Autor: Lukas Böhl

  • Herr vom Ende

    Herr vom Ende saß in einer Zelle. Sie war gerade groß genug, um darin umhergehen zu können. Zwei Schritte hin und zwei zurück. Sie besaß ein kleines Fenster, das so hoch über dem Boden lag, dass nur Sonne und Mond sich weit genug emporheben konnten, um hindurch zu blicken. Herr vom Ende aber wusste nicht was jenseits des Fensters lag. Auch wusste er nicht mehr, weshalb er hierhergebracht worden war geschweige denn, wer ihn hierhergebracht hatte. Viel zu viel Zeit war bereits vergangen.

    Die Tage hatte er nie gezählt. Vielmehr glaubte er, schon immer hier gewesen zu sein. Pünktlich um 7, 12 und 5 Uhr öffnete sich die kleine Luke in der Tür, durch die jemand Essen in die Zelle schob. Jeweils zur halben Stunde wurde es durch dieselbe Luke von Herr vom Ende wieder zurückgegeben. Wer ihm das Essen brachte, das wusste er nicht. Und so vertrieb er sich die Stunden mit Auf- und Abgehen und grübelte darüber nach, was wohl jenseits seiner Zelle liegen mochte. Mehr Zellen, mehr Inhaftierte? Wessen hatten sie sich schuldig gemacht?

    Jeden Morgen grüßte er die Sonne und jeden Abend den Mond. Zwei Besucher auf die noch immer Verlass war. Ansonsten besuchte ihn keiner. Sein Bett war hart, doch es reichte ihm. Nachts träumte er von seiner Zelle, tagsüber wachte er darin. Sein Leben war die Zelle und die Zelle sein Leben. Manchmal da hörte er draußen Geräusche. Hier ein Rufen, ein Klappern, Kettenrasseln, eine Maus, die vorüberhuschte. Was waren das nur für Menschen?

    Er wünschte sich, sie könnten zu ihm hineinsehen. Jeden Abend saß er auf dem Bett und wiederholte diese Worte, fast wie ein Gebet an den Gott außerhalb der Zelle, an den Erschaffer. Er saß und stand, ging und hielt inne, schlief und wachte und wünschte sich nur, sie könnten zu ihm hineinsehen. Eines Tages erwachte er aus einem angenehmen Zellentraum. Es war noch nicht Zeit, die Sonne zu begrüßen, doch der Mond hatte sich schon verabschiedet. Welch Unordnung in der Zelle herrschte.

    Er sah auf und erblickte die Zellentür oder vielmehr das, was dahinter war. Jemand hatte eine gläserne Tür eingebaut. Und siehe da, er sah nichts. Seine Augen waren nicht an das gewohnt, was er nun ansah und so verweigerten sie ihm den Anblick. Ein grauer Schleier legte sich darüber. Bewegung nahm er nur in Geräuschen wahr. Konnten sie ihn sehen? Konnten sie endlich zu ihm hineinsehen?

    Das Gefühl war erst neu und aufregend. Doch dann wurde es immer unangenehmer. Er fand keiner Freude mehr im Auf- und Abgehen, im Sitzen und im Stehen, ja nicht einmal seine Träume waren mehr schön. Er träumte nicht mehr von seiner Zelle, sondern von dem was dahinter lag. Eines Nachts ertappte er sich gar dabei, wie er sich fragte, wohin wohl das Fenster blickte.

    Sein ganzes Leben hatte er nur die Zelle gekannt und auf einmal wurde ihm dieses Wissen entrissen. Jetzt war sie fremd und kühl und ungemütlich. Keine Zelle zum Leben. Sein Essen rührte er nicht mehr an. Es kam und verschwand. Dieses giftige Etwas aus dem Jenseits, es verdarb seine Zelle. Da weinte er bitterlich und flehte, man solle die Tür wieder einbauen, schlug mit den Fäusten gegen die Wände und wollte sich Gehör verschaffen.

    Am nächsten Tag wachte er wieder mit verschlossener Tür auf, da fühlte er für den Bruchteil einer Sekunde die Normalität wieder in sich aufblitzen. Doch dann sah er sich um und erkannte, dass die Zelle nicht mehr dieselbe war. Es machte ihn wahnsinnig zu wissen, dass es nie wieder so werden würde wie früher. Seine Zelle war ihm nun ekelhaft vertraut. Und so saß er da und sagte, er wünschte, sie könnten in ihn hineinsehen. Ja, seinen Brustkorb entzweien und in ihn hineinsehen. Dann würden sie verstehen. Gute Nacht Mond, guten Morgen Sonne. Am nächsten Morgen war er tot.

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  • Zinnsoldat

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  • Der Pakt

    Die vier Jungs waren in dieser Kneipe großgeworden. Jeder Tisch konnte die Geschichte eines versoffenen, lauten, pubertären Abends erzählen. Die Wirtin hatte ihnen schon Schnaps ausgeschenkt als sie noch 14 waren. Und als sie ihre 18 Geburtstage dort feierten, war sie ziemlich verdutzt, das wahre Alter der Freunde herauszufinden. Jetzt, da alle auf Mitte 20 zusteuerten oder sie schon hinter sich gelassen hatte, war alles anders. Die Kneipe nicht mehr der Mittelpunkt der Welt, die Sitze abgenutzt, die Wände grau vom Nikotin, die Menschen träge vom Alkohol.

    Waren es nur sie oder sah das früher alles lebendiger aus? Sie wussten es nicht. Wie auch, sie kamen allenfalls noch einmal im Monat her, wenn die Zeit es erlaubte, wenn nicht einer zu müde war oder mit seiner Freundin unterwegs oder auf irgendeiner Familienfeier. Die Verantwortung hatte schließlich auch sie eingeholt. Jetzt musste man fit für die Arbeit sein oder für einfache Dinge wie Wäschewaschen, Essenkochen oder das Haus putzen.

    Heute war einer der seltenen Abende, an denen keiner abgesagt hatte. Fabi und Axel hockten auf der Bank in der Raucherecke, tranken ihr erstes Bier, Axel bereits an der zweiten Kippe. Das Gespräch drehte sich um früher, keinesfalls um das öde, immer gleiche Jetzt. Axel aschte die Zigarette ab und sah sich um.

    „Weißt du noch“, sagte er zu Fabi gewandt, „wie wir dort an der Theke saßen und die Leute gegenüber beleidigt haben?“ Fabi sah zum Tresen rüber, an dessen Seite eine Sitzbank für zwei Personen angebracht war.
    „Hahaha, auf jeden Fall. Das war ein Abend! Du bist ja abgehauen. Aber ich bin noch geblieben, bis die Lichter ausgegangen sind.“
    „Wie bist du da eigentlich heimgekommen?“
    „Weißt du das nicht? Daniel hat mich heimgefahren.“
    „Ach so, was ist wohl aus dem geworden?“
    „Keine Ahnung. Maxi hat behauptet, er arbeitet jetzt in so nem Sterneladen.“
    „Echt? Krass, wohin es die Leute verschlägt.“
    „Wir sind noch hier.“
    „Wer weiß, wie lange noch.“
    „Wo sind die nur?“
    „Die wollten Kippen holen…vor einer halben Stunde.“
    „Haben sich bestimmt noch ein schnelles aus der Flasche gegönnt.“
    „Alte Suffköpfe.“
    „Und du? Trinkst nicht mehr so viel?“
    „Nein, ist ja gar nicht mehr möglich. Wenn ich freitags 5,6 Bier trinke merke ich das noch am Montag.“
    „Scheiße, sind wir so alt geworden. Das,“, Axel deutete auf sein Bier, „ist mein erstes Bier seit, keine Ahnung, zwei Wochen oder so. Im Sportheim trinke ich meistens Alkoholfreies.“
    „Unglaublich. Da, schau mal, da kommen die zwei Vögel“, sagte Fabi und deutete auf den Eingang der Kneipe, den man durch die Glastür des Raucherbereichs einsehen konnte. Maxi und Tim schlenderten herein und alles an ihnen sagte Alkohol.

    „Die haben bestimmt ne Flasche Wodka geköpft, so wie die aussehen.“
    Die beiden schoben die Schwenktür zum Raucherbereich auf und blieben plötzlich stehen. Man sah ihnen den Pegel deutlich an. Sie winkten den beiden zu. Die anderen Gäste drehten sich nach ihnen um und lachten.
    „Kommt doch her“, brüllte Axel fast schon etwas beschämt. Die beiden folgten seiner Stimme und nahmen nebeneinander Platz.
    „Was habt ihr gemacht zur Hölle?“
    „Wir waren im Kaufland und haben eingekauft“, sagte Maxi in einem angeheiterten Singsang.
    „Und warum hat das so lange gedauert? Euer Bier ist schon ganz warm.“
    „Wir hatten ja kaltes Bier im Kaufland“, gestand Tim, der gleich nachdem er es gesagt hatte, die Augen sinken ließ, als hätte er etwas sehr Dummes getan. Die beiden Nachzügler machten sich über ihr stehengelassenes Bier her.

    „Jungs, das ist echt schön, euch mal wieder alle zu sehen“, verkündete Axel und hob sein Glas in die Mitte. Alle stießen miteinander ein. Maxi und Tim kippten ihr Bier gleich ganz weg, Fabi und Axel nahmen nur jeweils einen kräftigen Schluck. Die Kellnerin wurde gerufen und nochmal nachbestellt. Vielleicht war es die Konstellation, die Maxi und Tim so anspornte, sich abzuschießen. Als die nächste Runde auf dem Tisch stand, machte Maxi gleich weiter. Fabi sah ihn etwas besorgt an, er wusste um seinen starken Konsum Bescheid.
    „Hey man, meinst du nicht, du solltest etwas langsamer machen?“
    „Waaas? Das sagst du? Früher hättest du hier jedes Bier auf dem Tisch in unter einer Minute weggekippt.“
    „Hahaha, er hat Recht“, stimmte Axel zu.
    „Und jetzt ist er brav wie eine Kirchenmaus“, blökte Tim dazwischen.
    Fabi konnte das gut wegstecken, er wusste, dass er früher jeden unter den Tisch hätte trinken können, sogar sich selbst.

    „Einmal lag er hier unterm Tisch und hat nach mehr verlangt, hahaha“, fiel Maxi plötzlich ein Abend vor 4 oder 5 Jahren wieder ein. Die anderen lachten. Alte Suffgeschichten waren ein starkes Bindeglied in ihrer Freundschaft. Fabi setzte zum Gegenschlag an: „Immerhin bin ich nicht nackt durch Frau Engeles Garten gerannt und hab versucht, meinen Schwanz hinter einem Blumenkübel zu verstecken!“

    „Stimmt!“, grölte Axel. Tim lag schon prustend auf dem Tisch, als er sich daran erinnerte.Maxi war in den Garten einer ehemaligen Lehrerin gestiegen und wollte ihr unbedingt ins Blumenbeet kacken. Dazu hatte er sich aus nicht nachvollziehbaren Gründen ganz ausgezogen. Gerade als er am Pressen war, ging das Licht an und vor lauter Schreck griff er zu einer kleinen Blumenvase und hielt sie sich vor sein bestes Stück. Die anderen hielten sich hinter der Hecke versteckt und brachen in schallendes Gelächter aus. So laut, dass Frau Engele das Fenster öffnete und mit einer Taschenlampe den Garten absuchte. Maxi hatte schnell seine Klamotten gepackt, den Blumenkübel immer noch in der Hand und war mit einem Hechtsprung über die Hecke geflüchtet, wobei der Lichtstrahl gerade noch seinen blanken Hintern erwischt hatte. Frau Engele, völlig außer sich, schrie ihm hinterher: „Du Perverser! Ich ruf die Polizei! Wenn ihr noch einmal in meinen Garten geht…wartet bloß ab! Euch krieg ich noch!“

    Man hörte nur noch, wie sie das Fenster zuschlug. Die Jungs nahmen ihre Beine in die Hand und rannten, wie sie noch nie gerannt waren. Einige Minuten später hörte man die Sirenen, aus dem Tal den Berg hinaufflitzen. Die vier Freunde waren in den Wald geflüchtet, kurz vor dem Herzinfarkt vor lauter Lachen und Rennen. Sie retteten sich ins nächste Dorf, wobei ihr Lachen laut durch die Nacht hallte. Schließlich versteckten sie sich in Maxis Garage und trauten sich nicht wieder heraus, ehe der erste Sonnenstrahl durchs Fenster gedrungen war. Am nächsten Tag war in der Zeitung zu lesen: Perverser überfällt alte Dame, Blumenkübel geklaut. Der ist dann in Maxis Vorgarten gelandet, seine Mutter hatte es nie bemerkt. Man könnte ihn bis heute damit überführen, sollte jemals ein übereifriger Polizeibeamter den Fall neu aufrollen. Spätestens jetzt hatten sie mit ihrem lauten Gelächter die ganze Aufmerksamkeit aller Anwesenden Gäste auf sich gezogen.

    „Wie gut, dass das nicht in deinem Führungszeugnis gelandet ist, Alter“, stellte Tim fest, nachdem sich alle wieder etwas gefangen hatten.
    „Der Zeitungsartikel hängt immer noch über meinem Bett. Das waren meine 15 Minuten im Rampenlicht.“
    „Das war dein nackter Arsch im Scheinwerferlicht einer alten Frau“, ergänzte ihn Axel.
    „In der Nacht hat sich zum letzten Mal was geregt in ihrem Höschen.“
    „Wahrscheinlich hat sie dich für ihren Mann gehalten.“
    „Der ist genauso hässlich wie dein bleicher Arsch, hahaha.“
    „Hahaha, sein Arsch hat geleuchtet wie der Mond.“

    Die Jungs brauchten eine Weile, um sich von diesem Lacher zu erholen. Wie es oft vorkommt nach solchen Geschichten, war eine peinliche Stille entstanden. Niemand wusste, was er sagen sollte, um das Gespräch wieder in Gang zu bringen. Axel sah Maxi an, der sah schnell zur Seite, wobei er Fabis Blick kreuzte, der ihn besorgt anstarrte. Tim sah vor sich auf den Tisch und rauchte. Da riss sie plötzlich das Surren eines Handys aus ihrer Melancholie. Der ganze Tisch vibrierte und jeder sah auf sein Handy. Es war Axels Handy, das vibriert hatte. Er nahm es in die Hand und las angestrengt eine scheinbar sehr lange Nachricht durch. Die anderen tauschten vielsagende Blicke miteinander aus. Nachdem Axel die Nachricht gelesen hatte, sperrte er das Handy und legte es auf den Tisch als wäre nichts gewesen. Die anderen sahen ihn erwartungsvoll an, doch er wich ihren Blicken aus und starrte ihn sein Bierglas, das er mit beiden Händen umfasste.

    Tim war betrunken genug, um sich als Erster hervorzuwagen. „War das deine Freundin?“, wollte er von ihm wissen. Axel sah etwas angepisst aus, als er die Augen hob und zu Tim rübersah. Der wiederum, vom Alkohol in seinem Selbstbewusstsein ohnehin eingeschränkt, sah unterwürfig zur Tischkannte und verstummte. Maxi sah zu Fabi, der sah zu Axel und sagte schließlich: „Bist du immer noch mit dieser Verrückten zusammen?“ Es folgte ein Moment unsäglicher Spannung, so als würde jemand Strom durch die vier Freunde leiten und Blitze aus ihren Augen schießen. Axel sah Fabi herausfordernd an. Nicht jeder hätte das über seine Freundin sagen können, ohne sich eine einzufangen. Doch Fabi kannte er schon so lange, dass er nochmal davonkam. Vielleicht, weil er wusste, dass wenigstens ein bisschen Wahrheit in seiner Aussage steckte.

    „Ja, das war sie“, sagte er schließlich, kurz und abgehackt, um den anderen zu signalisieren, dass er nicht darüber reden wollte. Jetzt hatte er das Interesse natürlich erst recht geweckt. Maxi war an der Reihe, dessen Pegel ihm jeglichen Anstand untersagte: „Was will sie denn? Du bist mit deinen Jungs unterwegs. Da braucht sie dir nicht andauernd zu schreiben!“ Axel warf ihm einen strengen Jetzt-reicht-es-Blick zu, der durch Maxis alkoholdurchweichtes Gehirn schoss wie durch ein Sieb. Er erkannte den Ernst der Lage nicht und bestand weiterhin auf seinem Punkt: „Seit du die Alte hast, bist du nicht mehr der alte Axel. Was können wir dafür, wenn sie deine abgeschnittenen Eier mit irgendwelchen Voodoo-Nadeln durchsticht, wenn du unterwegs bist…“

    Maxi hatte noch nicht ausgeredet, da stand Axel plötzlich auf und machte eine drohende Bewegung mit seiner rechten Hand. Maxi zuckte zusammen und fiel dabei fast vom Stuhl. Fabi stand auf, um Axel zu besänftigen. Tim redete auf Maxi ein. Als alle wieder saßen, sagte Maxi: „Was denn, stimmt doch?“
    „Hey“, brüllte Fabi fast schon über den Tisch, „du kannst nicht einfach seine Freundin beleidigen.“
    „Nur, weil du und du“, er zeigte erst auf Fabi, dann auf Tim, „zu feige seid, um etwas zu sagen. Ich sag, was ich will. Axel ist mein Kumpel und wenn ich glaube, dass seine Freundin ihn unterdrückt, dann sage ich das ehrlich raus.“

    „Man, ist das dein Ernst? Wir sehen uns nur noch alle paar Monate und jedes Mal fängst du mit deinem Scheiß an. Wenn wir schon ehrlich sind, dann sag ich dir jetzt offen ins Gesicht, dass du ein Alkoholproblem hast!“, konterte Fabi mit erregter Stimme. Maxi wurde rot, er schlug mit der Faust auf den Tisch. „Schön, dass wir endlich Klartext reden. Jetzt aber die Eier auf den Tisch! Mich nervt dein ständiges Gejammer über deinen scheiß Job wie Sau! Trotzdem halte ich immer die Fresse“, erwiderte dieser wutentbrannt. Fabi sah ihn mit flammender Aggression an, wie sie nur Freunde untereinander empfinden können. „Also gut, Eier auf den Tisch. Jetzt sagen wir uns mal offen die Meinung“, fing er an und sah zwischen den anderen hin und her. Jeder war bereit, sich zu verteidigen und gleichzeitig anzugreifen. Sein Blick blieb auf Tim haften: „Du, wann kriegst du endlich deinen Arsch hoch? Seit dem Abi hängst du rum und hältst dich mit irgendwelchen Aushilfsjobs über Wasser.“ Tim, der sich bis jetzt rausgehalten hatte, sah ihn verdutzt an. Der Alkohol in seinen Venen erschwerte es ihm, die Situation richtig einzuordnen. Plötzlich war er zum Mittelpunkt des Geschehens geworden, alle Blicke waren auf ihn gerichtet. „Jungs, was ist das für eine Scheiße? Fickt euch!“

    „Ja, fickt euch!“, pflichtete ihm Maxi bei, „wieso treffen wir uns überhaupt noch, wenn wir uns nichts zu sagen haben. Axel sah sich schweigend in der Runde um, ihn beschäftigte immer noch die Nachricht seiner Freundin. Seine Enthaltung blieb nicht lange unbemerkt. Es war Maxi, der sich wieder auf ihn stürzte: „Und wieso sagst du nichts? Nur, weil du dich mit einer Wahnsinnigen eingelassen hast? Hier geht es gerade um unsere Freundschaft und du hängst dieser Alten hinterher.“
    „Was weißt du schon?“, entfuhr es Axel plötzlich, der den Finger hob und auf Maxi zeigte, „was weißt du schon von Verantwortung? Immer wenn es dir zu viel wird, säufst du dich ins Delirium! Ich versuche wenigstens eine echte, menschliche Beziehung aufrechtzuerhalten. Wann hattest du das letzte Mal eine Beziehung? Vor zwei Jahren mit dieser Jana? Seitdem bist du doch son Alki!“
    „Wag es nicht über Jana zu reden!“
    „Was willst du tun, mir eine reinhauen?“
    „Vielleicht werde ich genau das tun“, sagte Maxi und bäumte sich vor Axel auf. Der erhob sich von seinem Stuhl und stellte sich ihm gegenüber. Er war gut einen halben Kopf größer als Maxi und hätte diesen mit einem Schlag ans andere Ende der Bar befördert.

    Ihr Streit war nicht unbemerkt geblieben und jetzt, als die Situation zu eskalieren drohte, stürmte die Kellnerin mit der Geschäftsführerin zu ihrem Tisch. „Jungs!“, rief diese aufgeregt, „jetzt reicht es aber! Wenn ihr euch nicht vertragt, dann regelt das draußen.“ Die Geschäftsführerin kannte sie und versuchte, gut auf sie einzureden: „Ihr kommt schon so lange her, ich will euch wirklich nicht vor die Tür setzen, aber ich muss auch an meine anderen Gäste denken. Was auch immer ihr da habt, lasst es gut sein. Also, vertragt ihr euch oder wollt ihr freiwillig gehen?“ Die Jungs sahen sich um, wirklich alle Augen waren jetzt auf sie gerichtet. Vor lauter Rage hatten sie ganz vergessen, wo sie waren. Sie tauschten einige versöhnende Blicke miteinander aus und nickten schließlich der Geschäftsführerin zu. „Wir vertragen uns“, gab Tim zu verstehen. Die anderen stimmten zu. „Na schön, aber wenn ihr nochmal so rumschreit, war es das letzte Mal“, setzte die Geschäftsführerin nach und verschwand dann wieder nach hinten in die Küche.

    Die vier Freunde setzten sich beschämt zurück auf ihre Stühle und schwiegen sich an. Der eine spielte mit der Zigarette, der andere drehte nervös das Glas. Es war Maxi, der als Erster den Mut wieder fasste, etwas zu sagen: „Tut mir leid, Leute, ehrlich. Axel, ich wollte deine Freundin nicht beleidigen. Wirklich, ich will mich entschuldigen. Wir sind noch Freunde, das ist doch viel mehr wert.“ Er streckte Axel die Hand zur Versöhnung hin. Der, immer noch etwas in seinem Stolz angegriffen, vergab seinem Kumpel und schüttelte die dargereichte Hand mit einem versöhnlichen: „Schon gut, Alter. Mir tut es auch leid.“
    „Mir tut es auch leid. Maxi, Tim, das war scheiße von mir“, entschuldigte sich Fabi.
    „Ja, verdammt, das war Scheiße. Wir sollten uns nicht streiten. Dieser Platz hier sollte für immer unser Rückzugsort sein“, warf Tim ein.
    „Richtig“, pflichtete ihm Axel bei, „keine Verurteilung für nichts.“
    „Hmm…“, ließ Maxi vernehmen.
    „Was hmm?“, fragten ihn sogleich die anderen.
    „Habt ihr euch das so vorgestellt?“
    „Was vorgestellt?“, wollte Fabi wissen.
    „Erwachsensein. Wenn wir ehrlich sind, haben wir gerade nur so reagiert, weil wir die Wahrheit nicht vertragen.“
    „Fängst du schon wieder an?“, erwiderte Tim.
    „Lass ihn, er hat Recht“, warf Axel ein.
    „Er hat wirklich Recht,“ stimmte auch Fabi zu, „ich hasse meinen Job und bin zu feige, es mir einzugestehen.“
    „Ja, und ich trinke wirklich zu viel, aber schaffe es nicht, es zu lassen“, gestand Maxi.
    Axel seufzte: „Und ich…diese Beziehung macht mich fertig, aber ich kann sie nicht verlassen, versteht ihr? Ich liebe sie…“
    „Und ich krieg den Arsch nicht hoch…“, murmelte Tim in sein Bierglas hinein.
    „Verdammte Scheiße, Jungs, ich hatte Ideale. Erzählt das dem Maxi von vor vier, fünf Jahren. Der würde sich in Grund und Boden schämen.“
    „Erzähl es auch gleich dem Fabi von vor fünf Jahren.“
    „Und dem Tim…“
    „Und dem Axel…“

    Die vier hingen voller Selbstmitleid über ihren Biergläsern und schwelgten in Erinnerungen. Hatten sie sich wirklich verraten? Wann waren sie auf einmal erwachsen geworden?
    „Ich hab mir das Erwachsenwerden irgendwie würdevoller vorgestellt“, ließ Fabi seinen Gedanken freien Lauf.
    „Ja, mit einer Zeremonie oder so“, fügte Tim hinzu.
    „Es passiert einfach, man merkt es nicht mal. Jeder macht so eine große Sache daraus, dabei muss man gar nichts zu tun, außer zu warten“, sagte Maxi.
    „Und dann ist man erwachsen und die Jugend ist schlagartig zur Erinnerung geworden“, schloss Fabi seine Gedanken ab.
    „Jungs, wir sind 24, 25, was soll das Geschwätz?“, mischte sich plötzlich Axel mit ein, der bis jetzt kein besonderes Interesse an der Konversation gezeigt hatte. „Ihr tut grad so, als würdet ihr morgen unter der Erde liegen.“
    „Er hat Recht, er hat wirklich Recht, was sind wir für Loser, wenn wir so reden?“, fragte Maxi aufgeregt in die Runde. „Jetzt können wir noch was ändern! Wir können was ändern. Ihr dürft nur nicht solche Weicheier sein!“
    „Ich bin kein Loser“, bemerkte Tim entschlossen.
    „Ich auch nicht“, stimmte Fabi zu.
    „Wir schließen einen Pakt. Das wird großartig. In zweieinhalb Monaten ist Ostern, bis dahin kriegen wir unser Leben in den Griff. Heute Abend geben wir uns ein Versprechen und bis Ostern setzen wir es um.“

    „Was für ein Versprechen?“, wollte Axel wissen, der schon ahnte, worauf das hinauslaufen würde.
    Maxi schlug auf den Tisch: „Was wohl? Ich gelobe hiermit, dass ich mein Alkoholproblem in den Griff bekomme.“
    Die anderen sahen sich an und nickten zustimmend. Schließlich ergriff Fabi das Wort: „Hiermit gelobe ich, dass ich mir einen neuen Job suchen werde!“
    „Und ich“, fing Tim an, „ich gelobe hiermit, dass ich mir eine Ausbildung suchen werde.“
    Maxi klopfte ihm auf die Schulter und sah triumphierend zwischen seinen Freunden hin und her. Nur Axel schwieg immer noch. Fabi packte ihn am Arm: „Du musst nicht mitmachen, wenn du nicht willst.“
    Axel hob die Augen, in ihm brodelte es. Er hatte sichtlich mit sich zu kämpfen. Maxis Blick ließ nur eine Antwort zu, Tim dagegen sah gleichgültig zufrieden aus. Fabi versuchte Verständnis zu zeigen. Endlich ballte Axel beide Hände zur Faust und presste sie auf den Tisch, als würde er etwas zerbrechen. Dann sah er einen nach dem anderen an und sagte: „Hiermit gelobe ich, dass ich mit einer Freundin Schluss machen werde.“

    Maxi war außer sich vor Freude: „Dann ist es beschlossen.“ Er holte sein Handy heraus und zählte irgendetwas. „In genau 70 Tagen treffen wir uns hier, genau an diesem Tisch. Und wir werden unser Leben um 180 Grad gedreht haben. Gebt mir die Hand, Jungs!“ Er streckte seine Hand aus und ballte sie zur Faust. Axel streckte seine rechte Hand aus und umfasste Maxis, Fabi umfasste Axels und Tim schließlich Fabis. Der Pakt war damit rechtsbündig. Jeder hatte sich an die Abmachung zu halten. Sie legten den Gründonnerstag für ihr nächstes Treffen fest und bestellten die nächste Runde, um darauf zu trinken. Den Rest des Abends sprachen sie fast ausschließlich über ihren Deal und wie sie ihn umsetzen wollten. Die Streitigkeiten von vorhin waren längst vergessen. Der Alkohol floss in rauen Mengen, um den Pakt zu besiegeln. Erst um halb 3, als die Geschäftsführerin sie bat, zu gehen, verließen sie die Kneipe, verteilten sich auf zwei Taxis und fuhren nach Hause. Nicht aber, ohne nochmal an die Frist und die Pflichterfüllung ihres Paktes zu erinnern.

    Die 70 Tage bis Ostern vergingen wie im Flug. Sie hatten es tatsächlich nicht geschafft, sich davor nochmal zu treffen, weder zu viert noch zu dritt oder zu zweit. Umso größer war die Spannung am Gründonnerstag, als sie nach und nach die Kneipe betraten. Maxi hatte extra einen Tisch reserviert. Er wollte, dass alles wie an dem Tag war, an dem der Pakt geschlossen wurde. So war er auch schon eine halbe Stunde früher als ausgemacht dort erschienen, um ganz sicher zu gehen, dass ihr Platz frei war. Als Fabi um kurz vor 8 die Kneipe betragt, saß Maxi in der Ecke und trank eine Cola. Fabi grinste, kam auf ihn zugelaufen und begrüßte ihn. „Wie ich sehe, hast du dich an unseren Pakt gehalten.“ Maxi lächelte: „Unbedingt! Ich musste ja. Wie ist es bei dir gelaufen?“ Fabi wich seiner Frage aus: „Ich hab irgendwie Hunger. Ich glaube, ich bestell mir ne Pizza.“

    Als nächstes kam Tim hereingelaufen und strahlte die beiden an. „Jungs, ich hab so gute Neuigkeiten“, verkündete er noch bevor er überhaupt „Hallo“ gesagt hatte. Die beiden baten ihn, zu warten, bis Axel kam, der etwas spät dran war. Alle drei tranken alkoholfreie Getränke, als er zu ihnen stieß. Er sah etwas verdutzt über den Tisch. „Ist das hier ein Treffen der Anonymen Alkoholiker?“, sagte er lachend. Er bestellte ein Bier, indem er durch die ganze Kneipe dem Kellner zurief. „Alkohol war nicht Teil meiner Auflagen“, sagte er, hing die die Jacke über die Stuhllehne und setzte sich. Alle waren gespannt, wer es geschafft und wer versagt hatte. Maxi hielt die Spannung nicht aus und fing gleich als Erster an zu erzählen:

    „Jungs, ich bin seit genau 30 Tagen trocken. Nach unserem Abend hab ich mir vorgenommen, sofort nichts mehr zu trinken. Aber ihr wisst ja, wie das ist. Ich hab 10 Tage durchgehalten, dann war ich bei einer Familienfeier und wollte meinem Opa den Abend nicht versauen. Aber ich hab nur zwei Bier getrunken. Dann hab ich wieder einige Tage durchgehalten, wieder getrunken…na ja, das ging dann so weiter. Bis ich mir gesagt habe, wenn ich heute Abend hier herkomme und den Jungs sage, ich habe versagt…was bin ich dann für ein Weichei! Also, seit 30 Tagen bin ich trocken. Mir geht’s richtig dreckig, ich habe glaube ich richtige Entzugserscheinungen, aber mein Gewissen ist rein und das hilft mir.“ Als er fertig erzählt hatte, applaudierten die anderen, klopften ihm auf die Schultern, fanden lobende Worte. „Respekt, dass du das wirklich durchgezogen hast, Maxi“, sagte Axel zu ihm.

    „Wer ist der Nächste?“, fragte Maxi mit einem breiten Grinsen im Gesicht in die Runde. Erstaunlicherweise war es Tim, der sich freiwillig meldete. „Ich hab eine Stelle gefunden, Leute, ob ihr’s glaubt oder nicht: ich werde zur Polizei gehen.“ Allgemeines Staunen machte sich zwischen den anderen breit. „Wow, du bei der Polizei, krass“, entfuhr es Fabi.
    „Geil man, ich freu mich für dich“, sagte Maxi.
    „Das sind tolle Neuigkeiten“, bekräftigte ihn Axel.
    „Danke, Leute! Das ist eine große Sache für mich. Der Sporttest war echt nicht einfach, aber ich habe gedacht: halte durch, für deine Jungs. Und hier bin ich. Bis es losgeht, arbeite ich noch bei meinem Onkel. Genug rumgehangen, jetzt geht der Ernst des Lebens los.“
    Die anderen freuten sich für ihren Kumpel. Es war gut losgegangen, alle waren positiv von einander überrascht. „Fabi, erzähl du“, verlangte schließlich Maxi von Fabi, der irgendwie herumdruckste. Sechs neugierige Augenpaare waren auf ihn gerichtet. „Leute, es fällt mir echt nicht leicht, das zu sagen, aber ich hab’s nicht gepackt…“, begann er zu erzählen. Maxi fiel ihm sofort ins Wort: „Du bist immer noch in deinem alten Job?“

    „Ja, aber hört mal. Das war wirklich keine leichte Entscheidung. Nach unserem Gespräch habe ich viel über meine Situation nachgedacht. Ich habe mich wirklich oft beschwert und manchmal nur, um etwas gesagt zu haben. Wisst ihr, als ich mich nach neuen Stellen umgeschaut habe, da hatte ich diese Erkenntnis…es liegt gar nicht an meinem Job, sondern an meiner Einstellung. Ganz ehrlich, wenn ich mir einen neuen Job suchen würde, wäre es bestimmt nicht anders. Ich muss an mir selbst arbeiten, lernen, zufriedener zu sein, versteht ihr? Job ist Job. Woanders würde ich auch nur hinter einem Rechner hocken…Ich habe mich entschieden, dort zu bleiben.“
    Die anderen fassten sein Geständnis relativ gelassen auf, ihr anfänglicher Unmut war Verständnis gewichen. Seine Erklärung machte Sinn und daher konnten sie nicht anders, als diese zu respektieren. Es gab nicht viel hinzuzufügen, bis auf die wenigen Worte von Axel: „Du hast das Richtige getan!“

    Sogleich fiel die Aufmerksamkeit ihm zu, der jetzt an der Reihe war. Die anderen hatten längst bemerkt, dass auch er den Pakt nicht eingehalten hatte und so war es keine große Überraschung, als er anfing zu erzählen: „Was soll ich sagen? Damals habe ich wirklich gedacht, ich mache Schluss. Gleich am nächsten Tag bin ich zu ihr gefahren, um es zu beenden. Sie wusste, dass etwas nicht stimmte. Wir haben uns heftig gestritten, völlig sinnlos, es gab nicht einmal ein Streitthema…ich bin dann rausgestürmt und abgehauen. Wir haben eine ganze Woche nicht miteinander geschrieben oder telefoniert. In dieser Woche…ihr könnt das vielleicht nicht nachvollziehen, aber in dieser Woche ist mir etwas klargeworden. Und zwar, dass ich sie liebe. Nicht einfach nur liebe, sondern brauche. Jungs, ich muss echt mit mir kämpfen, die Tränen zurückzuhalten. Ich bin zu ihr gefahren…ich hab diesen Ring gekauft und hab sie gefragt, ob sie mich heiraten will…“. Er hatte plötzlich einen Frosch im Hals und deutete nur auf einen Ring an seinem rechten Ringfinger.

    Die anderen wussten gar nicht, wie ihnen geschah. Innerhalb weniger Sekunden durchliefen sie mehrere emotionale Zustände: Entsetzen, Überraschung, Rührung und tiefe Achtung. Axel war der Erste aus ihrer Clique, der heiraten würde, sie wussten also nicht, wie man bei so etwas zu reagieren hatte.. Sie würden ein Mitglied verlieren, zumindest fühlte es sich im ersten Moment so an. Das Mädchen, das sie allesamt für verrückt gehalten haben, würde jetzt zu seiner Frau werden und damit den vollen, berechtigten Anspruch auf seine Zeit erhalten. Irgendwie waren sie neidisch. Keiner konnte der eben getätigten Aussage eine vernünftige Emotion zuordnen. Nicht aus Respektlosigkeit, sondern aus Unbeholfenheit.

    Maxi, der noch vor einigen Wochen am heftigsten gegen seine Freundin gewettert hatte, fing sich als Erster und sagte frei heraus, was er dachte: „Axel, das ist…wow, du wirst heiraten! Das ist großartig! Ich meine, was ich gesagt habe…nein, vergiss alles. Du wirst heiraten! Das zählt, du liebst sie wirklich! Und ich war vielleicht neidisch auf sie oder zu kindisch, um das zu verstehen. Ich meine, du liebst sie so sehr, dass du dein ganzes Leben mit ihr verbringen willst. Ich…vielleicht war ich so, weil ich das selbst noch nicht gefunden habe. Das ist eine wirklich erwachsene Entscheidung. Glückwunsch, mein Freund! Ich freu mich für dich!“
    Jetzt schoben auch Fabi und Tim alle Zweifel beiseite. Maxi hatte die Wahrheit gesagt, und dabei nicht nur für Axel gesprochen, sie alle hatten durch diesen Pakt etwas erkannt. Und diese Erkenntnis hatten sie genutzt, um wirklich erwachsene Entscheidungen zu treffen. Sie wussten nicht mehr, wann und wie sie ihre Jugend hinter sich gelassen hatten, aber sie verstanden jetzt, dass es okay war, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, auch wenn die Freunde diese nicht immer für sinnvoll hielten.

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  • Einen Kater zu begraben…

    „Nein, Herr Pfeiffer, tut mir leid, wir haben Ihren kleinen Rudi nicht gesehen“, sagte Jan’s Mama zu dem Mann am Telefon, während sie ihn mit der anderen Hand wegdrückte.

    Sie legte den Hörer auf die Brust und fragte: „Was ist denn?“ Die Antwort wartete sie erst gar nicht ab und hörte weiter Herrn Pfeiffers jammernder Stimme zu. „Ich versichere Ihnen, dass wir uns sofort melden, sollten wir Ihre Katze irgendwo sehen. Ich sage auch Jan Bescheid. In Ordnung, auf Wiederhören.“

    Sie legte auf und wandte sich gleich an Jan, der wie eine Klette an ihrem Bein hing.
    „Wenn ich telefoniere, sollst du mich nicht stören.“
    „Aber ich will mit Maxi draußen spielen!“
    „Wieso fragst du dann nicht deinen Vater?“
    „Weil der sagt, ich soll dich fragen.“
    „Wer war das?“, rief plötzlich Jans Vater aus dem Wohnzimmer. „Ach, nur Herr Pfeiffer wegen seiner Katze. Wieso schickst du Jan zu mir, wenn ich telefoniere?“
    „Was?“, hallte es aus dem Wohnzimmer.
    „Ich sagte, wieso…“, fing seine Mutter erneut an und lief ins Wohnzimmer.

    Jan blieb allein im Flur stehen und starrte seiner Mutter hinterher. Maxi war bestimmt schon auf dem Schulhof und wartete. Er wollte keine Zeit mehr verlieren. „Ich geh raus!“, rief er in Richtung Wohnzimmer, hielt kurz inne, um die Reaktion abzuwarten und lief dann zur Tür. Gerade als er die Schuhe anzog, hörte er seine Mutter rufen: „Sei aber zum Essen wieder hier!“

    Jan nickte, als könnte ihn seine Mutter durch die Wände sehen, zog die Tür auf, die fast doppelt so groß war wie er und entschwand in einen perfekten, sonnigen Nachmittag. Es war mitten im Sommer und ein müder, träger Tag hier in Nordstetten. Die Leute waren weggefahren oder lagen hinter ihren hohen Hecken im Schatten. Nur Jan war unterwegs, mit seiner zerrissenen Draußenhose und einem alten Shirt. Er und Maxi wollten in den Wald gehen, um Dinosaurierknochen auszubuddeln. Ein Junge in der Schule hatte behauptet, welche gesehen zu haben. Natürlich hatte er keine Beweise vorbringen können, aber sein Wort zählte. Unter kleinen Jungs ist das so. Er kickte Stein vor sich her, balancierte dann auf dem hellen Rand des Bordsteins und bog rechts zur Schule ab. Dort saß Maxi auf den Treppenstufen vor dem Eingang, das Gesicht in die Hand gestützt und wartete auf ihn.
    „Hallo Maxi!“, begrüßte er ihn.
    „Hi Jan! Es ist so heiß.“
    „Hast du Geld dabei?“
    „Nein, und du?“
    „5 €. Wir können zum Bäcker und Eis kaufen.“

    Kleine Jungs und heiße Sommertage, natürlich brauchten Sie Eis. Maxi erhob sich wie ein alter, fetter Kater, riss den Mund weit auf und gähnte, um sich im nächsten Moment der knallenden Sonne entgegenzustrecken.
    „Man gähnt nicht mit offenem Mund“, rügte ihn Jan.
    „Wie gähnt man denn mit geschlossenem Mund?“
    „Man hebt die Hand davor, wenn man gähnt. So…“, er demonstrierte ihm, wie man richtig gähnt, indem er den Mund öffnete und die geballte Faust mit der Stirnseite zuerst davorhielt. Für Maxi war das keine Offenbarung, er wusste, wie Erwachsene gähnen, aber er war viel zu faul, um sich darum zu kümmern. Außerdem war weit und breit kein Erwachsener zu sehen, die Hitze hatte sie alle in die Flucht geschlagen. Die beiden machten sich auf zum Bäcker.

    Auf dem Weg wurde Maxi plötzlich wieder munterer und fing mit seinen Witzen an.
    „Es ist so heiß, weil deine Mutter unterm Arm schwitzt.“ Jan freute sich über die Einladung, auch etwas Fieses über Maxis Mutter zu sagen. Trotzdem verstand er nicht, inwiefern Maxis Aussage eine Beleidigung sein sollte, geschweige denn Sinn machte. Er wollte unbedingt etwas noch Gemeineres sagen. „Deine Mama lässt beim Kacken die Tür offen.“
    „Deine Mama ist so dick, mit einem gelben T-Shirt sieht sie aus wie die Sonne.“
    „Deine Mama steht nachts vor der Sonne, deswegen ist es dunkel.“

    Irgendwie gelangen ihnen die Mutterwitze heute nicht sonderlich gut. Erst letzte Woche hatte  Maxi so schlimme Dinge über Patricks Mutter in der Schule gesagt, dass er den Rest der Woche nachsitzen musste. Jan hatte so gelacht, dass auch er einen Tag nachsitzen musste. Doch heute war nichts von Maxis hoher Wortakrobatik vorhanden, die Witze verpufften in der heißen Luft, noch bevor sie rauskamen. Maxi wischte sich immer den Schweiß unter der Mütze weg und rieb ihn sich unter die Nase. Als sie beim Bäcker angelangten, sahen sie aus, als wären sie gerade aus dem Pool gestiegen. Jan drückte die Tür auf und nahm ein Nase der kühlen, nach frischem Brot duftenden Luft. Maxi trat hinter ihm ein und drückte die Tür zu.

    „Hallo“, riefen die beiden fast synchron der Verkäuferin zu, die gerade aus dem Hinterzimmer getreten kam. „Heiß heute, oder?“, sagte sie zu den beiden, die jetzt über der Eistruhe hingen und gierig hineinstarrten. „Ja“, sagte Maxi, gefolgt von einem „Mhm“ von Jan. Die Wahl fiel ihnen wirklich schwer, am liebsten hätten Sie die ganze Eistruhe nach draußen geschleift. „Was nimmst du?“, fragte Maxi. „Ein Wassereis“, antwortete Jan, der im Kopf ausrechnete, wie viel Wassereis er für 5 € kaufen könnte. „Nur eins?“, unterbrach ihn Maxi ungläubig. „Wie viele willst du denn kaufen?“
    „Mindestens zwei für jeden…“
    „Das sind 1,20 € mal zwei…“
    „2,40 €. Dann könnten wir nochmal vier kaufen.“
    „Ich darf nicht alles ausgeben.“
    „Dann noch eine Flasche Wasser.“
    „Ist gut. Du nimmst das Eis und ich hol das Wasser.“
    „Welche Sorte?“
    „Cola und Waldmeister.“
    Maxi angelte vier Wassereis auf dem Kühlfach und Jan schleppte eine große 1,5 Liter Flasche zur Kasse. „Wär’s das?“, fragte die Verkäuferin und musterte die beiden durchgeschwitzten Jungen. „Das war’s“, sagte Jan und knallte einen zerknüllten 5€-Schein auf die Theke.
    „Das macht genau 3,40 €. Dankeschön.“ Sie faltete den zerknüllten, leicht feuchten Schein auseinander, tippte den Betrag in die Kasse und zog unter Beobachtung neugieriger Augen das Wechselgeld aus den Fächern. Sie legte es auf den Wechselteller und lächelte die beiden an. Jan zog das Geld vom Tresen ohne sie anzusehen und lief zum Ausgang. Maxi folgte mit dem Eis. Sie zogen die Tür auf, drehten sich um und riefen „Tschüss! Schönen Tag.“ Die Verkäuferin winkte ihnen hinterher und verschwand wieder im Hinterzimmer.

    Die beiden konnten es kaum erwarten, sich über ihre Beute herzumachen. Ein Eis nahmen sie direkt in die Hand, das andere steckten sie in die Hosentaschen. Dann gingen sie zurück in Richtung Schule, um zu den Feldern, zum Wald zu gelangen. Sie liefen den kleinen Hügel gegenüber vom Bäcker die Straße hinauf, wobei ihr Blick direkt auf den glasklaren Himmel fiel. „Wenn man die Welt umdreht, fällt man direkt in den Himmel“, stellte Jan fest, das Eis halb im Mund. Maxi kniff die Augen zusammen und sah nach oben: „Wie ein großes Meer.“ Tatsächlich sah der Himmel so aus, als könnte man sich eine dringend benötigte Abkühlung darin verschaffen. Nachdem das entschieden war, schwiegen sie für eine Weile und sahen ihrem Eis beim Schmelzen zu. Den Rest tranken sie und warfen den Abfall in den Papierkorb auf dem Schulhof.

    Die Hitze zwang sie eine Pause im Schatten des Vordachs zu machen. Auf der Bank neben dem Eingang wischten sie sich den Schweiß aus dem Gesicht und fielen über ihr zweites Eis her, das mittlerweile nur noch aus kaltem Zuckerwasser bestand. Sie quetschen und drückten die Plastikverpackung solange, bis auch der letzte Tropfen auf ihre Zunge gefallen war. Dann nahmen sie jeder einen großen Schluck aus der Wasserflasche und machten sich wieder auf den Weg. Sie gingen über den Schulhof und direkt über die Wiese am alten Kindergarten, dann vorbei an den Baustellen der Häuser, die hier gerade gebaut wurden. Auf dem Feldweg angekommen legten sie einen kurzen Sprint zur Bank an der Wegkreuzung, etwa fünfzig Meter voraus, hin. Maxi war schneller, aber nur weil Jan die Flasche in der Hand hielt. Sie setzten sich auf die Bank und atmeten erst mal durch. „Wohin?“, wollte Jan wissen, der nicht über die genau Standortkoordinaten des angeblichen Fundortes der Dinosaurierknochen verfügte.

    Maxi hielt seine billige Armbanduhr gegen die Sonne, maß dann irgendeinen Abstand zwischen dem Stundenzeiger und der 12, fuchtelte mit ausgestrecktem Arm in der Luft herum und sagte schließlich: „Da lang.“ Er zeigte geradeaus, auf den Weg, den sie ohnehin gegangen wären. Aber die Vorstellung mit der Uhr machte großen Eindruck auf Jan, der sich nun wie auf einer richtigen Abenteuerreise fühlte. Er war sogar so fasziniert, dass es gar nicht daran dachte, wie der geheimnisvolle Trick mit der Uhr funktionierte. Sie stapften den Feldweg entlang und kickten Steine vor sich her. Plötzlich kam Jan ein Gedanke: „Wie graben wir die Knochen eigentlich aus?“ Maxi sah ihn verwundert an, kratzte sich am Kopf und starrte dann auf die großen Dreckklumpen auf den umliegenden Äckern. „Mit den Händen“, antwortete er schließlich sehr selbstsicher. Das reichte Jan, um nicht an der hemdsärmeligen Vorbereitung ihres Abenteuers zu zweifeln.

    An der Weggabelung bogen sie rechts ab, den Hügel hinauf und dann hinunter, bis sie zu einem Grasweg kamen, der unter einem Strommast direkt in den Wald führte. Es ging kein Wind, die Sonne brannte unerlässlich vom Himmel und trieb sie trotz ihrer natürlichen Angst weiter. Keiner wollte zugeben, dass er Angst hatte. Das Gras war so hoch, dass sie beim Gehen immer wieder einzelne Halme herausrissen und wie Speere in die Luft warfen. Maxi pfiff eine Melodie, die er seit Wochen im Kopf hatte. Jan hatte sie in der Schule schon so oft gehört, dass er gleich einsteigen konnte. Und so liefen sie pfeifend unter den tiefhängenden Ästen der Bäume in den Wald hinein. Der Weg fiel mäßig steil ab und wandte sich am Hang entlang, links und rechts von Buchen und Fichten umgeben. Maxi hatte in Wirklichkeit keinen Plan, wohin er gehen sollte. Die Beschreibung des Jungen, der die Dinosaurierknochen gefunden haben wollte, war sehr vage gewesen und hätte so vermutlich auf jedes Waldstück im Umkreis von 20 Kilometern zutreffen können. Aber er entschied, dass gerade dieses Stück nach verborgenen Abenteuern und riesigen Dinoknochen schrie.

    Sie folgten dem Weg bis zu einer Stelle, an der der Wald von eine Schneise unterbrochen wurde. Sie sahen nach oben zu den hochhängenden Stromseilen, die der Grund für diese Schneise waren. Statt hoher Bäume war der Hang von dichtem Gestrüpp und kleineren Bäumen gesäumt. Sie blieben stehen und sahen sich um. Etwas weiter vorne war ein Durchgang im Gebüsch zu sehen. „Da müssen wir rein!“, rief Maxi auf einmal ganz aufgeregt. Der Junge aus der Schule hatte tatsächlich so etwas in seiner Erzählung erwähnt. Er rannte voraus und inspizierte die Stelle. Es war eine Art Wildwechsel, gerade groß genug, dass ein Junge hindurchpasste. „Ich gehe zu erst. Dann sag ich dir Bescheid, ob die Luft rein ist.“
    „Okay“, stimmte Jan ihm zu, der sich plötzlich nach der Sicherheit des Schulhofs sehnte. Aber als Maxi im Unterholz verschwand, hüpfte er schnell hinterher, um nicht alleine auf dem Waldweg zurückbleiben zu müssen. Sie standen nun etwas tiefer als auf dem Weg. Der Wildwechsel verlief schräg zum Abhang einige Meter unter einigen hohen Fichten hindurch und fiel dann sehr steil ab. Von hier aus konnte man bis nach Rexingen auf der anderen Talseite sehen. Unten im Tal, auf der anderer Seite des Neckars, sausten einige Autos entlang und verschwanden im Neckartal. Maxi nahm einen Stein, zielte und warf ihn mit aller Kraft den Hang hinunter. „Hey, lass das!“, ermahnte ihn Jan, „was, wenn da unten jemand läuft?“
    „Ich wollte nur sehen, ob ich es bis zur anderen Seite schaffe“, brachte Maxi zu seiner Verteidigung hervor.
    „Keiner kann so weit werfen. Wo gehen wir jetzt lang?“
    „Den Hang runter. Aber pass auf, dass du nicht fällst.“

    Vorsichtig ging Maxi einen Schritt voraus, stemmte die Füße in die trockene Erde und suchte nach einem Weg. Einige Meter links von ihm, ein paar Meter den Hang hinunter, stand ein Baum, den er jetzt anvisierte. Die Füße schräg gestellt, ging er langsam auf ihn zu. Plötzlich gab die bröselige Erde nach und rutsche unter seinen Füße weg, er fiel auf den Hintern und rutschte unkontrolliert hinunter. Zum Glück war er schon so weit gekommen, dass der Baum ihn, wenn auch etwas unsanft, aufhielt. Jan sah erschrocken zu seinem Freund hinunter. „Alles gut?“, rief er erschrocken, als sich Maxi mit lachendem Gesicht umdrehte, ihm zuwinkte und rief: „Das hat Spaß gemacht!“ Jan atmete erleichtert auf. „Kannst du die Flasche fangen? Dann komme ich.“ Maxi stellte sich hin und streckte die Arme aus. Die Flasche war schwer, auch wenn sie schon eine Menge daraus getrunken hatten. Jan nahm den Flaschenkopf zwischen Zeigefinger und Daumen, hielt die Flasche schräg zu seinem Körper und fing an sie in pendelartigen Bewegungen hin- und herzuschwingen. Bei jeder Vorwärtsbewegung streckte Maxi die Arme aus, um sie zu fangen. Doch Jan schwang jedes Mal zurück. Als die Flasche ausreichend Schwung hatte, rief er „Jetzt!“, brachte sie mit aller Kraft nach vorn und ließ am höchsten Punkt los.

    Die Flasche schoss mit voller Wucht aus seiner Hand, schien im ersten Moment direkt auf Maxi zuzufliegen, verfehlte diesen aber um gut einen Meter und landete mitten im dichten Gebüsch, wo sie mit einem lauten Knall aufschlug. Maxi drehte sich nach der Flasche um, wandte sich dann zu seinem Freund hoch und lachte. „Du wirfst ja wie ein Mädchen!“, verspottete er ihn. Jan verschränkte die Arme, sah ihn herausfordernd an und sagte: „Kein Mädchen wirft so weit.“ Maxi lachte immer noch. „Dem zeig ich’s“, dachte sich Jan, lief einige Schritte nach links, bis er den Baum, bei dem Maxi stand, direkt unter sich hatte und setzte sich dann auf den Boden. Mit den Händen stieß er sich ab und rutschte direkt auf Maxi zu. Der, immer noch in großem Gelächter, merkte gar nicht, was sein Kumpel vorhatte und als er ihn auf sich zukommen sah, war es schon zu spät. Ihm wurden die Füße weggerissen und er landete seitwärts im Dreck, konnte aber im letzten Moment noch die Hände schützend vor sein Gesicht bringen. Am Boden liegend hörte er Jan’s gemeine Lache, der mit den Füßen auf den Baum gestützt dasaß und sich den Bauch hob. Maxi sprang auf und verpasste ihm einen Schlag auf die Schulter. „Au!“, rief Jan so laut, das es durch den Wald hallte. „Du Arschloch“, beschimpfte ihn Maxi. „Selber,“ verteidigte sich Jan. „Warum hast du das gemacht?“
    „Weil du gesagt hast, dass ich ein Mädchen bin…“
    „Ich hab gesagt, du wirfst wie ein Mädchen.“
    „Das ist das gleiche.“
    „Nein, ist es nicht.“
    „Doch.“
    „Nein.“
    „Doch.“

    So ging das eine ganze Weile, sodass sie ganz vergaßen, wo sie waren. Da ließ sie ein Geräusch im Gebüsch sie plötzlich aufschrecken. „Was war das?“, rief Jan mit ängstlicher Stimme und pochendem Herz, dessen Schlagen jetzt alle anderen Geräusche übertönte. Maxi wurde kreidebleich und ganz still. „Ich weiß nicht“, flüsterte er. Jan spürte, wie sich die Haare ihn seinen Ohren aufstellten. Sie horchten hin, dann hörten sie es wieder. Im Gebüsch raschelte es. Irgendetwas war dort. Beide waren wie erstarrt und so gerne sie auch davongelaufen wären, so unvorstellbar war der Gedanke, sich jetzt zu bewegen. Maxi hob den Zeigefinger vor seinen Mund und gab Jan zu verstehen, er solle ruhig sein. Der wusste sowieso nicht mehr, wie sprechen ging. Mit der anderen Hand suchte Maxi den Boden um sich herum ab. Jans Augen folgten seinen Fingern, die sich durch den Dreck wühlten. Endlich hatten sie gefunden, wonach sie suchten und Maxi hob einen Stein auf. Er zeigte ihn Jan, deutete auf das Gebüsch und ahmte eine werfende Bewegung nach. Jan verstand und suchte ebenfalls nach einem Stein. Er fand einen, der seine ganze Handfläche ausfüllte, zeigte ihn Maxi, hob alle fünf Finger der anderen Hand in die Luft und gab seinem Kumpel zu verstehen, dass sie auf fünf warfen.

    Das Geräusch war immer noch zu hören, irgendetwas wühlte dort den Boden auf. Maxi drehte sich um, nahm die rechte, zur Faust geballte Hand hoch und fing an, einen Finger nach dem anderen zu heben. Als er schließlich den kleinen Finger aufstellte, holten sie mit aller Wucht aus und schleuderten die Steine ins Gebüsch, dorthin, wo sie das Geräusch vermuteten. Die Steine krachten durchs Geäst und übertönten für eine Sekunde das Rascheln. Dann war ein lautes, aufgeregtes Zwitschern zu hören und etwas flog unter panischem Flügelschlagen auf. Die beiden duckten sich reflexartig weg. Als es wieder still war, sahen sie auf und realisierten so langsam, was eben passiert war. Immer noch voller Adrenalin fassten sie wieder Mut. „Das war ein Vogel“, stellte Maxi mit erleichtertem Staunen fest. „Ein blöder Vogel“, stimmte ihm Jan zu, dem gerade ein Stein vom Herzen fiel. Sein Herzschlag normalisierte sich langsam wieder. Auf einmal überkam beide ein ungemeiner Stolz, da sie nicht feige gewesen waren und sich dem Monster gestellt hatten. Der Disput von vorhin war gleich vergessen und die beiden verloren sich in Selbstlob und Freundschaftsbekundungen.

    Doch als ihnen die Wasserflache wieder einfiel, da wurden sie ganz still. Immerhin lag die Flasche genau dort, wo eben das Unbekannte gelauert hatte. Insgeheim wollten sie sich aus der Sache rausstehlen, doch das Problem war, dass sie zu zweit waren. Und unter kleinen Jungs ist es ein ungeschriebenes Gesetz, niemals einem anderen Jungen gegenüber Schwäche zu zeigen. Sie machten sich diese irrationale Vorstellung von Mut zunutze und schoben ihre Ängste beiseite. „Ich bin doch kein Feigling“, verkündete Jan, um nicht in die Rolle des Schwächeren zu geraten und machte einen Schritt auf das Gebüsch zu. Dann blieb er stehen, stellte sich auf die Zehenspitzen und tat so, als würde er versuchen, die Flasche im dichten Unterholz zu erkennen. Maxi, der wusste, dass er jetzt als der Schwächere dastand, konnte die Schande nur wieder gutmachen, indem er als Erster ins Gebüsch ging. Er sah einen kleinen Durchgang, gerade groß genug für einen großen Hasen oder ein Ferkel. Zielstrebig, unter Einsatz all seines Muts, ging er darauf zu und sagte heroisch zu Jan: „Ich gehe rein.“ Dann kniete er nieder, legte sich flach hin und kroch hinein.

    Jan, der zugleich verblüfft und angepisst war, da er nicht selbst auf die Idee gekommen war, folgte ihm ohne eine Sekunde zu verschwenden. Maxis Füße vor der Nase kroch er ebenfalls den Wildwechsel entlang. Ein intensiver, erdiger Moschusduft stieg ihnen in die Nase. „Boah, stinkt das“, rief Maxi seinem Kumpel zu. Zum Glück kamen die beiden nicht darauf, den Geruch mit Wildschweinen in Verbindung zu bringen, sonst hätten sie sich vermutlich in die Hosen gemacht. Nach etwa zwei Metern erreichten sie eine kahle Stelle im Gestrüpp. Maxi kroch raus und half Jan, indem er an seinen Armen zog. Sie hatten einige Kratzer abbekommen, von den Dornen im Gestrüpp. Doch das störte sie nicht weiter. Die offene Stelle war vielleicht eineinhalb Meter breit und gut einen Meter lang. Sie standen in einer Art Kuhle, in der vielleicht einigen Stunden davor noch ein Tier gelegen hatte. Der Geruch war jetzt noch stärker als vorhin, doch da lag noch etwas in der Luft. Ein Hauch von…sie konnten es gar nicht richtig zuordnen. „Riechst du das?“, fragte Maxi.
    „Ja, riecht wie Kacke.“
    „Nein, nicht das.“
    Jan schnüffelte, atmete tief ein. Da roch er es auch. Er kannte den Geruch irgendwoher. Er war sich sicher, das schon mal gerochen zu haben. Die beiden sahen sich an und schnüffelten. „Ist das ein Tier?“, fragte Maxi, der gerade einen ganzen Schwung abbekommen hatte. Jan ordnete das Wort „Tier“ in seine Gedanken ein. Es machte Sinn, der Geruch war auf irgendeine Art und Weise in Verbindung mit einem Tier in seiner Erinnerung abgespeichert. Da wurde er plötzlich blass. Maxi sah ihn: „Was ist? Was ist los?“
    „Mein toter Hamster hat so gerochen.“
    Maxi überlegte, was das zu bedeuten hatte. Als er die Bedeutung dahinter erfasste, wurde er schlagartig ganz ruhig.
    „Meinst du, da ist…“
    „Ja.“
    „Und was…“
    „Weiß nicht…“

    Ein Junge kann seine Ängste mit zwei Dingen besiegen. Erstens, indem er einem anderen Jungen beweisen muss, wie mutig er ist. Zweitens, indem er von einer unstillbaren Neugierde gepackt wird. Hier war es wohl eine Mischung aus beidem, die Jan dazu bewegte, die Äste der Büsche beiseite zu schieben und nach der Quelle des Geruchs zu suchen. Maxi verstand und half ihm dabei. Sie schoben das Gestrüpp zur Seite, rochen, gingen zu einer anderen Stelle und wiederholten das Ganze. Dabei merkten sie, dass unterhalb ihres Standortes eine zweite Kuhle war, die sogar noch größer als die erste war. Sie krochen durch einen Wildwechsel hinunter. Der Geruch war hier viel intensiver als oben. Sie folgten ihm mit ihren feinen Nasen. Als Maxi schließlich die Blätter eines Busches beiseite hob, da packte ihn die pure Faszination. „Da!“, rief er seinem Kumpel zu. „Was?“, rief dieser fast etwas erschrocken und drehte sich um. Maxi hielt die Äste für ihn zur Seite und deutete auf etwas, das dort am Boden lag. Jan konnte es kaum fassen, Adrenalin schoss in seinen Körper und ein Gefühl von Angst und überschwänglicher Anziehungskraft machte sich in ihm breit. Was er sah, was dort lag, hatte Fell, weißes Fell mit schwarzen Punkten darin. Ein Haufen Fell, regungslos, leblos, tot, allein, versteckt zwischen einem kleinen Baum und Sträuchern in den verrottenden Blättern des letzten Jahres. Das war es, die Quelle des Geruchs. Es war Verwesung, das Ende. Da beiden sahen sich mit großen Augen an. Sie standen dem Tod unmittelbar gegenüber, waren ihm so nahe wie noch nie zuvor in ihren kurzen Leben.

    Maxi ließ die Äste los und setzte sich auf den Boden. Jan setzte sich neben ihn. „Das ist eine Katze“, sagte er mit ehrfurchtsvoller, leiser Stimme. „Das ist der Kater von Herrn Pfeiffer“, bestätigte Maxi Jans Gedanken, die ihm gleich eingefallen waren, als er das weiße Fell gesehen hatte. Hier war er also die ganze Zeit gewesen und der arme Herr Pfeiffer saß daheim in seiner Küche am Fenster und wartete auf die Rückkehr des kleinen Rudis, der tot im Wald lag. Jan und Maxi spürten eine unheimliche Faszination, die das alles bei ihnen auslöste. Sie stocherten mit den Fingern in der Erde herum und schwiegen für eine Weile, um die Ruhe des toten Katers nicht zu stören. „Was machen wir jetzt?“, fragte Maxi schließlich, als er sich einen Schweißtropfen aus den Augen wischte. Jan sah ihn an, irgendwie in seinen Gedanken verloren. „Wir beerdigen ihn“, antwortete er dann mit bedeutender Miene.
    „Du hast recht. Tote beerdigt man.“
    Ohne ein weiteres Wort zu sagen, begannen sie eine Grube auszuheben. Sie benutzten Steine, Stöcke und ihre Finger. Die Erde war so trocken, dass sie sie leicht beiseite schaffen konnten. Doch Rudi, das Ersatzkind von Herrn Pfeiffer, war ein verwöhnter, dicker Kater gewesen. Die Grube musste wirklich groß werden. Die beiden Freunde kamen sehr ins schwitzen, aber sie wollten tief genug graben, damit kein Tier an seinen Leichnam gelangen konnte. Nach einer gefühlten halben Stunde hatten sie eine etwa 30 cm tiefe und 50 cm breite Grube ausgehoben, die sie für groß genug für den Kater hielten. Ihre Hände waren schmutzig und auch ihre Gesichter waren total verschmiert, da sie sich die ganze Zeit den Schweiß aus dem Gesicht gewischt hatten. Nun saßen sie vor ihrer Grube, stolz und erschöpft. Die wichtigste Frage war aber noch zu klären. „Wie bekommen wir Rudi in die Grube?“ Es war Maxi, der diese unangenehme Frage stellte. Keiner von beiden wollte eine Leiche anfassen. „Sieh dich nach einem Stück Rinde um“, befahl Jan seinem Kumpel, „es muss ein großes Stück sein“.

    Sie machten sich sofort auf die Suche. Maxi kroch sogar den ganzen Weg zurück, um unter den Fichten nachzusehen. „Ich hab was!“, rief er Jan von der anderen Seite des Gestrüpps zu. Einige Minuten später stand er mit einem Holzbrett da. „Das hab ich oben bei dem Jägersitz gefunden, an dem wir vorhin vorbei sind.“ Das würde klappen, beschlossen die beiden und schlugen sich mit dem Brett eine Schneise bis zum toten Kater. Als sie direkt vor ihm standen, wurde ihnen erst so richtig bewusst, dass er tot war. „Er sieht aus, als würde er schlafen“, stellte Jan fest. „Ein langer Schlaf“, erwiderte Maxi in hochachtungsvoller Ehrfurcht vor dem toten Rudi. Sie legten das Brett neben den leblosen Körper und versuchten ihn mit zwei Stöcken darauf zu schieben. „Der ist ja ganz steif“, sagte Maxi, etwas überrascht, wie leicht sie Rudi auf die improvisierte Bahre schieben konnte. „Totenstarre“, antwortete Jan. Dann nahmen sie das Brett, jeder ein Ende und trugen es in respektvoller Andacht zum Grab. Vorsichtig ließen sie den starren Körper vom Brett in die Grube gleiten, sodass er die gleiche Position einnahm wie vorhin. Der Leichnam war völlig unversehrt und zeigte keinerlei Spuren von Gewalteinwirkung. Vielleicht war der alte Rudi einem uralten Instinkt gefolgt und absichtlich hierher zum Sterben gekommen. Er war seit einigen Tagen verschwunden gewesen. Schwer zu sagen, seit wann er dort gelegen hatte. Aber die Jungs stellten sich diese Fragen gar nicht, ihnen ging es vielmehr darum, den Kater angemessen zu beerdigen. Als er in der Grube lag, sahen die beiden andächtig zu ihm hinunter. „Bei Beerdigungen wird doch immer gebetet, oder?“, wollte Jan von Maxi wissen.
    „Keine Ahnung, ich glaube schon. Kannst du beten?“
    „Meine Mama macht das immer für mich. Kannst du?“
    „Meine Mama geht manchmal mit mir in die Kirche, aber ich kann mir nie merken, was der Pfarrer sagt.“
    „Dann versuche ich es.“ Die beiden legten die Hände zum Gebet ineinander und schlossen die Augen. „Bitte, Herr Jesus und Gott“, fing Jan an, „nehmt Rudi in den Katzenhimmel auf. Er war ein netter Kater. Wir haben ihn immer gestreichelt. Er braucht viel zu essen. Herr Pfeiffer hat ihn sehr geliebt. Bitte macht, dass Herr Pfeiffer nicht so traurig ist. Amen.“
    „Amen.“

    Sie öffneten die Augen, sahen noch einmal zu Rudi hinunter und begannen dann, behutsam die Erdhaufen mit ihren Unterarmen auf seinen Körper zu schieben. Als dieser ganz mit Erde bedeckt war, sagte Maxi: „Das war ein gutes Gebet.“ Jan nickte und schob noch mehr Erde auf die Grube, bis diese wieder ganz eben war. Dann klopften sie die Oberfläche mit den Händen fest. „Wir brauchen noch einen Grabstein.“ Sie sahen sich um, Maxi zog einen flachen, etwa 10 cm breiten Stein aus dem Unterholz, zückte sein Taschenmesser und ritzte Rudi hinein. Diesen pressten sie oberhalb des Grabes in die Erde und legten einige Blüten darum, die sie von den Ästen der Büsche zupften. Zum Schluss legten sie kleine Steine um das Grab herum, um es einzurahmen. Sie standen auf und nickten sich zu. Es war ein schönes Grab, hier auf dieser kleinen Lichtung mitten im Wald, auf die tagsüber die Sonne herabschien. Die beiden blieben noch einige Minuten wortlos über dem Grab stehen, bevor sie sich auf den Rückweg machten.

    Sie krochen zurück durch den Wildwechsel, kletterten den Hang hinauf und spazierten den Waldweg zurück zu der Wiese, über die sie gekommen waren. Sie sagten kein Wort, trauten sich nicht einmal laut zu atmen, um die Würde des Moments nicht zu stören. Alles um sie herum war auf einmal so lebendig. Die Vögel in den Bäumen, ein Schmetterling, der ihren Weg kreuzte, der Waldboden, den Ameisen und Käfer säumten. Alles wollte leben und es fühlte sich unglaublich gut an, am Leben zu sein. In stiller Einkunft hatten sie schon vorhin beschlossen, niemandem von diesem Erlebnis zu erzählen. Es würde dem alten Pfeiffer das Herz brechen. Solange er noch die Hoffnung hatte, dass Rudi irgendwann durch die Katzenklappe springt, hatte er einen Grund zu leben. Jeder war für sich mit seinen Gedanken beschäftigt. Am Schulhof trennten sich ihre Wege. Maxi ging geradeaus, Jan ging nach links.
    „Tschüss Maxi.“
    „Tschau Jan, bis morgen.“
    „Bis morgen.“
    Zuhause angekommen, drückte Jan mit seinen schmutzigen Fingern auf die Klingel. Seine Mutter machte ihm auf und bekam fast einen Anfall, als sie sah, wie dreckig er war.
    „Wo warst du?“
    „Im Wald.“
    „Was habt ihr gemacht?“
    „Nichts.“
    „Du gehst jetzt hinten rum in den Garten und ziehst dich bis auf die Unterhose aus. So gehst du mir nicht durch’s Haus.“
    Jan ging am Haus vorbei, durch das Gartentor nach hinten in den Garten und setzte sich auf die Schaukel. Was für ein merkwürdiger Tag das war. Er begann zu schaukeln.

    Weitere Abenteuer von Maxi und Jan:

  • Bahnstation

    Es ist Eins nach Zwei.
    An einer Bahnstation.
    Verloren, die Uhr fixiert.
    Tick, Tack, entscheide!
    Bleibst du oder fährst du weiter?
    Vier nach Drei.
    Immer noch allein.
    Keine Entscheidung.
    Klick, Klack, alles nass.
    Regen auf dem Blechdach.
    Da, ein Zug.
    Fährt vorbei, nimmt einen Gedanken mit.
    Aus den Augen, aus dem Sinn.
    Welcher ist deiner?
    Menschen!
    Dort ein paar, da noch einer.
    Schwarze Silhouetten im Schein des Mondes.
    Schwarze Rücken, wenn du dich zu ihnen wendest.
    Du bist eine Fremde.
    Nun steig endlich ein,
    sonst wird dir noch klar,
    dass du Heimat in der Ferne nicht findest.

    Lies gleich weiter:

  • Die Stadt

    Die Treppen hoch zur Straße sind nass.
    Es regnet.
    Es ist dunkel.
    Oben laufen namenlose Silhouetten,
    Schatten.
    Ich geselle mich zu ihnen, wir werden eins.
    Vorbei an Varietés und Fast-Food-Restaurants.
    Ich könnte mir Sex kaufen oder einen Burger,
    oder Alkohol, aber keinen Namen.
    Wo gehen wir hin?
    Das Pepsischild dort an der Bar
    Berichtet von besseren Zeiten.
    Es regnet.
    Einen Schirm, der Herr?
    Danke!
    Die Perspektive ändert sich.
    Von oben sind wir alle gleich.
    Graue, schwarze, gelbe Regenschirme.
    Ameisen aus Sicht des Herren.
    Es regnet.
    Der Schauer bildet einen Vorhang
    Gegen unerwünschte Schaulustige.
    Rauch steigt auf, ein Mann, eine Zigarette.
    Ein Gully, Wasserdampf, eine Operette.
    Spaß für wenige Cents oder ein ganzes Vermögen,
    In den Sand gesetzte Existenzen, kaputte Leben,
    treffen auf Neuanfänge und große Versprechen,
    ein Flugblatt, ein Gesicht, ein Verbrecher.
    Trompetenspiel aus einer dunklen Gasse.
    Es regnet.
    Es dämmert.
    Die Luft geschwängert von Ammoniak.
    Schritte, ein Schrei, Sirenen
    Die Polizei frönt in den Spelunken
    dem Glückspiel, Alkohol und Huren
    Die Straßen sind zu gefährlich.
    Himmelshohe Stahlbauten drohen von oben,
    in den obersten Stöcken residieren die Himmelsöhne,
    ganz unten nur Abfall und Aberglaube.
    Dieser Ort ist so dunkel, man sieht ihn nicht.
    Es regnet.
    Es naht der Tag.
    Doch bringt er nur zum Vorschein,
    was die Nacht so fleißig verbarg.
    Sünden, Diebe, Geächtete,
    Schmutz und Dreck und Leere.
    Die Sonne scheint nicht in den Gassen,
    Straßen und Menschen dieser Stadt.
    Die Maschinen, die sie bauten,
    um sie reich zu machen, sie zu ersetzen,
    das Leben zu erleichtern,
    sind menschlicher als sie.
    Ihr metallisches Bohren und Hämmern
    übertönt kaum die mechanischen Herzen
    derer, die sie bauten.
    Wie gerne riss ich ihren Brustkorb entzwei,
    um zu sehen was sie noch antreibt.
    Ein Mann in einer Gasse,
    wühlt im Müll der Reichen nach Essen.
    Ratten leisten ihm Gesellschaft,
    teilen sich Bett und Mahlzeit.
    In einer Kneipe säuft einer mehr
    Als alle anderen zusammen.
    Man sah ihn später.
    Ertrunken in einer Pfütze.
    Treiben die Meiler auch die Menschen an?
    Blitze schlagen nieder.
    Es regnet.
    Es ist Tag.
    Die letzten Nachtschwärmer laufen verstohlen
    Aus den Etablissements mit den roten Neonreklamen.
    Im grauen Licht des Tages ist es nicht zu ertragen,
    ich komme heute Nacht wieder, keine Frage.
    Denn nur so liebe ich dich, geschminkt und trist.
    Mein einziger Trost: dass du für immer so bist.

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  • Zwei Männer

    Die Geschichte ist dank Valentino Nestola jetzt auch zum Anhören verfügbar.

    Ein geschäftiger Freitag neigte sich dem Ende zu. Schon hatte sich das allgemeine Geschehen von der Straße in die Bars und Kneipen der Stadt verlagert. Hier traf man sich auf ein Feierabendbier, dort feierte man einen Jungensellenabschied und manch einer wollte nur vergessen. Langsam passte sich die Sonne dem gedimmten, rauchgeschwängerten Licht der Spelunken an, sank immer tiefer, bis sie hinter den waldigen Hügeln verschwand und die Menschen wieder sich selbst überließ. Sollten die kleinen Deckenlampen, unter denen sich bereits dicke Rauchgeschwader bildeten, ihnen reichen."

    Denn was sich jetzt abspielte, das war nicht für den Tag gedacht. Dies war nicht das normale Leben, hier kam man her, um eben nicht der gestresste Fließbandarbeiter, dreifache Familienvater oder völlig übermüdete Polizist zu sein. Hier war man unter Gleichgesinnten, mit denen man noch vor ein paar Stunden nicht einen Blick gewechselt hätte. Es war nicht viel los in der Bahnhofskneipe, von deren Fenster aus man den Bahnhof fest im Blick hatte, wo die letzten Zurückgebliebenen der Tristesse der Kleinstadt zu entkommen versuchten.

    Irgendwann leerten sich auch die Bahnsteige und es wurde dunkel. An der gewölbten Theke saßen zwei Männer. Einer von ihnen hatte ein halbvolles Bierglas vor sich stehen und stierte melancholisch auf eine Tageszeitung, die vor ihm ausgebreitet lag. Der andere saß ihm gegenüber, rauchte eine Zigarette nach der anderen und hielt dabei stets sein halbleeres Bierglas fest umklammert, aus dem er nach jedem Zug einen Schluck nahm. Die beiden kannten sich nicht und hatten, abgesehen von der Tatsache, dass sie das Schicksal an diesem gottverlassenen Ort zusammengebracht hatte, nichts gemein.

    Der Raucher war ein verlotterter, schmutziger Kerl mit Arbeitsklamotten und grimmigem Gesichtsausdruck. Der andere dagegen war sehr adrett gekleidet, so gar nicht kneipenmäßig, fügte sich aber durch seinen melancholischen Gesichtsausdruck und die nach vorn gebeugte Haltung perfekt in die Atmosphäre ein. Hin und wieder lief der junge Wirt, der Sohn des Chefs, in seiner Anzugweste an den beiden vorbei und erkundigte sich, ob alles in Ordnung war.

    Das war es, beim ersten wie beim dritten Mal und auch beim nächsten Mal würde es so sein, sofern nur das Bier immer nachgefüllt würde. An den Tischen in der dem Bahnhof zugewandten Ecke kamen und gingen vereinzelte Grüppchen und Stammgäste, nur die beiden Männer an der Theke blieben sitzen. Unfassbar, dass zwischen ihnen keine Kommunikation stattfand.

    Nach einer Weile, es war schon nach elf, da ging der Raucher aufs Klo und kam mit einer frischen Schachtel Zigaretten zurück. Als er sich setzte, da blickte der andere auf und warf ihm einen merkwürdigen Blick zu. Wollte er Konversation machen oder ihm mitteilen, dass ihn die Raucherei störte? Selbst schuld, wenn er sich ins Raucherabteil setzt. Der erwiderte seinen Blick mit starrem Gesichtsausdruck, riss die Folie von der Schachtel, zog langsam eine Zigarette heraus und steckte sie sich an. Immer noch war sein Blick auf den ihm gegenübersitzenden Mann gerichtet, der nun wieder auf die Zeitung starrte.

    „Und was gibt’s Neues auf der Welt?“ fragte er schließlich.

    „Krieg, Mord, Flüchtlinge…der übliche Wahnsinn halt“, antwortete der andere.

    „Heuchler und Hetzer sind das!“

    „Mag sein, aber die Bilder sprechen für sich.“

    „Ach ja, was juckt mich das? Soll ich um jedes Kind, das auf der Welt stirbt, trauern. Dann wäre ich ein genauso depressiver Klotz wie du, mein Freund! Wer so arbeitet wie ich, der will abends seine Ruhe und ein kühles Bier genießen. Der muss nicht noch Gutmensch spielen!“

    „Ja, ja…“

    „Und? Was ist mit dir? Hockst hier rum als wär dir die Alte davongelaufen!“

    „Hab keine und hatte auch nie eine…“

    „Gut so, eine Sorge weniger auf der Welt.“

    „Wie man’s nimmt.“

    „Stell dich nicht so an, bist doch kein kleiner Junge. Zum Ficken reicht’s im Puff!“, sagte der Raucher mit lauter, betrunkener Stimme und lachte dreckig.

    Der andere Mann beugte sich noch weiter über den Tisch, wodurch er noch kleiner wurde als vorhin und beinahe unter der Theke verschwand. Obwohl niemand die unpassende Äußerung mitbekommen hatte und sich auch sonst keiner dafür interessiert hätte, war es ihm unangenehm, mit diesem Menschen in Verbindung gebracht zu werden. Doch er war zu phlegmatisch, um aufzustehen, weshalb er ihm weiter zuhörte.

    „Stimmt doch, oder was? Jeder Ehemann, der zuhause nicht mehr ran darf, entbehrt gerne mal ’nen Fuffi. Ist doch nichts dabei. Und du musst dich nicht mal rechtfertigen! Man, dir muss es gut gehen, was ein Leben. Oder haste keinen Job? Warum so ne Fresse?“

    „Doch, doch, ich habe Arbeit. Kann nicht klagen.“

    „Aha, siehst mal und trotzdem nicht zufrieden. So, wie du aussiehst, hast du in deinem Leben noch nie körperlich gearbeitet. Hast ja ganz saubere Finger. Hier, schau dir das an!“, sagte er und deutete auf seine geschwärzten Finger, „immer hart gearbeitet. Bestimmt fährste das doppelte, nein, dreifache Gehalt von mir ein. Sitzt bestimmt irgendwo hinterm Computer und machst dicke Kohle. Oh, was würd ich geben, wenn ich son Job hätte. Aber das ist nichts für Kerle wie mich.. Darauf trinke ich, Prost!“

    „Prost!“

    „Aber in so nem Job würd’s mir langweilig werden. Ich muss mich bewegen, verstehst du? Was machen, meinen Körper spüren, wenn ich arbeite. Sonst ist’s ja keine Arbeit. Genau, man sollte das, was ihr macht, Beschäftigung nennen und nicht Arbeit. Und die Gehälter sollte man tauschen. Genau so ist das! Prost!“

    „Prost!“

    „Ach, jetzt weiß ich! Bist wohl n’ geneigter Thekengänger, was? Keine Sorge, Mann, das sind wir doch alle. Hier, mein achtes Bier und ich sitz immer noch gerade. Und du hast ja auch schon ganz schön gebechert. Kannst stolz drauf sein. Was deine Hände nicht schaffen, macht deine Leber wieder wett. Bist also doch n’ Kerl, was? Ja, ja, man darf nicht voreingenommen sein. Sonst könnt ich meinen Job nicht machen. Russen, Albaner, Türken, da darfst du keinen Unterschied machen, sonst landeste in der Klapse.“

    „Ich habe kein Alkoholproblem. Ich trinke nur manchmal gerne einen über den Durst.“

    Der Raucher lachte: „Den Durst hab ich schon lange nicht mehr.“ „Das hier“, sagte er, indem er auf sein Bier zeigte, „das ist mein Brot. Ohne das würd ich nicht hier sitzen. Komisch, was? Das ist der Teufelskreis, der sich Leben schimpft. Man muss weiter trinken, sonst kommen die bösen Gedanken, verstehst du? Immer das Auto volltanken, sonst läufts nicht mehr. Und dann fragst du dich, warum du ein Auto hast? Verstehst du? So ein Schwachsinn, ich bin doch kein Philosoph. Pass auf, ich geb dir einen aus, dann gehen die Gedanken weg!“

    „Danke!“

    Der Wirt brachte zwei Gläser mit grünlichem Schnaps darin, die auffällig scharf rochen.

    „Was ist das?“, wollte der andere wissen.

    „Absinth!“

    „Bah!“

    „Prost!“

    „Prost!“

    Beide verzogen das Gesicht beim Abgang des bitteren Wermuts.

    „Weißt du, warum die das Absinth nennen?“, fragte der Raucher, steckte sich eine weitere Zigarette an und bot seinem Gegenüber mit einem Zucken seiner Augenbrauen auch eine an. Dieser lehnte dankend ab und erkundigte sich, weshalb es Absinth hieß.

    „Na, ab sind die Sorgen!“, raunte er in besonders tiefer Stimmte, machte eine wegwerfende Handbewegung und lachte herzlich über seinen eigenen Scherz. So herzlich, dass der andere mit einstimmte. Es war mehr der Moment, der beide zum Lachen gebracht hatte, als der eigentliche Scherz. Sie lachten und schwiegen dann eine Weile in stiller Übereinkunft. Schließlich nahm der Raucher die Konversation wieder auf. Der andere entspannte ein wenig.

    „Humor muss man haben, den kann man nicht kaufen. Auch der reiche Mann lacht über den Witz des kleinen Mannes…oder über seine Armut. Aber Humor musst du haben, sonst wirste verrückt bei all dem Scheiß, der auf der Welt passiert. Ich kannte mal einen, der war depressiv. Ist von der Brücke gesprungen, einfach so. Hat drei Kinder und ne Frau hinterlassen. Ne verdammte Scheiße ist das.“ „Ich bin gesund“, sagte er und tippte sich an den Kopf, als wolle er damit seine Aussage untermauern. „Was ist mit dir, alles am rechten Platz da oben?“

    „Ich denke schon. Mal abgesehen von dem gelegentlichen Schwermut durch den Wermut.“

    „Ha, siehst mal! Son Witz hat noch keinem geschadet. Aber so ne Katerstimmung – mit der ist nicht zu spaßen. Ich kannte mal einen, der hat immer um sich gehauen, wenn er besoffen war. Dann haben sie ihn eingebuchtet. Tja, und jetzt ist er gläubiger als der Herr Jesus selbst. Glaubst du das? Wahre Geschichte. Da brauchst kein Buch zu lesen, musst nur mit den Leuten reden, da bekommst genug Unterhaltung.“

    „Manchmal mehr, als man eigentlich möchte.“

    „Hä? Bist du etwa einer von diesen Seelendoktoren? Siehst gar nicht so aus. Wobei, ein bisschen vielleicht.“

    Der andere kam endlich aus seiner gebeugten Haltung hervor, um sich zu strecken. Dabei knackste sein Rücken so laut, dass der Raucher angewidert das Gesicht verzog. Als er sich streckte, fiel etwas mehr Licht auf sein Gesicht wie zuvor, weshalb der Raucher ihn endlich erkannte.

    „Wart mal, ich kenn dich doch! Du bist öfters hier. Erst neulich mit so nem piekfeinen Kerl im Anzug und Haaren als wär er ins Ölfass gefallen…“

    Der andere unterbrach ihn, bevor er zu Ende reden konnte.

    „Arbeitet an der Börse. Hochgradig depressiv.“

    Der Raucher nickte, aber ging nicht weiter darauf ein, sondern wühlte weiter in seinem Gedächtnis. Da fiel ihm plötzlich etwas ein und er sagte: „Genau, und dann mal mit so zwei schäbigen Kerlen. Der eine sah aus, als hättest ihn auf der Straße eingesammelt.“

    „Beide massive Drogenprobleme.“

    „Hmh“, nickte der Raucher und überlegte weiter, wann er ihn noch gesehen haben könnte. „Genau, dieses eine Mal, da warst du mit so nem Pärchen hier. Genau, da saß ich hier an der Theke und ihr habt dort hinten was getrunken. Da im Eck, wo jetzt die Jungs sitzen. Mann, die haben sich die ganze Zeit gezofft.“

    „Genau. Mittlerweile geschieden, schwerer Rosenkrieg.“

    „Ja, ja, so ist das. Und einmal, da war son Kerlchen wie du einer bist dabei, der hatte einen Dreitagebart, wohl eher fünf Tage. Man, was hat der traurig dreingeschaut.“

    „Quasi arbeitslos.“

    „Scheiße ist das. Und was ist denn nun dein Problem? Wir haben die ganze Zeit von anderen geredet.“

    „Du hast es erfasst!“

    „Was denn?“

    „Ich höre immer allen zu.“

    „Dann musst du mehr reden“, erwiderte der Raucher kühl und noch bevor der andere etwas erwidern konnte, fiel ihm dieser ins Wort: „Apropos, da fällt mir ne lustige Geschichte zu ein!“

    Der Andere seufzte, verfiel wieder in seine nach vorn gebeugte, ungesunde Schräglage und ließ die Worte wie eine Welle über sich einbrechen, während er durch sein halbleeres Bierglas den Raucher ansah.

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  • Ein letzter Blick

    Die Nacht ist so dunkel
    wie die Ringe unter meinen Augen.
    Ich will sie anhalten und fragen:
    Hey, wie meisterst du dein Leben?
    Bist du glücklich und zufrieden?
    Sie sieht wunderschön aus,
    als sie vorbeigeht.
    Schätze, ich frage sie nicht,
    sie zieht weiter,
    bleibt eine Fremde.
    Heute Nacht verlässt sie die Stadt,
    hinterlässt eine Kerbe,
    dieser Ort verliert einen Diamanten.
    Regen fällt vom Himmel,
    weint um die verlorene Tochter.
    Teilnahmslose Passanten
    starren auf den Boden.
    Wasser mischt sich
    mit dem Staub des Asphalts
    zu einem schwarzen Gemisch,
    das rauschend in die Gullys fließt.
    Ein letzter Blick,
    sie zieht die Kapuze ihres Pullovers tief ins Gesicht,
    wirft die aufgerauchte Zigarette auf die Straße
    und verschwindet im Dunkel der Nacht
    unter dem neonpinken Licht
    einer Leuchtreklame
    eines kleinen Ladens.
    Sie hatte einen Namen,
    vielleicht nannte sie irgendwann
    irgendjemand bei ihm,
    doch er ist verklungen
    im Surren
    der kaputten Straßenlaterne
    unter der man
    sie zuletzt sah.

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