Autor: Lukas Böhl

  • Das einzige Leben, das wir haben

    „Vor einer Woche hätte der Regen Schnee sein können“, sagt er und stellt sein Bier ab. Hier in diesem Dorf, in das Gott nicht zurückkehrt. Was bleibt schon? Jetzt muss jeder an sich selbst glauben. Und weil das niemand kann, hängt man sich an die Verheißungen, die einem das Smartphone bietet. Siehst du, wie er sein Bier trinkt? Da fließt der ganze Schmerz der Welt in seine Kehle hinunter. Doch sein Magen kann ihn nicht zersetzen. Er geht ins Blut über und befällt seinen ganzen Körper."

    Was macht das schon? In dieser Zeit ist man schneller in den USA als drüben beim Nachbarn. Da wollte man sowieso immer hin. Die Filme, das Essen, die Versprechen locken seit der Kindheit. Wie oft noch? Versprechen, die nicht gehalten werden, brechen das Ego. Also bleibt man sitzen und wird zu Nichtsen. Auch wenn es da draußen jemand gibt, für den man das einzige Alles ist.

    Traurig? Meist nur nachts, wenn es sonst nichts gibt, das den Kopf beschäftigt. Und dann kommen die Träume, die einem zeigen, was nicht werden will und was sein könnte, aber nicht ist und was sowieso nie war. Sein Bier steht noch auf dem Nachttisch. Den ersten Schluck braucht er zum Wachwerden, den zweiten, um hochzukommen und den dritten, um noch einen Tag zu funktionieren. Der vierte, fünfte, sechste und alle darüber hinaus? Wer weiß, wozu sie gut sind?

    Wenigstens ist sein Laster bodenständig. Die Leute zeigen auf ihn. Dort wird ihr Kampf sichtbar. Alle kämpfen. Nur nicht auf dieselbe Weise. Doch wenn man dem Gegner die Maske runterreißt, blickt man stets in dieselbe Fratze. Früher nannte man ihn Teufel. Heute ist er mitsamt Gott verschwunden. Jetzt hat er keinen Namen mehr. Und weil man ihn nicht benennen kann, ist ER unbezwingbar. Am Ende nun sitzt er in der Bar. Er schaut auf sein Bier und sagt zu sich selbst: „Das ist mein Leben. Es ist das einzige, das ich habe.“

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  • Dannys Freiheit

    Ich wachte auf. Die Motorengeräusche hatten mich aus meinem Schlaf gerissen. Das erste, was ich sah, war eine scheinbar endlose Straße. Darum war nichts als karge Wüste. Der Geschwindigkeit nach zu urteilen, mit der die Straßenmarkierungen unter dem Auto verschwanden, waren wir mit Vollgas unterwegs. Ich blickte rüber zum Fahrer. Es war kein Geringerer als Danny."

    „Danny, was zur Hölle?“, schrie ich und merkte mit einem Mal, dass nicht nur meine Hände hinter meinem Rücken zusammengebunden waren, sondern ich zusätzlich mit einem Seil an den Sitz gefesselt war.

    „Ich hol dich hier raus, mein Freund, keine Sorge! Das ist der Weg in die Freiheit.“

    „Du verrückter Bastard, mach mich sofort los. Ich bring dich um. Dieses Mal wirklich!“

    „Dich losmachen? Dann kriegen sie uns. Dann bist du verloren. Und mit dir auch ich. Das kann ich nicht zulassen.“

    „Ich brauche deine Freiheit nicht, Danny! Niemand will deine Freiheit!“

    Danny musterte mich. In seinem Blick sah ich eine Besessenheit. Er lachte spöttisch. Und dann fragte er ganz unvermittelt: „Wer ist der glücklichste Mensch auf Erden?“

    Ich hatte keine Lust auf seine Spielchen und ignorierte die Frage. Offensichtlich hatte ich ihm damit einen Gefallen getan. Denn keine drei Sekunden später brüllte er mir ins Gesicht: „Niemals du!“

    Er machte eine kurze Pause, der Inszenierung wegen. Dann wiederholte er: „Niemals du! Verstehst du das? Alle sind glücklich, aber niemals du. Das ist das menschliche Dilemma. Wenn du eine Gruppe von Menschen siehst, sind sie alle glücklich. Aber einzeln betrachtet sind sie alle unzufrieden. Und genau aus diesem Grund, mein Freund, brauchst du meine Freiheit!

    „Nimm mir die Fesseln ab und ich prügel dir deine Freiheit in die Fresse!“

    „Ich hab dich nicht gefesselt, das warst du. Ich kann dir die Richtung weisen, aber den Weg musst du selbst gehen. Befreie deinen Körper vor den Fesseln deines Verstandes. Das hast du selbst einmal gesagt.“

    Tatsächlich kam mir dieser Satz bekannt vor. Aber er stammte nicht von mir, ich hatte ihn mir nur gemerkt und oft wiederholt. Als ich ihn mir ins Gedächtnis rief, passierte etwas Unglaubliches: Die Fesseln begannen sich aufzulösen. Nachdem sie verschwunden waren, riss ich meine Hände nach oben und packte Danny am Hals. Ich wollte diesen Hurensohn erwürgen. Doch mit einem Mal blickte ich in mein Gesicht. Mir stockte der Atem. Ich zog die Hände weg. Im nächsten Moment saß ich am Steuer. Danny hockte jetzt neben mir und lachte. „Willkommen zurück!“

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  • Liebe ist scheiße

    Ich war am Boden zerstört. Nie hätte ich gedacht, dass es so enden würde. Die ganzen Jahre mit einem Mal dahin. Jetzt saß ich im Auto und fuhr ziellos durch die Nacht. Die Dunkelheit lullte mich ein. Ich existierte nur noch in der kleinen Welt, die meine Scheinwerfer beleuchteten. Nur selten begegnete ich anderen Nachtschwärmern. Vielleicht waren sie genauso verloren wie ich. Vielleicht fuhren sie zur Arbeit."

    Das Radio spielte per Bluetooth die traurigste Playlist ab, die ich auf die Schnelle auf Spotify hatte finden können. Sie erfüllte ihren Zweck außerordentlich gut. Jede Schnulze, die es auf dieser Welt gab, kam darin vor. Und bei den meisten konnte ich wenigstens den Refrain mitsingen, um für eine Weile nicht an das, was hinter mir lag, zu denken. Trotzdem schlichen sich die Gedanken immer wieder in mein Bewusstsein, wurden von meinem Verstand analysiert und von meinem Körper zu Tränen verarbeitet.

    Es war stickig. Ich öffnete die Fenster, um etwas frische Luft herein zu lassen. Der Fahrtwind trocknete meine Tränen. Aber sie hörten nicht auf. Genauso wie die Straße unter mir niemals aufhörte. Ich musste einfach nur weiterfahren. Irgendwann würde ich einen Vorsprung zu meinen Gedanken haben. Und dann hatte ich möglicherweise die Chance, ihnen ganz zu entfliehen.

    Mein Weg führte mich nach einer Weile in eine Stadt. Kein Mensch war mehr wach. Nirgends brannte Licht. Die Kneipen sahen leer und verlassen aus. Doch aus irgendeinem Grund ließ man in dieser Totenwelt die Ampeln an. Wahrscheinlich wollte man verhindern, dass sich die Geisterfahrer gegenseitig ins Jenseits beförderten. Ich hielt an. Mit einem Mal stand die Luft. Es war sommerlich schwül in dieser Mainacht. Jetzt erst achtete ich wieder auf den Song, der lief. „She will be loved“ von Maroon 5.

    Die erste Strophe war gerade zu Ende, der Pre-Chorus setze ein. Ich machte mich fertig. Als Adam Levines klagende Stimme schließlich für einen Moment stoppte, um den Refrain anzukündigen, war ich bereit. Mit voller Stimme rief ich in die Nacht „I don’t mind spending every day out on your corner in the pouring rain!“ Ich hatte das Lied lange nicht gehört, aber die Lyrics saßen noch. Die Stimmung des Songs passte perfekt zu meiner Situation.

    Während ich vor mich hin sang an und die Ampel weiterhin Rot zeigte, hörte ich von irgendwoher eine andere Stimme. „And she wiiiiiiillll be looooooved!“, schrie eine leicht lallende Frauenstimme aus voller Kehle. Ich antworte mit genauso viel Inbrunst: „And she wiiiiiiillll be looooooved!“ Dann wieder sie. Nochmal ich. Und schließlich wir beide zusammen. Wir trafen zwar die Töne nicht, doch unsere Stimmen waren auf den Punkt synchron.

    In dieser zufälligen Harmonie schafften wir es, den ganzen Song runterzurattern. Als er zu Ende war, fühlte ich mich erleichtert. „Liebe ist scheiße!“, schrie die junge Frau, deren Aufenthaltsort ich noch immer nicht hatte ausmachen können. Als ich gerade zustimmen wollte, brüllte eine tiefe Männerstimme: „Du bist scheiße! Euer Gesang ist scheiße! Verpisst euch endlich! Andere Leute schlafen!“ Dann hörte ich nur noch ein lautes Lachen. Ich stimmte ein und trat aufs Gas. Mit quietschenden Reifen fuhr ich davon.

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  • Robi muss seine Freunde finden

    Robi, das rote Gummibärchen, hat seine Freunde verloren und sucht sie in einem filmreifen Abenteuer. Begleite ihn dabei.

    In einem Park war nach einem Grillausflug einer Grundschule ein einzelnes rotes Gummibärchen namens Robi unter dem Tisch liegengeblieben und eingeschlafen. Als der Tag anbrach, erwachte Robi plötzlich aus seinem Schlaf. Er hüpfte auf vor Freude und sah sich um. Doch traurig stellte er fest, dass er ganz allein hier war. All die anderen Gummibärchen waren fort."

    Entschlossen machte er sich auf den Weg, um seine Freunde zu finden. Doch die Welt der Menschen war nicht gemacht für einen Gummibär wie Robi. Selbst die Grashalme im Park waren mindestens doppelt so groß wie er. Darum hatte er alle Mühe, sie beiseitezuschieben, um voranzukommen. Schließlich gelangte er an eine große Pfütze, die ihm den Weg versperrte. Sogar ein Kind hätte sie mit einem Schritt überquert. Doch für Robi war sie mindestens so groß wie ein See. Wie sollte er da nur rüberkommen? Als er sah, wie ein paar Blätter auf der Pfütze trieben, kam ihm eine Idee.

    Er schnappte sich ein Blatt und einen winzigen Ast. Dann ließ er das Blatt zu Wasser, stieg vorsichtig auf und stieß sich mit dem Ästchen ab. Auf seinem selbstgebauten Floß paddelte er quer über die Pfütze. So kam er viel schneller voran als zu Fuß. Schließlich erreichte er das andere Ufer. Voller Stolz stieg er von seinem Floß, um seine Reise fortzusetzen. Bald gelangte er zu einem asphaltierten Weg. Er beschloss, das Gras hinter sich zu lassen und dem Weg zu folgen. Denn so kam er viel schneller voran.

    Während Robi so den Weg entlanghüpfte, bemerkte er plötzlich eine Erschütterung. Er blieb stehen und sah sich um. Hinter ihm kam ein Mensch angelaufen, der groß wie ein Hochhaus war. Robi sprang schnell zur Seite und versteckte sich im Gras. Doch als der Mensch näherkam, kam ihm eine gute Idee. Sofort sprang Robi aus seinem Versteck, hüpfte auf und klammerte sich an der Hose des Menschen fest. Als der Mensch sein Bein hob, wurde Robi mit nach oben gezogen. Doch er hielt sich mit aller Kraft fest. Und so kam er im Eiltempo voran.

    Robi kletterte an der Hose des Menschen hoch, um den Park besser überblicken zu können. Doch er sah seine Freunde nicht. Irgendwann kamen die beiden an einem Spielplatz vorbei. Robi beschloss, hier nach seinen Freunden zu suchen. Denn jeder Gummibär liebte es, zu spielen. Also glitt er langsam am Stoff der Jeans hinunter und ließ sich sanft auf den Boden fallen. Dann beeilte er sich, ins hohe Gras zu kommen. Schon bald hatte er Sand unter sich. Darauf konnte er zwar nicht so gut hüpfen wie auf dem Asphalt, trotzdem konnte er sich besser fortbewegen als im Gras.

    Von hier unten fiel es Robi schwer, den Spielplatz zu überblicken. Er sah zwar die Schaukel, die Rutsche, das Klettergerüst und einen Picknick-Tisch, doch er konnte nicht sehen, ob sich dort oben seine Freunde befanden. Auf der Wiese neben dem Spielplatz wuchsen ein paar Blumen, zwischen denen Bienen hin- und herflogen. Wieder hatte Robi eine Idee. Er wollte eine davon fragen, ob sie ihn auf das Klettergerüste fliegen konnte. So würde er den ganzen Spielplatz überblicken können. Die Bienen aber sagten, er wäre zu schwer für sie. Er sollte die Hummel fragen. Die saß gerade auf einer Löwenzahnblüte. „Liebe Hummel, trägst du mich auf das Klettergerüst? Ich will meine Freunde finden.“, fragte Robi die dicke Hummel.

    Die sah sein trauriges Gesicht und wollte ihm helfen. Also sagte sie Robi, er solle sich an ihren Beinen festhalten. Im nächsten Moment hoben die beiden ab. Robi konnte nicht glauben, wie gut es sich anfühlte zu fliegen. Der Boden unter ihm entfernte sich immer schneller, während sie in Richtung des Klettergerüstes flogen. So muss sich ein Mensch fühlen, dachte er sich. Jetzt konnte er die Welt von oben sehen. Als sie auf dem Klettergerüst angekommen waren, setzte die Hummel ihn ab und landete neben ihm. Die beiden sahen sich um. Kein Gummibärchen war weit und breit zu sehen. Die Hummel summte voller Mitgefühl.

    „Kannst du mich wieder mit nach unten nehmen?“, fragte Robi enttäuscht. Die Hummel stimmte zu, aber sagte, dass sie ihn nicht weitertragen konnte. Er war ein bisschen zu schwer für sie und außerdem müsste sie bald nach Hause, da die Sonne in zwei Stunden untergehen würde. Auf dem Boden angekommen verabschiedeten sich die beiden neuen Freunde. Dann flog die Hummel in Richtung der untergehenden Sonne davon. Robi aber beschloss zu einem Gebäude zu laufen, dass er in der Ferne vom Klettergerüst aus gesehen hatte. Vielleicht hatten sich die anderen Gummibären dort versammelt.

    Robi kam nicht sehr schnell voran. Das Gras war ständig im Weg. Immer wieder musste er die großen Grashalme zur Seite biegen. Er sah nach oben und dachte an die Worte der Hummel. Bald würde es dunkel werden. Robi entschied sich dafür, erstmal nach einem Schlafplatz Ausschau zu halten und die Suche nach seinen Freunden morgen fortzusetzen. Nachdem er noch viele, viele Grashalme zur Seite geschoben hatte, fand er schließlich ein verlassenes Schneckenhaus. Der perfekte Schlafplatz für die Nacht. Er klopfte zuerst an, ob die Schnecke zu Hause war. Als niemand antwortete, warf er einen Blick ins Innere. Keiner war zu sehen, das Haus war verlassen. Und so schlüpfte er hinein und machte es sich gemütlich. Erschöpft von seiner Reise schlief er schnell ein.

    Am nächsten Morgen war er schon früh wach. Heute wollte er seine Freunde unbedingt finden.  Doch im hohen Gras kam er nur sehr langsam voran. So würde er es nicht bis zu dem Gebäude schaffen, bevor die Sonne unterging. Er brauchte einen Plan. Irgendwann kam er bei einem Mäuseloch vorbei. Die Maus schaute gerade heraus, um zu sehen, wer da vorbeilief. Robi stellte sich der freundlichen Maus vor. Er erzählte ihr von seinen Abenteuern und wie er versuchte, seine Freunde zu finden. Die Maus hatte Mitleid mit Robi. Darum bot sie ihm an, dass sie ihn zu dem Gebäude tragen würde, dass er gestern vom Spielplatz aus gesehen hatte.

    Robi kletterte auf ihren Rücken. Im nächsten Moment huschten die beiden durch das Gras. Sie kamen viel schneller voran als Robi allein. Die Maus erzählte ihm, dass es sich bei dem Gebäude um das Naturkundemuseum handelte. Dort gab es alte Dinosaurierknochen. Deswegen kamen oft Schulklassen vorbei. Das machte Robi Hoffnung. Als sie endlich am Museum angekommen waren, setzte die Maus Robi ab. Sie musste zurück zu ihren Kindern, deswegen konnte sie ihm nicht dabei helfen, die anderen Gummibären zu suchen. Doch sie wünschte ihm viel Glück.

    Robi hüpfte über den gesamten Vorplatz des Museums. Zunächst fand er keine Spur seiner Freunde, doch dann sah er in der Ferne bei ein paar Bänken etwas schimmern. Aus irgendeinem Grund kam ihm dieser Anblick vertraut vor. Er hüpfte so schnell er konnte zu den Bänken. Und tatsächlich lag unter einer von ihnen eine aufgerissene Gummibärchen-Tüte mit der typischen goldenen Farbe. Robi war außer sich vor Freude als er sah, dass in der Tüte noch einige seiner grünen, orangen und gelben Freunde waren.

    Als auch sie Robi sahen hüpften sie sofort aus der Tüte. Alle waren froh, dass sie wieder vereint waren. Robi berichtete von seinen Abenteuern und wie er in einem Schneckenhaus geschlafen hatte. Die Gruppe beschloss, die Tüte hinter sich zu lassen und das erste Gummibärchendorf der Welt zu errichten, in dem jeder sein eigenes Schneckenhaus bekam. Sie zogen sich in eine ruhige Ecke des Parks zurück und errichteten ihr Dorf.

    Und vielleicht hast du ja Glück und findest eines Tages im Park das Gummibärendorf.

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  • Mein einziger Freund

    Es sind zwei Monate vergangen, seit Sam hier in der Wildnis ausgesetzt worden war. Als er sich vor gut einem halben Jahr für die Teilnahme bei der TV-Show „Lone Survivor“ angemeldet hatte, war er noch voller Euphorie und Tatendrang gewesen. Doch jetzt, nach so langer Zeit, in der er auf sich allein gestellt war, merkte er den Verfall deutlich. Er hatte wahrscheinlich ein Drittel seines Körpergewichts verloren. Jeden Tag plagten ihn Schwindel, Kopfschmerzen und Bauchkrämpfe. Oft war er so erschöpft, dass er stundenlang nur daliegen konnte. In diesen Momenten hielten ihn lediglich die Gedanken an seine Familie und die Aussicht auf das Preisgeld von 500.000 Dollar davon ab, zum Satellitentelefon zu greifen und sich vom Rettungsteam abholen zu lassen."

    Nie hätte er gedacht, dass ihm die Einsamkeit so sehr zusetzen würde. Zuhause genoss er jeden Moment, den er für sich allein verbringen konnte, abseits von Familie, Freunden und Kollegen. Aber diese Erfahrung hatte ihm gezeigt, wie sehr er die Gesellschaft anderer Menschen brauchte. Das einzige Lebewesen, das ihm hier draußen ab und zu etwas Beistand leistete, war ein Eichhörnchen. Es hatte sich vor einigen Wochen erstmals in seinen Unterschlupf geschlichen, um ihm Beeren und Nüsse zu stehlen. Sam hatte seinen anfänglichen Impuls, den kleinen Besucher zu erschlagen, nur sehr schwer unterdrücken können. Immerhin hätte ihm das Fleisch des Eichhörnchens einige wertvolle Kalorien geliefert. Doch die Aussicht, seine Einsamkeit nur für einen Moment zu unterbrechen, brachte ihm mehr Befriedigung als auf den mageren Knochen dieses kleinen Kerls herumzukauen.

    Als das Eichhörnchen am nächsten Abend wieder kam, warf er ihm sogar ein paar Beeren hin, die er sich als Notvorrat aufgespart hatte. Erschreckt durch die plötzliche Bewegung, war das Eichhörnchen zwar zunächst geflüchtet. Doch einige Augenblicke später war es wieder zurückgekehrt. Der kleine Nager kämpfte ebenso ums Überleben wie Sam, mit dem feinen Unterschied, dass er nicht jederzeit aussteigen konnte. Dafür hatte das Eichhörnchen im Vergleich zu Sam einen deutlichen Vorteil. Es war nicht nur leichter, sondern auch schneller, besser im Klettern und viel robuster. Die Besuche des Eichhörnchens häuften sich, bis sie irgendwann fester Bestandteil von Sams Tagesablauf wurden. Bei jedem seiner Streifzüge versuchte er, seinem pelzigen Freund ein paar Nüsse oder Beeren mitzubringen. Je mehr Zeit verging, desto länger blieb das Eichhörnchen in der Wärme von Sams Unterschlupf. Auch traute es sich immer näher zu ihm hin, bis es eines Tages sogar einige Nüsse aus seiner Hand fraß. Das war der Moment, in dem er seinem kleinen Freund den Spitznamen „Alfie“ gab.

    Seitdem Alfie ihn regelmäßig besuchen kam, hatte sich Sams Verfassung deutlich gebessert. Er fühlte sich verantwortlich für den Kleinen. Ihm Nahrung zu beschaffen, gab ihm nicht nur eine Aufgabe, sondern auch einen Grund, morgens aufzustehen. Die Kälte, der Hunger, die Einsamkeit – all das ließ sich zu zweit viel besser aushalten. Sam schaffte es sogar, Alfie immer öfter mit der Kamera zu filmen. Einmal war es ihm gelungen, eine geschlagene Minute zu filmen, wie er den Kleinen beim Futtern über den Kopf streichelte. Diese Szene gehörte zu den meistgeklickten im Internet, nachdem die Serie ausgestrahlt worden war. Doch noch war Sam der gnadenlosen Härte der Wildnis ausgeliefert. Der Wintereinbruch kam schnell und erbarmungslos. Die Tiefsttemperaturen überboten sich jeden Tag, bis sie nicht mehr weiter sinken konnten. Und so wurde es nicht nur schwerer für Sam, sich selbst zu versorgen, sondern auch Alfie durchzufüttern.

    Zwar vertraute er auf dessen natürliche Fähigkeiten, sich durchzuschlagen. Aber fürchtete er auch, dass Alfie ihn nicht mehr besuchen würde, wenn er ihm kein Essen mehr anbieten konnte. Sich überhaupt noch nach draußen zu wagen, kostete ihn all seine Willenskraft. Der Wind fühlte sich wie ein eisiges Feuer auf dem Gesicht an, im Bart bildeten sich Eiszapfen, die Füße wurden mit jedem Schritt tauber. Alles kostete zehnmal mehr Kraft als es das ohnehin schon hatte. Obwohl es Sam an vielen Tagen nicht gelang, etwas Essbares zu finden, stattete ihm Alfie jeden Abend einen Besuch ab. Vielleicht nur, um zu schauen, ob es nicht doch etwas gab. Sam machte sich nicht die Illusion zu glauben, dass dieses Eichhörnchen ihn ebenso ins Herz geschlossen hatte wie er es. Nichtsdestotrotz schätzte er ihre Zweckfreundschaft für das, was sie war.

    Dieser Umstand konnte ihn aber nicht über die harte Tatsache hinwegtäuschen, dass mit dem Wintereinbruch all seine Nahrungsquellen versiegt waren. Der See war zugefroren, das Eis mittlerweile zu dick, um es mit dem Beil durchzuschlagen. Nicht, dass er dafür noch die Kraft gehabt hätte. Die Beeren waren erfroren oder von den Waldtieren verspeist worden. Wild ließ sich kaum noch blicken. Und wenn sich doch ein Hase in eine seiner Schlingenfallen verfing, schnappte ihn sich der Fuchs, bevor Sam die Chance dazu hatte. Seine Vorräte waren mittlerweile ebenfalls aufgebraucht. Nicht ein einziges Stück geräuchertes Fischfilet war noch übrig, keine Beere, keine Nuss. Gar nichts. Sein Bauch fühlte sich an wie ein klaffender Abgrund, der nicht nur sein ganzes Körperfett in sich aufsog, sondern auch Sams Persönlichkeit und Seele verschlang. Er fühlte sich leer, körperlich und mental. Und trotzdem wollte er nicht aufgeben. Das Preisgeld würde für ihn und seine Familie einen Neuanfang bedeuten. Er könnte sich mehr um seine Frau und Kinder kümmern, ohne sich dauernd Sorgen ums Geld machen zu müssen.

    Mit quälendem Hunger und nagenden Zweifeln schlief er am 71. Tag nach seiner Aussetzung ein. In der Nacht hatte er einen sehr realistischen Traum, der ihm selbst nach dem Aufwachen so deutlich im Gedächtnis blieb, dass er glaubte, es war eine Eingebung von Gott. Am nächsten Morgen hatte er einen Entschluss gefasst. Den ganzen Tag über verbrachte er damit, aus dem verbliebenen Draht kleine Schlingenfallen zu bauen. Dabei bekam er immer wieder feuchte Augen. Doch er ermahnte sich jedes Mal, hart zu bleiben, und fuhr fort. Gegen Nachmittag war der ganze Bereich um seinen Unterschlupf herum mit Schlingenfallen versehen. Schlingen, die klein genug waren, um ein Eichhörnchen damit zu fangen. In seinen Gedanken sagte er nicht mehr „Alfie“, sondern nur noch Eichhörnchen. Doch dieser mentale Trick konnte die Gräueltat, die er vorhatte, nicht weniger schlimm machen. Er hatte vor, seinen besten Freund zu töten und zu verspeisen. Das einzige Lebewesen, dem seine Existenz hier draußen nicht völlig egal gewesen war. Seinen kleinen Freund, der ihn hatte viel länger durchhalten lassen, als er es sich jemals erträumt hatte.

    Am Abend lag er im Bett und lauschte. Jedes Rascheln, jedes Knacksen ließ ihm das Mark in den Knochen gefrieren. Denn jeden Moment könnte dieses Eichhörnchen in eine der Fallen tappen und ums Überleben kämpfen, bis es keine Luft mehr bekam. Irgendwann war die Erschöpfung so groß, dass er in einen traumlosen Schlaf fiel. Am nächsten Tag wachte er auf, bevor die Sonne aufgegangen war. Sofort schnappte er sich seine Stirnlampe und eilte nach draußen. Er suchte jede Falle ab, doch keine war ausgelöst worden. Alfie war also noch am Leben. Die Panik verflog und wich Erleichterung, dann Trauer und Scham. Sam sah sich um. Die Dunkelheit war plötzlich so drückend, als würde sie ihn zu Boden werfen wollen. Die Geräusche verstummten mit einem Mal. Es war totenstill. Sam halluzinierte. Im nächsten Monat fiel er kerzengerade nach hinten um und blieb regungslos im Schnee liegen.

    Ein schmerzerfüllter Schrei schreckte ein paar Krähen auf, die in den Tannen den leblosen Körper beobachtet hatten. Plötzlich erwachte er wieder zum Leben. Oder viel mehr zu dem Halbleben, das noch in seinen Körper steckte. Für einen Moment wusste Sam nicht, wo er war. Dann fiel es ihm wieder ein. Er war allein. Seine Gliedmaßen waren steifgefroren, alles tat weh. Mit letzter Kraft schleppte er sich in seinen Unterschlupf, wo noch das Feuer der Nacht loderte. Er musste mindestens eine Stunde weg gewesen sein. Mittlerweile war es taghell. Sam entfachte das Feuer. Wieder wurde ihm schwindelig. Er wusste, was jetzt zu tun war. Aus dem Schlafsack holte er das Satellitentelefon heraus. „Ich gebe offiziell auf!“, sagte er, als sich am anderen Ende der Leitung das Rettungsteam meldete. Was dann passierte, kann Sam kaum noch rekonstruieren. Erst, als er in einem Bett im nächstgelegenen Krankenhaus aufwachte, fing sein Gehirn wieder an, die Geschehnisse richtig zu verarbeiten. Der behandelnde Arzt war gerade zufällig im Raum gewesen. „Keine Sorge“, beruhigte dieser Sam, „Das wird schon wieder! Ich frage mich nur, was für ein Nagetier Sie in die Backe gebissen hat und warum …“.

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  • Kein Ausweg

    Ein Mann saß in einem Raum fest, aus dem er nicht entkommen konnte. Der Raum hatte genau eine Tür. Diese Tür würde ihn nach draußen bringen, hatte man ihm gesagt. Doch sie ließ sich nicht öffnen. Jeden Tag drückte er den Griff nach unten, nur zum festzustellen, dass sie versperrt war. Er hatte es zu verschiedenen Tageszeiten probiert, aber die Tür hatte sich nie öffnen lassen. Essen und Getränke waren für mindestens ein ganzes Jahr vorhanden. Auch für die anderen körperlichen Bedürfnisse war gesorgt. Zeitdruck brauchte er also nicht zu haben."

    Ein großer Trost war das allerdings nicht. Denn die Vorstellung, noch weiter in diesem Raum gefangen zu sein, trieb ihn langsam in den Wahnsinn. Er konnte nicht einmal sagen, wie er hierhergekommen war oder wer ihn eingesperrt hatte. Nur eines wusste er mit Sicherheit: Durch diese Tür konnte er nach draußen spazieren. Was dahinter war? Er hatte nicht die leiseste Ahnung. Überhaupt konnte er sich an nicht viel erinnern. Da war nur diese Stimme, die ihm sagte: „Geh durch die Tür! Sie bringt dich hier raus.“

    Und weil er dieser Stimme traute, probierte er es jeden Tags aufs Neue. Manchmal drückte er den Griff hastig und mit großer Kraft nach unten, manchmal ließ er sich Zeit und ließ die Hand sanft nach unten gleiten. Er glaubte, es gäbe eine gewisse Art, mit der man den Griff drücken musste, um aus dem Raum zu entkommen. Bislang hatte er es einfach nicht richtig gemacht. Woche um Woche verging, doch hinter das Geheimnis des Türgriffs kam er nicht. Und so saß er weiterhin in seinem Raum, aus dem es kein Entkommen gab.

    Irgendwann war er so gelangweilt, dass er begann, das Zimmer jeden Tag zu putzen, obwohl es blitzblank war. Eines Tages beschloss er, den großen Teppich, der unter dem Tisch lag, aufzurollen und darunter ebenfalls sauber zu machen. Den Tisch beiseitezuschieben, war ein großer Kraftakt. Den Teppich aufzurollen war aber nicht minder schwer. Als er ungefähr die Hälfte des Ungetüms aufgerollt hatte, bemerkte er, dass sich unter dem Teppich der Boden veränderte. Statt den langen Dielen kam ein Rechteck mit kleineren Holzdielen zum Vorschein.

    Aufgeregt schob er weiter und sah, dass es sich um eine versteckte Tür handelte, die sich mit einem schwarzen Metallgriff aufziehen ließ. Er war voller Euphorie, endlich einen Ausweg aus diesem Albtraum gefunden zu haben. Schon war er dabei, den Griff zu packen und daran zu ziehen, als ihm wieder die Stimme in den Kopf kam: „Geh durch die andere Tür! Nur sie bringt dich nach draußen.“ Sofort ließ er den Griff wieder los und stürmte zu der anderen Tür. Er schlug den Griff förmlich mit der Faust nach unten. Verschlossen. Dann drehte er sich zu der Falltür im Boden um. „Nur die Eingangstür bringt dich hier raus“, sagte die Stimme. Gehorsam lief er zum Teppich und rollte ihn wieder über die Falltür. Dann schob er den Tisch darüber, setzte sich auf seinen Stuhl und sah die Tür an. Irgendwann würde er hier rauskommen.

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  • Ein Vater und seine Söhne

    Da ist ein alleinerziehender Vater. Er lebt mit seinen beiden Kindern in einer 3-Zimmer-Wohnung. Jeder von ihnen hat sein eigenes Zimmer. Doch der Vater verbringt nur sehr wenig Zeit in seinem Reich. Meistens ist er damit beschäftigt, zwischen den Zimmern seiner Söhne hin- und herzuspringen. Der Kleine ist gerade mal ein paar Monate alt und braucht viel Fürsorge. Der Große steht ihm mit seinen fast 16 Jahren aber in nichts nach. Ständig gilt es, irgendwelche Notfälle und Dramen abzuwenden. Zwischen Windeln wechseln, Fläschchen geben, in den Schlaf wiegen auf der einen Seite und Leviten lesen, Aufklärung betreiben und sinnlosen Diskussionen führen auf der anderen Seite bleibt dem Vater nicht viel Zeit für sich. So kommt es vor, dass er meistens nur einen kurzen Moment im Flur hat, in dem er innehalten kann, um seine Gedanken zu ordnen. Doch die Ruhe währt nie lange. Geschrei aus dem einen Zimmer, laute Musik oder Marihuana-Duft aus dem anderen. Nicht selten fühlt er sich, als lebe er in der Schwebe. Als würde er zwischen zwei Polen existieren, die ihn stets in die eine oder andere Richtung ziehen. Ab und zu schafft er es aber doch einen Moment allein für sich in seinem Zimmer zu erhaschen. Dann kommt er runter und kann klar sehen. Doch weil er so müde ist von dem ständigen Tauziehen, das seine Kinder mit ihm veranstalten, schläft er meist direkt ein. Und wenn er aufwacht, geht es weiter. Arbeit, Kinder, Arbeit, Kinder und immer so weiter. Manchmal fragt er sich, ob er wirklich existiert oder nur ein Phantom ist. Bei all dem Hin und Her bleiben ihm nur sehr rare Momente, in denen er er selbst sein kann. Und wenn du dich jetzt fragst, warum der Vater sich so anstellt, dann solltest du wissen, dass sein Baby den Namen „Zukunft“ trägt und sein älterer Sohn „Vergangenheit“ heißt. Verstehst du ihn jetzt?"

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  • Dorfjugend

    Den Jungs fiel nichts anderes ein, als zu rauchen. Also rauchten sie. Auf der Bank beim Spielplatz. Mehr schien dieser Tag nicht für sie bereit zu halten. Es war Oktober, aber heiß wie im August. Sie waren 16, doch mehr als bereit, 18 zu sein. Dann würden sie hier weg und eine bessere Beschäftigung als Rauchen finden."

    Und die große Liebe, einen erfüllenden Job und vor allem Aufmerksamkeit. Denn es war nicht genug, der Beste im Fußballverein im Ort zu sein. Und auf den Partys am Wochenende traf man immer dieselben Mädels und in den Bars führte man immer dieselben Gespräche. Hier konnte man erwachsen werden, ohne jemals jung gewesen zu sein.

    Man konnte einen Beruf haben, ein ganzes Leben lang. Und für einen Kredit musste man nur die Bankberaterin fragen, deren Eltern die eigenen Eltern schon für kreditwürdig hielten. Es ist ja viel da, wie man sich im Ort erzählt. Das ganze Geld, auch für die Enkel bleibt noch viel. Also schaffen, schaffen und wenn man drüber nachdenkt, noch mehr schaffen. Weil, wer hat, der hat.

    Die geschnorrten Zigaretten reichen nicht für die unendliche Langweile. Tanke, Bier und ab dafür. Trinken ist mindestens so sportlich wie Bälle mit dem Fuß zu kicken. Sagen zumindest die Väter, aber die Mütter würden das auch nicht verneinen. Endlich sind mal beide einer Meinung. Nicht so wie damals bei der Wahl des richtigen Vereins: Fußball, Judo oder Flöte. Sohnemann hatte auf nichts so richtig Böcke, am Ende jagte er einem Ball hinterher und kassierte in der Dusche Eierschellen. Und die hallen noch lange nach.

    Erst die Fahrt nach Berlin mit 21 führt einem vor Augen, ein bisschen Dorf wird man immer in sich tragen. Aber von außen sieht man dem Weltbürger den Kleingeist, der in ihm wohnt, nicht an. Und die abfälligen Kommentare zu allem Fremden bleiben nur im Kopf, versteckt hinter einer Sonnenbrille, die schon mal jemandem gehört hat, der alles verneinte, was man jetzt bejaht. Und wenn einer fragt. Nein, niemand hier vermisst die Heimat. Wirklich. Ehrenwort. Dreimal draufgespuckt.

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  • Niemals wir im Jetzt

    Eine Gruppe Aliens war auf einem ihrer Streifzüge durch die Galaxie auf die Erde gestoßen. Als sie bemerkt hatten, dass der Planet bewohnt war, beschlossen sie, zwei ihrer Kollegen dort zulassen, um die neu entdeckte Spezies zu studieren.

    Die zwei Kundschafter sollten einen Monat vor Ort bleiben, um ausreichend Informationen zu sammeln. Anhand ihrer Erfahrungsberichte sollte dann entschieden werden, ob man Kontakt zu den Fremden aufnimmt oder nicht."

    Die Aliens nutzten eine spezielle Tarnkleidung, um auf der Erde nicht aufzufallen. Diese passte sich stets der Umgebung an, sodass die zwei Besucher ein menschliches Antlitz annahmen.

    Die zwei reisten von Land zu Land, studierten die Menschen auf der ganzen Welt und hielten fleißig Buch über ihre Erkenntnisse. Als der Monat fast vorbei war, sendeten sie eine Nachricht an ihren Heimatplaneten, da sie mehr Zeit brauchten.

    Die Erde war zu groß, um sich auf einer einmonatigen Reise ein vollumfängliches Bild ihrer Bewohner zu machen. Und so wurde die Expedition auf ein volles Jahr verlängert. Dies bot den beiden Gesandten genug Zeit, um alle Ecken der Welt zu besuchen.

    Auch die entlegensten Ortschaften und Siedlungen ließen sie auf ihrer Reise nicht aus. Schließlich kam der Tag der Abholung. Das Landungsschiff erwartete die beiden bereits in einem entlegenen Waldstück in Alaska.

    Die Wiedersehensfreude war groß unter den Kollegen, auch wenn die beiden im Schiff in Quarantäne mussten. Gespannt hörte die ganze Mannschaft durch eine dicke Schutzwand den Ausführungen der beiden Abenteurer zu.

    In mancherlei Hinsicht waren die Menschen wie sie, doch andere Gewohnheiten ließen die Aliens in schallendes Gelächter ausbrechen oder mit verdutzten Blicken und offenen Mündern vor Abscheu schweigen.

    Als der Mutterplanet erreicht war, wurden die beiden sofort zu einem Arzt für außerplanetarische Krankheiten gebracht. Dort wurden die beiden eingehend untersucht. Einen der beiden entließ man nach der Standardprozedur. Den andere aber behielt man für weitere Untersuchungen ein.

    Der Arzt hatte den Verdacht, er habe sich auf der Erde etwas eingefangen. Nach einigen Stunden schickte der dieser schließlich einen Bericht an den Rat der Herrschenden. Die bestellten sofort der anderen Kundschafter ein.

    Ein Mitglied des Rates las ihm einen Ausschnitt aus dem Bericht vor: „Der Patient scheint von einer merkwürdigen Krankheit der Psyche befallen zu sein. Er gibt an, in Gedanken ständig jemand anderes zu sein oder sich an einem anderen Ort zu befinden, er denkt über ein nicht existentes Morgen nach, grübelt über das Bild, das andere von ihm haben und will aus seinem Körper flüchten. Er selbst fasst seinen Zustand wie folgt zusammen: Ich bin niemals ich im Jetzt. Ich halte es für notwendig, ihn weiterhin unter Quarantäne zu stellen, bis wir die Ursache der Krankheit geklärt oder eine Heilung gefunden haben.“

    „Was weißt du darüber?“

    „Ich hatte es schon befürchtet. Diese merkwürdige Krankheit hat die gesamte Menschheit befallen. Er muss sich dort unten angesteckt haben.“

    „Wir brechen hier ab. Der Planet wird als Sperrzone markiert und kein Astrianer wird je wieder einen Fuß auf ihn setzen.“

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  • 10 Euro gehen auf Reise

    Lisa lebt mit ihren vier jüngeren Geschwistern und ihren Eltern in einer 3-Zimmer-Wohnung am Rande der Stadt. Hin und wieder bekommt sie als Älteste von ihrem Vater zehn Euro, um am Samstag Frühstücksbrötchen im Supermarkt um die Ecke zu kaufen. Als Belohnung darf sie das Wechselgeld behalten. Im Laden kauft sie so viele Brötchen, dass von den zehn Euro noch genau fünf übrigbleiben. Die will sie später in der Stadt mit ihrem Kumpel Maxi für Süßigkeiten ausgeben."

    Nach dem Frühstück macht sie sich auf den Weg zur Bushaltestelle, wo sie bereits von Maxi erwartet wird. Die zwei fahren mit ihren Schülerfahrkarten umsonst in die Stadt und malen sich aus, wie viele Süßigkeiten sie für fünf Euro bekommen würden. Am Busbahnhof bemerken sie beim Aussteigen einen alten Mann mit einer vollgepackten Einkaufstasche, der vorne in den Bus einsteigen will. Er hat Mühe, die schwere Tasche anzuheben. Ohne zu Zögern eilen sie ihm zur Hilfe. Der alte Mann freut sich sehr über die Unterstützung und steigt hinter den Kindern in den Bus ein.

    Dort wird er vom Busfahrer aufgefordert, ein Ticket zu kaufen. Der Mann durchwühlt seinen Geldbeutel und stellt traurig fest, dass er kein Geld mehr hat. Er ist Rentner und am Ende des Monats bleiben ihm oft nicht mal 2,20 € für ein Busticket. Lisa beobachtet die Situation und bekommt Mitleid. Also fasst sie sich ein Herz und sagt zu ihm: „Sie können meine 5 € haben. Ich brauche sie eigentlich gar nicht.“ Der Mann schaut sie verwundert an und will ablehnen. Doch Lisa besteht darauf und sagt: „Ich würde das Geld sowieso nur für Süßigkeiten ausgeben, die mir nicht guttun.“ Dann drückt sie ihm den 5-Euro-Schein in die Hand und trägt mit Maxi die Tasche zum nächsten freien Platz. Von dort aus winken sie dem alten Mann zu und rennen aus dem Bus. Die zwei sind so schnell verschwunden, dass der alte Mann ihnen nicht mal das Wechselgeld von 2,80 € geben kann.

    Gerührt von der Hilfsbereitschaft der beiden Kinder setzt er sich auf seinen Platz und fährt bis nach Hause. Er ist froh, dass er die schwere Tasche mit dem gespendeten Essen von der Tafel nicht den ganzen Weg tragen muss. An seiner Bushaltestelle angekommen, macht er noch einen Abstecher in den Discounter von gegenüber. Die 2,80 € will er für Schokolade ausgeben. Ein Luxus, den er sich nur selten leisten kann. An der Kasse hat sich eine kleine Schlange gebildet. Eine junge Frau, die offensichtlich eine Studentin aus den naheliegenden Wohnheimen ist, kann ihren Einkauf nicht bezahlen, weil ihr genau 1 € fehlt. Einige andere Kunden schimpfen schon, während die Studentin der Kassiererin zu erklären versucht, dass sie bestimmt noch irgendwo einen Euro hat.

    Der alte Mann überlegt nicht lange, legt die Schokolade in die Auslage und marschiert an den anderen Kunden in der Schlange vorbei nach vorn. Dort legt er die 2,80 € auf die Kasse und sagt: „Sie brauchen das mehr als ich.“ Die Studentin staunt nicht schlecht und bedankt sich sehr herzlich bei ihm. Ihr war zum Ende des Monats das Geld ausgegangen, weil sie ihr BAföG nicht erhalten hat. Sie gibt der Kassiererin den fehlenden Euro, packt die Lebensmittel in ihren Rucksack und versucht noch, den Mann einzuholen. Doch er ist nirgends zu sehen. Mit den verbliebenen 1,80 € will sie daher eine Ladung Wäsche im Wohnheim waschen. Pro Waschgang zahlt man dort 1 €. Und die 80 Cent würde sie ins Sparschwein werfen.

    Kurz vor dem Wohnheim begegnet ihr der Bettler, der in den letzten Tagen oft an der Bushaltestelle am Discounter, von dem sie gerade kam, gesessen hatte. Sie spürt die Münzen in ihrer Tasche und bekommt eine Idee. Sie geht auf ihn zu und reicht ihm das Geld mit der Bitte, sich etwas zu essen davon zu kaufen. Der Bettler lächelt und verspricht es ihr. Sofort macht er sich auf den Weg zum Bäcker im Discounter und kauft dort für 1,60 € Brötchen. Die würden ihm den ganzen Tag reichen. Als er die 20 Cent Rückgeld von der Verkäuferin erhält, dreht er sie kurz in der Hand und wirft sie dann in die Spendensammelkasse für mittellose Kinder auf der Theke. Dort endet die Reise des Zehn-Euro-Scheins.

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