleichen."

    Doch da saß er nun am Steuer des Streifenwagens.

    Mit einem breiten Grinsen schaute er zu mir auf die Rückbank.

    „Fahr los, verdammt, fahr los!“, schrie ich.

    Danny fackelte nicht lange, drehte den von den Beamten stecken gelassenen Schlüssel um und trat aufs Gas.

    Der Ruck beim Anfahren warf mich in den Sitz zurück.

    Als ich mich nach einigen Metern gesammelt hatte, drehte ich mich um.

    Ich sah gerade noch die zwei Uniformierten, die versuchten, den Wagen einzuholen.

    Dann blieben sie stehen und forderten über Funk Verstärkung an.

    Es würde nicht lange dauern, bis man uns mit einem gestohlenen Streifenwagen erwischen würde, dachte ich.

    Wir hätten uns genauso gut einen riesigen roten Pfeil auf das Dach montieren können.

    „Und was ist ist jetzt dein Plan?“, wollte ich von Danny wissen, der voller Euphorie in sich hinein lachte.

    „Wir fahren zum Meer. Wir steigen nicht aus, bevor wir da sind.“

    „Die werden die Straßen blockieren, vielleicht sogar einen Hubschrauber dazuholen.“

    „Im Moment sind wir denen voraus. Die wissen doch gar nicht, wohin wir fahren.“

    „Wir sitzen in einem Bullenwagen, die werden das Ding schon irgendwie orten können.“

    „Sollen sie doch. Wir fahren einfach schneller als die.“

    „Das war dumm von dir.“

    „Du wolltest, dass ich losfahre.“

    „Ich dachte, du hättest einen Plan.“

    „Wie lange kennen wir uns schon? Ich kenne Wege, die die nicht kennen. Vertrau mir, alter Freund.“

    „Das habe ich schon viel zu oft.“

    Während wir uns unterhielten, sauste die Landschaft ans uns vorbei.

    Danny bretterte mit mindestens 200 Sachen über die leere Landstraße.

    Zum Glück waren die Pendler schon zu Hause.

    Irgendwo in der Ferne glaubte ich, Sirenen zu hören.

    Sehen konnte ich sie aber nicht.

    Dennoch durfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis die uns eingeholt hatten.

    Danny schien das nicht zu interessieren.

    Sein Blick war stur geradeaus gerichtet.

    Mit Vollgas ging es voran.

    Wir befanden uns irgendwo auf dem Land.

    Ich gab mich meinem Schicksal hin und ließ es passieren.

    Nach einer Weile tauchte in der Ferne eine Tankstelle auf.

    Ich bemerkte eine Veränderung in Dannys Blick.

    Ehe ich verstanden hatte, was er vorhatte, riss er das Steuer nach links und bretterte in die Einfahrt der Tanke.

    Mit Adleraugen scannte er die Szene, wurde fündig, drehte sich zu mir um und sah mich mit einem wahnsinnigen Blick an.

    „Siehst du den schwarzen BMW?“

    „Ja, was ist damit?“

    „Den schnappen wir uns. Der Fahrer ist gerade rein. Wenn er wieder rauskommt, hau ich ihn um, nehm den Schlüssel und wir fahren davon. Das ist ein altes Modell ohne technischen Schnickschnack. Also los.“

    Für einen Einwand blieb keine Zeit.

    Danny war schon aus dem Auto gestiegen.

    Den Schlüssel des Polizeiwagens hatte er mit sich genommen.

    Ich folgte ihm, so schnell ich konnte.

    Ich sah nur, wie der arme Kerl zu Boden ging und hörte Danny brüllen: „Los, los, los!“.

    Ich sprintete zum Wagen, er war noch offen.

    Ich riß die Beifahrertür auf und ließ mich in den Sitz fallen.

    Eine Sekunde später waren wir wieder auf der Straße.

    In rasantem Tempo ging es vorwärts.

    Danny nahm mehrere Abzweigungen, fuhr durch Dörfer und mied die Hauptstraße.

    Seltsamerweise waren wir immer noch keiner Polizeistreife begegnet.

    Auch wenn die uns nun mit Sicherheit mit allen verfügbaren Mitteln verfolgen würden.

    Die meiste Zeit schwiegen wir.

    Die Motorengeräusche sagten alles, was es zu sagen gab.

    Langsam erkannte ich die Namen der Ortsschilder wieder.

    Wir waren noch einige Stunden vom Meer entfernt.

    Danny wollte die Nacht durchfahren.

    Und dann?

    Scheißegal.

    Immer weiter, weiter, weiter.

    Die Straßen waren so gut wie leer.

    Hinter jeder Ecke vermutete ich eine Straßensperre oder eine Streife, die unsere Reise zufällig beenden würde.

    Doch wir schafften es unentdeckt durch die Nacht.

    Gegen halb 6 wurde es langsam hell.

    Das Meer rückte endlich in greifbare Nähe.

    Plötzlich kam hinter uns ein Streifenwagen angeschossen.

    „Fahr, verdammt, fahr!“, schrie ich Danny an.

    Er holte nochmal alles aus dem alten BMW heraus.

    Ich ließ das Fenster herunter.

    Man konnte das Meer jetzt riechen.

    „Keine Sorgen, wir schaffen es“, versicherte mir Danny, „gleich da!“.

    Inzwischen waren zwei weitere Streifenwagen zu unseren Verfolgern dazugestoßen.

    Wir fuhren in einen der kleinen Strandorte ein und heizten durch die Bilderbuchstraßen.

    Nur noch wenige hundert Meter trennten uns vom Meer.

    Wir konnten jetzt nicht aufgeben.

    Nach der letzten Kurve sahen wir das blaue Wasser vor uns.

    Danny hielt schnurstracks auf die Strandpromenade zu. „Festhalten!“

    Wir rasten über die Flaniermeile, nahmen ein paar Stühle einer Eisdiele mit und durchbrachen dann das Geländer.

    Im nächsten Moment flogen wir über die Mauer und krachten mit einem dumpfen Schlag auf den Sand.

    Dabei musste die Achse gebrochen sein, denn nach einem letzten Aufheulen versagte der Motor.

    Danny sah mich an, ich wusste Bescheid.

    Tür auf, raus und los.

    Auf dem Weg zum Meer streiften wir ein Kleidungsstück nach dem anderen ab.

    Einige Meter hinter uns rannten 5 oder 6 Polizisten in voller Uniform und brüllten, dass wir stehenbleiben sollen.

    Wir dachten nicht daran.

    Nackt stürzten wir in die Fluten und schwammen los.

    Nachdem wir gut 20 Meter hinaus ins Meer geschwommen waren, drehte ich mich um.

    Die Polizisten standen jetzt am Ufer, schrien und gestikulierten.

    Wahrscheinlich hatten sie bereits die Wasserpolizei verständigt.

    Danny schwamm weiter.

    „Wo willst du hin?“, rief ich ihm hinterher.

    Erst jetzt drehte er sich zu mir um.

    „Jungs wie wir werden nicht erwachsen.“

    „Was soll das heißen?“

    Danny sah mich mit einem bedeutungsvollen Blick an, bevor er sich abwandte und weiterschwamm.

    Nach einigen Metern tauchte er unter.

    Ich blieb, wo ich war, sah auf auf die Stelle und hoffte, er würde wieder auftauchen.

    Doch ich hatte so ein Gefühl.

    Ein Blick zurück verriet mir, dass es an der Zeit für eine Entscheidung war.

    Noch einen kurzen Moment wartete ich ab, ob Danny nicht doch wieder auftauchen würde.

    Als er es nicht tat, schwamm ich zurück zum Strand.

    Weitere Geschichten mit Danny:

  • Was von Gott übrig blieb

    Die Kirchenglocken läuteten an diesem Morgen besonders laut."

    Ich war schon öfter durch sie wach geworden, doch dieses Mal war es anders.

    Das Geläut klang eindringender.

    Es war tief in mein Unterbewusstsein gelangt, um mich aus einem merkwürdigen Traum zu holen.

    Als ich endlich die Augen öffnete, merkte ich, wie hell es bereits war.

    Es war Sonntag. Die Kirchenglocken luden zum Gottesdienst ein und ich lag im Bett.

    Ein überwältigendes Gefühl von Einsamkeit überkam mich, als ich die Decke wegzog und mich aufsetzte.

    Ich schlurfte ins Bad und sah in den Spiegel.

    Die Augenringe wurden immer dunkler.

    Dann nahm ich wieder die Kirchenglocken wahr.

    „War es zu spät?“, überlegte ich.

    Plötzlich ging alles ganz schnell.

    In Windeseile putzte ich mir die Zähne, erledigte das Notwendige und zog mich an.

    Mit offenen Schnürsenkeln sprintete ich zur Tür hinaus und die Straße hinauf.

    Als ich in die Kirche trat, wurde gerade gesungen.

    Ich schloss die schwere Holztür leise und begab mich in die letzte Reihe, wo ich mir ein gelbes Gesangsblatt nahm.

    Eine alte Frau schielte mich skeptisch von der Seite an. Doch schnell widmete sie sich wieder dem Gesang.

    Ich bewegte die Lippen zum Text, wie ich es in der Schule früher getan hatte.

    Als das Lied vorüber war, setzte sich die Gemeinde.

    Die Predigt begann.

    Nach den ersten Sätzen war mein Verstand bereits abgedriftet, eingenommen von der riesigen Jesusfigur, die leblos über dem Pfarrer hing.

    Etwas in den hölzernen Augen sog mich in seinen Bann.

    Es war lange her, dass ich so eine Figur gesehen hatte.

    Derweil drangen vereinzelt Wortfetzen der Predigt in mein Ohr.

    Zwischendrin wurde gesungen.

    Ich stand auf, aber sang nicht.

    Als die Predigt weiterging, beobachtete ich die Leute, die andächtig nach vorn schauten.

    Hier und da begegneten meine Augen dem gelangweilten Blick eines Kindes.

    Ich wusste genau, was in den kleinen Köpfen vorging.

    Vielleicht war ich selbst nie erwachsen geworden.

    Ein neues Lied wurde angestimmt.

    Pflichtbewusst stand ich auf.

    Dieses Mal sang ich sogar ein paar Worte mit, weil ich das Lied als Schüler im Religionsunterricht oft gesungen hatte.

    Doch im Anschluss fielen mir fast die Augen zu.

    Ich hatte ganz vergessen, wie langwierig so ein Gottesdienst sein konnte.

    Erwies ich denn Gott einen Dienst, wenn ich mich langweilte?

    Zum Glück vergingen meine Erwachsenenminuten schneller als die der Kinder.

    Ich sah es in ihren Blicken.

    Für jede Minute, die ich durchstand, mussten sie mindestens 10 aushalten.

    Schließlich erhob man sich für das letzte Gebet.

    Aus Anstand betete ich mit.

    Nach einem kraftvollen Amen begab sich der Pfarrer durch den Mittelgang zur Tür, um die Gemeinde zu verabschieden.

    Reihe um Reihe erhob sich, um ihm zu folgen.

    Ich beschloss, sitzen zu bleiben, bis die anderen die Kirche verlassen hatten und mich dann still und heimlich herauszuschleichen.

    Ich hatte das Gefühl, nicht hier sein zu dürfen.

    Viele neugierige Blicke lagen auf mir, als der Trott an mir vorüberging.

    Allerdings ignorierte ich sie und sah zu Jesus ans Kreuz hinauf.

    Mein Blick wurde starr, ich verlor mich in den Augen des Erlösers.

    Erlöst wurde ich durch eine Hand, die mich sanft an der Schulte anfasste.

    Ich erschrak mich so sehr, dass ich einen erbärmlichen kleinen Laut von mir gab.

    Als ich den Pfarrer hinter mir sah, entschuldigte ich mich sofort für den Fauxpas.

    Er lachte.

    „Ich kenne Sie nicht. Doch es freut mich, ein neues Gesicht zu sehen. Das ist selten heutzutage.“

    „Normalerweise komme ich nicht her. Aus irgendeinem Grund bin ich heute dem Klang der Glocken gefolgt.“

    „Was hat Sie hergeführt?“

    Darauf konnte ich nicht gleich antworten.

    Seit ich vorhin aus dem Bett gestiegen bin, hatte ein Automatismus übernommen.

    Ich hatte gar nicht die Zeit gehabt, mein Verhalten zu reflektieren.

    Wieder sah ich Jesus am Kreuz. Sein Blick verriet mir die Antwort.

    „Ich wollte sehen, wie viel von Gott noch in mir übrig ist.“

    Der Pfarrer hörte meine Worte mit einem geduldigen, gutmütigen Blick an.

    Dann sah auch er zu Jesus hoch.

    Einen Moment schien es so, als würde er eine göttliche Botschaft empfangen.

    Doch war seine Antwort eine sehr menschliche.

    „Hören Sie auf zu suchen und fangen Sie an zu geben. So werden Sie erkennen, dass Gott Sie erfüllt. Er war nie weg.“

    Selbst wenn ich eine passende Antwort darauf gehabt hätte, hätte ich sie wahrscheinlich heruntergeschluckt.

    Denn in der Stille nach der Antwort lag etwas Wahrhaftes.

    Worte waren sinnlos.

    Und so schüttelte ich die Hand des Pfarrers und drückte mit einem Nicken die Bereitschaft aus, über seine Worte nachzudenken.

    Wir verabschiedeten uns mit gegenseitigem Respekt.

    Ich verließ die Kirche.

    Die Sonne schien und Jesus schaute noch immer von seinem Kreuz herab.

    Diese Geschichten könnten dir auch gefallen: