Die Göttin in weiß

Eine Kurzgeschichte von Lukas Böhl

Sie kam in den Raum und war da. Ich meine, sie war präsent, einnehmend, ausschließlich, umfassend. Jeder Zentimeter im Zimmer war von ihrer Aura erfüllt. Ich existierte nur auf dem Platz, den sie mir zugestand. Durfte nur mir ihrer Erlaubnis dort sein.

„Sie sind dran!“, sagte sie mit ihrer Sirenenstimmen und einem Lächeln wie der hellste Sichelmond in der dunkelsten Dezembernacht.

Nicht ein Wort fand ich. Stand auf, erinnerte mich daran, wie man vorwärtsgeht und folgte ihr. Heraus aus der Sterilität des Wartezimmers. Direkt hinter ihr stieg mir der Duft ihres Parfums in die Nase. Eine Rosenwelt, von Menschen erschaffen. Behandlungszimmer 3. Sie blieb stehen. „Bitteschön.“

Es hätte das Tor zur Hölle sein können. Ich wäre gefolgt. Leistete also Folge und fiel in den blauen Zahnarztstuhl. Alles sonst war weiß. Und grau.

Eine Unterwelt im neuen Gewand.

Die Tür ging zu. Die Falle war zugeschnappt. Jetzt hatte sie mich. Konnte mich ihrem Gott opfern. Dem mit den weißen Zählen, mit den Folterinstrumenten. Dann war sie dran. Zahnreinigung. Das sei reine Routine und gleich vorbei. Die Behandlung oder mein Leben? Ich ließ es geschehen. Es tat höllisch weh. Sie bohrte, kratze und schleifte die Amerikanisierung meiner Zähne weg, bis deren Reste gänzlich zur Unschädlichmachung in meinen Magen geflossen waren. Der Kontrollblick im Handspiegel. Alles noch da, aber war das noch ich? Also, danke. Aber gerne.

„Kommen Sie in 3 Monaten wieder. Meine Kollegin gibt Ihnen einen Termin.“

So soll es sein. Dann bis zum nächsten Mal.