Die Nacht an der Tankstelle

Eine Kurzgeschichte von Lukas Böhl

Aus seinem Verkaufsfenster konnte er gerade mal bis zur anderen Seite der Straße schauen. Alles, was dahinter lag, war in Dunkelheit gehüllt. Vor einer Stunde hatte er die Türen elektrisch verriegelt. Ab 22 Uhr war nur noch der Nachtschalter geöffnet. Doch schon seit einigen Stunden hatte niemand mehr getankt. Gekauft hatte auch keiner was."

Xavi schaute auf seinem Handy eine Netflix-Serie. Er saß in dem Hochstuhl hinter der Verkaufstheke und hatte die Füße auf ein paar leere Bierkisten gelegt. Wenn er sie auf den Tresen legte, bekam er Ärger mit dem Chef. Und er wusste genau, dass der die Überwachungsvideos sporadisch checkte. Es war zum Sterben langweilig. Noch bis 2 Uhr musste er dort sitzen und auf Kunden warten. Nicht, dass um diese Uhrzeit noch viel Umsatz gemacht wurde, aber es bestand die Möglichkeit. Und deswegen musste Xavi bis dahin die Zeit totschlagen.

Ab und an sah er vom Handy auf, ließ den Blick von links nach rechts über die beleuchtete Außenfläche schweifen und widmete sich dann wieder seiner Serie. Die Minuten vergingen nur langsam. Trotz der Beschallung durch sein Handy nahm er das laute Surren der Kühlschränke klar und deutlich wahr. Dann war da noch das Geräusch der Lüftung über ihm. Das Ticken der Uhr. Und ab und an fuhr ein Auto in der Nacht vorbei.

Xavi fühlte sich wie im Gefängnis. Nur, dass er hier mehr oder weniger freiwillig arbeitete, weil er das Geld brauchte. Als er nach einer Weile erneut die Augen über die nächtliche Szenerie fahren ließ, bekam er plötzlich ein beklemmendes Gefühl. Ihm war so, als stünde auf der anderen Straßenseite jemand und beobachtete ihn. Er konnte es nur nicht sicher sagen. Es war zu dunkel. Doch er glaubte, dort die Silhouette einer Person zu erkennen, die ihn anstarrte.

Schließlich legte er das Handy weg, erhob sich von seinem Stuhl und ging näher ans Fenster. Dann bildete er mit den Händen einen Trichter an der Scheibe und schaute hindurch. Auch jetzt konnte er nicht klar sagen, was er sah. Aber er wurde das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. Er warf einen Blick auf den Monitor der Überwachungskamera. Nichts zu erkennen. Dann griff er nach seinem Handy, öffnete die Kamera und probierte ganz nah auf die Stelle zu zoomen, an der er die Person vermutete.

Plötzlich schrak er zurück. Auf dem Bildschirm zeichneten sich ganz deutlich zwei rote Augen ab. Xavi geriet so in Panik, dass er unwillkürlich einige Schritte nach hinten machte und über die aufgestapelten Bierkisten fiel. 

Es dauerte einen Moment, bis er sich wieder gefangen hatte. Er war mit dem Kopf auf die Fliesen geknallt. Als er wieder klar denken konnte, überkam ihn Angst. Was hatte er da gerade gesehen? Noch immer am Boden liegend, tastete er nach seinem Handy. Die Kamera war immer noch aktiviert, doch er hatte kein Bild gemacht. War alles nur Einbildung gewesen?

Mit einem Mal fuhr er hoch. Ein Geräusch. Er hatte es ganz deutlich gehört. Da war es schon wieder – ein Klopfen. Jemand klopfte an die Scheibe des Nachtschalters. Xavis Puls schoss schlagartig in die Höhe, Panik stieg in ihm auf. Er traute sich kaum, den Blick zu heben, um zu sehen, wer dort klopfte. Erst als er sich selbst versicherte, dass er durch kugelsicheres Glas geschützt war und die Türen verriegelt waren, wagte er einen Blick. Langsam hob er die Augen, während sein ganzer Körper vor Angst bebte.

Er sah den Tresen mit der Durchreiche, das Sprechloch und dann … nichts!

Es war niemand da. Xavi schaute an der Fensterfront entlang, um zu prüfen, ob nicht von einer anderen Stelle gegen die Scheibe geklopft wurde. Doch es war niemand zu sehen. Allmählich fasste er wieder etwas Mut. Er zog sich an der Theke hoch, stand aufrecht da und blickte nach draußen. Das Tankstellengelände war leer. Als er sich vergewissert hatte, dass auch auf der anderen Straßenseite niemand stand, überprüfte er die Aufnahmen der Überwachungskameras. Keine zeigte verdächtige Aktivitäten.

Hatte er sich das alles nur eingebildet? Spielte ihm sein Verstand einen Streich? Wahrscheinlich hatte er sich von der Horrorserie, die er gerade schaute, zu sehr mitreißen lassen. Und der Sturz auf den Kopf hatte ihn Geräusche hören lassen, die gar nicht da waren.

Nachdem er sich noch drei Mal davon überzeugt hatte, dass wirklich niemand außer ihm da war und ihn auch niemand beobachtete, nahm er wieder seine halbliegende Position auf dem Hochstuhl ein, legte die Beine auf die erneut aufgestapelten Bierkisten und scrollte durch YouTube. Er hatte genug Horror für heute. Ihm war nach etwas Seichtem.

Während er so durch YouTube scrollte, hörte er erneut das Klopfen. Als er den Kopf hob, schrie er so laut, dass sein Körper ihm für einen Moment das Licht ausknipste. Nur langsam kam er wieder zu sich. Er war vom Stuhl gefallen. Das Handy hatte er im Reflex weggeworfen. Sein Herz pochte wie verrückt. Das Blut presste durch seinen Körper wie Wasser durch einen Feuerwehrschlauch.

Was war passiert? Ehe er sich besinnen konnte, sah er wieder zur Scheibe hoch und schrie wie ein Tier, das abgestochen wird. Er rutschte auf den Händen nach hinten, bis er an die Wand knallte.

Draußen stand jemand. Oder besser gesagt: Dort stand etwas. Ein wabberndes, gelbes Etwas mit der Silhouette eines Menschen, aber ohne dessen typische Merkmale. Nur zwei blaue Lichter wie Augen dort, wo der Kopf hätte sein können.

Dieses Ding stand da und klopfte mit unsichtbarer Hand, während es ihn unverhohlen anstarrte. Er betete zu allen Göttern, die ihm einfielen, sicher in der Annahme, dass dies heute Nacht sein Ende war.

Ihm fiel sein Handy ein. Er hatte es vorhin von sich geworfen. Mit panischer Eile suchte er den Boden ab. Schließlich sah er es hinter der Theke liegen. Genau unter dem Fenster, wo die Gestalt stand.

Sein Blick wanderte hoch zu ihr. Sie hatte sich weder gerührt noch machte sie Anstalten, zu ihm hereinzukommen. Xavi erinnerte sich, dass er die Tür versperrt hatte, das Gitter unten war und die Scheiben schusssicher waren. Niemand konnte hier reinkommen. Zumindest kein Mensch.

Dieser Gedanke gab Xavi etwas von seinem Mut zurück. Mit großer Vorsicht richtete er sich auf, die Gestalt die ganze Zeit über fest im Blick. Sie rührte sich weiterhin nicht.

Xavi stand jetzt fest auf seinen Füßen und überdachte die nächsten Schritte. Sollte er zur Hintertür laufen und abhauen? Oder lieber das Handy holen und die Polizei rufen?

Nein, niemand würde ihn da rauskriegen. Hier drinnen war er sicher. Fürs Erste.

Also die Polizei rufen.

Genau dann hörte er wieder das Klopfen. Doch dieses Mal war es energischer.

„Was willst du?“, schrie Xavi dem Ding aus voller Kehle entgegen.

Und dann lief ihm ein kalter Schauer den Rücken herunter.

Denn die Gestalt hatte geantwortet.

Oder war es Einbildung gewesen? Seine Gedanken mussten ihm einen Streich gespielt haben. Aner nein, er hatte es doch klar und deutlich gehört.

„Hilf mir“, hatte die Gestalt mit klagender Stimme gesagt.

Und dann sagte sie es noch einmal.

Xavi ging wie von Geisterhand geführt näher zum Sprechloch, um besser verstehen zu können. Wieder hörte er die Worte:

„Hilf mir!“

„Hilfe? Wobei soll ich dir helfen? Wer bist du? Was willst du?“

Doch er erhielt keine Antwort.

Stattdessen bewegte sich die Gestalt mit einem Mal. Unwillkürlich wich Xavi zurück. Allerdings steuerte sie nicht auf den Eingang zu, sondern verschwand hinter der Tankstelle.

Sofort sprang Xavi zum Überwachungsmonitor und wechselte zu der Kamera an der Seite des Gebäudes. Die Gestalt bewegte sich auf den hinteren Bereich des Geländes zu, der mit einem Holzzaun umfriedet war. Dort standen die Mülltonnen, und manche Mitarbeiter rauchten dort.

Das Tor sprang auf, die Gestalt huschte hindurch.

Xavi musste erneut die Kamera wechseln. Hinter der Tankstelle fiel das Gelände steil ab. Dahinter befand sich ein Waldstück. Dort war kein Zaun, sondern nur eine hüfthohe Mauer, auf der Xavi in der Pause manchmal saß und ins Tal hinunterblickte.

Genau davor blieb die Gestalt stehen. Es sah so aus, als gestikulierte sie. Xavi verstand nicht, was sie ihm sagen wollte.

Plötzlich hörte er das Schlagen einer Autotür.

Draußen war ein Kunde.

Als er wieder auf den Monitor schaute, war die Gestalt weg.

Xavi verkaufte dem Mann Kippen und einen Energy-Drink. Den Rest seiner Schicht verbrachte er damit, auf und ab zu laufen.

Um zwei Uhr war Schluss. Als er ins Freie trat, schaute er sich nach allen Richtungen um. Dann sprintete er so schnell er konnte zu seinem Auto und gab Gas.

In dieser Nacht schlief er kaum.

Am nächsten Tag begann Xavis Schicht wieder um 18 Uhr. Als er an der Tankstelle auftauchte, traf er auf seinen Chef, der gerade hinter der Kasse stand und Zigaretten einräumte.

„Herr Hartung, ist es möglich, die Überwachungsvideos von gestern zu sehen?“

„Xavi, du hast mich erschreckt. Wieso? Gab es einen Vorfall während der Nachtschicht?“

„Ich dachte, ich hätte draußen etwas gesehen.“

„Hast du den alten Willy gesehen?“

„Wen?“

„Willy Hildebrandt. Hat mal hier gearbeitet und ist dann spurlos verschwunden. Ist einfach zur Hintertür raus, und keiner hat ihn je wieder gesehen. Deswegen hab ich dann die Kameras hinten anbringen lassen.“

Auf einmal hatte Xavi einen Einfall. Er ließ seinen Chef links liegen und rannte hinaus.

Im Hinterhof beugte er sich über die Mauer. Dort ging es ganz schön tief hinunter. Er sah sich um. Weiter drüben an der Straße konnte man hinunterklettern.

So schnell er konnte, rannte er hinüber, sprang über die Brüstung und kroch den Abgang hinunter.

Sein Chef rief ihm von oben zu, ob er jetzt durchgeknallt sei und dass seine Schicht gleich losging. Aber Xavi hörte ihn gar nicht.

Er suchte die Böschung am Hang ab. Dann verschwand er im Wald.

Kurze Zeit später hörte sein Chef ihn rufen:

„Herr Hartung, rufen Sie die Polizei. Hier liegt eine Leiche.“