Kategorie: Geschriebenes

  • Mein Selbst

    Es war Nacht. Draußen herrschte ein Kampf der Jahreszeiten. Der Frühling wollte Sommer werden und der Winter dachte, er müsse noch ein Wörtchen mitreden. Ich stand an die Wand eines Hauses gelehnt, um nicht vom Regen völlig durchnässt zu werden. Die schweren Tropfen fielen schon lange nicht mehr, sondern schlugen wie kleine Gewehrkugeln auf die Straße ein, wo sie die Trockenheit der vergangenen Tage aus dem Asphalt pressten und den Gestank aus den Gassen lockten. Es war ein durchgehendes, monotones Rauschen, nur ab und zu durch die platschenden Schritte eines Fremden unterbrochen, oder das höhere, langgezogene Zischen eines vorbeifahrenden Autos.

    Ich war ein wenig betrunken und auch ein wenig berauscht von all dieser wundersamen Schönheit, die der Regen über die Stadt brachte, indem er alle Geräusche auslöschte und eindrucksvoll bewies, dass Stille nicht immer still ist. Ich jedenfalls liebte diese Art von Wetter, sie vertrieb die meisten Menschen von den Straßen und brachte Einsamkeit, wo sonst nur Trubel herrschte. Man glaubt immer, das Landleben sei einsam, doch dann kommt man in die Stadt und merkt, dass Einsamkeit nicht durch die Ferne zu den Menschen entsteht, sondern ganz im Gegenteil durch die Nähe zu ihnen. Wenigstens in Nächten wie diesen, in denen einen der Regen von ihnen abschottet und man hinter dem Vorhang steht, der sonst die Verlierer, die Verstoßenen und Bedürftigen vor ihnen, der Gesellschaft, verbirgt.

    Mein ganzes Leben lang zog mich diese andere Seite schon an, die Menschen waren so viel interessanter, lebendiger, sie kannten eine Wahrheit, die manche von denen da oben, hinter den beleuchteten Fenstern, in ihren Elfenbeintürmen, umbringen würde. Deswegen taten sie alles, um eine Barriere zwischen sich und der Wahrheit aufzubauen. Mehr materielle Dinge für weniger geistige Last. Ich beobachtete die gelb schimmernden Fenster, die Schatten die sich dahinter bewegten und es war, als würden tausend unsichtbare Augen auf mich herabsehen. Ich, der ich mich freiwillig zum Dreck in den Straßen gesellte, der ich ein gefallener Engel war.

    Irgendwo in der Ferne sang ein Betrunkener sein Klagelied und verteufelte sich und die Welt. Seine kratzige, lallende Stimme bahnte sich durch die Gassen und Gullis, schien aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen. Es war die traurige Titelmelodie der Vergessenen, die am Tage zu den Unsichtbaren wurden. Nur die Nächte gehörten ihnen. Dann, wenn die Vögel verstummten, begannen sie ihr Lied zu singen. Eines, in dem genauso viel Wahrheit und Schönheit steckte, wie in dem der Vögel, gehörte es doch ebenso zum Leben. Mit dem ersten Sonnenstrahl gaben sie ihre Stimme wieder ab, zurück an die Singvögel, und verschwanden, ebenso wie jene es in der Nacht vermochten, sich still und heimlich in ihre Nester zurückzuziehen.

    Ich war geschützt genug, um nicht nass zu werden, aber bekam genug Wasser ab, um mich lebendig zu fühlen. Der Rest war tot. Genau in diesem Moment hörte ich Schritte. „Platsch, Platsch, Platsch…“, kündigte sich eine weitere verlorene Seele an. Der Regen machte es zunächst schwer, die Richtung zu bestimmen, aus der die Gestalt kam, doch dann nahm ich in der Peripherie meines rechten Auges eine Person wahr, die sich mit rasanten Schritten auf mich zubewegte. Es war ein Herr mit langem, schwarzem Regenmantel. Offenbar hatte er mich nicht gesehen. Er wirkte irgendwie nervös, so als ob er nach etwas auf dem Boden suchte. Durch den Regen konnte ich undeutlich ein leises Murmeln hören. Unwillkürlich presste ich mich näher an die Wand. Manchen Menschen wollte man nicht begegnen.

    Ich behielt ihn im Auge, beobachtete, wie er die Straße hinauflief, bis er schließlich aus Hör- und Sichtweite war. Jetzt hatte ich das Bedürfnis, zu rauchen. Aus meiner Tasche kramte ich die rote Schachtel mit der weisen Aufschrift, dann die Streichhölzer und drehte mich so zur Wand, dass kein Wasser an die Zigarette gelangen konnte. Den Glimmstängel im Mund, versuchte ich, ein Streichholz nach dem anderen zu entflammen. Keines zündete. Ich warf sie alle in den reißenden Strom auf der Straße, der sie mit sich in die Kanalisation hinabzog. Es war nur noch eins übrig. Meine letzte Chance, dem grauen Schleier des Regens einen weiteren Grauton hinzuzufügen. Ich pustete auf den Zündkopf, in der Hoffnung, es würde dann mehr Reibung haben, trocknete es zusätzlich an der Innenseite meines Mantels, setzte vorsichtig an, zog es mit aller Gewalt über die Reibefläche und war sehr erleichtert, als ich die kleine zischende Flamme aufleuchten sah. Es war die Flamme der Hoffnung.

    Vorsichtig führte ich sie zur Zigarette, die in meinem Mund steckte, entfachte diese und nahm einen kräftigen Zug. Das Gift begann sofort zu wirken und brannte die letzte Menschlichkeit aus meinem Inneren. Plötzlich hörte ich wieder Schritte, genau aus der Richtung, in die der seltsame Fremde vorhin verschwunden war. Ob er mich wohl bemerkt hatte? Mit meiner freien Hand deckte ich die Glut der Zigarette ab und drehte mich in die Richtung der nahenden Schritte. Es war dieselbe Gehweise. Hektisch, getrieben, ängstlich. Er kam auf mich zu, die Schritte begannen langsamer zu werden, kamen näher, direkt vor mich, verharrten und aus einem unsichtbaren Gesicht sahen mich zwei Augen an. Durch die Dunkelheit sah ich sie nicht, spürte sie aber umso deutlicher auf mir ruhen.

    Dann lief er zwei Schritte nach rechts, machte kehrt, zwei nach links und lief im Kreis. Ich hörte sein heiseres Murmeln, es klang wie ein Gebet in der Kirche. Ich dachte, nur noch so ein Verrückter, wie sie zu Tausenden die Straßen bevölkerten, nahm meine Zigarette aus der Tarnung und genehmigte mir einen langen, intensiven Zug. Das ließ ihn aufblicken wie ein scheues Tier. Er sah dem Rauch nach, war plötzlich ganz besonnen. „Sie, ist alles in Ordnung?“, fragte ich mit ruhiger Stimme, von der ich nicht sicher war, ob sie den Regen durchdrang. Offenbar hatte er mich gehört, denn er kam näher, so nah, dass ich sein Gesicht jetzt deutlich erkennen konnte. Es war hager und von langen Falten oder Narben durchzogen, durch die ich glaubte, seine Zähne sehen zu können. Er trug einen schwarzen Regenmantel und hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.

    Er kam noch näher. Unwillkürlich wich ich einen Schritt zur Seite. Jetzt stand er direkt neben mir. Sein Mund öffnete sich, offenbarte die fehlenden Zähne. „Ich, ich, ich…habe mein Selbst verloren, könnten Sie es für mich anrufen? Bitte!“ Seine Stimme klang jugendlich heiser, aber verbraucht, versoffen klagend, kreidig, mit dem Nachgeschmack von einer Millionen Zigaretten. Ich hielt ihn immer noch für einen Spinner, einer von denen mit braunem Blut von den vielen Spritzen. Also sagte ich: „Tut mir leid, der Regen. Es gibt keinen Empfang.“ Er sah sich um, als hätte ich etwas völlig Widersprüchliches gesagt, als suche er nach dem Regen, von dem ich gesprochen hatte.

    „Das weiß ich doch! Aber mein Selbst, ich habe es verloren, genau hier. Hier muss es gewesen sein. Hier war ich zuletzt. Der Regen hat es weggespült. Und dann war ich dahinten und merkte, dass etwas fehlte. Also kam ich her, doch es war nicht mehr da. Da waren nur Sie. Also bitte, bitte rufen Sie mein Selbst an!“

    Ich kannte diese Art von Gesprächen oder glaubte es wenigstens. Rumtreiber wie ich gelangten oft in solche Situationen. Meistens reichte es, nichts zu sagen und ruhig zu bleiben, dann verschwanden sie wieder. Aber in diesem Fall war es bereits zu spät, er war mir zu nahe gekommen, hatte die Barriere durchbrochen. Jetzt half nur noch eins: sich auf die Konversation einlassen, ihm das Gefühl geben, verstanden zu werden und dann schnell einen Grund finden, abzuhauen. Schließlich wollte ich auch morgen früh nochmal aufstehen und nicht mit einem Messer im Rücken in der Gosse aufgefunden werden. „Wo haben Sie es zuletzt gesehen?“, fragte ich, einen kräftigen Zug der Zigarette inhalierend. Er zögerte. „Was, was ist das für eine Frage…?“, begann er. Irgendwie wirkte er nicht wie andere Junkies, nicht zugedröhnt, sondern sehr achtsam und bedacht mit seinen Worten.

    „Na, wo war Ihr Selbst zuletzt?“

    „Aber was ist das für eine Frage? Es war immer dort, wo ich war. Man kein sein Selbst nicht sehen! Wenn es weg ist, dann ist es weg!“

    „Wie in aller Welt soll ich es dann anrufen?“

    „Sie haben recht! Ich besitze gar kein Handy. Wir können es nicht erreichen. Was machen wir denn jetzt?“

    „Das sagen Sie mir.“

    „Wir suchen es!“

    „Die Stadt ist zu groß. Es ist dunkel. Es regnet.“

    „Sie haben ja recht, so recht. Ich kann es nicht finden, niemals. Es wird bald hell. Dann ist es zu spät.“

    Er knöpfte seinen Mantel auf und suchte nach etwas in der Innentasche. Mir fiel auf, dass er einen Anzug trug, der nach Geld aussah, aber schmutzig war. Abgetragen und ungebügelt. Solche Anzüge sah man am Tag im Bankenviertel, wo nicht die Menschen sie trugen, sondern von ihnen getragen wurden. Er fand, wonach er suchte und schmiss sich zwei kleine Tabletten ein. Schwer zu sagen, was es war. Aber er schluckte sie ohne zu kauen. Dann fing er wieder zu reden an: „Ich habe mein Selbst verloren und jetzt ist da nichts.“

    „Wer sind Sie?“

    „Haben Sie nicht zugehört?“

    „Ich habe ja schon vieles gesehen, aber Sie sind mit Abstand die Krönung.“

    Stille. Aufsteigender Rauch, niedergerungen von Millionen schwerfälligen Tropfen. Reue. Warum hatte ich das gesagt? Er könnte mich jeden Moment abstechen, für ihn war ich nicht mehr als ein Fliegenschiss auf seinem dreckigen Anzug.

    „Sie haben recht, Sie haben schon wieder recht. Hier fühle ich mich wohl. Ich bin der König des Abschaums. Ich verkehre mit den Reichen und lebe bei den Ratten.“

    „Ja? Ich meine, das ist in Ordnung. Mir gefällt es hier auch ganz gut…“

    „Aber Sie sind nicht wie ich. Sie haben sich selbst, ihr Selbst. Ich habe nichts mehr, es ist weg. Und wenn Sie es nicht anrufen, dann verschwinde ich. Und Sie, Sie guter Mensch, Sie haben ihr Leben und ich habe nichts. Nur diese Nacht und dann bin ich weg, weil ich mein Selbst nicht finde. Und Sie haben es noch. Also geben Sie es nie weg, oder Sie werden es bereuen und sterben wie ich. Langsam, langsam verrotten…wie ich. Ihre Seele wird verhungern, wie die meine. Wenn ich jetzt mein Selbst nicht finde, bin ich morgen früh tot. Ich muss hier weg, Sie sind noch am Leben. Sie können mich bald nicht mehr sehen. Ich muss hier weg, sonst umgibt Sie der Tod. Flüchten Sie, verlassen Sie diesen Ort. Hier ist nichts für Sie und war nie etwas für mich. Doch ich blieb hier und sah zu, wie es mich auffraß. Gehen Sie, gehen Sie!“

    Seine Stimme wurde immer lauter, bis sie in ein hysterisches Schreien überging. Dann sah er mich entsetzt mit seinen leeren Augen an und rannte davon. Das Gespräch hatte keine Zigarette gedauert, sie glühte noch in meiner Hand. Ich warf sie ins Wasser, sah ihr nach, sah ihm nach und sah dem Regen zu, sehnte mich nach Ruhe. Von irgendwoher strömte ein Verständnis in meinen Verstand, das größer war als ich, größer als die Menschheit selbst. Da war ein Friede und eine Leere. Morgen würde ich zurück auf’s Land fahren. Seine Worte hallten in meinen Ohren nach, da war eine Wahrheit, die jetzt über allem stand und mir befahl, diesen Ort zu verlassen. Kann ein Gespräch von der Länge einer Zigarette ein Leben retten? Kann es ein anderes zerstören?

    Er war weg, ich ging zurück ins Hotel. Die Straßen waren schwarz wie die Leere in seinen Augen, wie die Löcher in seinem Gesicht. Er war wie diese Stadt, ihr menschgewordenes Spiegelbild. Über dem Hoteleingang surrte und summte das neonrote, mit Spinnweben übersäte Eingangsschild, auf dem sich einige fette Spinnen um die hängengebliebenen Schnaken und Nachtfalter stritten. Ich trat ein, ging direkt auf mein Zimmer und wollte schlafen. Aber ich konnte nicht, ich hörte Stimmen, Worte, seine Worte, immer wieder. Es war, als wäre er in meinem Zimmer, direkt neben dem heruntergekommenen Bett. Ich träumte in schwarz, alles war dunkel und trotzdem war ich wach. Endlich ein Strahl, ein Licht, ein Weiß. Die Morgensonne! Es war Zeit zu gehen. Ich öffnete die Augen, ein Lichtstrahl fiel direkt auf meine Wange. Ich packte meine Sachen. Dann ging ich zur Rezeption und checkte aus.

    Ein letztes Mal wollte ich durch diese hässliche Asphaltwüste laufen, um zu sehen, ob nicht alles nur ein Traum gewesen war. Mit meinem Rucksack streifte ich in den noch nassen Gassen umher, in denen sich zu so früher Stunde nur ein paar verirrte Sonnenstrahlen verfingen. Die Pfützen waren tief, reflektierten den Himmel wie ein riesiges Meer. Ich wollte hineinspringen und abtauchen. Ich lief und lief und lief. Die Stadt erwachte zum Leben, von den Schatten der Nacht war bald nichts mehr zu sehen. Die Schnapsdrosseln waren verstummt und die letzten Reste ihres Treibens von den Mitarbeitern der Stadt schon entfernt. Man sah Kinder, die zur Schule gingen, Mütter, berufstätige Frauen, Männer mit Helmen, Männer mit Anzügen, Männer, die Frauen waren. Die Stadt lebte, war nicht länger tot, die Einsamkeit für einen weiteren Tag vergessen.

    Ehe ich es mir versah, stand ich inmitten des Bankenviertels mit den irsinnig hohen Wolkenkratzern. Ich sah an ihnen hinauf und fühlte etwas wie Ehrfurcht, mehr Furcht als Verehrung. Den Kopf in die Luft gehalten, spazierte ich über den Platz, gebannt von der schieren Unsinnigkeit dieser Gebäude. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich gar nicht merkte, wo ich hintrat. Plötzlich spürte ich etwas Glitschiges unter mir, als wäre ich in Matsch getreten. Hier, direkt neben einem Mülleimer, hatte ein Hund sein Geschäft verrichtet und ich war reingetreten. Auch das noch. Ich fluchte. Da hörte ich auf einmal eine seltsam vertraute Stimme.

    Ich drehte mich um, ein Mann stand hinter mir und sagte etwas. Sein Gesicht war mir fremd, doch es rief ein vages Gefühl von Bekanntschaft in meinem Gedächtnis hervor. Irgendwoher kannte ich ihn. Alles an ihm war aalglatt, von den schwarzen Lederschuhen über den Anzug bis zu den nach hinten gelegten Haaren und den blendend weißen Zähnen. Er reichte mir ein großes, weißes Taschentuch und sagte lächelnd wie einer dieser Zahnärzte aus der Werbung:

    „Das Leben ist wie ein Scheißhaufen. Man sieht es nicht, dann tritt man hinein, und wird schließlich abgewischt, bis nichts mehr übrigbleibt.“

    „Ja…“, stammelte ich, in der Hoffnung, sein Gesicht einer Erinnerung zuordnen zu können. Hatte ich ihn in der Werbung gesehen oder war er ein Politiker? Ein berühmter Unternehmer vielleicht? Ich wischte meine Schuhe vorsichtig ab, um nichts an die Hände zu bekommen. Dann fragte ich: „Wie spät ist es?“

    „Stellen Sie sich vor, ich besitze drei Handys und weiß trotzdem nie, wie spät es ist.“

    Er kramte mit seinem Zahnarztlächeln ein Handy aus der Innentasche seines Anzuges und sagte mir dann, dass es kurz nach halb 8 sei.

    „Ich muss los!“, rief ich.

    „Gehen Sie, bevor es zu spät ist.“

    Plötzlich stockte mir der Atem, diese Stimme, diese Augen. Mein Hirn ratterte, die gesuchten Informationen drangen durch den Schleier des Vergessens. Er zwinkerte mir zu, drehte sich um und verschwand in einem der Wolkenkratzer. Da ergab alles Sinn.

    Es war Tag.

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  • Der Geist der Zigarrenfabrik

    Der Herbstwind wehte über den Spielplatz und drehte das kleine Stehkarussell wie von Geisterhand. Jan saß im Gras zwischen den gefallenen, braun gewordenen Blättern und rupfte einzelne Büschel samt der Wurzel aus der Erde. Maxi hing kopfüber vom Klettergerüst und zog Grimassen, die den vielen Erwachsenen galten, die ihn in seinem Leben enttäuscht hatten. Obwohl gerade Ferien waren, spielten die beiden allein. Einige der Jungs waren mit ihren Eltern in den Urlaub gefahren, andere aufgrund des schlechten Wetters Zuhause geblieben. Sobald man eine Jacke anziehen musste, um raus zu gehen, war der Sommer vorbei und damit all die wunderbaren Spiele, die er mit sich brachte.

    Für Jungs in ihrem Alter war der Herbst meist eine lästige Jahreszeit, eine Wartejahreszeit, zwischen der Hitze des Sommers und dem Schnee des Winters. Für Kastaniensammeln war man bereits viel zu alt und um nur noch drinnen abzuhängen,  zu jung. Der Himmel war von einer dicken Wolkendecke überzogen, die alles in ein schwermütiges Grau tauchte. Maxi schwang sich geschickt nach oben, griff mit seinen kleinen Armen eine Stange des Klettergerüsts, hielt sich einen Moment lang fest und ließ dann los. Er landete mit einem dumpfen Schlag auf dem frischen Rindenmulch. Dann ging er zu Jan rüber, der immer noch auf dem Boden hockte und gelangweilt zu den Feldern sah, wo das hohe Gras vom Wind wie Wellen erst in die eine, dann in die andere Richtung geworfen wurde.

    Maxi ließ sich ein Stück hinter ihm nieder und fing ebenfalls an, Gras aus dem Boden zu reißen und in den Wind zu werfen. Es wurde einige Meter durch die Luft getragen, bevor es in einem nahestehenden Busch hängen blieb. Ihre jungen Geister gaben sich nicht lange mit einer derartig eintönigen Beschäftigung zufrieden. Bald ließen sie vom Gras ab und starrten einfach nur geradeaus. Trotz der Langeweile kam es keinem der beiden in den Sinn nach Hause zu gehen. Allein die Möglichkeit eines bevorstehenden Abenteuers, rechtfertigte das nutzlose Rumhängen im kalten Wind. Nach einer kurzen Zeit des stillen Verharrens, förderte Maxi einen großen Klumpen Dreck aus der Erde und schmiß ihn auf Jan, der mit dem Gesicht zu den Feldern gewandt, nicht ausweichen konnte. Das Geschoss traf ihn direkt am Rücken, prallte von seiner grauen Regenjacke ab und landete hinter ihm auf dem Boden.

    Jan drehte den Kopf zu Maxi, sah ihn böse an, versuchte dann an seinem Rücken hinabzusehen und wischte mit der linken Hand den hängengebliebenen Dreck so gut es ging von seiner Jacke. Das würde er noch büßen müssen, dachte er, aber nicht jetzt. Die Dringlichkeit der alles einnehmenden Langeweile forderte eine sofortige Gegenmaßnahme. Jan stand auf und lief zu Maxi rüber, der, in Erwartung einer Vergeltungsaktion, bereits die Arme schützend vors Gesicht hielt. Als Zeichen des Friedens hielt ihm Jan die offenen Hände vor die Nase und winkte damit hin und her. Maxi nahm die Deckung runter und sah ihn neugierig an.

    „Was machen wir?“, wollte Jan von ihm wissen.

    „Weiß nicht“, erwiderte Maxi und zog eine Schnute.

    „Komm, wir gehen woanders hin“, schlug Jan vor.

    „Ok“, stimmte Maxi bereitwillig ein.

    Jan zog ihn auf die Beine und gemeinsam liefen sie vom Spielplatz in Richtung Grundschule, um zu sehen, ob nicht doch ein paar der anderen Kinder draußen waren. Vom Spielplatz zum Schulhof waren es nur gut 50 Meter über den angrenzenden Bolzplatz. Nicht nur, dass dieser völlig menschenverlassen war, auch der Schulhof ähnelte einem Sperrgebiet. Die bunten Kreidezeichnungen auf dem Asphalt vor dem Haupteingang wirkten unheimlich deprimierend im graublassen Licht, das vom Himmel fiel. Der Wind peitschte durch die Hecken, die den Lehrerparkplatz vom Schulhof abgrenzten, einzelne Blätter fegten über den Boden und das Kettennetz des Basketballkorbes rasselte in einer schauerlichen Melodie. Die zwei standen mitten auf dem Hof und sahen sich um. Jan gähnte laut und kratzte sich am Kopf. Maxi sagte, er müsse mal pinkeln, ging auf eine große Pfütze auf dem unteren Teil des Schulhofes zu, die der Regen der letzten Tage in einer Kuhle unterhalb des Zaunes über der Garage des Hausmeisters gebildet hatte, und ließ es laufen.

    Zu den vielen Geräuschen des Schulhofes gesellte sich nun auch ein leises Plätschern. Jans Augen fielen auf einen Busch Hagebutten, der den unteren Teil des Schulhofes vom oberen trennte und erkannte sofort seine Chance. Maxi, der ohne Rücksicht auf Spritzwasser, seinen Strahl quer über die ganze Pfütze dirigierte, stand mit dem Rücken zu ihm und würde nichts mitbekommen. Schnell schnappte er sich eine handvoll Hagebutten und ließ sie in seiner Hosentasche verschwinden. Dann stellte er sich zurück an die Stelle, wo er gerade gestanden hatte und sah Maxi zu, der immer noch pinkelte und über seine eigene Verwegenheit kicherte. Schließlich knöpfte er die Hose zu, zog die Nase hoch, spuckte einen riesigen Klumpen Rotze in die Pfütze und drehte sich selbstzufrieden um. „Hahaha, das wird stinken, wenn es trocknet“, verkündete er stolz, als er auf Jan zugelaufen kam. Der musste ebenfalls lachen, als er daran dachte, wie die Mädchen sich ekeln würden. Einmal hatte Maxi’s Katze in einen der großen Blumentöpfe auf dem Schulhof geschissen und die Lehrer und Schüler sich tagelang über den Gestank beschwert. Sie klatschten einander ab.

    Nachdem feststand, dass niemand hier war und es vermutlich dabei bleiben würde, beschlossen sie weiterzuziehen. Ihr Instinkt führte sie in Richtung Dorfmitte. Sie folgten der Schulstraße bis zur übernächsten Kreuzung, bogen dort rechts ab, nahmen einen kleinen Schleichweg, der hinter den Häusern durch zwei Gartengrundstücke führte und fanden sich schließlich vor der alten Zigarettenfabrik wieder, die gerade umgebaut wurde. Ein großes Gerüst war um das Gebäude errichtet, während das Grundstück durch einen Bauzaun gesichert war. Man hatte die Fenster entfernt, sodass die beiden einen Blick ins Innere werfen konnten. Es war ziemlich dunkel im Gemäuer, was sofort die Abenteuerlust in den Jungs weckte. Maxi, der fast um die Ecke wohnte, wunderte sich, weshalb er diesen Schatz nicht früher entdeckt hatte. Jan erkannte am entschlossenen Ausdruck seiner Augen, was gleich kommen würde. In Ermangelung einer besseren Alternative und in Anbetracht des Potenzials dieser Ortes, unterdrückte er den aufkommenden Protest. 

    „Wir müssen da rein!“, war das nächste, was Jan von Maxi vernahm.

    „Ja!“, kam sofort die Antwort. Maxi war verblüfft, wie schnell Jan zugestimmt hatte. Sonst war er eher der schüchterne, zurückhaltende Typ, der mehr Überzeugungsarbeit bei solchen Aktionen brauchte. „Okay…“, erwiderte er etwas verdutzt und zog Jan hinter sich her. Sie liefen den Bauzaun ab, um nach einer geschickten Möglichkeit zu suchen, hineinzuschlüpfen. Da Sonntag war, war niemand auf der Baustelle anzutreffen. Die Öffnung im Zaun, die die Bauarbeiter als Eingang nutzten, war mit einer Kette und einem Schloss gesichert. Aber sie war ohnehin viel zu auffällig, da die Zigarettenfabrik an einer zwar wenig befahrenen Seitenstraße lag, die Gefahr entdeckt zu werden, aber dennoch zu groß war. Außerdem lag gegenüber ein Wohnhaus, aus dem jeden Moment die Besitzer herauskommen hätten können. Der Zaun umspannte das komplette Grundstück und wies nicht eine offene Stelle auf. Aber auf der der Straße abgewandten Seite lag ein kleiner Garten, der zur Fabrik gehörte.

    Maxi überlegte. An einer Stelle stand der Zaun auf Gras. Da die einzelnen Paneele in Beschwerungssteinen standen, war darunter etwas Luft, gerade genug, um sich durchzuquetschen, schlussfolgerte Maxi. „Hier gehen wir durch“, wies er Jan an.
    „Geh du vor“, antwortete der, jetzt doch etwas verunsichert durch seinen Fluchtinstinkt.
    „Aber lauf nicht weg“, erwiderte Maxi, der spürte, was ihn ihm vorging. Dann legte er sich ins Gras und robbte unter dem Zaun hindurch. Seinen Hintern musste er regelrecht hinter sich herziehen, da dieser beinahe stecken blieb. Auf der anderen Seite raffte sich Maxi schnell auf, klopfte den Staub von seinen Klamotten und winkte Jan aufgeregt zu. Der sah sich unsicher um, ob sie niemand gesehen hatte. Jetzt konnte er noch sagen, nur Maxi sei durchgekrochen und wäre wahrscheinlich davongekommen.

    Da aber weit und breit kein Erwachsener zu sehen war und er vor Maxi auch nicht als Feigling dastehen wollte, schmiss er sich schnell hin und robbte los. Er war etwas kräftiger als Maxi und musste sich ganz schön dünn machen, um durch die schmale Öffnung zu passen. Als er zur Hälfte durch war, griff sich Maxi seine Arme und zog an ihm. So stark, dass Jans Fuß mit voller Wucht gegen den Zaun prallte und ein lautes Klappern durch den Zaun fuhr. Maxi sprang panisch davon, in Richtung Eingang, Jan folgte ihm rasch, nachdem er sich aufgerichtet hatte. Die Eingangstür war verschlossen, aber da die Fenster fehlten, stiegen sie schnell durch eines ins Innere und versteckten sich unterhalb des Fenstersims.

    „Pssst“, fuhr Maxi Jan an, der seiner Meinung nach zu laut schnaufte.

    „Mein Fuß tut weh“, schnauzte der zurück.

    „Sei leise, vielleicht hat uns jemand gehört“, befahl Maxi.

    Die Jungs verstummten und lauschten den Geräuschen, die von draußen zu ihnen drangen. Ein Auto kam die Straße hinuntergefahren. Die beiden erstarrten vor Schock. Es fuhr vorbei und verschwand mit einem immer leiser werdenden Rauschen. Dann spitzten sie die Ohren, weil sie sich einbildeten, Stimmen zu hören. Aber es war nur der Wind, der durch die offenen Fenster pfiff. Maxi, der eine billige Digitaluhr am Arm hatte, flüsterte zu Jan gelehnt, dass sie fünf Minuten warten müssten, bevor sie sich wieder rühren konnten. Weshalb es genau fünf Minuten waren, konnte Jan nicht sagen, aber es klang vernünftig. Und so harrten sie fünf lange Minuten aus, ohne auch nur ein Wort zu sagen oder einen unnötigen Atemzug zu nehmen. Als die Zeit rum war, tippte Maxi Jan an die Schulter. Die magischen fünf Minuten hatten es nicht nur geschafft, die Angst verfliegen zu lassen, sondern hatten auch die Abenteuerlust in den beiden erneuert. Hätten sie nur vier Minuten gewartet, wäre das vielleicht nicht passiert. Aber wenn sich kein Erwachsener in fünf Minuten rührt, um Ärger zu machen, dann hat er kein Interesse an einer Auseinandersetzung und kümmert sich lieber um Erwachsenendinge.

    Mittlerweile hatten sich ihre Augen an die relative Dunkelheit gewöhnt, die in der Zigarrenfabrik herrschte. Sie befanden sich in einem hohen Raum, der die komplette Fläche des Gebäudes einnahm. Auf dem Boden lagen Malerteppiche und Plastikfolien, die Wände waren freigelegt und die alten Backsteine schimmerten überall durch. Neben dem Staub, lag noch ein anderer Geruch im Raum. Jan zog einige Male schnell hintereinander die Nase hoch. „Riechst du das?“, fragte er Maxi.

    „Ja. Riecht wie die Zigaretten meiner Mama.“

    „Echt?“

    „Ja.“

    „Cool.“

    Abgesehen vom Geruch erinnerte nichts mehr an die einstige Nutzungsweise der alten Fabrik. Es war nicht mehr als ein Rohbau. Die beiden gingen den ganzen Raum ab, um nach etwas Interessantem zu suchen. Doch da standen nur ein paar Baugeräte, Schubkarren und Baumaterialien rum, von denen sie lieber die Finger ließen. Eines aber weckte die Aufmerksamkeit der beiden, als ihre Augen schließlich fast gleichzeitig darauf fielen. In der Ecke stand eine große Leiter, die offenbar in den zweiten Stock führte.
    „Da klettern wir hoch!“, verkündete Maxi sofort, um sich vor Jan als mutig zu erweisen. Der war ohnehin etwas skeptisch, da es eine einfache Bauleiter war, die an der Wand lehnte und nirgends befestigt war.

    „Das ist voll hoch!“, erwiderte er, in der Hoffnung, Maxi davon abbringen zu können.

    „Gar nicht, das sind 3 Meter oder so. Unser Balkon ist viel höher…“

    „Hmm.“

    „Komm, jetzt sind wir schon drin“, sagte Maxi dann und ging auf die Leiter zu.

    Als hätte er es sich von einem Erwachsenen abgeschaut, ruckelte er zunächst an der Leiter, um deren Stabilität zu überprüfen. Jan sah gespannt zu. Die Vorstellung machte mächtig Eindruck auf ihn und da die Leiter sich kaum bewegte, schlussfolgerte er, dass ein Kind ohne Probleme hochklettern könnte. Maxi drehte sich zu ihm und rief: „Komm, ich geh zuerst und du hältst sie fest. Wenn ich oben bin, halte ich sie fest und du kletterst hoch.“
    „Okay“, stimmte Jan zu, ging zur Leiter und sah zu, wie Maxi Sprosse für Sprosse die sicher mehr als 3 Meter hohe Leiter emporstieg. Als er oben angekommen war, sah er nochmal zu ihm hinunter, stützte sich dann auf dem Boden des Obergeschosses ab und verschwand in der Dunkelheit. Jan wurde auf einmal mulmig zumute, da es für einen Augenblick ganz still war. Schon spürte er den Reflex, abzuhauen, als Maxi’s Stimme gespenstisch von oben zu ihm herunterdrang: „Kommst du, oder was?“
    „Ja“, rief Jan zur Antwort. Seine leise Stimme wurde von den hohen Decken geschluckt und Maxi rief von oben: „Hä?“

    In diesem Moment war Jan schon auf der Leiter und kletterte ganz vorsichtig hinauf, indem er bei jeder Sprosse sicherstellte, dass sowohl seine Füße als auch seine Hände einen sicheren Halt hatten. Er wollte es vor Maxi zwar nicht zugeben, aber er hatte ziemliche Höhenangst. Vor allem dann, wenn er den Boden, so wie jetzt, ganz deutlich unter sich erkennen konnte. Die tatsächliche Höhe spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle. Aber die Neugierde überwältigte die Angst und so griff er bald nach Maxi’s Hand, die ihn voll nach oben zog. Dort oben war es viel finsterer als im Untergeschoss, nur wenig Licht drang durch einige kleine Fenster an der Seite ins Innere. In der Luft lag ein muffiger, staubiger Geruch, der die beiden husten und niesen ließ. Ihre Augen brauchten eine Weile, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Doch dann präsentierte sich ihnen ein wahrlich abenteuerlicher Anblick. Es war ein Dachboden wie aus den besten Schauergeschichten, die sie zwar immer hören wollten, aber dann nachts, alleine in ihrem Bett, nicht schlafen ließen.

    Der alte Holzboden knarzte und quietschte, wenn man darauf trat. In den Ecken waren große Spinnweben mit dicken Spinnen darin. Das Dachgebälk lehnte sich bedrohlich über ihnen herab. All das war pure Faszination und blanke Angst zugleich. Allein die Tatsache, dass sie zu zweit waren, ließ sie nicht die Flucht ergreifen. Sie bewegten sich nur sehr langsam voran und blieben dabei penibel in der Mitte des Raumes, um den gruseligen Ecken nicht zu nahe zu kommen. Im Raum standen einige alte Möbel verteilt, die teilweise mit Tüchern abgedeckt waren. Worauf beide aber unbewusst zusteuerten, war etwas anderes. Eine große grünliche Truhe, die schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hatte, stand, unter das Dachgebälk gequetscht, etwas weiter hinten im Raum und wartete nur darauf, von zwei waschechten Nordstetter Entdeckern geöffnet zu werden. Obwohl die beiden sich nicht trauten, die Stille durch den leisesten Ton zu durchbrechen, steuerten sie wie von Geisterhand darauf zu.

    Wieder war es Maxi, der sich zusammennahm und den ersten Schritt tat. Er kniete sich vor die Truhe und suchte nach einem Weg, sie zu öffnen. Jan stand etwas weiter hinten und sah sich um, stand Wache, falls ein Geist auftauchen sollte. Dieser Dachboden war wie entrückt, Lichtjahre von Nordstetten entfernt. Das alte Gemäuer schien jedes Geräusch, das versuchte, von draußen zu ihnen vorzudringen, zu schlucken. Man hörte nichts, bis auf das leise, angespannte Atmen der beiden Jungs. Und wenn man ganz genau hinhörte, war da auch ein immer schneller werdendes Pochen. Maxi musste es selbst gehört haben und stimmte schnell ein fröhliches Pfeifen an. 

    „Pssst!“, fuhr in Jan zornig an.

    „Wieso?“, wollte Maxi erschrocken wissen.

    „Weil ich dann nichts höre!“

    „Was willst du hören?“, fragte Maxi unruhig.

    „Weiß nicht…“, erwiderte Jan unsicher, erstaunt über den tieferliegenden Sinn seiner Antwort.

    Maxi kapierte es auch und wurde plötzlich ganz still. Sie spitzten die Ohren und hörten dem Unhörbaren zu. Wieder vernahmen sie nur die Luft, die abwechselnd in und aus ihren Lungen strömte. Da war nichts. Aber damit sie von dem Monster aus dem Nichts nicht überrascht werden konnten, mussten sie still sein. Das hatte jetzt auch Maxi kapiert. Trotzdem wollte er wissen, was in der Truhe verborgen lag. Mit dem Zeigefinger dirigierte er Jan wortlos zu sich an seine Seite. Dann, als sich Jan neben ihn gesetzt hatte, deutete er an, dass sie den Deckel bei drei gemeinsam anheben sollten. Nacheinander streckte er drei Finger seiner rechten Hand in die Höhe, nickte dann zur Truhe und brachte gemeinsam mit Jan all seine Kraft auf, um den schweren Deckel anzuheben. Zu ihrer Verwunderung ließ sich die Truhe ganz einfach öffnen, da der Deckel nur aus einer dünnen Schicht Holz bestand. Der Deckel klappte auf, schlug an die Balken und musste von Jan abgefangen werden, um nicht wieder herunterzukrachen.

    Das Öffnen der Truhe setzte einen modrigen, muffigen Holzgeruch frei. Jan hob sich den Ärmel seiner Jacke vor die Nase, Maxi hielt sie sich mit Daumen und Zeigefinger zu. „Das riecht wie bei meiner Oma im Schrank“, stellte Jan angeekelt fest. Maxi nickte. Nachdem sie den Geruch ein wenig mit den Händen verteilt hatten, konnten sie sich den wichtigeren Dingen widmen, nämlich dem Bergen des Schatzes. Die Truhe war relativ flach, im Inneren lagen wahllos verschiedenste Dinge verteilt, die teilweise in kleineren Truhen oder Säckchen verstaut waren. Jan griff nach einer kleinen Holzschachtel mit schwarzer Aufschrift. Sie hatte einen vergoldeten Druckverschluss mit schwarzen Verfärbungen. Jan brachte sie ganz nahe an seine Augen und versuchte zu lesen, was darauf geschrieben stand. Es war eine eigentümliche, verschnörkelte Schrift wie er sie aus den alten Zeitungen kannte, die sie mal in der Schule hatten lesen müssen. „Ci-gar-ren-fa-brik Ge-brü-der Gi-di-on“, las er langsam vor. Maxi riss im die Schachtel aus der Hand und las selbst vor. Auch er tat sich schwer.

    „Cigarrenfabrik Gebrüder Gidion“, verkündete Jan schließlich.

    „Wieso schreibt man das mit C?“, wollte Maxi von ihm wissen.

    „Weiß nicht“, musste Jan zugeben, der sich ebenfalls wunderte.

    „Ich mach sie auf“, bekundete Maxi entschlossen.

    Er löste den Druckverschluss und hob den kleinen Deckel an. Der Geruch, der aus der Schatulle strömte, löste einen heftigen Hustenreiz in ihm aus. „Das riecht wie Kacke!“, brachte er zwischen den Hustenanfällen heraus. Jan musste lachen, lehnte sich zu ihm rüber und bekam ebenfalls eine Nase ab. „Bäh“, rief er, „ist da Hundescheiße drin?“
    Die Vorstellung, dass jemand Hundekot in einer so edlen Schatulle verwahren würde, löste einen mittelstarken Lachanfall in den beiden aus. Es dauerte eine Weile, bis sie sich gefangen hatten und als die dann merkten, dass der Inhalt der Schatulle aus länglichen, würstchenförmigen Rollen bestand, war es um sie geschehen. Sie wälzten sich vor Lachen auf dem staubigen Boden. Jan musste so sehr lachen, dass sein Bauch krampfte und er regelrecht nach Luft schnappen musste. Maxi dagegen hatte immer noch die Schatulle in der Hand, die durch sein Gelächter so in Wallung geriet, dass eine der Zigarren sich löste und auf seinem Brustkorb landete. Von dort rollte sie hinunter in Richtung Hals, wo sie liegen blieb und ihren unangenehmen Geruch in Maxis Nase verteilte.

    „Ich hab Kacke auf mir“, rief er plötzlich ganz erschrocken, griff danach und schleuderte sie direkt auf Jan. Sie traf ihn im Gesicht, wo sie abprallte und dann auf den Boden fiel. „Was soll das?“, schimpfte dieser verärgert und rückte schnell zur Seite. Als sein Blick auf das Ungetüm fiel, zählte er schließlich 1 und 1 zusammen. „Das ist keine Kacke,“ rief er aufgeregt, „das ist eine Zigarre!“
    „Was?“, murmelte Maxi, der nicht recht verstand. Jan hob den Stumpen auf und hielt ihn Maxi, der immer noch auf dem Rücken lag, vor die Nase. „Das“, sagte er, indem er auf die Zigarre deutete, „ist eine Zigarre.“
    „Mach das weg“, drohte Maxi und fuchtelte mit der Hand vor seiner Nase herum, „das stinkt!“
    Endlich setzte auch er sich wieder auf und begutachtete die in der Schatulle verbliebenen Zigarren. Jan drehte und wendete seine in der Hand. Es war eine einfache, etwa 10 cm lange Zigarre ohne Etikett. „Wie raucht man die?“, fragte er sich, indem er nach dem Mundstück suchte.  Maxi sah in fragend an, auch er wusste es nicht, obwohl er seine Mutter schon unzählige Male dabei beobachtet hatte, wie sie eine Zigarette geraucht hat. Er nahm eine weitere Zigarre aus der Schatulle und studierte sie aufmerksam.

    „Also bei meiner Mama ist unten ein Stückchen braun und da zieht man dran“, stellte er fest.

    „Aber die ist ganz braun“, beobachtete Jan.

    „Hmm…weiß auch nicht, vielleicht raucht man die von beiden Seiten“

    „Kann sein…sieht aus wie eine Kackwurst.“

    „Hahahah, ja wirklich!“

    Da keiner von beiden großes Interesse an Zigarren hatte und der Geruch mittlerweile unerträglich geworden war, legten sie sie zurück in die Schatulle, schlossen sie und stellten sie beiseite. Immerhin gab es noch mehr in der Truhe zu entdecken. Als nächstes förderten sie ein altes Jutesäckchen zutage, dessen Inhalt weich und biegsam war. Maxi zog ihn auf, während Jan die Hand hineinsteckte, nach etwas griff, das sich wie eine große Briefmarke anfühlte und es herauszog. Tatsächlich war es eine Art Briefmarke, nur zwei- oder dreimal so groß. Die Seiten waren gewellt und auf der Vorderseite war ein bunter Aufdruck. Die zwei schoben ihre neugierigen Gesichter zusammen und glotzten aufgeregt auf das kleine Bildchen. Es war in einen orangenen Rahmen eingefasst, in dem im unteren Teil etwas geschrieben stand. Darüber befand sich eine Illustration von sieben Männern, die eine riesigen Zigarre wie einen Rammbock in den Händen hielten und damit bedrohlich auf einen Hasen zuliefen, der im linken Teil des Bildes auf den Hinterpfoten stand und die Ohren spitzte. Über dem Hasen war ein Wappen zu sehen. Von links nach rechts zog sich ein weiterer Schriftzug: „Lasst euch Schwaben-Prügel geben“ Unten stand: „Alleinige Fabrikanten: Cigarrenfabrik Nordstetten-Horb. Gebrüder Gidion.“

    „Cool!“, schoss es aus Jan heraus.

    „Die wollen den Hasen umbringen!“, stellte Maxi fest.

    „Ist das eine Briefmarke?“

    „Weiß nicht, vielleicht. Ein bisschen groß…Was ist noch drin?“

    Jan zog noch weitere Reklamemarken aus dem Beutel. Manche waren identisch mit der ersten, anderen zeigten zwar dieselbe Abbildung, waren aber mit anderen Farben verziert. Mal war der Himmel anders illustriert, mal die Umrandung. Da aber alle mehr oder weniger gleich waren, hielten sich die Jungs nicht lange damit auf, sondern widmeten sich den anderen Gegenständen in der Truhe. Unter anderem fanden sie ein Buch mit der Aufschrift „Dorfgeschichten“, das sie kurz durchblätterten und dann weglegten. Darüber hinaus waren noch einige alte Bilder in der Truhe. Vielmehr handelte es sich dabei um Ansichtskarten, die meisten davon in Schwarzweiß, die Nordstetten aus verschiedenen Perspektiven zeigten. 

    „Man, die sind echt alt. Bestimmt 100 Jahre oder so“, schätzte Maxi, als er einige Ansichtskarten genauer betrachtete. „Hier steht sogar was drauf, aber ich kann es nicht lesen…“
    „Gib mal her“, sagte Jan und nahm die Karte an sich. Tatsächlich war es eine alte Postkarte, auf deren Rückseite jemand etwas geschrieben hatte. Aber auch Jan konnte die schnörkelige Schrift nicht entziffern. „Der hat noch hässlicher geschrieben als du!“, ärgerte er Maxi und legte die Karte zurück in die Truhe. Dort, bis dahin von den Ansichtskarten und Fotografien, verborgen, lag ein altes Messer, das jetzt beide zeitgleich ins Auge fassten. Ohne nachzudenken schnellten ihre gierigen Hände nach vorn, um nach dem Schatz zu schnappen. Sie trafen sich auf halbem Weg und bekamen jeweils ein Ende des Klappmessers zu fassen.

    „Das ist meins!“, verkündete Jan.

    „Ich hab’s ja wohl zuerst gesehen“, konterte Maxi.

    „Gar nicht!“

    „Doch!“

    „Lass los.“

    „Lass du los!“

    So ging das eine ganze Weile, bis ein Geräusch die beiden aufschrecken ließ. Es klang, als liefe etwas durch das Gebälk über ihnen. Die beiden erstarrten sofort und schauten mit offenen Mündern nach oben. Jan’s freie Hand griff nach Maxi, hielt sich an seiner Jacke fest und rüttelte daran. Maxi aber reagierte nicht darauf, sondern versuchte, den Geräuschherd auszumachen, denn wieder rannte etwas durch’s Gebälk. „Was ist das?“, flüsterte Jan mit zitternder Stimme. Sein Kumpel konnte ihm in diesem Moment aber gar nicht antworten, denn die Angst hatte sich als dicker Kloß in seinem Hals festgesetzt. Langsam öffneten sich Maxi’s steife Finger, die das Messer bis jetzt fest umklammert gehalten hatten und ließen los. Jan, der merkte, dass das Messer nun allein in seiner Hand ruhte, umschloss es noch härter mit der Hand.

    Im nächsten Moment entfuhr Maxi ein gellender Schrei, der seinem Körper einen solchen Adrenalinschub verpasste, dass er sich reflexartig aufbäumte und die Flucht ergriff. Er rannte Richtung Leiter, schnappte sich die oberste Sprosse und war so schnell verschwunden, dass Jan gar nicht realisierte, was geschehen war. Als er dann aber merkte, dass er allein war, überkam auch ihn die Panik und er legte eine nicht weniger spektakuläre Flucht hin. Auf der Leiter vergaß er plötzlich seine Höhenangst und sprang nach zwei Dritteln auf den rettenden Boden, eilte zum nächsten Fenster, sprang hinaus und war schneller durch den Zaun geschlüpft, als er Maxi rufen konnte. Der rannte einige Meter voraus in Richtung Kirche und wagte es gar nicht, sich umzudrehen.

    Erst auf den Stufen, die zur Kirche hinaufführten, machte er halt und drehte sich um, als auch schon Jan angelaufen kam. Die beiden sackten auf den Treppen zusammen, als hätten sie gerade einen Marathon hingelegt. Schwer nach Luft schnappend, versuchte Jan herauszufinden, weshalb Maxi so schlagartig die Flucht ergriffen hatte: „Was war? Hast du was gesehen?“

    „Mich…hat was berührt. Was Pelziges“, brachte Maxi gerade so zwischen den unregelmäßigen Atemzügen heraus.

    „Was? Echt?“

    „Ja.“

    „Was war es?“

    „Weiß nicht, es hat mich einfach angesprungen.“

    Jan wurde ganz blass, denn in diesem Moment gab es für ihn keine rationale Erklärung für „etwas Pelziges auf dem Dachboden der alten Zigarrenfabrik“. Er starrte teilnahmslos vor sich auf die steinernen Stufen und ließ die fantastischsten Einfälle seiner durch Horrorgeschichten und FSK-18-Filmen geprägten Psyche über sich einbrechen. Gnome, Kobolde, Höllenhunde, dreiköpfige Ratten, blutsaugende Fledermäuse. Beim letzten Einfall drehte er sich schnell zu Maxi um und suchte seinen Hals ab. „Was ist?“, wollte dieser wissen, als er merkte, dass er angestarrt wird.

    „Wurdest du gebissen? Vielleicht war es eine Fledermaus?“, fragte Jan.

    „Quatsch nicht! Das war ein Marder oder so“, versuchte Maxi gegen seinen Kumpel und seine eigenen irrationalen Gedanken zu argumentieren, mit mäßigen Erfolg. Unwillkürlich fasste er sich an den Hals und prüfte seine Hand auf Blut. Jan sah ihn verwundert an. „Da war nur Staub“, rechtfertige er sich, immerhin war es schon peinlich genug, dass er wie ein Mädchen geschrien hatte und davongelaufen war. Sonst war er immer der mutigste aller Jungs und kniff bei keiner Mutprobe, egal, wie dumm oder furchteinflößend sie war. Er musste einen Weg finden, Jan zum Schweigen über diese Sache zu verpflichten. „Wir dürfen keinem erzählen, dass wir da drin waren, okay?“, folgte er dem erstbesten Einfall.
    Jan, der sich mittlerweile etwas beruhigt hatte, weil er die Erklärung mit dem Marder für ziemlich plausibel hielt, nickt nur abwesend mit dem Kopf.

    „Ehrenwort!“, setzte Maxi fort.

    „Ja, ja…“, sagte Jan, als würde er in seiner Gedankenarbeit nicht gestört werden wollen.

    „Wir müssen in die Hände spucken!“, legte Maxi nochmal nach.

    Ein Versprechen, das mit Spucke besiegelt worden ist, konnte nicht gebrochen werden. Jan sah verwundert auf. Es lag weder in seinem Interesse, jemandem davon zu erzählen, weil er selbst davongelaufen war, noch hielt er es für eine so große Sache, als dass derart drastische Maßnahmen erforderlich waren. Es war nicht das erste Mal, dass die beiden von etwas davongelaufen waren. Ein Spucke-Versprechen kam eigentlich nur in besonderen Ausnahmefällen zum Einsatz, um jemanden zum Schweigen zu verpflichten.

    Dennoch, als er sah, wie ernst Maxi dreinschaute und sich tatsächlich in die Hand spuckte, verstand er, worum es ging. Da er seinen Kumpel nicht in die Pfanne hauen wollte, spuckte auch er sich in die Hand. Dann schüttelten sie mit zeremonieller Ernsthaftigkeit die Hand des anderen. „Nur ein doofer Marder“, wiederholte Maxi erneut seine Theorie, nachdem der Handschlag getan war, wie um es nochmal ins Gedächtnis von Jan einzuprägen. „Oder eine Katze“, ergänzte Jan. Und damit war die Sache abgehakt. Allerdings hatte Jan noch eine Überraschung. Er schob die Hand in seine rechte Hosentasche, griff nach etwas und hob es triumphierend in die Höhe.

    „Das Messer!“, bemerkte Maxi aufgeregt.

    „Ich hab’s einfach mit“, verkündete Jan stolz und klappte es auf.

    Im Tageslicht war es noch beindruckender. Es war zwar nur ein einfaches Klappmesser mit grünlichem Griff, der deutliche Abnutzungsspuren aufwies und einer mittleren Klingenlänge von gut 6 oder 7 cm, aber es stammte aus einer alten Truhe, die sie auf einem staubigen Dachboden gefunden hatten. Es war also im wahrsten Sinne des Wortes ihre Beute.

    Jan fuchtelte damit in der Luft rum und testete die Schärfe der Klinge, indem er einen Faden von seinem Pullover schnitt. „Cool“, rief Maxi, der jetzt wieder voll auflebte und sprang auf. „Komm wir gehen ins Schulgebüsch und ritzen unsere Namen in die Bäume“, schlug er aufgeregt vor.

    „Au ja!“, stimme Jan zu , “aber das Messer gehört mir.“

    „Ja, ja, aber ich darf auch mal.“

    „Na gut, aber ich nehm es mit nach Hause.“

    „Okay…“

    Und so trotteten die beiden los, vermieden es aber um jeden Preis, nochmal in die Nähe der Zigarrenfabrik zu gelangen. Neben dem Messer in seiner Tasche, hatte Jan auch die Hagebutten entdeckt, die er bei all dem Trubel ganz vergessen hatte. Zwar wollte er sie Maxi als Vergeltungsaktion für den Dreckklumpen in den Nacken schmieren, doch die Demütigung von vorhin war besser gewesen als jeder vorhersehbare Jungenstreich. Heimlich ließ er sie auf dem Weg zur Schule auf den Boden fallen und vergab seinem Kumpel.

    Weitere Abenteuer von Maxi und Jan:

  • Hocker am Tresen

    Jedes Glas leer, jede Geschichte zu Ende erzählt.
    Jeden Traum niemals erlebt, jede Frau nie kennengelernt.
    Alle Sorgen gehabt und wieder vergessen.
    Keine Kinder, die Zuhause warten.
    Jedem Freund ein gutes Wort gesagt,
    für sich selbst nie eins gefunden,
    nur einen weiteren Euro,
    der noch für ein Bier reichte.
    Zwei Finger für zwei Augen des Barkeepers:
    Ein Zeichen für noch eins.
    Reflektionen im Glas von Leuten,
    die einmal dort saßen,
    wo jetzt Fremde kommen und gehen.
    Nur einer, der immer bleibt,
    seinen Platz in dieser Welt eingelöst
    gegen einen Hocker am Tresen.

    Hier kannst du weiterlesen:

  • An der Bordsteinkante

    Ich lungerte schon eine Weile an dieser Ecke herum. Es war nur eine Kreuzung, über die ich jahrelang mein Auto gesteuert hatte, um zu meiner Wohnung zu gelangen. Ein merkwürdiger Impuls hatte mich hergebracht oder eine undefinierte Laune, so genau wollte ich das nicht wissen. Hier zu sein fühlte sich richtig an, denn es war sonst niemand hier. Die Sonne knallte unbarmherzig von oben herab, ich setzte mich auf die Bordsteinkante in den Schatten einer Straßenlaterne und starrte auf den Kirchturm, der im Hintergrund über den Hausdächern thronte.

    Es war kurz nach irgendwas, jedenfalls nicht wichtig genug, um schon nach Hause zu gehen. Auf der Kreuzung fuhren keine Autos vorbei, wahrscheinlich arbeiteten die Leute oder versteckten sich in ihren Häusern vor der Sonne, die mir fast das Herz aus der Brust brannte, so heiß schien sie vom Himmel. Ich saß noch eine Weile und schaute weiter dem Nichts des Nachmittages zu. Irgendwann kam ein Hase über die Straße gehoppelt und setzte sich direkt neben mich. Es war ein Feldhase, ein sehr hässliches Exemplar mit einem schwarzen Streifen, der quer über den Rücken verlief.

    Ich beachtete ihn nicht weiter und ließ ihn neben mir Platz nehmen. Das Land war frei und der Bordstein lang. Das ganze Dorf hätte hier Platz gefunden und dann noch viele tausend Hasen. Er war wahrscheinlich gekommen, um der Langeweile beim Entstehen zuzusehen. Wie sich dann aber herausstellte, war er ein sehr nerviger Geselle, einer dieser Hasen, die mit dir reden möchten, die sich dir aufdrängen, bis du antwortest.

    Er sprach über das Wetter. Ich redete nie über das Wetter, also schwieg ich. Dann sprach er über die Hitze. Aber es war so heiß, dass man es nur schweigend aushielt. Also beschrieb er, was er sah. Doch ich wollte nur vor mich hinstarren und nichts sehen. Schließlich behauptete er, er könne nicht schwitzen, was sich wie eine Lüge anhörte. Auf Lügen antwortete ich in der Regel nie.

    Der Hase aber war gewieft und geübt in der Kunst der Kommunikation, weshalb er mich auf den Schatten der Straßenlaterne hinwies, in dem ich die ganze Zeit gesessen hatte. Schon wollte ich nicht antworten, als mir plötzlich auffiel, dass der Schatten tatsächlich nicht zur Form der Straßenlaterne passte. Zumindest nicht zu der Form, die eine Straßenlaterne haben sollte. Der Schatten hatte einen Knick, genau dort, wo der Pfosten der Laterne war und verlief dann schräg zum unteren Teil zur Seite weiter. Ich sah den Hasen an, er sah zur Laterne. Ich folgte seinem Blick und sah den Knick darin. 

    „Der ist mir gar nicht aufgefallen“, sagte ich zum Hasen.

    „Weil deine Erinnerung nicht bis hierhin reicht“, erwiderte dieser neunmalkluge Alleswisser.

    „Vielleicht will ich mich nicht erinnern, Hase!“

    Der Hase blickte mir direkt in die Augen und rümpfte die Nase, als hätte ich ihn beleidigt. Dämlicher Hase, dachte ich, er war es doch, der mir mangelndes Erinnerungsvermögen vorgeworfen hatte. 

    „Warum bist du nicht auf der Arbeit, Hase? Alle Leute sind jetzt bei der Arbeit?“, fragte ich ihn schließlich leicht verächtlich.

    „Warum hast du eben zu Gott gebetet?“, warf mir der Hase entgegen.

    „Ich glaube nicht an Gott und bete nie.“

    „Bis auf dieses eine Mal vorhin.“

    „Verschwinde, Hase, und lass mich in Ruhe hier sitzen“, sagte ich und wollte damit die Konversation beenden. Daraufhin legte ich mich so hin, dass die eine Hälfte meines Körpers auf dem Bordstein lag und die andere auf der Straße.

    Der Hase sah mich neugierig an und öffnete wieder sein dummes Maul: „Warum legst du dich auf einmal hin?“

    „Weil mir alles wehtut“, brachte ich mit schmerzerfüllter Stimme hervor. Mein ganzer Körper krümmte sich und meine Organe schienen von innen gegen meine Rippen zu hämmern, als wollten sie hinausspringen. 

    „Und da ist dein Handy!“, stellte der Hase fest, indem er auf mein Handy deutete, dass aus meiner sich krümmenden Hand auf den Boden gefallen war. Aus dem Augenwinkel erkannte ich den Screen eines Messengers und die nicht abgeschickte Nachricht: „Bin gleich dedref“

    „Kannst du mich nicht nach Hause fahren, dummer Hase?“, bat ich ihn.

    „Ich kann dich ein Stück mitnehmen, aber nur soweit wie deine Erinnerung reicht.“

    „Soll mir recht sein, Hase.“

    Im nächsten Moment saßen wir in meinem Auto und fuhren die Straße hinunter, die zu der Kreuzung führte, an der wir uns getroffen hatten. Der Hase hatte keinen Führerschein, also fuhr ich. Ich überquerte die Kreuzung oberhalb der unseren und bremste dann leicht ab. Da begann der Hase mich anzuschreien: „Jetzt musst du dein Handy rausholen und die Nachricht schreiben!“

    Er schien zu wissen, wie das Spiel funktionierte und ich folgte seiner Anweisung. Mit der einen Hand am Steuer, bediente ich mit der anderen das Handy und verfasste die Nachricht. Aus irgendeinem Grund konnte ich das Wort „da“ nicht schreiben. Ich klickte jedes Mal auf den falschen Buchstaben oder es wurde per Autokorrektur „dedref“ eingefügt.

    Da wurde ich wütend und suchte mit hasserfüllten Augen nach dem Hasen. Auf den ersten Blick war er nicht zu finden, der Beifahrersitz war leer. Ich suchte das ganze Auto ab und fand ihn schließlich auf dem Bordstein auf der anderen Straßenseite wieder. Ich ließ das Fenster hinunter, um ihn anzuschreien. „Weshalb sitzt du jetzt da draußen, du dummes Vieh?“, rief ich ihm halb wahnsinnig, halb verzweifelt zu. 

    „Hier bin ich lebendig und dort drüben tot. Einen Moment später bist du es auch!“, rief er zur Antwort und begann zu laufen. Er drohte, direkt unter die Räder zu geraten. Ich schnappte das Lenkrad, riss es nach links, spürte einen Stoß, hatte für den Bruchteil einer Sekunde einen klaren Moment, in dem ich mich an Gott wandte und prallte mit voller Wucht gegen eine Straßenlaterne. 

    Ähnliche Geschichten von mir:

  • Der Schattenmann

    „Er ist verrückt“, dachte sich der kleine Jan, der im Treppenhaus des Mehrfamilienhauses saß, in dem er mit seinen Eltern wohnte und den Kater der Nachbarin streichelte. „Herr Veith ist alt und verrückt“. Seine Tür stand immer einen Spalt weit offen, egal ob bei Tag oder Nacht, und man hörte ihn wirres Zeug flüstern. Wenn es so leise war wie jetzt, glaubte man, die Worte entschlüsseln zu können, die er brabbelte. Doch so sehr man sich auch darauf konzentrierte, es war unmöglich, den Sinn dieses Kauderwelschs zu entziffern.

    Jan fuhr Felix, dem Kater, in gleichmäßigen Zügen über den Rücken. Mit der anderen Hand stützte er seinen Kopf und starrte durch das große Fenster hinunter in den dunklen Hof vor dem Haus, der gerade von einem heftigen Sommerregen überschwemmt wurde. Felix hasste den Regen, für Jan dagegen war es im Moment ein willkommener Zeitvertreib, den Tropfen beim Fallen zuzusehen. Der Regen besaß die Eigenschaft, die Menschen in ihre Häuser zu treiben und was noch besser war, er sorgte für Ruhe, indem er die meisten Geräusche dämpfte. Abgesehen von der Stimme von Herrn Veith, der offensichtlich mit sich selbst redete, da er ohne Punkt und Komma in einem Schwall fortfuhr und nie eine Antwort abwartete.

    Jan sah ihn manchmal bei den Mülltonnen unten, ein geducktes Männlein mit tiefen Kerben im Gesicht, von denen er glaubte, dass dort 2-Euro-Münzen reinpassen müssten. Er trug immer das Gleiche, jedenfalls kam es Jan so vor, seine Kleidung war so eintönig und farblos, dass man sie nicht voneinander unterscheiden konnte. Seine Haut war ebenso blass und wenn er mal kurz aufhörte, mit sich selbst zu reden, dann nur, um ein kratziges Keuchen aus seinen Lungen zu entlassen, das ihn scheinbar seit Stunden plagte. Wenn er noch Familie hatte, dann irgendwo weit entfernt, sodass die lange Anfahrt als Ausrede herhalten konnte, den alten Sonderling nicht zu besuchen. Sein Einkauf wurde ihm zweimal wöchentlich von einer Pflegekraft gebracht, die außerdem sicherstellte, dass er nicht tot war.

    Jan konnte nicht mal erklären, wieso er eine gewisse Abscheu gegen ihn empfand. Es gab viel schlimmere, kinderfeindlichere Mieter im Haus. Herr Veith hatte nie geschimpft, wenn mal ein Ball gegen die Scheibe geflogen war. Jan fischte noch ein Leckerli für Felix aus seiner Hosentasche und hielt es ihm hin. Der Kater nahm es dankend entgegen und verschlang fast seine kleine Hand, so gierig war er. In seiner Tasche hatte er noch viel mehr davon, aber er wollte ihn nicht fett füttern. Die Nachbarin hatte sich schon mal beschwert, weil er wegen Jans Zuneigung 500 Gramm zugenommen hatte, was viel war für einen Kater, wie er erfahren musste.

    In der Hoffnung auf ein weiteres Leckerli sah der Kater ihm fordernd in die Augen. Jan legte nur die Hand auf dessen Kopf und sagte: „Zäh wie Rotze, dieser Sommer…“ Felix stimmte immer allem zu, was Jan sagte. Daher war er so etwas wie sein bester Freund, zumindest unter den Vierbeinern. Der Kater duckte sich unter seiner Hand weg, schlich um ihn herum und roch an der Hosentasche, in der sich die Leckerlis befanden. Wieder sah er ihn erwartungsvoll an, aber Jan drückte ihn mit der rechten Hand weg und sagte: „Nein, sonst wirst du fett!“ Plötzlich hörten die beiden einen Knall aus der Wohnung von Herrn Veith. Felix schrak auf und rannte, einem plötzlichen Reflex nachgebend, sofort nach unten.

    Jan, der sich ebenfalls erschrocken hatte, war für einen Augenblick wie versteinert. Normalerweise müsste jetzt ein Erwachsener eingreifen und sich beschweren, dachte er. Nachdem sich aber im Flur nichts rührte und Felix bereits nach unten gerannt war, folgte er ihm. Er sah gerade noch, wie er durch den offenen Spalt in der Wohnung verschwand. Jan sah sich wie nach Bestätigung suchend im Treppenhaus um, fand aber keinen Erwachsenen, der ihm die gewünschte Erlaubnis geben konnte und folgte daher seiner kindlichen Neugierde.

    Leise schlich er sich zur Wohnungstür, bis er an der Schwelle angekommen war. Dort blieb er stehen und horchte, ob er Herrn Veiths Stimme hören konnte. Es war ganz unheimlich leise im Haus. „Felix“, rief er mit schwacher Stimme ins Innere, erinnerte sich aber gleich daran, dass der sowieso nicht auf ihn hörte. Also schnappte er sich aus seiner Hosentasche einen Katzenkeks, ging in die Hocke und hob ihn in die Wohnung. Indem er die Hand hin- und herbewegte, versuchte er, den Geruch zu verteilen und dadurch Felix anzulocken. Aber der Kater kam auch nach wiederholtem Schwenken und abermaligem Rufen nicht.

    Doch plötzlich glaubte Jan, etwas zu hören und aus der Hocke heraus lehnte er sich weiter nach vorn, um das Ohr gegen die offene Tür zu legen. Ungeschickterweise lehnte er sich so weit nach vorn, dass er das Gleichgewicht verlor und mit dem Gesicht vorwärts in die Wohnung plumpste. Die Tür schlug geräuschvoll erst gegen den Türstopper und dann gegen sein Knie. Im nächsten Moment sprang er auf und flitzte wie von einer Biene gestochen aus der Wohnung, versteckte sich hinter dem Treppengeländer und beobachtete, was passieren würde. Zu seiner Verwunderung tat sich gar nichts. Weder Herr Veith schien sich zu rühren, noch irgendein anderer Erwachsener im Haus.

    Jan grübelte nach. Die Teilnahmslosigkeit der Erwachsenen in dieser Sache hatte zunächst etwas Befremdliches, doch als er genauer darüber nachdachte, schien es ihm wie ein Sechser im Lotto. Ein Freifahrtschein für eine noch nicht genau festgelegte Dummheit. Wie oft hatte man als kleiner Junge schon die Möglichkeit, ungestraft in die Wohnung eines Fremden zu gehen? Jan warf all seine moralischen Bedenken über den Haufen und wandte sich erneut der Wohnung zu, dieses Mal voller Selbstbewusstsein.

    Die Tür stand jetzt weit offen und er konnte ins Innere sehen. Die Wohnung war wie seine, nur spiegelverkehrt. Als er so davorstand, musste er sich die Nase zuhalten, es roch nach dem Atem eines alten Mannes. Mit zugehaltener Nase trat er ein und schob die Tür soweit zu, dass nur noch ein kleiner Spalt offen stand, so wie vorhin. Es brannte kein Licht im Flur und im geringen Schein, der durch den Spalt aus dem Flur ins Innere drang, sah er die Wohnung eines alten Mannes. An der Wand hingen ätzende Bilder, die Jagdszenen oder Landschaften darstellten. An der Garderobe hingen einige Jacken, von denen der muffige Geruch auszugehen schien.

    Jan lief schnell daran vorbei und ging auf das einzige Zimmer zu, in dem Licht brannte. Es war das Schlafzimmer, zumindest nutzten es seine Eltern als solches. Herr Veith aber nutzte es als eine Art Arbeitszimmer, in dem ein großer, alter Schreibtisch stand, auf dem lauter Zeichnungen verteilt lagen. Auf der anderen Seite stand eine kleine Couch, an deren linker Lehne ein Kissen lag, auf dem sehr deutlich ein Kopfabdruck zu erkennen war. Auch hier war der Geruch nach altem Mann sehr präsent. Jan kippte das Fenster, weil er glaubte, sich gleich übergeben zu müssen. Dann wandte er sich den Zeichnungen auf dem Tisch zu, die von einer sehr hellen Schreibtischlampe angestrahlt wurden.

    Die Zeichnungen waren sehr düster und in Schwarz gehalten, die Details mit Weiß hervorgehoben. Jan war erstaunt, wie gut sie waren. Eine Zeichnung zeigte einen alten Mann, der zeichnet. Eine schwarze Katze saß auf seiner Schulter und blickte dem Betrachter genau in die Augen. Ein anders Bild zeigte einen Mann am Kreuz ohne Kopf, über dem die Sonne aufging. Das nächste stellte einen Fisch dar, der in einer Bar saß und Wasser trank. Jan musste über den dümmlichen Gesichtsausdruck lachen, den der Zeichner dem Fisch verpasst hatte.

    Schließlich fand er einen Stapel voller Bilder, die offensichtlich zusammengehörten. Sie alle zeigten vermeintlich dasselbe Motiv: eine Parkbank neben einem Baum. Es waren bestimmt ein Dutzend Bilder. Das Interessante war aber die Person auf der Bank. War sie auf dem ersten Bild noch ganz zu sehen, verschwand sukzessive mit jedem weiteren Bild ein Teil der Person. Erst der Hut, dann der Kopf, dann die Arme, der Oberkörper und so weiter. Das Bild, auf dem nur die Schuhe zu sehen waren, starrte Jan lange an. Er musste über die Vorstellung schmunzeln, dass ein paar einsame Schuhe so vor einer Bank stehen.

    Das letzte Bild zeigte schließlich nur noch den Schatten der Person, die sich eben vor Jans Augen in Luft aufgelöst hatte. Er war so fasziniert von der Bilderreihe, dass er sie nochmal durchsah und nochmal und nochmal. Das Erstaunen, das er empfand, immer wenn er beim letzten Bild angelangte, ließ kein bisschen nach. Im Gegenteil, es wurde immer größer. Noch nie hatte er jemanden getroffen, der so gut zeichnen konnte. Er konnte sich auch an kein Bild erinnern, dass seine Aufmerksamkeit je so gepackt hatte, wie dieser Schatten, der da einsam auf einer Bank saß.

    So tief in seinen Gedanken, merkte er gar nicht, wie Felix, um seine Beine streifte und versuchte, sich bemerkbar zu machen. Erst als dieser auf seinen Schoß sprang, schreckte er auf und ließ das Bild fallen. Es landete neben dem Stuhl auf dem Boden. „Felix! Wo kommst du denn her?“, fragte er den Kater völlig verwirrt, als wäre er wo ganz anders und hätte eben nicht diese merkwürdigen Bilder durchgesehen. Aber der Kater war nur an dem Futter in seiner Hose interessiert und schnupperte an der Tasche, in der sich die begehrten Leckerlis befanden. Er gab nach und holte gleich zwei davon heraus. Dann bückte er sich nach der Zeichnung und betrachtete sie erneut, während Felix laut die knusprigen Cracker zerkaute.

    Er hob ihm das Bild direkt vor die Nase und sagte: „Schau mal, Felix, hast du sowas schon mal gesehen? Ein Schatten, der auf einer Bank hockt.“ Der aber würdigte das Bild nur eines kurzen Blickes und sprang dann wieder von Jans Schoß, lief in Richtung Tür, drehte sich zu ihm um, als wolle er ihm etwas sagen und ging hinaus. Jan verstand und folgte ihm. Felix saß vor der Tür, hinter der Jan das Badezimmer vermutete. Sie war verschlossen, was für ihn bedeutete, dass sich jemand darin befand. Zuhause machten sie die Badtüre nie zu, es sei denn, jemand nahm ein Bad oder duschte.

    Jetzt erinnerte er sich auch wieder an den Knall von vorhin, der ihn erst dazu bewegt hatte, nach unten zu laufen und nachzusehen. Vielleicht war es diese Tür gewesen, die zugeschlagen worden war. Jan sah den Kater fragend an, der seinen Blick genauso ratlos erwiderte. Ein letztes Mal versicherte sich Jan, ob nicht doch ein Erwachsener im Flur stand und alles mitbekommen hatte. Das automatische Licht war mittlerweile erloschen und draußen herrschte völlig Stille. Anscheinend gehörten knallende Türen zu den Dingen, die ein Erwachsener als ein alltägliches Geräusch einordnete. Kein Wunder, so oft wie die sich stritten. Für sie gab es viele Türen, die zugeknallt werden mussten.

    So blieb ihm nichts anderes übrig, als an der Tür zu klopfen. Er klopfte genau dreimal, dann hielt er das Ohr an die Tür und lauschte. Drinnen tat sich etwas, jemand antwortete, das heißt, jemand sprach, aber nicht mit ihm, sondern mit sich selbst. Es war die ihm wohlbekannte Stimme, die er so oft gehört hatte, wenn er mit Felix im Treppenhaus gesessen und die Zeit totgeschlagen hat. Da niemand sonst hier war, sah er nochmal zu Felix. Der war keine große Hilfe und leckte sich nur die Pfoten, als ginge ihn das alles nichts an. „Du bist doch hier reingelaufen!“, schimpfte er seinen pelzigen Freund.

    Anschließend klopfte er nochmal und setzte gleich nach: „Herr Veith,  ist alles in Ordnung?“ Dieses Mal hielt er sogar den Atem als, er das Ohr an die Tür hielt, um nichts von dem zu verpassen, was er faselte. Zwischen all den unverständlichen Worten, glaubte er sowas wie „Komm herein“ gehört zu haben. Wieder sah er zu Felix, zuckte mit den Achseln und drückte die Klinke nach unten. Die Tür war nicht verschlossen und er öffnete sie behutsam, falls er sich doch verhört haben sollte. Im Bad brannte Licht, das Erste, was er erkannte, waren die Füße von Herrn Veith in der Badewanne.

    Allerdings trug er seine schwarzen Lederschuhe und als er die Tür weiter öffnete, erkannte er, dass er komplett angezogen in der Badewanne lag. Er trug eine braune Hose, ein graues Hemd, seine Uhr und sogar die Brille hockte auf seiner Nase. So lag er in der gefüllten Wanne, starrte die Wand an und murmelte etwas vor sich hin. Jan glaubte, dass er jetzt völlig übergeschnappt war. Da er ihn nicht zu bemerken schien, klopfte er nochmal leise an die offene Tür. Felix, der bis eben vor dem Bad gesessen hatte, kam jetzt ebenfalls hereingelaufen, setzte sich vor die Badewanne und miaute. Beides blieb unbeachtet.

    Also räusperte sich Jan und fragte: „Herr Veith, warum liegen Sie angezogen in der Badewanne?“ Der hob nicht mal den Kopf, sondern murmelte nur weiter seinen Sermon vor sich hin. Für eine Weile sah er ihn aufmerksam an. Ob er durch die tiefen Falten in seinem Gesicht wohl Essen in seinen Mund stecken könnte, fragte er sich. Dann seufzte er, ging kurz aus dem Zimmer und kam mit der Zeichnung des Schattens auf der Parkbank wieder. Er hielt sie ihm direkt vor das Gesicht. Plötzlich bewegten sich seine Hände wie mechanisch darauf zu. Da sie nicht im Wasser gelegen hatten, ließ ihn Jan zupacken.

    Der Moment, als ihre beiden Hände das Stück Papier berührten, ließ Jan einen kalten Schauer den Rücken hinunterlaufen. Fast konnte er die roboterhafte Kälte dieser Hände spüren. Schnell ließ er los und trat unwillkürlich einen Schritt zurück, wobei er den alten Veith keine Sekunde aus den Augen ließ. Der, das Papier jetzt mit beiden Händen festhaltend, runzelte die faltige Stirn, die nun jeden Moment in sich zusammenzufallen drohte. Die Erkenntnis, dass das Papier nicht von alleine in seine Hände geraten war, ließ ihn aufblicken.

    Zuerst bemerkte er die Katze, die jetzt auf den Hinterbeinen stehend, mit den Vorderpfoten auf der Wanne lehnte und ihn ansah. Er tätschelte ihren Kopf und lächelte, wenigstens schoben sich seine Mundwinkel zu Seite. Daraufhin wanderte sein Blick zu Jan, der wie erstarrt in der Ecke stand und zitterte. „Hast du mir das gebracht?“, fragt er ihn, ohne sich zu wundern, dass er einfach so in seine Wohnung eingedrungen war. „Ja“, stotterte Jan. „Das ist ein schönes Bild. Wer hat das gezeichnet? Die Katze vielleicht?“, erwiderte der alte Mann.

    Jan, völlig perplex, konnte bei der Vorstellung ein Grinsen nicht unterdrücken und gerade noch einen Lachanfall unterbinden. Er holte tief Luft und antwortete ganz nüchtern: „Das haben Sie gezeichnet, Herr Veith.“ Die Antwort schien etwas mit ihm anzustellen. Sein ganzer Ausdruck änderte sich plötzlich und nahm eine traurige Ausstrahlung an. Jan glaubte etwas sagen zu müssen und so formulierte er den erstbesten Gedanken, der ihm in den Sinn kam: „Warum liegen Sie angezogen in der Badewanne, Herr Veith?“

    Daraufhin wurde er noch trauriger und seine Augen wurden mit einem Mal ganz feucht. Jan bereute die Frage sofort und überlegte, ob er sich jetzt entschuldigen müsse. „Ich weiß es nicht!“, sagte Herr Veith plötzlich und brach in Tränen aus. Nun war die Enthaltung der Erwachsenen endgültig ausgereizt, dachte Jan, der die Nase voll hatte und schnell zu seiner Wohnung lief, um seine Eltern zu holen. Von da an ging alles ganz schnell, plötzlich waren die Erwachsenen überall im Treppenhaus und vor ihren Türen, bis schließlich die Sirenen ertönten und ein Krankenwagen und die Polizei vorfuhr.

    Jan saß mit Felix auf der Treppe vor der Wohnung von Herrn Veith und beobachtete alles aus sicherer Entfernung. Es faszinierte ihn, mit welcher Bestimmtheit die Erwachsenen solche Dinge regelten. Sie wussten instinktiv, was zu tun war. Die Sanitäter holten Herrn Veith aus der Badwanne und wickelten so eine glitzernde Decke um ihn. Dann führten sie ihn unter schrecklichem Gebrüll aus der Wohnung. Er schimpfte und beleidigte sie. Als sie mit ihm in der Türschwelle erschienen, sah er noch kleiner als sonst aus und tat Jan plötzlich leid. Zwar verstand er nicht, was mit ihm passierte, aber er wusste, dass es nichts Gutes war. Das verrieten ihm darüber hinaus auch die Gesichter der Erwachsenen, die mit betroffener, ernster Miene dem Schauspiel zusahen.

    Als Herrn Veiths Blick auf Jan fiel, der auf der Treppe saß und ihn mitfühlend ansah, verstummte er schlagartig. Er ging einen Schritt auf ihn zu. Da erkannte Jan, dass er immer noch die Zeichnung in der Hand hielt. Er streckte seinen Arm aus und hob sie ihm hin. „Gib das der Katze“, sagte er, und Jan nahm stellvertretend für Felix die Zeichnung entgegen. „Danke“, sagte er etwas verblüfft. Nachdem Herr Veith das erledigt hatte, ließ er sich ohne ein weiteres Widerwort abführen. Einige Erwachsene streichelten Jan über den Kopf und fanden lobende Worte für seinen Mut, aber der hatte nur Augen für das Bild.

    Schließlich versammelten sie sich alle auf dem Etagenabsatz unter ihm und unterhielten sich mit der Polizei. Immer wieder wurde auf ihn gedeutet, den Helden, der wie angewurzelt dasaß, Fellx streichelte und zu verstehen versuchte, was es mit dem Bild auf sich hatte. Als ihm die Stimmen zu laut wurden, stand er auf und lief nach oben in die Wohnung. Felix folgte ihm wie sein Schatten. Er ging in sein Zimmer und hängte die Zeichnung an die Pinnwand über seinem Schreibtisch, nahm Felix auf den Schoß, holte seine Malsachen aus einer Schublade und begann zu zeichnen. 

    Weitere Abenteuer von Maxi und Jan:

  • Positiv / Negativ

    „Stell dir Regen vor und versuch nicht an was Trauriges zu denken“, sagte Alissa zu mir, die am Fenster stand und mit ihren Fingern einigen Regentropfen folgte, die an der Scheibe hinunterliefen. Das klang wie eine abgedroschene Internetweisheit, aber tatsächlich konnte ich gerade an nichts Fröhliches denken, wenn ich die Tropfen so am Fenster zusammenlaufen sah. Es war dieselbe Trauer, die in Alissas Augen immer noch aufblitzte, wenn sie daran dachte, dasselbe Wasser, das in den letzten Stunden literweise daraus hervorgequollen war. Wir waren zusammen traurig, auch ich hatte geweint. Der Raum war traurig und schließlich wurde auch der Himmel traurig und weinte mit uns."

    Wir hatten seit Tagen keinen Menschen mehr gesehen, das heißt, abgesehen von uns beiden und unseren Spiegelbildern, die in dieser Zeit so schrecklich fremd wirkten. „Bin das wirklich ich“, fragte ich mich jedes Mal, wenn ich an dem Spiegel im Flur vorbeilief. Diese Wohnung war unsere Festung geworden, in der wir uns vor all dem Glück und den guten Dingen dort draußen verstecken konnten, sodass nichts unseren Schmerz lindern würde. Wir beide wollten leiden, daran gab es keinen Zweifel. Wenn wir schon traurig waren, dann aber so richtig. Keiner von uns wusste, wie lange dieser Zustand noch anhalten würde, aber wir waren uns einig, dass wir nicht einfach weitermachen konnten wie bisher.

    Nun stand sie am Fenster und starrte wieder ins Leere, das Waldstück dahinter sah sie schon lange nicht mehr und ich lag auf der Couch und starrte ein Loch in die Decke. Ich war froh, dass sie da war, es wusste, und vielleicht auch ein wenig Schuld daran hatte. Unseren Freunden hatten wir gesagt, wir wären für eine Weile bei meinen Eltern. Sie hätten es vielleicht an unserem Verhalten erraten, wenn auch nur an einem kurzen Moment der Unbedachtsamkeit, in einer kleinen Regung im Gesicht, die nicht ins Schema passte. Ja, Freunde merken sowas. Wenigstens die, die einen wirklich kennen. Das Schweigen der anderen hätte in diesem Fall aber auch nichts gebracht.

    Alissa trat vom Fenster weg und sah mich eine Weile mit ihren schönen, dunklen Augen an, so als suche sie etwas in meinem Gesicht. Was immer es war, sie fand es nicht. Also seufzte sie uns legte sich neben mich auf die Couch. Ich legte den Arm um sie und starrte weiter auf die Stelle an der Decke, die ich die letzten Tage so eingehend studiert hatte, dass ich jede Linie in der Maserung des Holzes blind hätte nachzeichnen können. Alissa atmete tief ein und blies die Luft dann mit einem langgezogenen Hauchen aus ihren Lungen, als würde sie mir sagen wollen: „Es reicht jetzt!“ Doch anscheinend reichte es nicht, denn sie neigte ihren Kopf zu mir und sagte: „Ich glaube, ich kann nie wieder aus dieser Wohnung.“ So sehr ich jetzt auch den männlichen Part dieser Beziehung übernehmen hätte wollen, um sie zu beruhigen und ihr Mut zuzusprechen, die Verzweiflung tief drinnen war größer.

    Alles, was nach dem Filter durch diese Trauerblase noch übrig blieb, war ein irgendwie gleichgültiges und gleichsam nichtssagendes Brummen, das weder etwas Gutes, noch etwas Schlechtes bedeutete. Ich hatte schlicht keine Lust, etwas zu sagen, weil selbst das Sprechen sich jetzt nutzlos anfühlte. Das Warten war das Schlimmste an der ganzen Sache. Man konnte nichts machen, bis man es wusste. Das Ergebnis würde über den Rest ihres Lebens entscheiden und daher auch über meins, wobei sich das ohnehin schon erledigt hatte. Was ich schon wusste, war für sie nur eine Möglichkeit. Sie hatte noch eine Chance, zu entkommen.

    Noch nie in meinem Leben habe ich mir einen Anruf so sehr herbeigewünscht und zur gleichen Zeit so sehr gefürchtet. Ich hatte wenigstens das Glück gehabt, es direkt zu erfahren, von Angesicht zu Angesicht. Ich war nicht darauf vorbereitet gewesen. Das ist als würde dich jemand erschießen. Wenn du es nicht kommen siehst, ist es nichts weiter. Wenn du aber weißt, dass es dich jede Sekunde treffen könnte, gehst du keinen Schritt mehr ohne diese Angst in dir. Und so war es, mich hatte der Schuss bereits getroffen und so sehr ich ihr auch zureden mochte, so wenig konnte ich ihr die Angst davor nehmen, wie es ist, erschossen zu werden. Ein Toter kann dir das Sterben ja auch nicht erklären.

    Dann schraken wir beide auf einmal auf, das laute Vibrieren eine Handys riss uns aus unserer schwermütigen Schwelgerei und krachte wie ein Schlag in die Magengrube. Jetzt war es soweit, der Moment war gekommen. Wir schnellten beide auf. Ich fühlte mich, als würde sich eine Maus durch meine Bauchdecke fressen, mein Herz hämmerte mit der Geschwindigkeit eines Presslufthammers gegen meine Rippen und versuchte zu entkommen. Ich sah zu Alissa, sie war kreidebleich, die Augen weit aufgerissen, als hätte sie gerade einen Unfall gesehen. Ihre Hände zitterten synchron zu meinem immer schneller werdenden Herzschlag.

    Das Handy, ihr Hand, lag auf dem Tisch und vibrierte, wie es schon tausende Mal zuvor vibriert hat, aber noch nie zuvor auf diese schreckliche Art und Weise. Es wollte uns sagen: „Heb mich auf, heb mich auf und ich sag dir, ob du leben oder sterben wirst.“ Alissa wollte danach greifen, zog ihre zitternde Hand aber gleich wieder zurück. Die Angst vor der Stimme am anderen Ende war lähmend. Das Handy mochte schon eine Ewigkeit geklingelt haben, aber wir konnten nur dasitzen und es anstarren. Vielleicht würde es ja aufhören zu klingeln. Nein, dachte ich, das wäre noch schlimmer. Es nicht zu erfahren oder zurückrufen zu müssen oder noch länger zu warten, das würde mich umbringen.

    Wie von mir losgelöst, schnellte mein Arm nach vorn und meine Hände schnappten sich Alissas Handy. Ich drückte den grünen Knopf, hob es ans Ohr und wartete. Am anderen Ende sagte jemand: „Hallo?“ Es war eine ernste, diskrete Frauenstimme, formell und mit nahezu kühler Distanz. „Hallo?“, fragte ich ebenfalls ins Telefon.
    „Hier ist Frau Doktor Lehmann. Herr Hermann, sind Sie das? Darf ich mit Ihrer Freundin sprechen?“, antworte die Frau am anderen Ende.
    „Sicher“, erwiderte ich, ohne mir dem Sinn meine Worte bewusst zu sein. Ich hielt das Handy immer noch am Ohr.
    Nach einer kurzen Pause sagte die Doktorin: „Frau Schneider, sind Sie dran?“ „Nein“, sagte ich ganz erstaunt, als hätte sie etwas völlig Abwegiges gesagt, als gäbe es keine Frau Schneider, nicht in diesem Zimmer, nicht in dieser Stadt, auf der ganzen Welt nicht. „Herr Hermann, ich würde gerne mit Ihrer Freundin persönlich sprechen. Ist sie da?“
    „Warum rücken Sie nicht einfach mit der Sprache raus?“, rutschte es mir plötzlich raus.

    Bevor Frau Lehmann antworten konnte, spürte ich, wie mir jemand das Handy aus der Hand riss. Es war Alissa, die sich wieder gefangen hatte und jetzt ganz souverän dreinschaute. Ich warf ihr einen fast böswilligen Blick zu und sprang auf. Ich musste mich bewegen, die Spannung war unerträglich. Also lief ich im Kreis um die Couch und summte irgendeine Melodie, um das Gespräch nicht mitzubekommen. Das funktionierte nur bedingt, denn nachdem sich Alissa für mein Benehmen entschuldigt hatte, folgte ein langes, aufmerksames Schweigen ihrerseits.

    Ich verstummte und hörte hin, versuchte den Sinn der verzerrten Worte der Doktorin zu verstehen und gleichzeitig an Alissas Gesichtszügen zu validieren. Wahrscheinlich nervte sie Alissa mit ihrem typischen Doktoren-Gewäsch, mit dem sie einen quälen, bevor sie auf den Punkt kommen, der eigentlich in einem Satz hätte dargelegt werden können. Das konnte nichts Gutes bedeuten, dachte ich. Bei einer guten Nachricht reden die nicht so viel, schlussfolgerte ich und wurde noch nervöser. Ich lief auf und ab, ließ Alissa jedoch nicht aus den Augen. Dann formte sich plötzlich ein kaum merkliches Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie lächelte nur ganz wenig, nicht mal mit dem Mund, aber die Trauer war für einen Moment aus ihren Augen verschwunden und signalisierte mir, dass alles gut werden würde.

    Würde es das? Mir wurde auf einmal schwindelig und meine Beine sackten ein. Schnell ließ ich mich aus das Sofa fallen. Wenn Alissa davongekommen war, ich aber nicht, was würde das dann für unsere Beziehung bedeuten? Sie war frei, ich war es nicht. Sie könnte mich jederzeit verlassen, einfach ihre Sachen packen und abhauen, das alles vergessen und neu anfangen. Ein mir bis dahin unbekannter Egoismus suggerierte mir, dass es besser gewesen wäre, wenn sie es auch gehabt hätte. Ein solcher Zorn auf sie kochte in mir hoch, dass ich schlagartig von der Couch aufsprang und ins Bad lief, wo ich mit voller Wucht gegen die Wand schlug. Ich warf den Deckel der Toilette runter, setzte mich hin und betrachtete mich in dem großen Spiegel, der an der Tür hing.

    Ich fühlte mich elendig: „Was hast du geglaubt? Du bist doch selbst daran schuld! Du kannst gottfroh sein, wenn sie es nicht hat!“ Erst, als ich Alissas Schritte im Flur hörte, verschwanden die Vorwürfe und der Zorn und ich fühlte mich so mies für das, was ich eben gedacht hatte. Sie konnte nichts dafür, sie war so lieb, so wundervoll, so gut zu mir. Was konnte sie für meine Vergangenheit? Es klopfte leise an der Tür. „Bist du da drin?“, drang ihre liebevolle, wunderbare Stimme zu mir. „Ja, verdammt, ich bin hier drin! Lass mich und geh fort. Ich hab dich nicht verdient!“, wollte ich rufen. Stattdessen bekam ich nur ein bemitleidenswertes „Ja“ hervor. „Kann ich reinkommen?“, fragte sie schließlich.

    Natürlich konnte sie das, nichts wollte ich jetzt mehr als eine Umarmung von ihr. Und da war sie schon. Sie öffnete die Tür, sah mich dort sitzen, kam zu mir gelaufen und drückte meinen Kopf an ihren Bauch und streichelte mich sanft mit ihren weichen Händen. Da konnte ich es nicht länger an mich halten und heulte los wie ein Schlosshund, während sie mir mit beiden Händen durch die Haare fuhr und einfach schwieg. „Bist du okay?“, fragte ich, ohne das Gesicht von ihrem Bauch zu nehmen.

    „Negativ.“

    „Oh Gott, danke! Danke!“, ich spürte plötzlich eine unbändige Freude in mir, sprang auf und drückte und küsste sie. „Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn…Es tut mir so leid, dass du das durchstehen musstest…ich meine, du kannst ja nichts dafür, dass ich so…so fahrlässig war und…ich fühle mich so schlecht, aber ich freue mich so für dich…“

    „Ssssch“, unterbrach sie mich und küsste mich auf den Mund. In meinem Kopf waren so viele Dinge, die sich in mir angestaut hatten, in den letzten Tagen und Wochen. Das alles drängte sich jetzt dort drin und wollte in einem wirren, unverständlichen Redeschwall ausbrechen . Aber sie hob mir nur den Finger an den Mund und sagte: „Ich liebe dich! Punkt. Aus.“

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  • Ein dummer Zufall

    Ein fremder Typ läuft in eine Bar und sieht diesen anderen Kerl, ein Stammgast, ein Trinker. Er hockt sich zu ihm an den Tresen, winkt dem Kellner zu und bestellt ein Bier. Der andere bemerkt ihn gar nicht. Er hängt über seiner Flasche wie ein Baby, das beim Brustfüttern eingeschlafen ist und zählt die Wasserflecken auf dem Tresen. Der Kellner bringt das Bier und fragt den Fremden, ob er von hier sei, er habe ihn noch nie gesehen. Der Fremde verneint und schweigt, sodass der Kellner sich wieder zurückzieht und die Gläser putzt.

    Es sind kaum Gäste anwesend, aus einem abgetrennten Bereich hört man Münzen in einen Automaten fallen, dann das widerholte, schnelle Tippen auf einen Knopf. In der Ecke hinten hocken zwei Gestalten und flüstern. Von draußen bekommt man nichts mit, die Türen und Fenster sind geschlossen. Nur ein wenig Tageslicht gelangt ins Innere. Es ist schwül und stickig. Der Trinker zieht die Nase hoch und regt sich, wälzt seinen Kopf auf seinen Arm und verstummt wieder.

    Eine Fliege landet auf seinem Kopf und erkundet seine Halbglatze. Der Fremde bemerkt das und hebt vorsichtig die Hand vom Glas. Der Kellner sieht auf und sieht den Fremden die Hand heben. Er schaut ihm neugierig zu. Der Trinker liegt wie tot auf dem Tresen und bekommt von alledem nichts mit. Langsam bewegt sich die Hand des Fremden zum Kopf des Trinkers hin. Der Kellner macht ein zischendes Geräusch mit dem Mund, schüttelt den Kopf und wackelt mahnend mit dem Zeigefinger.

    Ohne ihn zu beachten, führt der Fremde seine Hand in die unmittelbare Nähe des Kopfes des Trinkers, hebt die Hand, atmet kurz durch und führt eine blitzschnelle Bewegung aus mit der er die Fliege vom Kopf des Trinkers wegschnappt. Er hält die geschlossene Faust vor sich hin und grinst. Plötzlich rührt sich der Trinker, rafft sich auf und sieht den Fremden an. Warum er das getan habe, will er wissen.

    Weil er die Fliege schnappen wollte, erwidert dieser. Welche Fliege, möchte der Trinker von ihm wissen. Die Fliege in seiner Hand, teilt ihm der Fremde mit. Der Trinker sieht ihn grimmig an. Wenn dort keine Fliege in seiner Hand ist, beginnt er lallend zu drohen, werde er ihn umbringen. Der Fremde grinst ihn gelassen an und versichert ihm, die Fliege sei in seiner Hand. Er könne sie ihm aber nicht zeigen, weil sie sonst davonfliegen würde und er ihn dann umbringen müsste.

    Der Trinker wird rot, Blut steigt ihm in den Kopf. Er würde ihn nur umbringen, wenn dort keine Fliege in seiner Hand sei. Würde die Fliege aber davonfliegen und er es sehen, so wäre das Beweis genug, legt er ihm lallend auseinander. Die zwei Gestalten in der Ecke heben die Köpfe und hören zu. Der Kellner schaut verunsichert hinter seinen Gläsern hervor. Im Separee hört man weitere Münzen in den Automaten fallen.

    Er könne ihm nicht trauen, sagt der Fremde schließlich. Der Trinker wird immer röter im Kopf, auf seiner Stirn zeichnen sich deutlich die Adern ab. Er plustert sich auf und will etwas sagen, als der Kellner dazwischen geht und die Streithähne zu beschwichtigen versucht. Er habe die Fliege auch gesehen, versichert er dem Trinker und bittet den Fremden höflich, sie nun endlich preiszugeben. Dieser verneint vehement und beharrt darauf, dass der Trinker ihn dann umbringe.

    Die zwei Gestalten in der Ecke beginnen wieder zu flüstern, verfolgen aber weiterhin das Geschehen an der Bar. Der Trinker, jetzt völlig außer sich, schreit den Fremden an, er solle die Hand auf den Tisch legen und sie öffnen. Seinem Befehl folgend, legt er zwar die Hand mit der Fliege auf den Tisch, öffnet sie aber nicht. Er drückt die Hand so auf den Tisch, dass die Mücke nun unter seiner Handinnenfläche gefangen ist.

    Der Trinker starrt wie von Sinnen auf den Tisch, der Kellner sieht gespannt hin. Plötzlich schnappt der Trinker sich ein scharfes Pizzamesser aus dem Besteckglas und rammt es mit voller Wucht in die Hand des Fremden. Der schreit wie am Spieß, als das Messer durch seine Hand schießt und im Holz stecken bleibt. Er flucht und beschimpft den Trinker, der ihn ungläubig ansieht.

    Die beiden Gestalten in der Ecke springen auf, legen Geld auf den Tisch und verschwinden durch den Hintereingang. Das Klicken am Automaten verstummt. Der Kellner läuft zum Telefon. Die Situation ist angespannt, der Trinker wie versteinert, der Fremde zittert und bebt vor Schmerz. Man hört ein Fenster aufgehen und wie jemand im Separee die Flucht ergreift. Aus dem Hinterzimmer ist die aufgeregte Stimme des Kellners zu hören. Er legt auf.

    Der Trinker fasst sich an den Kopf und ruft wiederholt aus, was er getan habe. Der Fremde traut sich nicht, das Messer aus seiner Hand zu ziehen und droht jeden Moment in Ohnmacht zu fallen. Der Kellner kommt zurück und sagt, er habe die Polizei und einen Krankenwagen verständigt. Wieso er die Polizei gerufen habe, schnauzt ihn der Trinker an. Weil er so etwas melden müsse, erwidert der Kellner. Welches Gesetz das vorschreibe, will der Trinker wissen. Die beiden werden durch einen schmerzerfüllten Schrei unterbrochen.

    Der Fremde ist frei und taumelt umher. Er läuft ins Separee. Der Kellner nimmt ein frisches Handtuch und springt über die Theke, läuft ihm nach. Der Trinker bleibt sitzen und bricht in jammervolles Weinen aus. Im Automatenzimmer taumelt der Fremde umher, will sich setzen und verfehlt einen Stuhl. Er landet mit dem Hintern auf den Knöpfen eines Automaten. Ein Getränk fällt runter und zerbricht. Der Automat, an dem vorhin der Gast gespielt hatte, geht los. Die Zahlen und Früchte drehen sich, während der Fremde zusammensackt.

    Der Kellner sieht ihn ängstlich an, dann driftet sein Blick zum Automaten. Seine Augen werden großen. Plötzlich ertönt eine triumphierende Melodie und massenweise Münzen fallen aus dem Automaten direkt auf den Fremden, der unter ihnen begraben wird. Jackpot, ruft der Kellner verwirrt und lässt das Handtuch fallen. Der Trinker erscheint mit verweintem Gesicht in der Tür. Er sieht die Szenerie und beginnt hysterisch zu lachen.

    Vorne stürmen zwei Polzisten mit gezogener Waffe in die Bar. Sie sehen das blutige Messer auf dem Tresen liegen. Vorsichtig gehen sie auf das Separee zu, aus dem Stimmen zu hören sind. Der Trinker bemerkt sie zuerst und erschreckt sich so sehr, dass er laut aufschreit. Was er habe, fragt ihn der Kellner und sieht die beiden Polizisten. Unwillkürlich reißt er die Arme in die Luft. Einer der Polizisten kommt ins Separee gelaufen und sieht den am Boden liegenden Fremden, auf den immer noch einzelne Münzen fallen.

    Draußen hört man einen Krankenwagen herfahren. Was passiert sei, fragt der Polizist ernst. Der Trinker beginnt wieder zu weinen. Der Kellner senkt langsam die Hände und antwortet nicht. Was passiert sei, wiederholt der Polizist seine Frage mit Nachdruck. Ein dummer Zufall, sagt der Trinker mit weinerlicher Stimme. Sanitäter kommen in die Bar gelaufen. Der andere Polizist lotst sie zu dem Verwundeten. Was passiert sei, fragen sie die Anwesenden. Ein dummer Zufall, bestätigt der Polizist.

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  • Das Ende einer Fliege

    Es war früh am Sonntagmorgen, der alte Kuhn saß über seiner Tageszeitung und wunderte sich über das Wetter der nächsten Tage. Mit aller Zeit der Welt schlürfte er seinen Kaffee und ließ seinen Blick immer wieder über die Terrasse auf seinen kleinen Garten schweifen, der in einem saftigen Grün mit lilafarbenen, gelben und orangen Akzenten in voller Pracht blühte. Er war sehr mit sich und seiner Gartenarbeit zufrieden, nur die für Ende April ungewöhnlich warmen Temperaturen störten ihn. Die Hitze vertrug er in seinem Alter sowieso nicht mehr, und wenn sie dann noch so früh anfing, würde es ein langer, harter Sommer werden.

    In solchen Momenten dachte er immer an seine Hannelore, die vor über 4 Jahren gestorben war. Sie hatte es auch an den wärmsten Sommertagen, mit 35 Grad und mehr, geschafft, das Haus kühl zu halten. Er seufzte, über die Erinnerung und in Enttäuschung über sich selbst. Das Alter hatte ihn förmlich an dieses Haus gebunden. Selbst der Weg zum Bäcker, der nur einige hundert Meter die Straße hinunter lag, glich einer Alpenüberquerung. Wenn nur seine Beine wieder so kräftig wie früher wären, er würde um die ganze Welt gehen, alles nachholen, was er sich einst in seinen jungen oder alten Kopf gesetzt hatte und das Leben so richtig genießen.

    Jetzt musste er vom Leben in seiner dem Tod geweihten Tageszeitung lesen, die wahrscheinlich bald vom Verleger eingestellt würde, weil er zu den wenigen, übriggebliebenen Stammeslesern gehörte. Aber mit dieser neumodischen Technik, Internet und all das, wollte er nichts zu tun haben. Dann lieber die Tagesschau. Vielleicht war es der Kaffee oder ein plötzlicher Anfall von Fieber, aber ihm war auf einmal so heiß geworden. Er schob den Stuhl nach hinten, stemmte die Hände auf die Tischkante und stand vorsichtig auf. Dann lief er die paar Schritte zur Terrassentür und öffnete sie, um etwas frische Luft reinzulassen.

    Doch statt der erhofften Abkühlung war ihm, als hätte er die Tür zu einer Dampfgrotte geöffnet. Die warme, stickige Luft war so dick, dass sie klötzchenweise in die Küche fiel. Nicht einmal der leichte Regenschauer heute Nacht hatte für Abkühlung gesorgt. Er dachte, ein Durchzug würde es vielleicht besser machen, lief ins Wohnzimmer, öffnete dort beide Fenster und kehrte wieder in die Küche zurück. Tatsächlich war es nun ein bisschen erträglicher, aber er wollte sich gar nicht ausmalen, wie es heute Abend erst werden würde und wie er einschlafen sollte.

    Sich die ersten Schweißtropfen mit seinem Taschentuch von der Stirn wischend, setzte er sich wieder an seinen Frühstückstisch und widmete sich der Lektüre eines Artikels, den er vorhin schon hatte beginnen wollen. Es ging um den US-Präsidenten Donald Trump, der wieder irgendetwas getan oder gesagt hatte. „Idiot“, schimpfte er innerlich in Ermangelung eines Zuhörers. Was ihn fast noch mehr aufregte, als dieser Trump, war die Tatsache, dass die deutschen ein übersteigertes Interesse für alles entwickelt hatten, was aus den USA kam: Essen, Filme, Musik, Technik.

    Mit großem Stolz dachte er an seinen bar gezahlten Mercedes, der frisch poliert und gewachst in der Garage stand. „Das machen sie uns nicht nach“, grummelte er mit patriotischem Ehrgefühl. Dann las er weiter, als plötzlich die Tinte zu verlaufen schien. Ein schwarzer Fleck hatte sich mitten in der Zeile gebildet. Er nahm seine Lesebrille ab, um zu prüfen, ob sie sauber war. Dann rieb er sich die Augen mit dem Taschentuch, hob die Brille eine Handbreite von seiner Nase entfernt vor die Augen, schaute nochmal hindurch und setzte sie wieder auf. Der Fleck war immer noch dort, an seinen Augen hatte es nicht gelegen.

    Jetzt bewegte er sich sogar! Ungläubig bewegte er seinen Finger in Richtung des Flecks, als dieser schlagartig die Flucht ergriff, wegflog und sich woanders niederließ. „Sowas!“, schimpfte Kuhn, dem jetzt klar wurde, was der Fleck in Wirklichkeit war. Wenn er eines auf der Welt hasste, dann waren es Fliegen. Seine alten Augen mochten nicht mehr die besten sein, aber seine Hände konnten noch flink sein, wenn er wollte. Er verfolgte die Fliege, die sich in ruckartigen Bewegungen über die Zeitung bewegte, bis sie anhielt, um sich zu putzen. Vorsichtig hob er die flache Hand, bis sie direkt über der Fliege war, wartete kurz und ließ sie mit voller Wucht auf den Tisch niedergehen. „Ha!“, rief er in eiliger Vorfreude aus, rollte die Hand nach rechts auf, um sein Opfer in Augenschein zu nehmen. „Du Mistfliege!“, rief er wutentbrannt aus, als er merkte, dass dort kein zerquetschter Fliegenbrei auf dem Kopf von Donald Trump war.

    Für einen Moment überlegte er, wie es wäre, den US-Präsidenten tatsächlich zu ohrfeigen. Dann erinnerte er sich wieder an den Feind in seinem Haus und suchte in hastigen Kopfbewegungen erst den Tisch, dann den Raum ab. Als er nichts entdeckte, glaubte er, die Fliege nach draußen gescheucht zu haben. Da die offene Tür den Innenraum sowieso nur noch mehr aufhitzte, beschloss er, sie wieder zu schließen. Wieder mühsam vom Tisch erheben und zur Tür laufen. Auch die Fenster im Wohnzimmer mussten wieder geschlossen werden, um nicht noch mehr Fliegen ins Haus zu lassen. Erst gestern war sein Sohn hier gewesen und hatte alles mit zwei Flügeln verscheuchen oder erschlagen müssen. Diese Viecher trieben ihn noch mal in den Wahnsinn.

    Nachdem alle Fenster geschlossen waren, räumte er sein Geschirr in die Spülmaschine, nahm die Zeitung vom Tisch, ging ins Wohnzimmer und setzte sich auf seinen Lesesessel am Fenster. Hier wollte er in aller Ruhe seinen Artikel zu Ende lesen. Bei jeder Bemerkung des Verfassers, die ihm missfiel, drückte er seine Verstimmung durch ein Räuspern, ein Grummeln oder ein Zerren an den Zeitungsseiten aus. Der Artikel war sehr lang und manches musste er zweimal lesen, um sicherzugehen, dass er alles richtig verstanden hatte. Manchmal traute er seinen Augen und seinem Verstand nicht mehr, insbesondere, wenn die beiden zusammenarbeiten mussten wie jetzt.

    Als er gerade einen Satz zum zweiten Mal durchlas, hörte er sein verdächtiges Surren, das sich nervös durch den Raum bewegte. Sofort ließ er die Zeitung sinken und suchte den Raum ab. Erst war es irgendwo am Fernseher, dann an der Vitrine mit dem guten Geschirr, vorbei an den Familienbildern über der Kommode und dann war es still. Gespannt suchten seine Augen jeden Quadratzentimeter des Raumes ab. Am liebsten wäre er mit einem Flammenwerfer einmal durch das ganze Wohnzimmer gestürmt, um dieses Scheißvieh ein für allemal in die Hölle zu schicken.

    Er faltete die Zeitung zusammen und warf sie auf den Beistelltisch neben seinem Sessel. Der Luftzug der fallenden Zeitung scheuchte die Fliege wiederum auf, die dort irgendwo gesessen haben musste. Dieses Mal erfasste sein wacher Geist die Bewegung gleich und folgte ihr durch die Luft. Die Fliege schien eine Art Acht zu fliegen, machte kehrt und setzte sich direkt auf die Lehne seines Sessels. „Dieses Mal entkommst du mir nicht“, sagte er zu sich selbst, aber an die Fliege gerichtet. Mit der rechten Hand fuhr er langsam auf der anderen Seite des Sessel nach unten, wo in einem Zeitungsständer eine Fliegenklatsche mit Stromnetz steckte, die ihm sein Sohn auf den Wunsch hin, das brutalste Mordwerkzeug für fliegendes Ungetier zu besorgen, gekauft hatte.

    Er ließ die Fliege nicht aus den Augen. Hätte ihn in diesem Moment jemand beobachtet, so hätte er vorsorglich die Polizei rufen müssen, so viel mörderische Lust zeigte sich in seinem ganzen Gesichtsausdruck. Sein rechter Mundwinkel zog sich nach oben und formte ein merkwürdiges Lächeln, während sein linkes Auge leicht zuckte. Woher dieser Hass für Fliegen rührte, das konnte er sich selbst nicht beantworten. Er erinnerte sich nur an einen Vorfall aus seiner frühesten Kindheit, die von Armut und Hunger geprägt war, in der ihm eine Fliege seinen Geburtstag versaut hatte.

    Seine Eltern waren zu dieser Zeit so arm gewesen, dass sein Geburtstagskuchen ein Küchlein, das nicht einmal an die Größe eines Muffins heranreichen konnte, mit einer einzigen Kerze, die sein Vater aus Wachsresten aus dem Dorf zusammengegossen hatte, bestanden hat. Er war so glücklich über dieses kleine, zuckerige Etwas, dass er es durchs ganze Dorf trug, um es all seinen Freunden zu zeigen. Irgendwann saß er mit seinem besten Kumpel Karlheinz am Pferdestall dessen Vater und wollte sich das Küchlein mit ihm teilen, als eine Fliege, die einen Moment zuvor auf einem Pferdeapfel, der direkt vor ihnen lag, gesessen hatte, direkt darauf landete.

    Aus einem dummen Reflex heraus, der dazu dienen sollte, die Fliege abzuschütteln, hatte er losgelassen und sein Geburtstagskuchen war direkt in dem Haufen Pferdeäpfel gelandet, von dem die Fliege aufgeflogen war. Dieser Moment hatte sich in seinen Kopf gebrannt, und selbst heute, über 70 Jahre später, kamen ihm noch die Tränen, wenn er daran dachte. Der Hass, den diese Erinnerung in ihm hochkochen ließ, verlieh ihm neue Kraft. Das Aufstehen vom Sessel fiel ihm plötzlich so leicht wie vor 20 oder 30 Jahren. Mit der Elektrofliegenklatsche bewaffnet, lief er durch das Zimmer und verfolgte die Fliege.

    Sie landete auf dem Couchtisch, kurz darauf krachte sein ganzer Zorn auf sie nieder. Sie entwischte, setzte sich auf das Sofa. Ein brachialer Schlag sollte sie töten. Wieder entkam sie, flog auf die Rücklehne seines Sessels. Die zwei letzten Schläge hatten sein Herz so auf Touren gebracht, dass er erstmal gut durchschnaufen musste und seine Brust mit der freien Hand hielt. „Ich werde dich umbringen und wenn es das Letzte ist, was ich tue!“, sagte er zu der Fliege, die unbeeindruckt auf seinem geliebten Lesesessel herumkrabbelte. „Hiaah“, entfuhr es ihm, als er glaubte, sein Herz würde aufhören zu schlagen. Ihm war so, als hätte es einen Schlag ausgesetzt.

    Er ließ sich auf das Sofa fallen und hob sich die Brust. Jetzt kam zu der Anstrengung noch das Adrenalin hinzu, die Angst, tot umzufallen. Er schnaufte, hielt seine Brust an der Stelle, unter der sein Herz schlug, sah zum Sessel herüber und verfluchte die Fliege. Die sprang wie zur Antwort kurz auf, flog im Kreis und setzte sich wieder hin. Die Dreistigkeit ließ ihn für einen Moment auflachen, die ganze Situation war so absurd, dass er kurz vergaß, weshalb er sich so aufregte. Dann fiel es ihm wieder ein und er nahm ein Kissen in die Hand, visierte die Rückenlehne an und warf es auf die Fliege.

    Natürlich war diese schon längst wieder weg, als das Kissen an der Kante abprallte und auf die Sitzfläche taumelte. Er sah ihr nach, wie sie eine Runde durch das Wohnzimmer drehte und dann in Richtung Küche verschwand. Jetzt aufzustehen und ihr nachzulaufen, wäre sein sicherer Tod gewesen. Er musste sich erst etwas ausruhen. Er drehte die Hüfte auf der Couch, hob mit einer geschickten Bewegung die Beine nach oben und legte sich der Länge nach hin. Das war zu viel für einen alten Kerl wie ihn.

    Es dauerte keine fünf Minuten, bis er weggenickt war. In seinem Traum sah er eine riesige Fliege die ihn durch ein gigantisches Wohnzimmer jagte. Er drehte und wandte sich, schüttelte den Kopf, „das kann nicht wahr sein!“, rief er und war plötzlich wach, die Augen auf die Holzdielen seines Wohnzimmers gerichtet. Er sah zu der Uhr über dem Fernseher, es war kurz nach halb Zehn. Hatte er von der Fliege geträumt oder die Fliege von ihm? Er rollte sich zur Seite, rutsche ganz an die Kante des Sofas, drehte sich über die Hüfte in eine sitzende Position und sah sich um.

    Seine Fliegenklatsche lag auf dem Boden. Das Kissen, das er vorhin auf die Fliege geworfen hatte, verharrte in einer unnatürlichen Position in seinem Lesesessel. Die Zeitung wartete darauf, dass er weiterlesen würde. Aber er hatte noch etwas zu erledigen. Er wäre kein Mann, wenn er nicht zu Ende brachte, was er angefangen hat. Die Fliege musste sterben, daran gab es keinen Zweifel mehr. Er würde kein Fenster öffnen, bevor nicht die Fliege zappelnd und zuckend ihren letzten, jämmerlichen Moment im elektrisierten Netz seiner Fliegenklatsche verlebt hatte. Und wenn er heute sterben sollte, die Fliege würde er mitnehmen.

    Sie stand symbolisch für alle Fliegen, die tagtäglich auf der ganzen Welt einen Menschen tyrannisierten, sie war die teuflische Reinkarnation der Fliege, die ihm damals seinen Geburtstag ruiniert hatte. Mit frischer, aus Zorn erwachsener Kraft raffte er sich auf, hob den Schläger vom Boden auf und marschierte in die Küche. Es war trügerisch still. Keine Spur von der Fliege. Mitten in der Küche hielt er inne, spitzte die Ohren und sah sich um. Sie konnte überall sein oder nirgends. Vielleicht hatte sie längst ein undichtes Schlupfloch gefunden und war in die Freiheit entwischt. Mit penibler Kleinlichkeit prüfte er alle Fenster, alle Türen im Haus, ob nicht irgendwo ein Spalt war, durch den sie hätte entkommen können.

    Nachdem er sich versichert hatte, dass das Haus hermetisch abgeriegelt war, kehrte er in sein Basislager im Wohnzimmer zurück und plante die nächsten Schritte. Er nahm ein Blatt Papier, einen Bleistift und setzte sich auf die Couch, schob den Beistelltisch zu sich und fing an, eine Skizze des Hauses zu zeichnen. Was er tun musste, war die Fliege in einem kleinen, übersichtlichen Raum mit sich einzusperren, wo sie nirgends in Sicherheit vor ihm war.

    Die Küche war zu unübersichtlich und die Gefahr, etwas kaputt zu machen, zu groß. Er strich sie weg. Das Wohnzimmer hielt zu viele Stolperfallen bereit, er wollte kein Risiko eingehen. Mit einem großen X strich er es aus. Blieben noch das Schlafzimmer, sein altes Arbeitszimmer, das Bad, der Flur und die Gästetoilette. Sein Arbeitszimmer strich er sofort weg, diese Ehre hatte die Fliege nicht verdient. Im Schlafzimmer brauchte sie nur auf den Kleiderschrank zu fliegen und er würde nicht mehr an sie herankommen. Also ebenso keine Option. Im Bad war die Gefahr, zu stürzen, ebenfalls zu groß. Weg. Die Vollstreckung der Todesstrafe musste also entweder im Flur oder der Gästetoilette vollzogen werden.

    Nach kurzem Abwägen, beschloss er, der Flur sei zu lang, strich ihn weg und machte einen Hacken auf der Gästetoilette. Nun musste er die Fliege nur noch dort hinlocken. Womit lockt man eine Fliege an? Die Antwort lag auf der Hand. Er brauchte nur an jenen verhängnisvollen Tag aus seiner Kindheit zu denken. Dabei kam ihm nicht der Kuchen in den Sinn, sondern die Pferdeäpfel. „Hannelore – Gott hab sie selig – das hättest du mir nie durchgehen lassen!“ Wie oft hatte sie ihn ermahnt, die Tür zu schließen, wenn er auf der Toilette saß. Heute nicht. Er ging auf die Gästetoilette, ließ die Tür mit Absicht offen und verrichtete in vollster Zufriedenheit sein Geschäft.

    Nachdem er kurz mit sich gerungen hatte, ob er spülen sollte oder nicht, entschied er sich dafür, dass der Geruch reichen würde, spülte, wusch sich die Hände und machte sich auf den Weg in die Küche. Dort holte er ein Einmachglas, das noch einen Deckel hatte, öffnete den Kühlschrank, brach ein Stückchen von dem Kuchen ab, den er für heute Mittag gekauft hatte, legte es hinein und ging zurück zur Gästetoilette. Dort stellte er das Glas auf den Fenstersims und steckte den Deckel in seine Tasche.

    Im Wohnzimmer bewaffnete er sich dann mit seiner Fliegenklatsche und ergänzte in der anderen Hand sein Taschentuch, mit dem er nach der Fliege schlagen wollte, sollte sie sich an die Decke setzen. Nun ging er systematisch, Raum für Raum, sein ebenerdiges Haus ab, das er und Hannelore in weiser Voraussicht auf das Alter vor zwanzig Jahren gekauft hatten. Er schob die Fliegenklatsche in jede Rille und schlug mit dem Taschentuch auf jeden Schrank, der zu hoch war, um ihn einzusehen, um sie hervorzulocken. War er sich ganz sicher, dass die Fliege nicht in einem Raum war, verschloss er ihn hinter sich. Zum Glück war das Haus einer dieser verschachtelten Altbauten, in denen man noch jedes Zimmer durch eine Tür verschließen konnte.

    Das Wohnzimmer war fliegenfrei, ebenso die Küche. Das Bad war schnell abgesucht und ebenso fliegenfrei wie die anderen beiden Räume. Jetzt vermutete er die Fliege in seinem Arbeitszimmer, was ihn besonders wütend machte. Er stellte sich vor, wie sie auf seinen Büchern herumkrabbelte mit ihren widerlichen, kotverschmierten Füßen. Leider gab es dort in den Bücherregalen zwischen den Büchern viele Verstecke für ein winzige Fliege, von denen er keines ausließ. Bestimmt eine halbe Stunde verbrachte er damit, das Zimmer abzusuchen. Erst dann war er sich sicher, dass sie nicht hier war.

    Erleichtert und etwas demotiviert ging er weiter ins Schlafzimmer. Wenn sie dort nicht war, wusste er nicht mehr weiter. Er sah unterm Bett nach, nahm einen Stuhl und spähte sogar auf dem Kleiderschrank nach ihr. Dann zog er die Gardinen auf, schüttelte die Bettwäsche durch und öffnete jede Schublade der Anrichte. Nirgends auch nur die leiseste Spur von einem ungewollten Mitbewohner. Sie war nicht hier und er verschloss auch dieses Zimmer. Jetzt stand er im Flur, dem einzigen Ort, am dem sie noch sein konnte, wenn sie ihn nicht durch eine clevere List getäuscht hatte.

    Einen Augenblick lang zweifelte er an seiner mentalen Gesundheit und fürchtete Alzheimer zu bekommen. Vielleicht war nie eine Fliege in seinem Haus gewesen. Etwas durcheinander stand er im da, den Kopf schüttelnd und schimpfte mit sich selbst. Da nahm er im Augenwinkel plötzlich eine Bewegung an der Decke war. Etwas war gerade von der Deckenlampe aufgeflogen und auf der Heizung gelandet. „Ha! Wer ist hier verrückt!“, schrie er und rannte, sein Taschentuch durch die Luft schwingend, los. Die Fliege ergriff sogleich die Flucht nach vorn, die sie nicht weiter führen konnte als zur Gästetoilette, die am anderen Ende des Flurs lag. Als er sah, in welche Richtung sie flog, beglückwünschte er sich innerlich bereits zu seinem Triumph. Und als hätte er ihren Geist manipuliert, flog sie direkt in seine Falle.

    Er eilte hinterher und riss sogleich die Tür hinter sich zu. Jetzt hatte ihr letztes Stündlein geschlagen. Mit seinem besten Siegerlächeln scannte er die winzige Toilette nach seiner Beute ab. Schließlich fand er sie – und er staunte nicht schlecht über den reibungslosen Ablauf seines Plans – in dem Einmachglas mit dem Kuchen. Er ließ sein Taschentuch fallen und suchte mit zittriger Hand nach dem Deckel, den er vorhin in irgendeiner seiner Hosentaschen verstaut hatte. Als er ihn fand, hielt er den Atem an, hob die Hand hoch über das Glas und ließ sie mit einer Schnelle herabschießen, die er selbst nicht von sich erwartet hätte. Alles ging so schnell, dass er seinen eigenen Bewegungen nicht folgen konnte. Doch das panische Surren der gefangen Fliege verriet ihm, dass er sie genau dort hatte, wo er sie wollte.

    Sie schwirrte im Glas umher, schlug immer wieder gegen den Deckel, landete, suchte die Wände nach einem Ausgang ab, flog erneut los, prallte hart gegen die Kante und blieb sitzen. Der alte Kuhn ließ den Deckel nicht los, fasste das Glas mit der anderen Hand, schraubte ihn fest und hob es dann direkt vor sein Gesicht. Selten musste sich ein Mensch über eine derartige Kleinigkeit so gefreut haben. Sein triumphierendes Lächeln sah monströs groß aus durch das Glas. Dann zog er es noch näher zu sich, um die Fliege genau sehen zu können. Ein grüner Schimmer zog sich über ihren Rücken und er glaubte sich zu erinnern, dass die Fliege von damals ebenso grün geschimmert hatte. Umso größer war die Freude, sie nun bis zum bitteren Ende quälen zu können.

    Es musste lang und schmerzhaft sein. Den schnellen Tod durch einen Elektroschock hatte sie nicht verdient. Er nahm seine Sachen und ging samt der Fliege, die immer wieder panisch durch das Glas flog, in die Küche. Dort setzte er sie auf dem Tisch ab und betrachtete sie. Er dachte an all die vielen Möglichkeiten, die er jetzt hatte, sie zu töten. Er könnte vorsichtig den Deckel abschrauben, seine Fliegenklatsche mit dem Netz auf die Öffnung legen und die Fliege so lange dagegen fliegen lassen, bis sie sterben würde. Dann, wenn sie hoch halbwegs am Leben war, würde er sie seinen Goldfischen im Teich zum Fressen geben.

    Oder er könnte das Glas langsam mit einem Feuerzeug erwärmen oder ein kleines  Loch hineinschneiden, durch das er Rauch hineinließ. So viele Ideen schossen ihm durch den Kopf, dass er sich tausende Einmachgläser wünschte. Er könnte das Mistvieh auch erstmal eine Weile in die Sonne stellen und es brutzeln lassen, bis er sich entschieden hatte, wie er die Fliege töten würde. Trotz seiner wahnsinnigen Blicke hatte sich die Fliege nun etwas beruhigt und machte sich wieder über den Kuchen her. Was blieb ihr auch anderes übrig?

    Da klingelte es auf einmal an der Tür. Kuhn bekam auf einmal Mitleid mit der Fliege und wollte sie freilassen, als es nochmal klingelte. Er stand auf, sah zum Tisch, dann zur Tür und beschloss, die Fliege gleich freizulassen, nachdem er nachgesehen hatte, wer dort so energisch klingelte. Durch das Milchglas in der Tür erkannte er zwei kleine Gestalten, die sich vor der Tür drängten und schubsten. Jetzt wusste er, wer es war. Die Klingel ging nochmal und er rief: „Ich komm ja, ich komm ja!“ Er eilte zur Tür, machte auf und schon sprangen ihm die Zwillinge seines Sohnes in den Arm.

    „Opa“, riefen Tim und Tom gleichzeitig. „Nicht so wild mit eurem alten Opa, ihr zwei. Hallo! Schön, dass ihr hier seid. Wo ist euer Papa?“ Er wusste genau, dass die zwei in den Garten wollten, um die Fische zu füttern, das war ihre Lieblingsbeschäftigung bei Opa. „Kommt gleich!“, sagte Tim und fragte sofort: „Dürfen wir in den Garten, Opa?“
    „Na geht schon, das Futter ist im Schuppen.“
    Und schon rasten die beiden an ihm vorbei in Richtung Terrasse.

    Kuhn blieb an der Tür stehen und wartete auf seinen Sohn, der mit seiner schwangeren Frau nicht mit den Zwillingen mithalten konnte. Während die drei sich an der Tür unterhielten, fand im Garten die Vollstreckung der Todesstrafe statt, von der Kuhn die Fliege eigentlich freigesprochen hatte. Bei all dem Trubel hatte er ganz vergessen, dass in der Küche ein Einmachglas mit einer lebendigen Fliege stand. Für jeden kleinen Jungen war das wie ein Sechser im Lotto und garantiert die Einladung, etwas Dummes zu tun.

    Sogleich als Tim das Glas erspäht hatte, war es auch schon auf dem Weg in Richtung Teich. Die beiden stritten sich erst darum, wer die Fliege töten durfte und entschieden dann, dass es egal war, denn es musste schnell gehen, sonst würden die Erwachsenen mit ihren Verboten und Regeln wieder den ganzen Spaß verderben. „Drück das Glas andersrum unter Wasser und schraub den Deckel ab, so kann sie nicht weg“, sagte Tom zu seinem Bruder, der das Glas in der Hand hielt. „Gute Idee!“, bestätigte er seinen Bruder, drehte das Glas, hielt es unter Wasser und schraubte den Deckel ab.

    Die Fliege flüchtete instinktiv an den ehemaligen Glasboden, als die Kuchenkrümel an ihr vorbei ins Wasser fielen. Die Fische, anfangs noch vorsichtig, kamen nach und nach an die Oberfläche, um die vereinzelten Krümel aufzuschnappen, die sich jetzt im Wasser verteilten. Tim drückte das Glas immer weiter unter Wasser und verlor den Mut, als er merkte, dass es sich nicht füllte. „Du musst es schräg halten!“, rief Tom aufgeregt. Tim folgte der Anweisung seines Bruders und hob das Glas schräg zur Wasseroberfläche, sodass die Luft entweichen und Wasser hineinfließen, die Fliege aber nicht entkommen konnte.

    Der Raum für die Fliege wurde immer enger, bis sie schließlich vom Wasser erwischt wurde. Hilflos zappelte sie umher und versuchte mit ihren nassen Flügeln zu schlagen. Die beiden wurden immer aufgeregter. Tim nahm schließlich das Glas weg und ließ die die Fliege im Wasser treiben. Sie zappelte, versuchte vergebens einen Halt zu finden. „Hol das Futter!“, befahl Tim seinem Bruder, der sich dem Bann des Schauspiels aber nicht entreißen konnte. „Geh du doch!“, schnauzte er Tim an.

    Der wusste, dass die Fische nur kommen würden, wenn noch mehr Futter im Wasser wäre. Also rannte er so schnell er konnte in den Schuppen, schnappte die Futterdose und kehrte wieder zum Teich zurück. Zu seiner Erleichterung schwamm die Fliege immer noch an der Wasseroberfläche, wo sie Tom mit einem Grashalm immer wieder in die Mitte des Teiches schob, damit sie nicht entkommen konnte. „Schütte das Futter rein“, befahl er Tim, der durch den Anblick der zappelnden Fliege fast paralysiert wurde.

    Er riss den Deckel ab und schüttete um die Fliege herum einen Futterkreis aus. Bei ihrem Spiel mit dem Tod hatten die beiden gar nicht gemerkt, dass ihr Opa zu ihnen getreten war. Er wollte sie gerade dafür rügen, dass sie einfach das Glas genommen hatten, als ein riesiger Goldfisch (den die Jungs liebevoll Hulk getauft hatten) aus den Untiefen des Teiches an die Oberfläche kam und sich die Fliege mit einem saugenden Geräusch schnappte.

    Die beiden Jungs konnten ihr Glück kaum fassen und sprangen vor lauter Freude auf und packten aneinander und brüllten in heller Ekstase über diesen unglaublichen Vorfall. Das würde sie am Montag in der Schule zu echten Helden machen. Der alte Kuhn sah auf das leere Einmachglas, aus dem das Teichwasser auf den Rasen tropfte, sah zu seinen Enkeln, seufzte und ging wieder ins Haus. So schloss sich also der Kreis.

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  • Herr vom Ende

    Herr vom Ende saß in einer Zelle. Sie war gerade groß genug, um darin umhergehen zu können. Zwei Schritte hin und zwei zurück. Sie besaß ein kleines Fenster, das so hoch über dem Boden lag, dass nur Sonne und Mond sich weit genug emporheben konnten, um hindurch zu blicken. Herr vom Ende aber wusste nicht was jenseits des Fensters lag. Auch wusste er nicht mehr, weshalb er hierhergebracht worden war geschweige denn, wer ihn hierhergebracht hatte. Viel zu viel Zeit war bereits vergangen.

    Die Tage hatte er nie gezählt. Vielmehr glaubte er, schon immer hier gewesen zu sein. Pünktlich um 7, 12 und 5 Uhr öffnete sich die kleine Luke in der Tür, durch die jemand Essen in die Zelle schob. Jeweils zur halben Stunde wurde es durch dieselbe Luke von Herr vom Ende wieder zurückgegeben. Wer ihm das Essen brachte, das wusste er nicht. Und so vertrieb er sich die Stunden mit Auf- und Abgehen und grübelte darüber nach, was wohl jenseits seiner Zelle liegen mochte. Mehr Zellen, mehr Inhaftierte? Wessen hatten sie sich schuldig gemacht?

    Jeden Morgen grüßte er die Sonne und jeden Abend den Mond. Zwei Besucher auf die noch immer Verlass war. Ansonsten besuchte ihn keiner. Sein Bett war hart, doch es reichte ihm. Nachts träumte er von seiner Zelle, tagsüber wachte er darin. Sein Leben war die Zelle und die Zelle sein Leben. Manchmal da hörte er draußen Geräusche. Hier ein Rufen, ein Klappern, Kettenrasseln, eine Maus, die vorüberhuschte. Was waren das nur für Menschen?

    Er wünschte sich, sie könnten zu ihm hineinsehen. Jeden Abend saß er auf dem Bett und wiederholte diese Worte, fast wie ein Gebet an den Gott außerhalb der Zelle, an den Erschaffer. Er saß und stand, ging und hielt inne, schlief und wachte und wünschte sich nur, sie könnten zu ihm hineinsehen. Eines Tages erwachte er aus einem angenehmen Zellentraum. Es war noch nicht Zeit, die Sonne zu begrüßen, doch der Mond hatte sich schon verabschiedet. Welch Unordnung in der Zelle herrschte.

    Er sah auf und erblickte die Zellentür oder vielmehr das, was dahinter war. Jemand hatte eine gläserne Tür eingebaut. Und siehe da, er sah nichts. Seine Augen waren nicht an das gewohnt, was er nun ansah und so verweigerten sie ihm den Anblick. Ein grauer Schleier legte sich darüber. Bewegung nahm er nur in Geräuschen wahr. Konnten sie ihn sehen? Konnten sie endlich zu ihm hineinsehen?

    Das Gefühl war erst neu und aufregend. Doch dann wurde es immer unangenehmer. Er fand keiner Freude mehr im Auf- und Abgehen, im Sitzen und im Stehen, ja nicht einmal seine Träume waren mehr schön. Er träumte nicht mehr von seiner Zelle, sondern von dem was dahinter lag. Eines Nachts ertappte er sich gar dabei, wie er sich fragte, wohin wohl das Fenster blickte.

    Sein ganzes Leben hatte er nur die Zelle gekannt und auf einmal wurde ihm dieses Wissen entrissen. Jetzt war sie fremd und kühl und ungemütlich. Keine Zelle zum Leben. Sein Essen rührte er nicht mehr an. Es kam und verschwand. Dieses giftige Etwas aus dem Jenseits, es verdarb seine Zelle. Da weinte er bitterlich und flehte, man solle die Tür wieder einbauen, schlug mit den Fäusten gegen die Wände und wollte sich Gehör verschaffen.

    Am nächsten Tag wachte er wieder mit verschlossener Tür auf, da fühlte er für den Bruchteil einer Sekunde die Normalität wieder in sich aufblitzen. Doch dann sah er sich um und erkannte, dass die Zelle nicht mehr dieselbe war. Es machte ihn wahnsinnig zu wissen, dass es nie wieder so werden würde wie früher. Seine Zelle war ihm nun ekelhaft vertraut. Und so saß er da und sagte, er wünschte, sie könnten in ihn hineinsehen. Ja, seinen Brustkorb entzweien und in ihn hineinsehen. Dann würden sie verstehen. Gute Nacht Mond, guten Morgen Sonne. Am nächsten Morgen war er tot.

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